08.09.2014

Mythen über Sex
Die neuen Anforderungen an den Sex

Magazin

Das große Sex- und Erotik-Magazin mit vielen Anregungen, Tipps und Tricks wird dein Sex-Leben bereichern und aufregender machen. Immer wieder neu und aktuell!

Es gibt viele Meinungen oder Urteile, wie Sex sein soll und wie er nicht sein soll. Je nach Gesellschaft und Zeitalter ändern sich unsere Vorstellungen. Während Sex früher als unanständig galt, nur der Fortpflanzung dienen sollte und möglichst unauffällig zu geschehen hatte, herrscht heutzutage eher das Gegenteil vor. Sex ist gesund, ohne ihn leidet die Beziehung, Sex muss immer aufregend sein und außerdem muss man ständig Grenzen erweitern und Neues ausprobieren. Die neue Offenheit in Sachen Sexualität führt im positiven Sinne dazu, dass niemand mehr seine Lust unterdrücken muss. Doch gleichzeitig entstehen dadurch neue Normen, die wiederum auch einengend wirken können. Silke Maschinger ging den modernen Anforderungen an den Sex und ihren Gültigkeiten auf den Grund…

1. Sex muss immer toll sein

Sex muss immer toll sein? Muss er das wirklich?
Sex muss immer toll sein? Muss er das wirklich?

In einer Zeitschrift las ich einmal die Überschrift "Der beste Sex ihres Lebens und wie sie ihn noch heute Abend bekommen können". Das ist die grundlegende Botschaft, die einem in den Medien häufig vermittelt wird. Sex hat toll zu sein, außergewöhnlich und grenzüberschreitend. Doch Sex kann gar nicht immer außergewöhnlich sein, denn egal auf welchem Level man sich befindet, irgendwann wird er "gewöhnlich". Und es gehört dazu, dass die Lust einmal nicht ganz so berauschend ist, dass sie nur durchschnittlich ist. Denn nicht immer ist man in der Stimmung oder in der Lage, sich vollkommen fallen zu lassen.

Wenn man immer mit hohen Erwartungen an Lust herangeht, besteht die Gefahr, das nicht schätzen zu können, was gerade möglich ist. Das soll nicht bedeuten, dass man sich mit schlechtem Sex zufrieden geben muss oder gar mitmacht, nur um jemand anderen zufriedenzustellen. Aber guter Sex entsteht aus der Situation heraus, aus dem Sich-fallen-lassen und aus dem Genießen dessen, was gerade ist. Hohe Erwartungen stehen dem "Im-Moment-Sein" entgegen.

2. Sex in einer Beziehung muss so sein wie am Anfang

Am Anfang einer Beziehung ist der Sex natürlich anders! Aber ist er auch besser?
Am Anfang einer Beziehung ist der Sex natürlich anders! Aber ist er auch besser?

Bei vielen Paaren ist es so, dass die Leidenschaft am Anfang einer Beziehung am größten ist. Dementsprechend wünschen sich viele die Lust und die Leichtigkeit des Anfangs zurück, wenn über die Jahre die Spannung verloren gegangen ist. Doch dabei vergessen sie, dass die Rahmenbedingungen am Anfang ganz anders waren, dass sie damals vielleicht auch ganz andere Persönlichkeiten waren und dass sich mit der Beziehung, mit der Zeit und auch mit dem Alter der Sex verändert. Deswegen muss der Sex nicht schlechter werden, er wird zuallererst einmal nur anders.

Man darf auch folgendes nicht vergessen: Die Leidenschaft bei neuen Partnern lebt zu einem großen Teil auch von einer Unsicherheit, einer Spannung und Neugier, die die Funken sprühen lassen. Doch Vertrauen entwickelt sich erst im Laufe der Zeit und damit ist dann auch eine ganz andere Entwicklung möglich. Man traut sich mehr sich selbst, seine Wünsche, aber auch seine Grenzen oder Verletzlichkeiten zu zeigen. Vielleicht spürt man auch mehr, weil der Sex ruhiger und man selbst für die eigene Lust und die des Partners sensibler wird.

3. Sex ist einfach

Rein, raus, fertig! So könnte man den Ablauf von Sex ganz radikal gekürzt beschreiben. Aber es steckt viel mehr dahinter, was man nicht immer auf den ersten Blick sehen kann. Was tun, wenn es nicht mehr klappt? Das kann mehrere Ursachen haben, die gar nichts direkt mit dem Sex zu tun haben: Angst vorm Leben, Angst vor Kontrollverlust, Angst zu versagen, Beziehungskonflikte oder aber auch ganz andere Probleme, die gerade alles an Sinnlichkeit überschatten.

Deswegen helfen einfache Sextipps nicht immer weiter. Manchmal muss man viel tiefer schauen, warum der Sex gerade nicht funktioniert. Und Wissen über körperliche Bedingungen (seelisch, körperlich, geistig) können dabei helfen, mehr Lust zu bereiten. Am schönsten ist Sex natürlich, wenn er ganz einfach geschieht. Doch wenn das nicht mehr der Fall ist, dann gilt es hinzuschauen, warum. Und dann wird Sex erstmal verdammt kompliziert, bis man dann dem Problem auf die Spur gekommen ist und der Sex dann irgendwann wieder leichter wird.

4. Sex ist Bedingung für eine Beziehung

Kann man Sex von Liebe trennen? Kann man Sex von Emotionen trennen? Manche Menschen sagen: "Ja, das ist ganz einfach und natürlich." Andere wiederum können nur beides zusammen haben. Aber es gibt auch Menschen, die eine Beziehung haben und keinen Sex und trotzdem bedeutet das nicht, dass sie eine schlechte Beziehung oder gar ein freudloses Leben führen. Manche Paare bleiben zusammen, weil sie sich lieben, auch wenn der Sex über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg für einen oder alle unbefriedigend war/ist. Ganz einfach, weil es andere verbindende Momente geben kann: Kinder, Projekte, Hobbys, Interessen…. Letztendlich ist Sex erst dann eine Bedingung für eine Beziehung, wenn einer von beiden ihn als solches betrachtet. Sonst könnten nämlich asexuelle Menschen überhaupt keine Beziehung führen.

5. Die Beziehungsform ist entscheidend

Die Beziehungsform ist für guten Sex nicht grundlegend entscheidend.
Die Beziehungsform ist für guten Sex nicht grundlegend entscheidend.

Seit einigen Jahren wird die Öffnung einer Beziehung als Rettungsmodell für ein längeres Andauern von Beziehungen angepriesen. Die einen schwören auf eine sexuelle Offenheit, in der man mit Wissen des Partners Sex mit anderen hat, die anderen sind offen für mehrere Liebesbeziehungen. Andere wiederum stellen diese Konzepte generell in Frage und beschwören die Monogamie als die einzig wahre Form. Doch die Beziehungsform ist nicht grundlegend entscheidend. Man kann nicht sagen, dass sich Menschen in offenen Beziehungen nicht trennen, dass die Öffnung die Beziehung generell sicherer, weil unabhängiger macht.

Das was wirklich entscheidend ist, ist die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich mit dem Partner bzw. den Partnern intensiv auseinanderzusetzen. Da ist es egal, ob es nur einer ist oder mehrere. Wer es mit einem nicht hinbekommt, wird es auch mit mehreren nicht hinbekommen. In Beziehungen muss man sich manchmal zurücknehmen, um den anderen nicht zu verletzen, darf sich dabei aber auch selbst nicht vergessen. Diesen Balanceakt gilt es immer zu meistern, egal, in welcher Form von Beziehung man lebt.

6. Schönheit bedeutet besserer Sex

Haben schöne Menschen besseren Sex?
Haben schöne Menschen besseren Sex?

Es soll Frauen geben, die bestimmte Stellungen beim Sex nicht mögen, weil sich ihr Körper dann nicht optimal verteilt. Oder sie denken, sie sind generell zu dick, und können deswegen den Sex nicht genießen. Manche Männer machen sich auch Gedanken darüber, ob ihr Schwanz groß genug oder aber vielleicht zu groß ist. Ob Gewicht, Behinderung, Alterserscheinungen oder ein nicht perfekter Körper, Gründe gibt es genug, sich beim Sex nicht zu mögen. Doch die meisten übersehen, dass all das gar keine wirklichen Gründe sind. Denn guter Sex ist nicht abhängig von einem perfekten Aussehen.

Und wer optisch attraktiv ist, mit dem muss Sex nicht unbedingt besser sein als mit jemandem, der nicht dem Ideal entspricht. Attraktive Menschen haben vielleicht eine höhere Auswahl an möglichen Sexualpartnern, aber das ist noch kein Garant für guten Sex. Entscheidend ist nämlich vielmehr, wie sehr man den Sex genießen kann. Wenn es anders wäre, dürften geschätzte 99% der Menschheit keinen (guten) Sex haben, weil sie nicht dem jeweiligen gesellschaftlichen Ideal entsprechen. Die hohe Kunst besteht also darin, nicht schön zu sein, sondern (sich) schön zu fühlen.

7. Es gibt so etwas wie eine normale Sexualität

Was ist normal? Ist es normal, erotische Lust beim Kitzeln zu empfinden? Ist es normal, fremde Unterwäsche zu klauen und zu tragen? Es ist sicher nicht normal in dem Sinne, dass die meisten Menschen das ebenfalls machen. Wenn man eine andere Sexualität hat als der Durchschnitt der Menschen, dann ist das im beschreibenden Sinne eben nicht normal. Aber das bedeutet auf keinen Fall, dass man sich irgendwelchen Normen anpassen sollte oder dass man deswegen krank ist.

Und die Frage ist dann auch immer, von welcher Norm überhaupt die Rede ist. Sich beim Sex den Hintern zu verhauen, ist trotz "Shades of Grey" für viele Menschen nicht normal. Doch wenn man auf eine SM-Party geht, ist gerade das dort total normal. Deswegen ist die Frage nach "Ist das normal, wenn ..." eigentlich gar nicht zu beantworten, denn es gibt keine normale Sexualität.

8. Sex bedeutet Geschlechtsverkehr

Sex ist nicht nur Geschlechtsverkehr!
Sex ist nicht nur Geschlechtsverkehr!

Bei dem Wort Sex denken die Menschen immer an leidenschaftlichen Geschlechtsverkehr. Gut, vielleicht auch noch an ein wie auch immer geartetes Vor- oder Nachspiel. Dazu soll beim Mann möglichst lange eine Erektion vorhanden sein und beide sollen ihren Orgasmus - oder noch besser: Mehrere Orgasmen - bekommen. Doch was ist mit querschnittsgelähmten Menschen? Können die keinen Sex mehr haben? Natürlich können die das.

Sex ist viel mehr als das Rein-Raus. Sex ist spüren, ist körperliche und auch emotionale Nähe, ist Erregung, Entspannung, Genuss. Er bezieht sich auf den ganzen Körper, nicht nur auf die Geschlechtsmerkmale. Man kann also auch Sex ohne Geschlechtsverkehr haben. Wer denkt, beim Sex müsste man immer miteinander vögeln, verkennt die außerordentlich vielen Möglichkeiten, die ebenfalls Lust verschaffen können.

9. Sex ist nur Sex

Sex ist niemals nur Sex.

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