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Ghosting. Weg war ich.

Trennung ohne Ansage
18. April 2017

Im Zeitalter von Online-Dating passiert es oft: Der Mensch, den man eigentlich ganz gut fand, meldet sich nicht mehr und schreibt auch nicht mehr zurück. Sex-Kolumnistin Sophie Andresky über das Phänomen "Ghosting".

Zeit für ein Geständnis: Ja, ich habe es auch schon getan. Geghosted. Mich in Luft aufgelöst. Ich bin chamäleonartig mit der Umgebung verschmolzen und war einfach nicht mehr erreichbar. Und das, wo ich doch immer predige, in Beziehungen Tacheles zu reden.

Es war nur so: Eine Beziehung hatten wir noch gar nicht, die Frau aus der Bibliothek und ich. Sie war mir aufgefallen, weil mir ihr Lächeln gefiel und ich es cool fand, dass sie wie eine Mischung aus Wunschtroll und sexy Pippi Langstrumpf auf dem Kopierer saß. Es hatte zwei Dates gegeben, die eigentlich gut hätten laufen müssen, weil wir ähnliche Interessen hatten. Wir matchten also. Aber sie hatte da diese Angewohnheit, die mich wahnsinnig machte und, nein, das war eigentlich keine große Sache. Sie hat nicht in der Nase gebohrt, sich den Busen mit Nazi-Symbolen tätowieren lassen oder Hundewelpen von der Autobahnbrücke geworfen. Sie hatte nur ein enervierendes Zeitmanagement in Gesprächen.

Warum ich Ghosting betrieb

Das sah so aus: Sie erzählte etwas und zwar lang und ausgiebig. Das macht mir nichts, ich mag Frauen, die viel reden. Dann hörte sie auf und sah mich erwartungsvoll an. Ich wartete noch eine Sekunde, ob sie wirklich fertig war, holte Luft, fing einen Satz an, und nachdem ich die ersten vier, fünf Worte gesagt hatte, unterbrach sie mich und erzählte ihre Geschichte weiter. Ich schwieg sofort, leicht peinlich berührt, weil ich sie nicht hatte unterbrechen wollen. Als sie wieder eine Pause einlegte, wartete ich diesmal länger, ob nicht doch noch etwas käme, keine Hektik, das ist ein Date, kein Telefonsex, ich berechne mein Zuhören nicht nach Minuten. Nachdem sie die Nase tief im Weinglas versenkt hatte, sagte ich einen Satz, aber schon im zweiten unterbrach sie mich wieder und erzählte weiter. So ging das den ganzen Abend.

Es ist okay für mich, auch mal eine ganze Verabredung hindurch nur zuzuhören, ich muss nicht zwingend von mir erzählen und ersticke auch nicht, wenn ich mal eine Stunde gar nichts sage außer mmmh, aha, ach, wirklich? und ähnlicher Lebenszeichen. Aber ihr Timing machte mich fertig. Dass ich nie wusste, wann sie eine Reaktion erwartete und wann ich mich zurückhalten sollte. Kurz stellte ich mir vor, wie das im Bett werden würde: Ich komme! Nein ach warte, doch nicht, erst du. Ich komme! Aber bitte, komm gern noch mal. Soll ich jetzt? Hallo? Ach, du schläfst schon. Na dann gute Nacht.

Was blieb mir anderes übrig? Die Dame aus der Bibliothek hatte ein enervierendes Zeitmanagement in ihren Gesprächen.
Was blieb mir anderes übrig? Die Dame aus der Bibliothek hatte ein enervierendes Zeitmanagement in ihren Gesprächen.
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Einfach davon schleichen

Um es kurz zu machen: Ich schlich mich aus der noch nicht vorhandenen Beziehung, war einfach nicht mehr erreichbar, antwortete nicht auf Mails und änderte meine Bibliothekszeiten. Nicht nett, ich weiß. Sie hat sich sicher gewundert. Aber was für Optionen hätte ich gehabt? "Bei deiner Kommunikation läuft einiges schief" ist so ein riesiges, vernichtendes, umfassendes Urteil. Dass jemand sein Parfum wechselt, okay, kein so großes Ding. Aber dass jemand die Art ändert, mit der er Gespräche führt? Glaub ich nicht. Und ist damit überhaupt alles aus der Welt? Wie unsensibel muss eine Frau sein, die ihre Gesprächpartnerin einen ganzen Abend lang jedes, aber auch jedes Mal unterbricht, wenn die gerade versucht, irgendwas zu antworten? Ist es nicht normal, dass man kurz innehält, wenn man merkt, die andere spricht?

Kommunikation ist manchmal schräg

Wobei mir einfällt: Ich hatte noch ein anderes schräges Kommunikations-Erlebnis und zwar mit einem Theaterregisseur. Wir unterhielten uns, als jemand dazutrat, der ihn etwas Wichtiges fragen musste. Der Regisseur, den ich gerade fünf Minuten kannte, legte mir einfach so die Hand auf den Oberschenkel und ließ sie dort liegen, bis das Problem geklärt war, danach nahm er die Hand weg und erzählte mir seine Anekdote weiter. Ich dachte schon, er hätte mich angegraben, bis ich sah, dass er auf genau die gleiche Weise auch den Häppchen-Kellner antatschte. Und die Frau vom Intendanten. Und eine alte Dame, die nur irgendwo sitzen wollte. Nonverbale Kommunikation nennt man das wohl, den Kontakt zu halten, indem man jemanden so lange begrabbelt, bis das Gespräch weitergeht. Nicht weglaufen hier! Fand ich befremdlich. Bei ihm sagte ich aber wenigstens "Ich muss dann mal los." Das war kein Ghosting. Bei meinem Bibliotheks-Date schon.

Und natürlich nimmt jeder eine Zurückweisung persönlich. Einen Korb sportlich zu sehen, halte ich für nahezu unmöglich.

Verabschiedungen sind aber auch eine schwierige Sache zwischen zwei Menschen, viel komplizierter, als sich miteinander bekannt zu machen, denn wenn man sich erst mal angenähert hat, entstehen zwangsläufig Ansprüche und Erwartungen. Und ist es wirklich so sinnvoll, einem Menschen, den ich ohnehin schon dadurch verletze, dass ich ihn nicht mehr in meinem Leben haben will, auch noch hinterherzutreten, indem ich ihm eine Kritik mitgebe, an der er vielleicht länger zu knabbern hat als an der Trennung? Eine Zwischenlösung ist natürlich, sich nicht wortlos zu verghosten, sondern wenigstens irgendetwas zu sagen, aber auch das wird manchmal bizarr.

Die fünf dümmsten Ausreden, die ich mal benutzt habe, um jemanden nicht mehr treffen müssen:

1. Ich bin total müde. (drei Wochen lang)
2. Ich muss mit der Katze zum Tierarzt. Eiterabszess aufschneiden.
3. Unsere Sternzeichen passen nicht. (Ich glaub an solchen Humbug ja nicht, aber erfahrungsgemäß glauben Männer, dass Frauen daran glauben.)
4. Ich weiß nicht wieso, aber ich muss im Bett mit dir immer an meinen Ex denken und wie er mich zum Schreien gebracht hat.
5. Ich bin lesbisch. (Das hab ich als Jugendliche öfter versucht, hat mir aber nie einer abgenommen. Irgendwann begriff ich, dass Männer die Vorstellung von zwei muschileckenden Teenagermädchen eher nicht so abschreckend finden.)

Die fünf dümmsten Ausreden, die ich von Dates gehört habe, damit sie mich nicht mehr treffen müssen:

1. Ich hab deine Telefonnummer verloren. Deine E-Mail auch. Und die Adresse.
2. Ich glaub, ich möchte doch ganz schnell Kinder.
3. Ich hab eine Katzenhaarallergie und krieg immer juckende Augen in deiner Nähe.
4. Ich muss viel fürs Studium arbeiten, ich hab gerade keine Zeit für Dates, ich lese Tag und Nacht.
5. Es ist Ramadan, und ich versuche, eine Weile auf jeden Spaß zu verzichten, um mich spirituell zu reinigen.

Auch nicht schön sind nonverbale Aktionen, in der Hoffnung, dass der andere sie mitkriegt und entsprechend deutet, wie zum Beispiel viele Dates mit anderen in den großen Wandkalender einzutragen, fremde Männer ans eigene Handy gehen zu lassen, wenn der Delinquent anruft, den zukünftigen Ex aus dem gemeinsamen Foto zu entfernen und es halb abgeschnitten in den Rahmen zurückzustellen oder seinen Traum-Urlaub nur für sich selbst zu buchen. Das ist alles ziemlich gemein, genau wie die Beziehung per SMS zu beenden oder wie in einer der besten Sex and the City-Folgen, auf einem Post-it. So was macht man nicht. Auch absolut daneben ist es, den Beziehungsstatus auf facebook zu korrigieren, bevor der andere davon weiß. Überhaupt facebook, ich versteh es nicht, was treibt erwachsene Menschen in diese große Sandkiste, in der sie Förmchen vergleichen und sich gegenseitig auf den Sandkuchen strullern?

Sex mittendrin abbrechen

Ein ganz besonderes Minenfeld ist es, Sex mittendrin abzubrechen. Herumzuknutschen fühlte sich noch gut an. Auch die Phasen unter-Shirt-ohne-Shirt waren gut. Und dann stimmte irgendwas nicht. Er rülpste vielleicht, und aus den Tiefen seiner Gedärme wehte mich ein Pesthauch an. Möglicherweise machte er eine Bemerkung, die mich auf Käpt'n-Iglo-Temperatur runterfrostete. Er packte meinen Busen mit einer Grabsch-Geste oder schraubte an den Nippeln herum, als wollte er den Radiosender ändern. Vielleicht musste ich ihm mehrmals hintereinander sagen, dass ich es nicht leiden kann, wenn jemand meinen Hals anfasst. Vielleicht prahlte er schon beim Vorspiel, was er anschließend seinen Kumpels über mich erzählen würde. Jedenfalls war die Stimmung dahin, ob gerechtfertigt oder nicht, aber ich emigrierte innerlich. Und in dem Moment steht man als Frau vor einem blöden Gewissenskonflikt.

Sex mittendrin abzubrechen ist ein ganz besonderes Minenfeld.
Sex mittendrin abzubrechen ist ein ganz besonderes Minenfeld.
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Auf der einen Seite hatte ich ja deutlich zum Ausdruck gebracht, dass ich mit Sex einverstanden wäre, auf der anderen wollte ich jetzt aber nicht mehr. Ist das fair? Muss das für einen Mann nachvollziehbar sein? Ich kann verstehen, wenn das ärgerlich ist, aber ich breche in einem solchen Moment die ganze Sache ab. Mit seiner Verwirrung und Verstimmung muss ich dann halt leben. Es gibt einfach keinen Zeitpunkt, ab dem man das Recht auf Vollzug hätte. Nimmt man es sich trotzdem, ist das Vergewaltigung. Die schwedische Rechtssprechung ist da ein Stück radikaler als unsere.

In so einer Situation, die ja glücklicherweise echt selten vorkommt, verschweige ich jedenfalls meist, warum ich erst ganz wuschig war und plötzlich nicht mehr.

Und zwar einfach deshalb, weil aus so einem abgebrochenen Date sowieso nichts mehr wird. Das buchen beide am besten ab unter dumm gelaufen. Und falls euch Jungs das tröstet: Für die Frau, die sich eine heiße Nacht versprochen hat und dann mittendrin den Lover zum ungebetenen Gast erklärt und aus der Wohnung komplimentiert, fühlt sich das auch nicht gut an. Spaß macht das nicht – sofern man keine manipulative Sadistin ist.

Fakt ist aber auch: Abschiede sind nicht schön und gehen nie ohne Verletzungen ab. Da kann man wenigstens dafür sorgen, dass sie eindeutig und schnell passieren, ohne sich vorher wochen- und monatelang gegenseitig zu quälen. Und egal, welche Kritikpunkte man dem Exfreund auch vorwirft: Er muss mit dem, was man ihm zum Rauswurf mitgibt, leben. Also braucht er so viel Information wie nötig, um die Trennung zu verstehen, aber so wenig wie möglich, um sich nicht komplett zerstört zu fühlen.

In diesem Sinne:

Carolin, mir ging deine komische Kommunikation auf die Nerven, und ich fand dich auch nicht so witzig, wie ich anfangs gedacht hatte, jedenfalls nicht genug, um dir das mit den Gesprächspausen zu sagen und zu sehen, ob wir das gemeinsam hinkriegen. Thomas, als du dich beim Fummeln minutenlang ekstatisch und hektisch in der Kimme gekratzt hast, bekam ich den Gedanken, dass das ansteckend sein könnte, nicht mehr aus dem Kopf, und ich wollte nur noch, dass du gehst und ich die Bettwäsche in den Kochwaschgang werfen konnte.

Und Sybilla und Frank: Ja, wir hatten Spaß. Aber ihr habt euch, während wir zusammen unterwegs oder im Bett waren, immer wieder über Dinge unterhalten, die nur ihr als Paar verstehen konntet, und mich damit ausgeschlossen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ihr wirklich an mir interessiert wart, sondern dass ihr bloß irgendein austauschbares Publikum brauchtet, um euch als besonders erotisches und aufgeschlossenes Paar zu präsentieren, und zu Claqueur-Dienstleistungen hatte ich keine Lust.

Und Timo. Ich weiß, wie bescheuert es klang, als ich sagte, ich kann nicht zu dir kommen, weil mein Kater über die heiße Herdplatte gelatscht ist und ich mit ihm in die Klinik muss, aber es stimmte wirklich. Und es hatte tatsächlich nichts mit dir zu tun, dass ich unser Date abgesagt habe. Wenn du also doch noch mal Lust auf einen Abend mit einer schnurrigen Muschi hast: Ruf mich an.

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