Nudisten finden: nackt ist ganz natürlich! Sie streben nach Freiheit, nicht nach Provokation. Hier geht es nicht unbedingt um Sex, sondern um radikale Selbstakzeptanz und eine Rückkehr zum Ursprünglichen. Doch wie fühlt sich das an, in der Natur völlig unbekleidet zu sein? Wir haben einen Nudisten gefragt.
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Was ist Nudismus?
Als Nudisten werden Menschen bezeichnet, die in vollen Zügen die Natürlichkeit ihrer Körper genießen. Aus diesem Grund werden sie auch Naturisten genannt. Getreu dem Motto "Back to the Roots" bewegen sie sich in der freien Natur komplett textilfrei.
Die Bezeichnung Nudismus leitet sich von dem lateinischen Wort "nudo" ab, das schlichtweg nackt bedeutet. Nudismus ist eine praktizierte Lebenseinstellung, keine Diagnose. Der nackte Körper wird als natürlich und frei verstanden, und soll auch nicht bewertet werden: gelebte Body Positivity.
Naturverbundenheit ist nicht Exhibitionismus
Nudist:innen werden oft missverstanden und müssen sich deshalb mit Vorwürfen auseinandersetzen, dass sie angeblich absichtlich provozieren wollen. Von falschen Porno-Vorstellungen beeinflusst, geht Nacktheit schließlich seit längerem Hand in Hand mit dem Begriff Sexualität. Doch genau an diesem Punkt ist es notwendig, eine Grenze zu ziehen.
Ihr Anliegen ist die Freude an der Natur – ohne eine direkte Verbindung zur Sexualität. Selbstverständlich sind aber auch Nudisten sexuelle Wesen, die ihre Bedürfnisse ausleben, dann jedoch ohne dem Beisammensein unfreiwilliger Zuschauer.


Ob in den eigenen vier Wänden oder aber an der frischen Luft, Nudisten verfolgen das Ziel, all ihre Aktivitäten ohne Kleider auszuüben, sofern es ihnen möglich ist. Denn nicht jeder Lebensbereich gleicht einem FKK-Strand.
Als FKKler werden jene bezeichnet, die ihre Freikörperkultur an dafür vorgesehenen Orten oder auch innerhalb organisierter Vereine ausleben. In alltäglichen Situationen ziehen sie es vor, bekleidet ihren Mitmenschen gegenüber zu treten.
Wo Nudisten sich entblößen dürfen
Obwohl die Präsenz von Nacktheit in den Medien seit den 60er Jahren kontinuierlich zugenommen hat, wird Freizügigkeit nur an gesonderten Orten toleriert. Im Gegensatz zu anderen Ländern bietet Deutschland jedoch ausreichend Raum, in dem sich der Nudismus frei entfalten kann.
An Stränden und beim Baden wird nackte Haut weitestgehend toleriert. Bekanntlich können Nudisten ihr Freiheitsgefühl an dazu ausgeschriebenen FKK-Stränden ausleben. Im öffentlichen Raum, sobald die Grenze zwischen Nudismus und Exhibitionismus verläuft, wird das nackte Posieren fernab eines Werbeplakats jedoch als Belästigung der Allgemeinheit angesehen, obwohl kein Gesetz eine Kleiderordnung vorschreibt. Das Recht auf die freie Entfaltung greift nicht immer. Öffentliche Nacktheit wird zwar nicht strafrechtlich geahndet, allerdings müssen Ordnungswidrige oftmals ein Bußgeld für ihr Vergehen zahlen.
Auf den eigenen Privatgrundstücken greift keine fremdbestimmte Ordnung. Solange ein Nudist nicht absichtlich provoziert, ist es im Privatbereich auch auf einsehbaren Grundstücken nicht verboten, dem Freikörperkult zu frönen. Tolerante Nachbarn machen das Leben aber in jedem Fall leichter.
Fernab der Stadtzentren in der ländlichen Idylle kommt es ebenfalls seltener zu belästigenden Vorkommnissen. Nackige Reiter oder Jogger toben sich outdoor in den Wäldern aus, weil die Wahrscheinlichkeit, Auslöser für die Erregung öffentlichen Ärgernisses beim Sport zu sein, sehr gering ist. Es haben sich mittlerweile sogar vielerorts in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz und auch in Frankreich Gruppen etabliert, die während der Freizeit gemeinsam Aktivitäten textilfrei nachgehen. Radfahren, Wandern oder auch Rudern sind auch nackt ein Erlebnis.
Nudismus ist beliebt!
Neben FKK-Bereichen an Stränden hat die Freikörperkultur ganze Campingplätze und Feriendörfer erobert. Laut Medienberichten leben etwa zehn Millionen Deutsche ihren Naturismus im Urlaub aus.
Das wohl populärste Nudisten-Domizil ist der französische Ort Cap d'Adge an der Mittelmeerküste. Das naturistische Viertel ist die Hochburg für Nudisten und empfängt in der Hauptsaison etwa 40.000 Unbekleidete. In Cap d'Adge scheint die Welt Kopf zu stehen: Nicht nur am Strand, sondern auch in Supermärkten, Bars und Diskotheken bewegen sich die Nudisten frei von Kleidung. Wer im Nudisten-Viertel Textilien trägt, sichert sich den Status eines Außenseiters.
Unter den Nackten tummeln sich aber in den letzten Jahren vermehrt Voyeure und Swinger, die den Strand des Nudisten-Camps zunehmend in eine große Liebesspielwiese verwandeln. Die Wirtschaft stört sich an den Sex-Touristen nicht, da sich Sex bekanntermaßen gut verkaufen lässt. Allerdings leidet leider der Ruf der Nudisten darunter. Und so entstehen Vorurteile.
Interview mit einem Nudisten
JOYclub: Ist Nudismus für dich eine Art Hobby oder eher eine Lebenseinstellung?
JOYclub-Mitglied nononono: Hobbymäßg geht das gar nicht, Nudismus ist eine Lebenseinstellung. Wer einfach nur mal zum Spaß nackt ist, hat einen sexuellen Hintergedanken – meine Meinung! Nudisten haben auch sexuelle Gedanken, sind aber nicht deswegen nackt.
Wann und wie oft bist du nackt?
So wie es meine Umgebung zulässt. Ich möchte auf keinen Fall irgendjemanden belästigen. Daher also viel zu wenig. Sobald ich alleine bin, entledige ich mich all meiner Klamotten, sei es wenn ich nach Hause komme, mal alleine im Büro bin, irgendwo in der freien Natur oder auch beim Autofahren auf längeren Strecken, aber immer am Strand.
Welche Gelegenheiten nutzt du, dich nackt zu bewegen? Bist du auch in der Öffentlichkeit nackt unterwegs?
Ich nutze jede Gelegenheit. Die Öffentlichkeit ist auch der FKK-Strand, die Sauna, aber auch die Bank oder der Marktplatz. Da wo es erlaubt ist, bin ich nackt und eben auch dann, wenn ich denke, dass mich keiner sieht. Ich habe ein Waldstück, in dem ich nackt jogge, im Auto sieht es z. B. auch keiner.
Das Gefühl, nackt zu sein
Welches Gefühl gibt dir das Nacktsein?
Eine unendliche Freiheit. Mensch als Teil der Natur zu sein, daher bin ich auch gerne draußen. Es gibt kein "Kleider machen Leute" oder so. Nackt wären wir alle gleich.
Warum genießt du es, nackt zu sein?
Dann bin ich ich.
Gibt es dir einen Kick, wenn Voyeure dich beobachten, wenn du nackt bist oder empfindest du eine Ablehnung dagegen?
Einen Kick, ja und nein. Könnte mich jemand beobachten, es wäre situationsabhängig, ob sich was regt oder ob es mir völlig egal wäre. Eigentlich gehe ich davon aus, dass mich keiner sieht. Mit einem richtigen Voyeur würde ich spielen, schließlich macht es Spaß, den anderen dann zu beherrschen. Ablehnung, solange ich nicht belästigt werde, würde ich nicht empfinden, da bin ich sehr open-minded und tolerant.


Nudisten, FKKler, Exhibitionisten: eine Schublade?
Unterscheidest du zwischen Nudisten und Freikörperkultur bzw. zwischen Nudisten und Exhibitionisten? Wenn ja, wo würdest du eine Grenze ziehen?
Klares Ja, FKKler sind im Urlaub nackt bzw. am Strand, also gelegentlich. Nudisten wären es die ganze Zeit, wenn sie dürften. Exhibitionisten zeigen ihr Geschlechtsteil und genießen dabei eine Erregung. Darum geht es einem Nudisten überhaupt nicht.
Vielleicht klingt das mittlerweile so, als ob wir Nudisten keinen Sex mögen. Das tun wir aber genauso wie Non-Nudisten. Ich denke wie alle Männer (und Frauen) sehr häufig an Sex. Ich habe auch eine Erregung, wenn ich eine heiße Frau sehe, z. B. am Strand. Auch habe ich mal das Verlangen, mich nackt zu zeigen – aber ohne Latte – und laufe den Strand längs oder habe meine Cam beim Chatten laufen. Ich schaue mir auch gerne andere Körper an, also alles wie ein ganz normaler Mann eben.
Was wolltest du schon immer mal nackt tun, was du bisher noch nicht ausleben konntest?
Die Frage klingt nach, wie wagemutig bin ich oder steckt da doch Exhibitionismus dahinter. Nein, einfach nur nackt leben, ohne dass andere dabei Hintergedanken haben und sich das Maul zerreißen und ohne, dass es etwas Verbotenes wäre.
Nudismus hat Grenzen
Wo verbietet es sich für dich, dich nackt zu zeigen?
Ich denke die Frage richtet sich nach Orten, an denen Nacktsein nicht normal ist, wie am FKK-Strand...
In dem Moment, in dem ich jemanden anderen mit meinem Anblick belästige oder beleidige, verbietet es sich für mich. Verschiedene Kulturen sehen in einem nackten Menschen eine Beleidigung. Auch wenn ich denke, dass so mancher Anblick eines Angezogenen mich ganz schön belästigt.
Auch Kindern gegenüber, da ich ja nicht weiß, wie sie erzogen werden. Kinder würden sich deswegen ja nicht belästigt fühlen, aber ich weiß auch nicht, ob ich ihnen irgendeinen Schaden zufüge. Also bin ich da seeeeehr vorsichtig. Meine Kinder sind an ihren nackten Papa gewöhnt, mit ihnen habe ich auch darüber sprechen können. Kirchen wären auch kein Problem, da die Götter aller Religionen uns schließlich nackt geschaffen haben. Aber aus Respekt gegenüber den Menschen würde ich es nie tun.
Bist du schon einmal aufgrund nackter Handlungen mit dem Gesetz in Konflikt geraten?
Nein.
Herzlichen Dank für das Interview!
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