08.11.2011

Verpasste Chancen

Hätte, wäre, wenn … wenn man meint, etwas verpasst zu haben

Ist es möglich, verpasste Erfahrungen aus der Jugendzeit – auch und vor allem in sexueller Hinsicht – einfach so nachzuholen? Welche Begleiterscheinungen dabei auftreten können und was das Nachholen von verpassten Gelegenheiten mit einem anstellen kann, klärt Silke Maschinger in ihrem Beitrag.

Was wäre wenn?

Ach hätte ich nur nie nein gesagt, als sie mir den Schlüssel zu ihrem Reich vor die Nase hielt.
Ach hätte ich nur nie nein gesagt, als sie mir den Schlüssel zu ihrem Reich vor die Nase hielt.

Klaus will seine verpasste Jugend nachholen. Er ist verheiratet, glücklich wie er sagt, und hat zwei kleine Kinder. Er ist schon lange mit seiner Frau zusammen, hat sie schon in der Jugend kennengelernt und später geheiratet. Jetzt, nach so vielen Jahren der Ehe, geht er langsam auf seinen 40. Geburtstag zu und denkt über sein Leben nach.

Wenn er seine Freunde reden hört, was die mit Anfang 20 alles erlebt haben oder auch jetzt noch machen, dann denkt er sich, er hätte da was verpasst. Wie fühlen sich andere Frauen an? Wie ist es, mit anderen Frauen Sex zu haben? Je mehr er in den Zeitungen davon liest, dass es Menschen gibt, die eine offene Beziehung führen, umso größer wird bei ihm das Gefühl, dass ihm eine wichtige Erfahrung fehlt.

Kann man verpasste Jugenderfahrungen nachholen?

Doch kann man eine verpasste Jugend überhaupt nachholen? Kann man die sexuellen Erfahrungen, die "man" mit 20 Jahren so macht, einfach nachholen und abhaken? Ist das überhaupt wirklich ein inneres Bedürfnis oder nur ein Wunsch, genährt aus den Erzählungen von Freunden und in den Medien, die das Bild erwecken, wie etwas zu sein hat? Zuallererst denke ich, ist es utopisch, zu glauben, man könne eine Jugenderfahrung nachholen. Vorbei ist vorbei. Mit Anfang 20 und der damit verbundenen, eher geringen Lebenserfahrung denkt, fühlt und handelt man ganz anders als mit 40. Die Welt steht einem offen, man ist ungebunden und frei, hat noch keine Verantwortung für Kinder.

Als Single ist es egal, ob man nachts nach Hause kommt oder nicht. Niemand vermisst einen oder macht sich Gedanken, ob einem was passiert ist. Diese Freiheit hat man nicht mehr, wenn man mit jemandem zusammen ist und das gleiche Bett teilt. Viele Erkenntnisse, die man später im Leben macht, stehen einem noch bevor. Ob schöne oder traurige Erlebnisse, sie prägen das Handeln und das Fühlen. Deswegen ist es gar nicht möglich, etwas, was man nicht erlebt hat, nachzuholen.

Vermeintliche Wünsche und wahre Bedürfnisse

Als sexuell treues Paar kommt man sich natürlich unnormal vor, wenn man zwischen lauter Menschen in offenen Beziehungen lebt.
Als sexuell treues Paar kommt man sich natürlich unnormal vor, wenn man zwischen lauter Menschen in offenen Beziehungen lebt.

Die Frage, die sich mir stellt, ist auch: Will Klaus das wirklich oder hat er nur den Eindruck, dass es zum Mannsein dazugehört, mit vielen Frauen Sex gehabt zu haben? Glaubt er, er müsste etwas erleben, weil er sonst schon zum alten Eisen gehört oder weil das halt in ist?

Auch die Berichterstattung über Beziehungen folgt gewissen Modeerscheinungen und weckt vermeintliche Begehrlichkeiten, die nicht wirklich Bedürfnisse sind. Deswegen hilft auch manchmal die Frage: Wenn mein Umfeld mir etwas anderes vorleben würde, wäre mein Wunsch dann immer noch der gleiche? Als sexuell treues Paar kommt man sich natürlich unnormal vor, wenn man zwischen lauter Menschen in offenen Beziehungen lebt (und anders herum genau so). Deswegen ist eine wirklich ehrliche innere Prüfung sinnvoll: Was ist die Motivation dafür, etwas nachholen zu wollen?

Das merkwürdige an manchen Erfahrungen ist ja, dass man durch das Erleben feststellt, dass es einem nicht wichtig ist.

Jede Erfahrung, auch eine nachgeholte, verändert den Menschen

Erfahrungen verändern einen ... man entdeckt neue Seiten an sich.
Erfahrungen verändern einen ... man entdeckt neue Seiten an sich.

Und es ist ein Irrtum zu glauben, dass man eine Phase nachholen könnte, ohne dass sie einen verändert. Wer meint, etwas nachholen zu wollen, um es dann abhaken und wie vorher weiter machen zu können, der irrt gewaltig. Begegnungen mit anderen Menschen, erst recht sexuelle, machen etwas mit einem. Man erfährt sich vielleicht anders, entdeckt neue Seiten an sich, geht energetische Verbindungen mit anderen Menschen ein. Man ist dann nicht mehr derselbe Mensch wie vorher. Wer sich auf solch eine Reise begibt, kann nicht wissen, welche Abenteuer er erleben wird und was für ein Mensch er am Ende der Reise sein wird.

Deswegen ist eine Argumentation, eine verpasste Chance aus der Jugendzeit nachholen zu wollen, eine moralische Keule, die man natürlich niemandem verwehren möchte. Erst recht nicht, wenn man selbst das erlebt hat, was der andere noch erleben möchte.

Wer heute etwas erleben möchte, der sollte das auch klar so formulieren. Es ist ein Bedürfnis der Gegenwart, das man stillen möchte, eine Neugier, die befriedigt sein will. Das ist eine faire und erwachsene Art, seinen Wunsch bzw. sein Bedürfnis zu äußern. Dann können zwei erwachsene Menschen darüber diskutieren, ob sie sich auf so etwas einlassen.

Und ob sie wirklich ihre Partnerschaft öffnen wollen. Denn das ist eine Herausforderung, die man wirklich wollen muss. Und leider ist eine offene oder polyamore Beziehung auch kein Garant dafür, dass eine Beziehung funktioniert. Genau wie das Konzept der Monogamie keine Garantie bieten kann.

Seid euch der Klarheit eurer Wünsche bewusst

Die Lust auf Fremde Haut sei niemandem verboten!
Die Lust auf Fremde Haut sei niemandem verboten!

Dies soll kein Plädoyer dafür sein, dass man seine Lust auf fremde Haut auf keinen Fall ausleben darf. Manche Sachen muss man machen, um hinterher erkennen zu können, ob sie einem wichtig sind und was sie einem bedeuten. Schließlich bereut man meist eher das, was man nicht getan hat, als das, was man getan hat.

In diesem Falle geht es mir um die Klarheit der Wünsche. Es ist ein Unterschied, ob ich mir etwas wünsche, weil ich etwas nachholen möchte, was ich verpasst habe, oder ob es ein ganz aktueller Wunsch ist. Die Argumentation ist eine andere. Das ist ein kleiner feiner Unterschied, der aber in der Diskussion, wie in einer Beziehung das Ausleben erotischer Wünsche gelingen kann, sehr wichtig ist.

Wenn Klaus mit einem früheren Mangel argumentiert, setzt er seine Frau damit leicht in eine Position des Unrechts, wenn sie ihm diesen "kindlichen" Mangel nicht erfüllen mag. Er argumentiert dann nämlich aus der Rolle des unerfüllten Jungen und nicht aus der Rolle des erwachsenen Mannes, der er jetzt ist. Wenn er aber ganz klar sagt: "Ich will jetzt etwas Neues erleben", befindet er sich im Hier und Jetzt und kann darüber auch klar mit seiner Frau diskutieren.

Was steckt hinter dem Wunsch verpasste Chancen nachzuholen?

Man sollte den anderen für seine Wünsche nicht verurteilen.
Man sollte den anderen für seine Wünsche nicht verurteilen.

Sex ist nie einfach immer nur Sex, immer ist der ganze Mensch mit all seinen Wünschen und Ängsten daran beteiligt. Deswegen ist es so wichtig, in einer Diskussion immer bei beiden genau hinzuschauen, welche Motivation steckt dahinter und welches sind die wirklichen Bedürfnisse, ohne den einen oder den anderen zu be- oder verurteilen für das, was er sich wünscht.

Nur wenn Klaus sich klar ist über seine Motivation, kann er für sich und seine Frau die passende Lösung finden. Ob die beiden die Beziehung öffnen, sich trennen oder ihre gemeinsame Sexualität gemeinsam neu entdecken, bleibt dann ihre ganz eigene Entscheidung.

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Kommentare

:-)

da hast du Recht. Auch wenn ich es wichtig finde beruflich am Ball zu bleiben und 2 Jobangebote meine Traumjobs gewesen wären (zumindest hörten Sie sich danach an..). Aber ich mag keine Halbherzigkeiten.
Die Frage ist zumindest für mich immer, WIE hoch ist der Preis, den ich für einen Job, eine Beziehung, einen bestimmten Lebensstandard bezahlen muss ? War er zu hoch, ist es keine "verpasste Chance", sondern eine richtige Entscheidung...
@neverenough

Auch ich habe meine Kinder den beruflichen Chancen vorgezogen und ich habe es bis heute nie bereut, meine Kinder habe es genossen dass ich für sie da war, Zeit für sie hatte und ich finde es gibt nichts wichtigeres als in unsere Jugend zu investieren.
Ich

hab beruflich ein paar Chancen "verstreichen" lassen...ob ich Sie damit auch verpasst habe ? Sicher, ein paar sehr gute Anbegote hätte ich sofort auf der Stelle annehmen müssen, die sind nun anders besetzt.
Es geht halt manchmal nur nach rechts und links im Leben und ein Mittelweg ist nicht immer möglich.

Ich könnte also jetzt gerade beruflich sehr viel erfolgreicher sein, vielleicht ein dickeres Auto fahren, wir könnten in allen Ferien in die Ferne fliegen...aber ich hätte bei meinen Kindern einiges verpasst. Den Schwimmkurs, die ersten Englischvokabeln, Ihre Freundschaften...

Wäre ich also glücklicher....? Mmmh...ich denke nicht, denn solche Chancen kommen vielleicht noch mal wieder, die Kinder sind nur einmal klein. Es ist gut so wie es ist.

Was du machst, wenn du Single bist, ist ja auch dein Ding. *g*

Nein natürlich nicht alles und auch nicht wie der stand ist aber es kommt ja auch nicht oft vor das man so einen Menschen trifft. Aber ich werde so etwas auch nur machen wenn ich hält Single bin und ob ich das machen würde wenn ich kein Single wäre wusste ich nicht ich musste wieder in dieser Situation sein um dann zu entscheiden.

Mein Fazit was ich daraus ziehe ich lasse mir nie mehr eine solche Gelegenheit durch die Finger gehen

Du nimmst also alles, was du kriegen kannst, unabhängig von Beziehungsstatus und wie´s gerade läuft - weil es könnten ja schlechtere Zeiten kommen? *oh*

Ich kann sagen das ich doch einer Gelegenheit nachtrauer. Es war alles mit meiner ex Freundin und einem Bild hübschen Mädchen auf der Arbeit ich hatte im nachhinein es doch gemacht aber zu dem Zeitpunkt war ich hält in festen Händen aber es lief nicht so rosig. Und das weckte in mir natürlich doch die Neugier aber ich habe es nicht gemacht. Und prompt komm ich nachhause sehe ich meine ex mit einen ehemals guten Freund von mir in unserm bett. Das ende der Geschichte war nachdem ich es wohl aus Frust auch machen wollte war diese besagte Frau nicht mehr für mich da da wir uns gestritten hatten weil ich sie abgelehnt habe. Mein Fazit was ich daraus ziehe ich lasse mir nie mehr eine solche Gelegenheit durch die Finger gehen

Hat der Drang, versäumtes aus der Jugend in späteren Jahren nachzuholen nicht vielleicht auch etwas mit Midlifekrise zu tun *zwinker*?

zum teil könnte es so sein zum anderen könnte dies auch nur klischee sein

ersetze ich nämlich Jugend durch "dem Leben" ergibt sich tatsächlich ein anderer Sinn der unabhängig von Altersstufen ist
Verpasste Chancen?

Gerade in Bezug auf sexuelle Erlebnisse denke ich, kann man hier wirklich von "verpassten Chancen" reden? Es war früher absolut nicht "chic" möglichst viele Sexualpartner zu haben und ich frage mich auch heute noch, machts die Menge? Wohl kaum, eigentlich brauche ich nur einen der richtig Lust auf mich hat und ich auf ihn, dazu viel Fantasie, Energie, Leidenschaft, Neugier ... Hat der Drang, versäumtes aus der Jugend in späteren Jahren nachzuholen nicht vielleicht auch etwas mit Midlifekrise zu tun *zwinker*?

Ich kann mit bestem Wissen und Gewissen sagen: Nein! Ich habe immer alles getan und gegeben, was ich konnte...

Viele haben es nicht verdient, mit Füßen getreten. Andere nahmen es an und es entstand etwas wunderschönes daraus.

Wie ich auch mein Leben drehe und wende, ich habe mich immer meinen Entscheidungen gestellt bzw. ich stehe zu Allem, was ich tat und sagte.

Dafür haben andere umso mehr ihre Chancen bei mir verpasst...*zwinker*
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