Die deutsche Pornodarstellerin Kyra Shade begann neben ihrer Ausbildung zur Erzieherin schon früh mit dem Modeln. Wenig später trat sie als selbstständiges Strip- und Table-Dance-Girl in verschiedenen Clubs auf. 2002 führte sie ihr Weg in der Erotikbranche zu einem Porno-Casting, wo sie vom Fleck weg engagiert wurde und fortan vornehmlich für das deutsche Pornolabel Magmafilm arbeitete. Inzwischen wechselte Kyra Shade hinter die Kamera und dreht kleine Reportagen über Themen aus der Sex- und Erotikwelt. Auf seiner Reise durch Pornodeutschland machte Philip Siegel für sein Buch Porno in Deutschland Halt bei den Dreharbeiten zu einer Kyra Shade Reportage …
- Inhaltsverzeichnis
- Vom Swingerclub zum Porno und zurück
- Die Karriere von Pornostar Kyra Shade
- Pornodarsteller und ihr schlechtes Image
- Reportagen aus dem Swingerclub
- Pornostar Kyra Shade als Star des Abends
- Die Dreharbeiten des "Swingeralltags" beginnen
- Wenn die Realität die Inszenierung überrundet
- Mehr zu Porno in Deutschland
- Kommentare
Vom Swingerclub zum Porno und zurück
In der letzten Folge berichtete ich von der deutschen Pornodarstellerin Annette Schwarz, die mit ihren bisweilen ins Absurde abgleitenden Porno-Performances den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Auf der anderen Skala der Möglichkeiten der Pornografie findet man die ehemalige Darstellerin Kyra Shade. Sie begann ihre Laufbahn in Swingerclubs. Ich hatte die Gelegenheit, sie bei einer Drehreise zu begleiten. Denn seitdem sie aufgehört hat, vor der Kamera zu agieren, dreht sie selbst: Beiträge, kurze Filme, Reportagen.
Die Verabredung ist, dass ich sie in ihrer Wohnung im Main-Kinzig-Kreis treffe - der befindet sich in Hessen - und wir von dort aus mit ihrem Wagen bis in die Nähe von Karlsruhe fahren, wo sie eine Reportage über einen Swingerclub drehen wird. Simone hat in fast 20 Pornofilmen mitgespielt. Sie sei, wie sie mir später sagen wird, die Schlampe für jedermann gewesen, die Frau, die es nur auf das Eine anlegt, egal mit wem.
Ich hatte an der Haustür geklingelt, jetzt steht mir Simone gegenüber. Wie soll man Simone beschreiben? Vielleicht so, wie sie wirkt. Burschikos und doch zielgerichtet. Mit einem breiten, unverstellten Lachen, das zwei prächtige Zahnreihen offenbart. Ein handfester Typ, Jahrgang 1973. Sie sei eine Rockerbraut, meint sie selbst, und zwar eine aus der Provinz, könnte man hinzufügen, was nur verdeutlichen soll, dass sie keine Frau ist, die sich dazu eignet, in gestyltem Ambiente aufzutreten, sondern mit ihrer ganzen Art etwas Bodenständiges, auf nette Weise Verbindliches ausdrückt. Wir gehen zu ihrem Wagen.
Von ihrem Freund hat sie sich getrennt, weil sie dessen Eifersucht nicht mehr ertrug. Es war die Eifersucht auf ihren Beruf, dass sie ihn gerne macht und damit mehr Geld verdient als er - und weniger die Abneigung gegen das, womit sie es verdient. Das ist ein grundsätzliches Problem, meint Simone. "Wenn die Frau selbst Geld verdient, dann ist der Mann so irritiert, dass er sein ganzes Selbstbewusstsein verliert. Mein Freund kam damit nicht klar und er wurde dann richtig hinterhältig."
Die Karriere von Pornostar Kyra Shade
Angefangen hat ihr berufliches Leben mit einem Pädagogik-Studium, aus dem dann eine dreijährige Ausbildung zur Kindergärtnerin wurde. Irgendwann war damit Schluss. "Jeder hat es verdient, zu wissen, was Sache ist: also habe ich damals meinen Eltern erzählt, dass ich angefangen hatte, Pornos zu drehen. Sie haben es sich angehört und dann versucht, mich davon wegzuholen. 'Du musst da wieder raus. Das ist Rotlicht. Die machen mit Drogen. Die sind kriminell!' Aber ich habe mich nicht abbringen lassen, weil die weder Drogen genommen haben noch irgendetwas mit Kriminellen zu tun hatten. Sendepause. Zwei Jahre, in denen ich mit meinen Eltern so gut wie kein Wort gesprochen habe."
Zuerst hat sie gestrippt, dann für pornografische Magazine posiert. Vier Jahre lang hat Simone in Pornos mitgespielt. Sie war Kyra Shade. Den Künstlernamen hat ihr der im letzten Jahr verstorbene Regisseur Harry S. Morgan gegeben.
"Es hatte wirklich einen großen Reiz, eine zweite Person sein zu können. Aus Simone wurde Kyra. Kyra konnte Dinge machen, die Simone sich nicht getraut hätte. Ich habe meine Doppelexistenz nie verheimlicht. Ich gehe offen damit um. Und ich schäme mich nicht dafür, zu sagen, dass ich gerne vor der Kamera gefickt habe. Oder dass ich jetzt für eine Pornofirma Reportagen drehe. Denn es ist die Lügerei, die einen krank macht. Und die meisten Leute, das erlebe ich immer wieder, führen zwar auch ein Doppelleben, aber sie führen es heimlich."
Pornodarsteller und ihr schlechtes Image
Langsam wird es dunkel. Gegen acht Uhr wollen wir in Malsch sein, eine Ortschaft in der Nähe von Karlsruhe. Dort gibt es den Swingerclub "Colibri". Simone ist dort als Kyra Shade angekündigt. Der Name zieht in der Szene. Noch immer. Auch vier Jahre danach. Simone hat mit 24 ihren ersten Swingerclub besucht, hat da Feuer gefangen und nachdem sie aufgehört hat, als Pornodarstellerin zu arbeiten, ist sie auf die andere Seite der Kamera gewechselt. Sie dreht jetzt für das Magazin "Happy Weekend" kurze Reportagen über Swingerclubs. Und da sie selbst mal in der Szene war, kennt man sie. Tatsächlich wird das heute ungefähr ihre 50. Reportage sein, aber so genau weiß sie das auch nicht mehr.
Wir fahren jetzt auf der A5 Richtung Basel. "Die, die in Swingerclubs gehen, sind in der Minderheit. Viele leben ihre Sexualität entweder gar nicht aus oder heimlich, also im Versteckspiel gegen den Partner. Es gibt jede Menge Frauen, die leben in Verhältnissen, die sie sich zwar ausgesucht haben, aber dann nicht ertragen können. Insofern haben Berichte, in denen Pornodarstellerinnen als Schlampen rüberkommen, oder als Leute geschildert werden, die in einem schlechten Umfeld leben, die in der Kindheit vergewaltigt wurden oder drogenabhängige Dorftrottel sind, eine entlastende Wirkung.
Sowas schafft Distanz. Überhaupt: der schlechte Ruf, der Frauen wie mir anhaftet, ist doch gut für die, die sich nicht trauen, zu ihrer Geilheit zu stehen oder was über ihre Sexualität herausfinden wollen. Da kann man sich einreden: 'Nein, so drauf sein wie die, will ich nicht, da bleib ich doch lieber in meinen vier Wänden hocken. Ich mag zwar frustriert sein, aber immer noch besser, als so 'ne Schlampe sein mit 'nem Dachschaden!'"
Reportagen aus dem Swingerclub
Simone ist mittlerweile eine Art Unternehmerin geworden. Für "Happy Weekend" dreht sie nicht nur die Swingerclub Reportagen (wobei die immer nach dem gleichen Muster ablaufen, nach welchem, werden wir gleich erleben), sondern auch den so genannten "Sex-Talk", also Gespräche mit Pärchen über Sex, und sie macht die Rubrik "Klappe spezial", das sind Berichte über Messen oder Events wie Transenpartys oder Gangbangs.
Wir nähern uns jetzt dem Gewerbegebiet. Das bevorzugte Biotop für Swingerclubs. "Wenn man bedenkt, dass viele Beziehungen nur noch geführt werden aus Gründen der Bequemlichkeit oder wegen finanzieller Interessen oder Abhängigkeiten, dann frage ich mich manchmal, was eigentlich perverser ist. Etwa das, was ich gemacht habe und immer noch oft erleben darf, oder nicht vielleicht doch solche sogenannten Beziehungen, in denen sich keiner mehr traut, mal die Hosen runterzulassen, weil einem der andere entweder egal geworden ist oder man Angst vor ihm hat. Wer über einen anderen schimpft, er oder sie sei pervers, ist oft selbst nur zu feige, genau das zu sein."
Das "Colibri" liegt in einem modernen, schmucklosen Zweckbau. Es ist kalt geworden. Leichter Regen. Über einen Seiteneingang gelangt man ins Treppenhaus. Und im 2.Stock werden wir dann von Rita empfangen, die, mittlerweile wohl jenseits der 60, immer noch das Haus führt, das sie gegründet hat, und Simone mit einer professionellen, spontanen Herzlichkeit empfängt. "Ich bin überzeugt, dass es heute nicht voll werden wird", meint sie. "Das ist mein erster Dreh im Haus und es ist ein Versuch. Aber viele wollen ungestört bleiben, schätzen die Anonymität."
Was Rita trotzdem dazu bringt, ihren Club in "Happy Weekend" vorstellen zu lassen, ist schlicht der Werbeeffekt. Denn was bei "Happy Weekend" als 7-10minütige Reportage läuft, wird von vielen Menschen gesehen, auch wenn der Beitrag immer nach demselben Muster abläuft und seine Existenz dem gleichen Verlangen verdanken dürfte, aus dem heraus wir immer wieder in die selbe Kneipe gehen. Man gehört dazu, sieht sich wieder, ist gewissermaßen das, was man neudeutsch eine Community nennt. Von Swingern für Swinger.
Der Club von Rita gehört jedenfalls nicht zur Wellness-Generation. Bar, Esszimmer, drei Spielwiesen. Alles sehr überschaubar. Und, um im Jargon zu bleiben, so richtig intim! "Familiär, freundlich", wie Rita meint. Aber die ganze Gemütlichkeit hat eben auch den Nachteil, dass man das Gefühl nicht loswird, im Wohnzimmer der eigenen Eltern abgestellt worden zu sein. Alles ist hier darauf hin eingerichtet, jene Art von Gewöhnlichkeit zu verbreiten, die einen eher schon mal daran denken lässt, in einem Anfall von Freiheitswahn kurzerhand alles kurz und klein zu schlagen, als hier sogenannte hemmungslose Sex-Orgien feiern zu wollen.
So sind dann auch die Leute, die trotz oder wegen Kyra Shade gekommen sind, um sich eine Prise Abwechslung reinzupfeifen, an der Bar noch in reservierter Stimmung. Doris und Kai, sie Altenpflegerin, er Metzger, beide übergewichtig und in knapp sitzender Unterwäsche, haben sich einen Tisch unter dem gigantischen Plasma-Fernseher erobert, auf dem jetzt Nackte mit Modelmaßen erotischen Flair in die Wohnstube zaubern.
"Es kommen mehr Paare als Singles", stellt Rita fest. "Und oft sind auch Franzosen da. Die Grenze ist ja nicht weit. Und hier können die sich offener bewegen. Manchmal machen wir auch Gangbang-Abende, übrigens auf Wunsch von Frauen, die das mal erleben wollen."
Pornostar Kyra Shade als Star des Abends
Auf einem Plakat im Flur ist Kyra Shade als die Attraktion des Abends angekündigt. Und sie hat sich jetzt in Schale geworden. So ein knapp sitzendes Teil aus schwarzem Plastik, irgendwas zwischen Kleid und Reizwäsche, dazu hochhackige schwarze Schuhe, und zusammen mit ihrem langen, wallenden Haar hat Simone fast was futuristisches, so wie man sich in den 60ern die Frauen im Jahr 2500 vorgestellt haben mag.
Aber so richtig begeistert ist man hier nicht, eine leibhaftige Ex-Pornodarstellerin als Gast dabei zu haben, aber wahrscheinlich ist es doch eher die Kamera von Marco, der hier schon auf Simone gewartet hat und für einen krank gewordenen Kollegen eingesprungen ist, die die nun zahlreicher eintrudelnden Besucher davon abhält, sich augenblicklich die Klamotten vom Leib zu reißen und übereinander herzufallen.
Jedenfalls hat sich Simone nun an der Bar aufgestellt. Sie hält ihre kleine Rede, die jedes mal die gleiche ist, wie sie sagt, und mit der sie die Leute informiert, dass sie von "Happy Weekend" sei und eine Reportage drehe. "Wer gefilmt werden will, der bleibt hier, wer das lieber nicht will, zieht sich zurück. Kein Problem."
Dabei wird sie nicht nur von Marco gefilmt, sondern auch von Sigi fotografiert. Sigi scheint irgendetwas mit dem Swingerclub zu tun zu haben, ein Kerl Anfang Fünfzig, in engen Lederhosen, Igelfrisur und Latex-T-Sirt. Er ist so sehr auf seine Fotos fixiert, dass es ihm nicht immer auffällt, wenn er Marco mal quer in den Bildausschnitt hineinläuft. Eine ganze Reihe von Gästen zieht sich jetzt zurück. Doris und Kai bleiben an ihrem Tischchen sitzen.
Die Dreharbeiten des "Swingeralltags" beginnen
Im Esszimmer verspeisen drei Paare wortlos die Buffet-Attraktionen. Stimmungsmäßig hat das hier was von der Kantine aus "Stromberg". Nichts muss, alles kann. Aber vielleicht ist es ja auch eher: Alles muss, nichts kann. Geht man hier hin und bezahlt als Paar 45 EUR, ist man geradezu verpflichtet, auf den Liegewiesen bumsen zu gehen, es sei denn, man verspeist die Knete. Als Single ist man mit 110 EUR dabei. Das verschärft den Zielkonflikt von Verpflichtung und Möglichkeit. Soviel essen kann man gar nicht, dass sich das wieder amortisieren würde.
Im Grunde gibt es den Swingerclub nicht, in dem schlechte Stimmung wäre: Weil jeder zum Ficken hierher kommt, kann man sich schlechte Laune einfach nicht leisten, selbst wenn man sie hätte. Und das mag auch der Grund dafür sein, weshalb man das Gefühl nicht abschütteln kann, als läge hier hauchdünn und feingesponnen über allem etwas Zwanghaftes. Aber das mag zum einen nur ein subjektiver Eindruck sein, zum anderen ist das nicht Simones Sache.
Klar, sie würde sich schon etwas mehr Engagement bei den Gästen wünschen, aber deshalb ist sie es ja auch, die diese Reportagen dreht, weil sie so sehr in der Szene verankert ist, dass kein Clubbetreiber es zulassen würde, die Kyra wirklich unzufrieden davon ziehen zu lassen. Marco geht mit der Kamera am Tresen entlang, Leute einfangen, die trinken und ein bisschen reden. So die richtige Fick-Stimmung liegt noch nicht in der Luft. Ein beleibter Herr in Badehose, zwei Jungs, die aussehen, als hätten sie gerade die Lehre angefangen, und eine knapp 60 Jährige in einem knallengen Einteiler, filigrane Figur, offenbar eine Frau aus Frankreich. Herunter gedämpftes Licht, an das Objektiv der Kamera hat Marco einen schwachen Lichtkranz geflanscht, so dass die Bilder etwas grobkörnig werden, schummrig. Wenn es nicht so wäre, so müsste man es erfinden oder einen Filter einbauen, der diese miese Qualität fingiert, meint Marco, denn die schlechten Bilder sind gewissermaßen das Echtheitszertifikat für die Reportage.
Wenn die Realität die Inszenierung überrundet
Dann schnappt sich Simone die beiden vom Tischchen am Plasmaschirm, die Altenpflegerin und den Metzger. Mit ihnen sitzt sie auf der Bettkante. Das Gäste-Interview, auch fester Bestandteil der Reportage. Doris braucht jetzt viel Sex, weil sie so prüde war, wie sie meint, und jetzt eine Menge nachzuholen hat, wo ihr der Kai doch so schön zeigt, was man alles machen kann. Simone dazwischen, mit ihrem Gute-Laune-Gesicht, so richtig nah dran, davor Marco mit seiner Kamera, daneben der Sigi mit dem Fotoapparat und dahinter dann ich mit meiner Digital-Kamera.
Den Flur runter, an der Toilette vorbei, hinten rechts, wird laut gestöhnt. Da sind die anderen Liegewiesen. Rita kommt vorbei und verschwindet um die Ecke. Sie sucht nach Pärchen, die sich gleich von Marco filmen lassen. Das ist heute offenbar gar nicht so einfach, aber für Rita die Pflicht. Das wäre peinlich, ein Swingerclub, in dem keiner ficken will.
Das Interview ist beendet. Doris und Kai sind erst 41 und 43, haben aber schon was von Frühverrentung.
"Irgendwie abgekämpft vom Leben", meint Simone leise zu mir.
"Ich hab welche!", lässt sich Rita vernehmen, die hinter uns wieder aufgetaucht ist.
In einem Raum mit vielen Matratzen, Kissen, einem Paravent und bunten Tüchern an den Wänden haben sich zwei Paare niedergelegt und fummeln an sich rum. Alle vier tragen Masken. Über ihnen schwebt ein großer Monitor, auf dem stumm ein Porno läuft. Marco schleicht wie ein Geist durch den Vorhang und senkt die Kamera bis fast auf Matratzenhöhe.
Die zwei Männer und Frauen geben sich jetzt Mühe. Und sind dabei Mucksmäuschenstill. Ich stehe auf der anderen Seite des Vorhangs und soll Sigi davon abhalten, Marco hinterher zu stolpern - darum hat mich Simone gebeten - und so stehe ich da und höre nichts, außer ein bisschen Geraschel, fast unnatürlich, kein Atmen. Die Körper bewegen sich, als seien sie 3D-Bilder ohne Ton. Dann aber fängt die ältere schlanke Französin zu stöhnen an, rhythmischer, und plötzlich ganz laut, wobei Marco mit der Kamera einen eleganten Bogen beschreibt und sich dabei wieder aufrichtet. Vielleicht sind es diese kleinen Momente, die den immer wieder neuen Reiz ausmachen, dass nämlich was passiert, was nicht inszeniert scheint.
Simone ist zufrieden. Marco auch. Noch die Schlussabmoderation, dann ist die Reportage im Kasten. "Ja ihr Lieben, auch der schönste Abend geht mal zu Ende. Tschüss aus dem Swingerclub in Malsch." Das mit dem Lächeln bekommt Simone wirklich gut hin. Wahrscheinlich lacht sie auch ein wenig über die Situation und sich selbst, weil niemandem, der nicht mittendrin steckt, entgehen kann, wie hier jeder versucht, diese Mischung aus Orgie, Kegelabend und Familientreffen auf die Beine zu stellen.
Simone zieht sich um, wird wieder zivil. Die Kostümierung wandert in die Reisetasche. Marco packt Stativ und Kamera ein. Ich glaube, Rita ist nun ganz froh, dass sie uns wieder loswird. Die Sache ist ja noch mal glimpflich abgegangen.
Während der Rückfahrt schlafe ich ein auf dem Beifahrersitz. Ein Uhr nachts auf der Autobahn. Die ehemalige Pornodarstellerin Kyra Shade fährt mich sicher durch die Nacht. Zurück zum Treffpunkt. Auch Simone ist erschöpft. "Das war ein müder Haufen heute", meint sie. "Es gibt bessere Abende." Ich glaube, Simone ist zufrieden mit dem, was sie da macht. Es schmeichelt ihr, wiedererkannt und respektiert zu werden: eine Frau, die mal Pornodarstellerin war und jetzt einem Beruf nachgeht, bei dem die Leute sehen, dass die, die mal als die Schlampe vom Dienst galt, eine nette und dabei auch kluge Frau ist. So eine muss in der Szene eine Identifikationsfigur sein. Die Überwindung eines Klischees.
Als wir durch die Straßen ihrer Kleinstadt fahren, brennt hinter keinem Fenster mehr Licht. Auf dem kleinen Parkplatz ihrer Wohnung verabschieden wir uns.
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Warum eigentlich ist Pornografie fast immer nur Thema der Diffamierung, von Misshandlung und Ausbeutung? Und weniger von Freude, Lust und Experiment? Alice Schwarzer und ihre Zeitschrift EMMA haben sicher maßgeblich Anteil daran, dass in Deutschland so häufig mit Vorurteilen und Klischees argumentiert wird. In der nächsten Folge untersuche ich an konkreten Beispielen, mit welchen Verdrehungen, zum Teil auch Lügen, kurzum: wie ideologisch verzerrt der Schwarzer-Feminismus Pornografie angreift und diskreditiert.
© Philip Siegel
Mehr zu Porno in Deutschland
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