Ein erfülltes Sexleben wünscht sich sicher jeder. Doch nicht nur dank einiger prominenter Fremdgänger wie Tiger Woods rückten auch die Schattenseiten eines Zuviel an Sex in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Unsere Graciella hat sich einmal des Themas Sexsucht angenommen.

- Inhaltsverzeichnis
- Sexsucht oder Hypersexualität hat mit Lust & Spaß nichts zu tun
- Beispiele - Sucht oder Begierde?
- Frauen wie Männer sind von der Sexsucht betroffen
- Wie häufig tritt Sexsucht auf?
- Was ist Sexsucht / Nymphomanie?
- Symptome der Sexsucht
- Mögliche Folgen der Sexsucht
- Ursachen für die Sexsucht
- Therapie bei Sexsucht
- Kommentare
Sexsucht oder Hypersexualität hat mit Lust & Spaß nichts zu tun
Seien wir ehrlich. Wer mag es nicht, einen aktiven, sexuell ungezügelten Partner zu haben, voller Leidenschaft und sexueller Begierde? Nur, wo hört Begierde auf und wo fängt Sexsucht an? Gehen wir im JOYclub spazieren, so stoßen wir sogar auf eine Gruppe, in der es um Nymphomanie geht. Auf einen Blick wird jedoch deutlich, dass selbst dort nicht viel von echter Nymphomanie handelt, denn wer darunter leidet, outet sich nicht wirklich gerne, weil die Sexsucht oder Hypersexualität mit Lust und Spaß nicht mehr viel zu tun hat…
Beispiele - Sucht oder Begierde?
- Sie wohnen 200km auseinander und sehen sich nur ein bis zweimal im Monat. Kein Wunder, dass die beiden so sexuell ausgehungert sind, dass sie zwei Tage nicht wirklich aus dem Bett finden.
- Sie hat nichts dagegen, von ihrem Geliebten viermal innerhalb von 24 Stunden genommen zu werden, weil sie ihn so geil findet und sie beide erst seit kurzem ein Paar sind… Auch er kann sehr zügig hintereinander mit dieser Frau Sex haben. Er bekommt einfach nicht genug von ihr.

In diesen Fällen handelt es sich nicht um Sexsucht. Hier sind zwei Menschen einfach sexuell sehr aktiv und "scharf" aufeinander, aber keinesfalls sexsüchtig. Anders sieht es in folgenden Beispielen aus:
- Er hat permanent einen Ständer, muss sich mindestens viermal täglich selbst befriedigen und isoliert sich immer mehr. Häufig muss er sich von der Arbeit fernhalten und meldet sich krank, weil sein Denken dann nur um Sex kreist und an Arbeit nicht zu denken ist..
- Sie lässt sich von ihm eine Stunde lang lecken, doch während er bereits eine wunde Zunge hat, wartet sie auf ihren Höhepunkt - wieder einmal vergeblich.
- Ebenso wie die Dame, die sich innerhalb von zwei Stunden von zehn Männern begatten lässt und immer noch nicht "satt" ist… Einen Orgasmus hatte auch sie nicht. Sind die Männer schlechte Liebhaber, oder liegt da etwa ein schwerwiegenderes Problem begraben?
Frauen wie Männer sind von der Sexsucht betroffen

Frauen mit exzessivem, nicht zu befriedigendem Sexualtrieb werden gemeinhin als Nymphomaninnen bezeichnet. Bei Männern spricht man von einem Don-Juan-Komplex oder Satyriasis. Der Wortteil "manie" in Nymphomanin weist bereits darauf hin, dass die Betroffenen ein zwanghaftes Verhalten an den Tag legen, über das sie die Kontrolle verloren haben und welches ihren Alltag einschränkt.
Ist den zugänglichen Zahlen Glauben zu schenken, so sind unter den Betroffenen 70-80% Männer und 20-30% Frauen zu finden. Als prominentes Beispiel für einen sexsüchtigen Mann wird häufig Michael Douglas genannt, der erfolgreich eine Therapie hinter sich gebracht hat; Lindsay Lohan soll ein weibliches Beispiel sein, wie einer ihrer Ex-Lover lautstark verkündete…
Wie häufig tritt Sexsucht auf?
Die "echte" Nymphomanie ist sehr selten, in Deutschland geht man von 1% aus. Oft werden Mädchen oder Frauen, die ihre Sexualität offen ausleben, ihre Wünsche nicht verbergen und bei der Partnerwahl die Initiative ergreifen, unkorrekt als nymphoman, liebestoll, verrückt nach Männern, oder sexbesessen bezeichnet. Im 19. Jahrhundert wurde jede Frau, die außerehelichen Geschlechtsverkehr hatte oder masturbierte, der Nymphomanie bezichtigt. "A nymphomaniac is a woman who has more sex than you do." ist eine Definition mit Augenzwinkern aus den 50iger Jahren.
Auch heute besteht ein geschlechtlicher Unterschied der Akzeptanz. Frauen mit sehr vielen Sexualpartnern werden aufgrund der Anzahl mitunter als Nymphomaninnen, Schlampen und Huren bezeichnet, während Männer eher auf Verständnis oder sogar Bewunderung stoßen, wenn sie sich "die Hörner abstoßen".
Was ist Sexsucht / Nymphomanie?
Nymphomanie, Sexsucht oder Don-Juan-Syndrom zählt zu den Verhaltenssüchten und hat zwanghaften Charakter. Sucht wird verstanden als das zwanghafte Verlangen nach bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen, die Missempfindungen vorübergehend lindern und erwünschte Empfindungen auslösen.

Die Substanzen oder Verhaltensweisen werden konsumiert bzw. beibehalten, obwohl negative Konsequenzen für die betroffene Person und für andere damit verbunden sind. Sowohl der Konsum von psychoaktiven Substanzen wie Alkohol, Tabak, Medikamenten, Heroin usw. als auch Verhaltensweisen wie Glücksspiel, Essen, Arbeiten, Fernsehen, Sex etc. können zwanghafte Züge annehmen, die Suchtcharakter haben. Genuss, Konsum, Missbrauch, Gewöhnung, Abhängigkeit, Sucht ... der Übergang ist fließend.
Betroffene, die mehrmals pro Tag auf der Suche nach dem sexuellen Rausch des Höhepunktes, der schnellen sexuellen Erregung sind, leiden wahrscheinlich an einer Sexsucht. Trotz der gesteigerten sexuellen Aktivität bleibt die sexuelle Befriedigung, der ersehnte Höhepunkt häufig aus, sodass die ständige Suche nach sexueller Befriedigung bestehen bleibt.
Die Sucht beeinträchtigt das Leben der Betroffenen so sehr, dass ausschließlich die Sexualität ihr Leben bestimmt. Das Verhalten ist nicht mit Freude oder Spaß verbunden, im Gegenteil, sie leiden mehr und mehr unter ihrem Verhalten und fühlen sich machtlos.
Symptome der Sexsucht
Das Leiden beginnt schleichend und langsam und nimmt erst mit der Zeit die Form einer Sucht an, vergleichbar der Drogen- und Spielsucht.
- Es besteht ein gesteigerter Geschlechtstrieb und vermehrte sexuelle Aktivität.
- Betroffene sind gedanklich immer mit der Gestaltung und Praktizierung ihrer Sexualität beschäftigt. Die Sexualität bestimmt das Leben der Betroffenen.
- Bisherige sexuelle Aktivitäten sind nicht mehr ausreichend und die Aktivität oder "Dosis" muss daher gesteigert werden.
- Betroffene erreichen häufig den Höhepunkt nicht und bleiben unbefriedigt. Häufig kommt hinzu, dass die Schuld beim Partner gesucht wird.
- Neben dem verstärkten Aufsuchen neuer Geschlechtspartner werden auch in erhöhtem Maße pornographische Medien (Zeitschriften, Bücher, Videos, pornographische Internetseiten) konsumiert.
- Die Betroffenen verlieren allmählich die Kontrolle über ihr Verhalten.
- Betroffene wissen, dass ihr Verhalten negative Folgen mit sich bringt, können aber "nicht anders".
- Betroffene können starken Stimmungsschwankungen unterworfen sein und zeigen eine emotionale Destabilisierung.
- Sowohl zur Ausübung der Sexualität und der Erholung von der sexuellen Aktivität wird viel Zeit benötigt.
- Eine innere, enge Bindung zu jeweiligen Partner wird nicht aufgebaut.
- Meist suchen Betroffene Sexualitätsformen, die "anonym" sind, bei denen tiefere emotionale Beziehungen verhindert werden und denen u.U. auch heimlich nachgegangen wird (Swingerclubs, One-Night-Stands, Prostitution, Parkplatztreffen, Polyamory, Paraphilien (= sexuelle Vorlieben, die von der Norm abweichen).
Mögliche Folgen der Sexsucht
Sexsucht führt häufig zu Scham, Schuldgefühlen und Depressionen. Die Isolierung und Einsamkeit der Betroffenen ist groß und geht oftmals mit Hoffnungslosigkeit einher, die sich bis zur Suizidalität steigern kann.

Zu den Folgen sexsüchtigen Verhaltens gehören an vorderster Stelle auch Partnerschaftsprobleme, die von der Beeinträchtigung der Partnerschaft oder Trennung bis zum Verlust der Beziehungsfähigkeit führen können. Sexsucht kann auch sehr kostenintensiv gelebt werden, wenn die Sexsucht im käuflichen Milieu ihr Ventil sucht. In dem Fall können Schulden die Situation zusätzlich erschweren.
Gesundheitliche Probleme durch Geschlechtskrankheiten können ebenfalls Teil des Schädigungsbildes sein, ebenso rechtliche Folgen, etwa solche, die aus dem kriminellen Umfeld resultieren, in dem Sex oft verkauft wird. Auch nachteilige Folgen für das Arbeitsleben (Fehlzeiten, Unproduktivität) und das erweiterte Umfeld (zunehmende Isolierung) sind nicht auszuschließen.
Ursachen für die Sexsucht
Früher wurde die Nymphomanie als organisches Leiden betrachtet und auch entsprechend behandelt - wie etwa durch Auflegen von Eisbeuteln auf die Genitalien, Ansetzen von Blutegeln oder im schlimmsten Fall durch die Entfernung der Klitoris oder der Eierstöcke.
Die EINE Ursache für Sexsucht gibt es aber nicht. Wie bei anderen Süchten auch, kommen viele Einflüsse zum Tragen. Das Leiden ist multifaktoriell bedingt.

- So spielen seelisches Erleben während der Kindheit und im Erwachsenenalter, soziokulturelle Strukturen, die genetische Veranlagung und die Persönlichkeit sowie emotionale Beziehungen und Konfliktsituationen für die Entstehung eines sexuell gesteigerten Verlangens eine wichtige Rolle.
- Betroffene wurden nicht selten körperlich, emotional oder sogar sexuell genötigt oder missbraucht. Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung verbunden mit Minderwertigkeits- und Schamgefühlen sind die Folgen. Betroffene versuchen daher, durch das gesteigerte sexuelle Verlangen (oder gestörtes Sexualverhalten) dieser Problematik zu begegnen bzw. sie zu umgehen. Weiterhin versuchen die Betroffenen, durch dieses Verhalten die in der Kindheit vermisste Wärme und Zuneigung nachträglich zu erleben.
- Betroffene haben ein übersteigertes Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung der eigenen Person durch die Sexualität entwickelt.
- Innere Konflikte, Minderwertigkeitsgefühle, gestörte emotionale Beziehungen und die zwanghafte Suche nach Nähe können die Sexsucht fördern.
Diese beginnt schleichend - wie auch Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht. Langsam steigert sich das Suchtverhalten, wodurch die persönliche Freiheit zunehmend eingeschränkt wird. Bleibt die Sexsucht über einen längeren Zeitraum bestehen, kann es zu gesundheitlichen Problemen sowie Persönlichkeitsveränderungen kommen. Die Anforderungen des normalen Alltags können meistens nicht mehr erfüllt werden. Trotz der zahlreichen sexuellen Kontakte bleibt die eigene Isolierung bestehen und es kommt zu einem Leidensdruck. Um aus diesem Teufelskreis ausbrechen zu können, ist in den meisten Fällen professionelle Hilfe durch Psychotherapeuten unabdingbar.
Therapie bei Sexsucht
Bestehen Zweifel darüber, ob eine Sexsucht vorliegt, ist als erster Schritt eine psychotherapeutische Beratung angezeigt, aber auch ein erster Gang zum Urologen kann hilfreich sein. Dies gilt in jedem Fall, wenn ein zwanghafter, lebensbestimmender Wunsch nach Sex und ein Unvermögen, emotionale Bindungen einzugehen, vorliegen. Die Überweisung in kompetente Hände ist derzeit leider noch etwas schwierig, da die Zahl der speziell dafür ausgebildeten und in diesem Bereich erfahrenen Ärzte oder Therapeuten noch zu wünschen übrig lässt.

Unter Therapeuten von Sexabhängigen besteht Konsens darüber, dass eine erfolgreiche Behandlung unbedingt über mehrere Jahre hinweg durchgeführt werden und eine intensive Psychotherapie beinhalten muss. Zentrale Themen sind dabei die sexuelle Lebens- und Familiengeschichte, das sich Herantasten an einen eventuellen Missbrauch, die Erarbeitung der Rolle des Suchtmittels Sex, das Aushalten und Annehmen von Gefühlen, das Gewinnen positiver Selbsterfahrung und Selbstwertgefühle.
Es geht darum, dass der/die Betroffene wieder eine Beziehung zu sich finden kann und darauf basierend auch wieder bessere, gesündere Beziehungen zu anderen lebt.
In Deutschland wurden bisher noch keine spezifischen Therapieprogramme für Sexsüchtige entwickelt. Neben Einzeltherapien finden Betroffene Unterstützung in Selbsthilfegruppen: Die "anonymen Sexaholiker (AS)" und "anonyme Sex- und Liebessüchtige (SLAA)" finden sich im deutschsprachigen Raum in vielen Großstädten.





