16.07.2010

Beginne bei dir selbst

Die Schuld auch einmal bei sich selbst suchen, hilft bei diversen Problemen

Viele suchen bei Konflikten/Problemen im sexuellen Bereich die "Schuld" gerne bei ihrem Partner. Dass dies nicht der richtige Weg sein kann, stellt Silke Maschinger in ihrem Beitrag deutlich heraus.

Ich habe Recht!

Probleme im sexuellen Bereich enden häufig in Schuldzuweisungen.
Probleme im sexuellen Bereich enden häufig in Schuldzuweisungen.

Bei Konflikten im sexuellen Bereich sieht man sich meist selbst auf der richtigen Seite und denkt, wenn der andere sich nur ändern würde, wäre das Problem gelöst. Immer wieder lese ich hier im Forum oder höre es in meiner Beratung, dass die ratsuchenden Menschen ihren Partner verändern möchten. Sie möchten, dass er mehr Eigeninitiative zeigt oder offener und aufgeschlossener wird. Dass der oder die Andere sich endlich mal fallen lassen oder sagen soll, welche Wünsche er bzw. sie hat.

Männer wie Frauen beschweren sich über ihre Partner, weil diese nicht das tun, was sie sich wünschen. Und sie möchten wissen, wie sie ihre/n Partner dazu bringen können, sich zu verändern. Das kennst Du sicherlich auch von Dir: Du denkst, du bist total im Recht und dein Partner ist derjenige, der sich endlich verändern soll. Doch das Problem ist: Es ist nicht möglich, den Partner zu verändern. Leichter ist es, erstmal bei sich selbst anzufangen und zu schauen, inwieweit man selbst zu dem Konflikt beiträgt.

Verhalten beeinflusst sich gegenseitig

Jemanden schuldig zu sprechen, ist zum einen wenig sinnvoll, denn wer sich angeklagt fühlt, wird sich eher rechtfertigen als sein Verhalten ändern. Zum anderen ist diese Sichtweise auch für dich nicht so nützlich. Denn dann gerätst du schnell in die Opferrolle, wenn du dir selbst keine Handlungsmöglichkeiten mehr eingestehst. Und kannst somit nur passiv darauf warten, dass dein Partner sein Unrecht endlich einsieht und etwas ändert.

Doch die gute Nachricht ist: Verhalten beeinflusst sich gegenseitig. Dein Partner reagiert immer auch auf die Art, wie du mit ihm umgehst. Dazu möchte ich ein recht typisches Beispiel nennen: Anna möchte mehr Zeit mit ihrem Partner Paul verbringen. Paul möchte aber seine Ruhe und zieht sich schweigend zurück. Daraufhin beschwert sich Anna darüber, dass er sich zurückzieht. Pauls Reaktion besteht daraus, dass er sich noch mehr zurückzieht.

Was meinst du, wer sich ändern sollte? Je nach Geschlecht bzw. Charakter wird bei diesem Beispiel meist einem von beiden die Schuld zugeschoben. Anna ist schuld, weil sie nörgelt. Oder Paul ist schuld, weil er sich zurückzieht. Doch von Schuld sollte man hier nicht sprechen, denn beide drehen sich mit ihrem Verhalten im Kreis und kommen nicht weiter.

Verweigerung aus Trotz

Der bessere Weg: Miteinander reden. Wie zeigt Reden will gelernt sein.
Der bessere Weg: Miteinander reden. Wie zeigt Reden will gelernt sein.

Hier im Forum hat mal ein Mann (nennen wir ihn mal Franz) gefragt, wie er es hinbekommen könnte, dass seine Freundin auf seine Wünsche nach sexueller Abwechslung bzw. Variantenvielfalt eingeht. Also nicht nur die "Standardnummer", sondern auch mal Oralverkehr oder andere Stellungen. Seine Freundin sei dafür nicht offen, sondern wolle immer nur romantischen Sex. Aber das würde Franz nicht wollen, weil der Sex etwas Besonderes bleiben solle und außerdem fände er es langweilig.

Es war offensichtlich, dass er keine Lust hatte, auf die Wünsche und Bedürfnisse seiner Partnerin einzugehen. Hier ist jetzt auch die Frage: Macht sie keinen ausgefallenen Sex mit ihm, weil Franz mit ihr keinen romantischen Sex macht oder verweigert Franz sich, weil sie ihm seine Wünsche nicht erfüllt? Doch wer danach fragt, wer Schuld hat, möchte dem Schuldigen auch die Verantwortung für eine Veränderung übertragen. Doch wenn der andere seine (angebliche) Schuld nicht einsieht, wird sich nichts ändern.

Geben statt fordern

In so einer Situation kannst Du Dich entscheiden: Wartest du darauf, dass dein Partner etwas tut oder schaust du hin, was du ändern kannst? Das ist natürlich eine große Herausforderung, vom Beharren-Wollen und vom Wünschen loszulassen und erstmal zu schauen, dass der/die Partner/in das bekommt, was er/sie braucht. Auch wenn du (vermeintlich?) tausendmal im Recht bist.

Wenn möglich sollte man immer bei sich selbst anfangen und dann dem Partner eine helfende Hand reichen.
Wenn möglich sollte man immer bei sich selbst anfangen und dann dem Partner eine helfende Hand reichen.

Auf das obige Beispiel bezogen, könnte das folgendes bedeuten: Franz könnte erstmal dafür sorgen, dass seine Freundin genügend romantischen Sex mit ihm erlebt. Wie lange es dauert, bis sie "satt" ist, kann man nie wissen, aber je satter, erfüllter und entspannter sie mit ihren eigenen Bedürfnissen ist, um so leichter kann sie sich auf seine Wünsche einlassen und sie ihm erfüllen.

Bei Anna und Paul wäre es natürlich keine Lösung, wenn Paul unwillig Zeit mit ihr verbringt, obwohl er eigentlich seine Ruhe haben will. Darum geht es beim Geben nicht. Aber es könnte eine Lösung sein, dass Paul Anna sagt, bis wann er Ruhe braucht, um sich dann ihr widmen zu können. Damit bekommt sie Klarheit und kann sich darauf einstellen. Oder Anna könnte Paul fragen, wann er sich Zeit für sie nimmt und macht ihm somit keine Vorwürfe, sondern fragt klar nach einer Verabredung. Oder sie lässt Paul erstmal in Ruhe und sorgt dafür, dass sie auch ohne ihn eine schöne Zeit verlebt und gibt Paul somit die Ruhe, die er braucht.

Wer fängt an?

Doch einen Einwand hast du vielleicht noch: Warum sollst du geben, wenn du nicht bekommst, was du brauchst? Warum ist es nicht die Aufgabe deines Partners? Er könnte doch auch damit anfangen? Die Antwort lautet, es ist eigentlich die Aufgabe von beiden. Doch wem dieser Mechanismus auffällt, der sollte einmal darüber nachdenken und es gegebenenfalls ändern. Oder mit dem Partner darüber sprechen, was beide eigentlich wirklich brauchen. Mit Trotz bestraft man meist nicht nur den Partner, sondern leider immer auch sich selbst.

Wie finde ich meinen Anteil heraus?

So könnte ein harmonisches Miteinander entstehen ...
So könnte ein harmonisches Miteinander entstehen ...

Idealerweise sprichst du natürlich mit deinem Partner darüber, welchen Anteil ihr beide an der Situation habt. Doch auch alleine kannst du Dich fragen, was du selbst ändern kannst:

Bist du einfach nur trotzig, weil du meinst, du bist im Recht? Was könntest du für deinen Partner tun, ohne dich dabei komplett aufzugeben? Was vermeidest du mit deinem Verhalten? Welches Verhalten bei deinem Partner verstärkst du mit deinen Reaktionen?

Wenn dir gar nichts einfällt, frage Freunde oder auch einen Berater und finde deine Anteile heraus und ändere sie. Probiere aus, was passiert, wenn du dich und dein Verhalten änderst. Um es frei nach J. F. Kennedy zu sagen: Frage nicht, was dein Partner für dich tun kann, sondern frage dich, was du für deinen Partner tun kannst!

© Silke Maschinger

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