Umgang mit Behinderten

Ich muß gestehen, daß ich im Umgang mit Behinderten immer etwas unsicher bin.

25. April 2008
Umgang mit Behinderten

Ich muß gestehen, daß ich im Umgang mit Behinderten immer etwas unsicher bin.
Ich arbeite zwar in einem Altenpflegeheim, wo ich mit alten Menschen mit Behinderung zu tun habe, aber, naja, das sind eben alte Menschen.
Bei Gleichaltrigen mit körperlichen Behinderungen bin ich schon ziemlich befangen. Eine kleine Behinderung (oder sagt man Defizit?), wie ein fehlender Finger, darüber kann ich unbefangen sprechen. Aber etwas Gravierenderes, ein fehlendes Bein, Rolli, Blindheit???
Mit geistiger Behinderung kann ich besser umgehen, arbeite auch im Demenzbereich, da läuft viel mit Empathie, Intuition und Gefühlen und nonverbal.

Wie möchtet ihr denn, daß man mit euch umgeht? Freundlich, das ist klar, aber möchtet ihr direkt drauf angesprochen werden? Ist Zurückhaltung meinerseits gefragt?
26. April 2008
kein Problem

mich kann eigentlich jeder ohne zurückhaltung auf mein handicap ansprechen:

aber natürlich macht der ton die musik ... *cool*
26. April 2008
hmm,

eigentlich wie mit nem "gesunden" auch...

wenn wir uns frisch kennenlernen würden,dann würde ich mir nicht unbedingt wünschen das zb.,du mich siehst auf mich zukommst und mich ansprichst warum ich im rolli sitzte...

im laufe eines gespräch gar kein tehma
30. April 2008
Frag ruhig!

Es macht mir eigentlich nichts aus, wenn man mich anspricht und fragt. Gerade bei Kindern finde ich es toll!! *top* Aber die blöden Eltern könnte ich wohl!

Dann heißt es immer: Sei still, sowas fragt man nicht!" *gr3*

Ich sage dann immer: DOCH sowas fragt man!!! Gerade als Kind, denn die erlernen so das "richtige" Verhalten. Ok, nicht jeder mit nem Handicap reagiert so, es gibt auch welche die sauer werden und dann böse Sachen sagen.

Klar wäre es beim ersten Treffen schön wenn man nicht gleich drauf angesrochen wird, aber das ist meist ein Wunsch. Wenn dann mal jemand wirklich nicht fragt, dann weil er / sie sich schämt.

Meist bekommt man das dann hinten herum raus. Weil mein Mann oder ne Freundin mir das dann erzählen.
*umpf*
Dann stehe ich auf dem Schlauch!

Soll ich den "normalen" dann ansprechen und sagen, dass ich das doof finde oder sage ich nichts.

Meist schweige ich aber froh bin ich nicht über diesen "Vorfall"!! *traurig*
30. April 2008

Es macht mir eigentlich nichts aus, wenn man mich anspricht und fragt. Gerade bei Kindern finde ich es toll!! Aber die blöden Eltern könnte ich wohl!

Dann heißt es immer: Sei still, sowas fragt man nicht!"


Leider trauen sich meine Kinder dann aber nicht selbst zu fragen. Und wenn ich dann fragen soll, kommt mir das so, naja, wie soll ichs ausdrücken?, "aufgedrängt" vor.
Andererseits gibts aber auch Fragen von Kindern: "Mama, warum ist der Mann so dick, kriegt der ein Baby???" Oder "Mama, warum ist die Frau so lila?" (gemeint war schwarz, so richtig ganz dunklehäutig, daß es schon wieder bläulich schimmert.) Da ist man erst mal so perplex, daß einem nix Besseres einfällt, als "Sowas fragt man nicht."

Wie gesagt, der Umgang mit behinderten Menschen verunsichert mich und ich glaube, daß das vielen anderen Nichtbehinderten ebenso geht.
Aber ich arbeite dran, mein Schubladendenken zu zügeln.
02. Mai 2008
Schlüsselerlebnis

Hallo, alle miteinander,

vor 10 Jahren kam mein Sohn zu seinem "Schlüsselerlebis" zu diesem Thema. Dazu muss ich sagen, dass es mir sehr am Herzen lag, meinen Kindern beizubringen, den Menschen als individuelles wertvolles Wesen zu sehen und nicht nur nach der sichtbaren Fassade zu beurteilen.

Jedenfalls waren wir - mein Sohn war damal 8 Jahre alt - bei diesem großen Discounter mit A... einkaufen. der Laden war brechend voll. Mein Sohn betrachtete die Leute und entdeckte einen jungen Mann im Rollstuhl. Es entstand zwischen den beiden ein Blickkontakt und mein Sohn war verunsichert. Er fragte mich, warum der Mann im Rollstuhl sitzt, er sieht doch noch gar nicht alt aus.....Kindermund eben.....

Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht beantworten kann, weil ich den Mann ja nicht kenne, er soll ihn doch einfach mal fragen, dieser Mann könne ihm das wohl am besten sagen. Nach anfänglichem Zögern ging mein Sohn tatsächlich hin und sprach den Mann an.

Es entwickelte sich zwischen den beiden eine angeregte Unterhaltung, bei der sich herausstellte, dass es einen Motorradunfall gab, der durch eigene Selbstüberschätzung und Unachtsamkeit verursacht wurde.....

Heute macht mein Sohn gerade selbst seinen Motorradführeschein
und ist sehr auf Sicherheit bedacht. Er hat diese Begegnung nie vergessen und viel daraus gelernt.

Ich denke mal, dass es sehr darauf ankommt, wie man Kinder erzieht und was man ihnen vorlebt. Die "Fassade" eines Menschen ist nicht ausschlaggebend - was drin steckt zählt. Und diese Sichtweise habe ich an alle meine Kinder weitergeben können.

Gruß an alle
Marulia
02. Mai 2008
Marulia..

.... das ist toll, was du gemacht hast. So finde ich es richtig.

Es war vielleicht vor einem Jahr. Ich fuhr mit dem Zug nach Nürnberg. Ich las in einem Buch und in meine "Nische" kam eine dreiköpfige Familie. Der Junge war sehr lebhaft und babbelte einen durch. Er mag so um die 7 Jahre alt sein. Irgendwann merkte ich, dass der Junge mich anstarrte. Ich schaute auf von meinem Buch und sah in seinem Gesicht, dass er wartete, bis ich was antworte. Ich sagte nur: "Ich habe Dich nicht verstanden". Dann fragte er mich, ob ich bis nach Nürnberg fahre. Ich bejahte.

Dann sagte er zu seiner Mutter, die neben ihm saß: "Siehste, die Frau ist nicht taubstumm". Das Wort "taubstumm" ist sowieso ein diskriminerendes Wort für uns und ich sagte nur zu dem Knirps. "Ich bin nicht taubstumm, du hörst ja, dass ich Dir eine Antwort gegeben habe." Er nickte nur. Dann sagte ich noch so in der Art, dass das Wort "taubstumm" einfach nicht so schön ist. Er fragte dann tausend Löcher in meinen Bauch. Seit wann ich nicht hören kann. Ob meinen Kinder auch taub sind und vieles mehr. Es entstand eine sehr schöne Unterhaltung zwischen mir und dem Jungen. Auch der Vater beteiligte sich etwas an den Gesprächen. Nur die Mutter nicht.

Irgendwann blickte ich wieder auf meinen Buch. Die Mutter war sehr wütend, sie sagte zu Jungen "wenn du noch einmal sowas machst, die Frau ist behindert, man spricht keine Behinderte an". Er wollte etwas dagegen sagen, dann hat sie ihn aufs Mund gehauen.

Da war ich an der Reihe, sprachlos zu sein. Ich sah dann offen vom Buch auf, sie lächelte mich an. Ich kämpfte mit mir, doch der Vernunft siegte: "Ich finde es sehr schön, dass Ihr Sohn auf uns zugeht, dass er wissen möchte, wie eine Behinderung auf mein Leben auswirkt und so weiter, bitte verbieten Sie ihm nicht den Mund. Er wird vorurteilsfrei durch das Leben gehen können". Der Vater nickte nur zustimmend....
02. Mai 2008

Hallo Ihr Lieben,

meine Körperbehinderung ist Bestandteil meines Lebens + ich habe keinerlei Probleme damit, wenn mich Jemand offen darauf anspricht. Im Gegenteil..

Schade dabei finde ich nur, dass ich auch sprachbehindert bin + dass mann/frau/kind meine Antworten deswegen oft (erst mal) nicht versteht.
(Das macht mich öfters mal etwas befangen..).

Mit Kindern habe ich öfters die Erfahrung gemacht, dass sie mich erst mal beobachteten oder auch nachäfften, dass sie bei näherem Kennenlernen mich aber sehr mochten + ganz ungezwungen mit mir umgingen.

@Marulia, richtig toll gehandelt..

In diesem Sinne: Leute, wenn was unklar ist, traut Euch + fragt..

Alles Gute + Liebe

Prem Amido
03. Mai 2008
behinderung

warum sollte man menschen mit behinderung verurteilen
sind sie nicht auch nur menschen zwar mit handicap aber dennoch so gleichberechtigt wie jeder gesunde
sie haben zwar begünstigungen gegenüber den normalos - sorry für den ausdruck aber dennoch ebenso liebenswerte menschen
also der umgang mit ihnen ist nicht schwerer als mit den anderen
03. Mai 2008
Nochmal ich....

... es gibt in meiner Familie niemanden mit Handycap, weder seelisch, noch geistig, noch körperlich und ich bin dankbar dafür - aber es ist mir sehr bewusst, dass das kein Privileg ist und dass es erst recht nicht selbstverständlich ist. Für mich ist es ein Geschenk, für das ich sehr dankbar bin und ich bin mir im Klaren, dass das morgen schon anders sein kann.

Als ich mit meinem jüngsten Kind schwanger war, war ich bereits 35 und meine Gynäkologin wollte mich zu einer Fruchtwasseruntersuchung drängen, sie wurde mitunter ziemlich böse, weil ich mich weigerte. Ich sagte ihr, dass mir das Risiko einer Fehlgeburt viel zu groß sei und ich für mich selbst entschieden hatte, dieses Kind, das ein absolutes Wunschkind ist - auf jeden Fall zu bekommen - egal, ob es gesund ist oder nicht. Dieses kleine Wesen, das da in mir heranwächst, ist MEIN Kind!!!!! Die Ärztin konnte das nicht akzeptieren und meinte, das würde ich bereuen, meine Familie würde zerbrechen und man könnte ein behindertes Kind niemals lieben!

Könnt ihr euch vorstellen, wie sprachlos ich war? Ich bat sie, einmal darüber nachzudenken, ob ein behindertes Kind nicht vielleicht auch für alle - trotz - oder gerade wegen seines "anders seins" eine Bereicherung sein könnte....

Weiter habe ich mit ihr nicht gesprochen, ich war geschockt über diese Ansicht. Ich habe mir einen anderen Arzt gesucht und eine schöne unbehelligte Schwangerschaft verbracht. Meine Tochter ist gesund - wäre sie es nicht - würde ich sie nicht weniger lieben.

Lange Zeit habe ich in einem Bereich gerbeitet, in dem ich Menschen mit allen möglichen Arten von Handycap begegnet bin und mit allen entstand sehr schnell ein sehr herzlicher Kontakt. Wir sind doch alle nur Menschen, alle von der gleichen Art und trotzdem findet man keine 2 gleichen. Gerade diese Vielfalt ist doch das "lebendige" und jeder einzelne möchte akzeptiert und geachtet werden, wie er ist.

Achtung voreinander ist das Zauberwort und man kann gar nicht früh genug anfangen, diese "Tugend" weiterzugeben.

In diesem Sinne grüßt euch
Marulia
03. Mai 2008

Im Umgang mit körperlich behinderten Menschen habe ich kein Problem, sicherlich schaut man vielleicht zweimal hin, das liegt wohl in der Natur des Menschen.
Im Umgang mit geistig behinderten, sah das für mich allerdings anderst aus, da braucht man doch etwas (hmm wie soll ich dazu sagen?) Übung!?!
Ich habe einen sehr schönen Platz, zu dem ich öfter zum entspannen gehe. Dort gibt es in der Nähe ein Heim für geistig behinderte, die dort oft unterwegs sind. Beim ersten Aufeinandertreffen, war mir sehr unwohl, ich war unsicher und wusste nicht wie ich mich verhalten sollte. War dann auch sehr froh, als ich einen "Betreuer" entdeckt hatte. Heute muss ich darüber "schmunzeln". Es ist eine sehr herzliche "Beziehung" entstanden, und es ist immer wieder schön, diese Menschen zu treffen. Sie bringen dir uneingeschränkte Ehrlichkeit entgegen..
Es ist sehr schade, dass man im normalen Alltag nicht wirklich in Kontakt kommt, und daher keine "normale" Umgangsform mit Behinderten lernt, bzw. es als etwas ganz Normales ansieht.
03. Mai 2008

Geistig Behinderte haben die wundervolle Eigenschaft ,so habe ich es bei einem Kind einer Freundin mit Downsyndrom kennengelernt ,das sie ganz unkompliziert auf einen selber zugehen . Da empfinde ich es ein leichtes dann in Kontakt zu kommen .
Bei körperbehinderten mache ich selber überhaupt keinen Unterschied zu nicht behinderten .Warum sollte ich da anderst reagieren wie sonst? Hat man Kontakt wird das Thema sicherlich darauf kommen wie und warum es so ist .Ich denke ein bisschen Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen macht es nicht schwer die richtigen Worte zu finden .

Wir sind alle Menschen ,mit den gleichen Gefühlen und Bedürfnissen ,warum also davon ausgehen das sie anderst behandelt werden wollen oder sollten wie nicht Behinderte ?

LG. Dora
06. Mai 2008
Hallo gipsy

Kenne nur Wenige , aber die haben , so wie ich , kein Problem angesprochen zu werden . Gruß Dirk
08. Mai 2008

Wenn man sich selbst nicht mehr als die Norm ansieht, sondern als eine mögliche Variante von "Mensch sein", dann sind viele "Behinderungen" auch keine Behinderungen mehr, sonder nur andere Varianten des Lebens. Das mag abgehoben klingen, wenn man es liest, doch die meisten Probleme im Umgang mit anderen Menschen entsteht durch folgende Denkstruktur:
Er ist anders als ich. Ich bin normal, ergo, er ist es nicht. Wie gehe ich mit jemandem um, der nicht normal ist?
Diese Denkstruktur ist (behaupte ich mal) selten böse gemeint, dennoch steht sie im Weg, wenn man Möglichkeiten sucht ungezwungener mit Menschen umzugehen.
Bei folgender Denkstruktur treten viele Probleme gar nicht erst auf:
Ich und mein Körper ist eine mögliche Variante von Leben. Menschen ohne Gehör sind eine andere Variante.
So gesehen stellt sich die Frage gar nicht mehr, wie man "damit" umgehen soll. Wie mit jedem Lebewesen auch. Ganz normal.

Anders ist es, wenn offensichtlich eine Verletzung vorliegt. (Gebrochenes Bein etc.) Dann kann ich davon ausgehen, dass auch für mein Gegenüber eine besondere Situation vorliegt. Ob ich Hilfe anbiete oder nicht, mache ich persönlich dann von den jeweiligen Situationen abhängig.

Eine Ley
08. Mai 2008
Bei Marullas letztem Beitrag

standen mir gerade Tränen in den Augen , denn ich habe eine behinderte Tochter und weiß Gott : Ich liebe sie genauso wie meinen nichtbehinderten Sohn !!!

Meiner Erfahrung nach ist ein unbefangener Umgang mit behinderten Menschen und auch das offene Zugeben eigener Unsicherheit im Gespräch der von den Betroffenen am meisten gewünschte Weg .

Die Behinderung an sich ist selten das Problem vielmehr ist es der Umgang der Umwelt mit der Behinderung .

In diesem Sinne ,


Birgit

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