SektRentier "Einstein"SektGeburtstag

Rhabia

Autorin · 54 Jahre
Heidelberg
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Die kleine Frau vom Mond

Die kleine Frau vom Mond

Auf dem Mond lebte eine kleine Frau. Ja, ja, werdet ihr denken, es heißt ja der Mann im Mond! Aber der ist schon lange nicht mehr dort. Die kleine Frau vom Mond kannte ihn noch. Aber das ist Ewigkeiten her. Wohin er gegangen ist, das weiß niemand. Auch nicht die kleine Frau vom Mond. Irgendwann, da war er einfach fort. Anfangs, da schmollte die Frau vom Mond ein wenig. Denn sie war nicht wirklich gern allein. Aber nach einer Weile vergaß sie ihn und vergnügte sich allein mit den Sternschuppen und Wolkenschäfchen. Und sie schaute so gerne hinunter auf die Erde, an den Tagen, wo der Mond auch tagsüber auf der Erde sichtbar war. Und die Erde auf dem Mond.
An manchen Tagen hatte die Frau vom Mond Freude daran, auf ihrer Schaukel zu schaukeln.
Die Schaukel hing am Mond und pendelte über der Erde.
Die Frau vom Mond lachte ihr silbrighelles Lachen, wenn sie mit ihren kleinen Füßen, die in mondsilbernen Pantoffeln steckten und an deren nach oben gebogenen Spitzen kleine mondlichtsilberne Glöckchen hingen, Schwung holte. Es machte ihr Freude, das Silberklingeln im All zu hören. Die kleinen Sterne lachten dann ihr sternenflimmerndes Lachen. Und dann lachte die Frau vom Mond und auf der Erde war es manchem Menschen, als scheine der Mond heller als sonst.
Eines Abends, die kleine Frau vom Mond schaukelte besonders ausgelassen, verlor sie einen ihrer Pantoffeln beim Schwungholen. Sie formte ihren kleinen Mund zu einem silbrigen ‚ooohhh’, aber mehr war ihr in diesem Moment nicht möglich. Sie konnte nur zusehen, wie ihr Pantoffel mit dem Glöckchen in silbernen Kreisen hinunter zur Erde fiel.
Da weinte die kleine Frau vom Mond ganz bitterlich, denn diese Pantoffeln waren ihr recht lieb.
Sie fragte die Sternschnuppen um Rat, aber denen war alles schnuppe, wie das bei Sternschnuppen nun mal so ist.
Dann fragte sie die Wolkenschäfchen, was sie tun könne, um ihren Pantoffel wieder zu bekommen, aber die Wolkenschäfchen machten nur „bäh… bäh…“ und verzogen sich auf das nächste Wolkenwiesenfeld.
Nun saß die kleine Frau vom Mond auf ihrer Schaukel und wurde sehr traurig. Sie weinte viele Tränen. So sehr weinte sie, dass die Milchstrasse sich in dieser Nacht noch milchiger gab, als sonst.
Mit einem Mal leuchtete ein kleines Sternchen neben ihr ganz hell und sagte zu ihr: „Du, Mondfrau, ich weiß eine Leiter, die reicht vom Mond bis zur Erde hinunter! Die zeig ich dir gerne, denn ich mag dich so sehr. Und ich mag viel lieber, wenn du lachst!“
Und so zeigte das Sternchen der kleinen Frau vom Mond die Leiter hinunter zur Erde.
Die kleine Frau vom Mond war sehr gerührt, weil ihr das Sternchen half und so ergriff sie beherzt die Leiter.
„Sternchen, ich werde immer an dich denken. Aber jetzt muss ich mich erst auf den langen Weg zur Erde hinunter machen!“
Und die kleine Frau vom Mond stieg auf die Leiter und begann den weiten Weg hinab.
So manches Mal wollten ihre Hände abgleiten, von den kalten, silbernen Sprossen. Aber sie biss die Zähne zusammen.

Da stand sie nun. Alleingelassen im Regen, mit abgebrochenem Absatz. Ihr war zum Heulen. Alles war schief gegangen.
„Kann ich ihnen helfen?“ sagte plötzlich eine angenehm warme Männerstimme hinter ihr. Sie drehte sich um, nickte nur„ Wenn Du meinen Schuh gefunden hast, und der Mann vom Mond bist, dann gerne!“

Da stand diese Frau völlig aufgelöst und weinend vor mir, mit einem kaputten Schuh in der Hand. Der zweite Schuh war nirgends zu sehen.
Irgendwas hatte sie an sich, was mich dazu bewegte, sie zu fragen, ob sie Hilfe braucht. Und sie fragte mich, ob ich der Mann vom Mond sei… Mein Gott, was nagele ich mir mit der Tussie nur ans Bein, dachte ich mir.
Ich überlegte gerade, wie viel sie wohl getrunken hatte, als ich ihr in die Augen sah. Da war irgendwas. Ich kann es nicht gut beschreiben und ihr werdet mich für verrückt halten, aber da war so ein Schimmern in ihren Augen. So eine fast kindliche Unschuld. Nein, ich bin mit Sicherheit kein Kinderschänder! Aber da war etwas, was mich anrührte. Sicher, sie wirkte völlig desorientiert. Und irgendwie auch so, als hätte sie nicht alle Tassen im Schrank. Aber der Ausdruck ihrer Augen war wie Mondlicht, so klar und rein. So, als könne sie nicht nur durch mich hindurch, sondern sogar in mich hineinschauen. Und ich fühlte mich ein bisschen wie ein Schwein, als ich mich dabei ertappte, dass ich ihren Körper musterte.
Was ich sah, war nicht wirklich spektakulär. Sie war weder besonders groß, noch sehr klein. Weder sehr schlank, noch sehr üppig. Eher durchschnittlich. Ihr Gesicht war nicht klassisch schön, aber auch nicht abstoßend. Obwohl… ihre Haut war irgendwie… milchigmondlichtweiß… Wie komme ich nur auf diesen Ausdruck? Sie hatte einen herzigen kleinen Schmollmund. Aber die kleinen Lachfältchen ließen vermuten, dass sie mit diesem Mündchen hervorragend lächeln konnte.
Sie trug eine absolut lächerliche, rot-weiß-geringelte Zipfelmütze mit einem Glöckchen am Ende, das ihr am Rücken baumelte und unter der Mütze quoll ein Schwall lockigen Haares in die Stirn, dessen Farbe mich penetrant an die Mäuse erinnerte, die ich früher hielt, um sie an meine Schlangen zu verfüttern.
Die Farbe ihrer Augen war undefinierbar, und schien immer zu wechseln. Aber in diesem diffusen Licht konnte ich das auch nicht gut beurteilen. Außerdem konzentrierte sich mein Blick auch viel mehr einige Zentimeter tiefer, auf die Brustwarzen, die sich recht unverschämt unter einem dünnen Hemdchen aus fließendem weißem Stoff abzeichneten.
Verdammt! Da stand ich in irgendeiner dunklen Gasse mit so einem weinenden Geschöpf und mein kleiner Freund reagierte prompt auf ein paar Nippel, die sich mir entgegenstreckten!
Sie plapperte irgendwas von einem verlorenen Schuh, aber ich verstand nicht wirklich, was sie eigentlich erzählen wollte. Ich weiß auch nicht, welcher Teufel mich da ritt, aber ich beschloss, die Kleine mit nach Hause zu nehmen, denn ich wollte sie nicht einfach hier auf der Straße stehen lassen.
Sie ging ganz vertrauensselig mit mir mit und schaute mich nur manchmal mit großen Augen an. Ich überlegte schon, ob ich ihr ein Bett auf dem Sofa machen sollte, oder ob ich sie einfach mit in meines nehmen würde. Aber irgendwas hatte sie an sich, was mich vor dem Gedanken zurückschrecken ließ. Irgendwie kam mir der Gedanke fast schäbig vor.
Sie sprach den ganzen Weg lang kein Wort. Ging einfach nur schweigend neben mir her und schniefte noch ein paar Mal laut hörbar. Was für eine merkwürdige Frau!

Der Gedanke, nach dem Mann vom Mond zu suchen, war der kleinen Frau vom Mond just in dem Moment gekommen, als dieser Mann sie angesprochen hatte. Irgendwie fühlte sie sich seltsam, hier auf der Erde. Ob es an der Schwerkraft lag, dass sie mit einem Mal eine Sehnsucht empfand, die sie so nie gefühlt hatte und die beinah schwer auf ihr lastete? Überhaupt fühlte sie sich hier recht durcheinander und hilflos. So kam es, dass sie mit dem Mann mitging, als er ihr eine Hand bot und sie mit einer Mischung aus Neugierde und Besorgtheit ansah.
Oben auf dem Mond, da hatte alles seine Ordnung und sie kannte sich aus. Hier unten auf der Erde wurde sie mehr und mehr verwirrt, als sie Strassen voller eilig vor sich hinhetzenden Menschen sah, die einander gar nicht freundlich anlächelten. Sie war es gewohnt, sich mit den Sternen und den Wolkenschafen zu necken und mit ihnen um die Wette zu lachen. Aber hier wurde wohl nicht viel gelacht.
Die meisten Menschen, denen sie begegneten sahen sie nicht einmal an, was die kleine Frau vom Mond merkwürdig fand, da sie doch ganz neu hier war. Waren diese Menschen nicht neugierig, zu erfahren, wer da neu auf der Erde war? Auf dem Mond hätten alle sofort nachgeschaut, wenn ein Besucher angekommen wäre. Vielleicht hätte man sogar ein kleines Fest zu Ehren des Gastes gefeiert. Aber hier war das wohl anders.
Gelegentlich schaute sie zu ihrem Begleiter, der still und ruhig neben ihr ging und dabei ihre Hand in der seinen hielt. Das war ein gutes Gefühl. Die Hand war warm und fest und vermittelte irgendwie Sicherheit.
So gingen sie eine gute Weile schweigend nebeneinander durch Straßen, die von hohen Häusern gesäumt waren. Autos machten Lärm und die Lichter waren so hell, dass sie, obwohl es Nacht war, die Sterne am Himmel nicht richtig sehen konnte. Das machte ihr Angst, denn die Sterne waren ihre Freunde und zeigten ihr immer die richtige Richtung. Aber sie nahm sich ein Herz und fasste einfach die Hand des Mannes ein wenig fester und schaute nach, ob er auch wirklich noch da wäre, denn er machte ihr den Eindruck, als wisse er, wohin er ginge und als sei er weniger abgehetzt, als die anderen rings um sie her. Er schien sowieso irgendwie anders zu sein, als die anderen Menschen. Das hatte sie gesehen, als sie in seine Augen geschaut hatte. Irgendwas koboldhaftes war an ihm. Aber sie sah auch, wohl versteckt, aber für sie dennoch erkennbar, eine scheue Sanftmut in ihm.
Und so passte sie sich seinem Schritt an und ging neben ihm her, einem Ziel entgegen, das sie nicht kannte, und gewann wieder mehr Sicherheit. Das Ausschreiten hier auf dieser Strasse machte ihr Spaß. Normalerweise hüpfte, und sprang sie viel herum, auf dem Mond, denn der hatte sie nicht so fest im Griff seiner Anziehungskraft. Hier unten auf der Erde war das anders. Sie konzentrierte sich auf das Gehen und war mittlerweile beinah froh, dass sie ihren einen Pantoffel verloren hatte und der andere kaputt war. So konnte sie mit ihren nackten Füßen alles genau erfühlen und Kontakt aufnehmen, zu dieser Erde, die ihr noch so fremd war. Und dafür war Schreiten wesentlich besser geeignet, als Hüpfen, Tanzen und Springen. Und allmählich fand sie auch ihre gute Laune wieder und ein leises Lachen glitt über ihr Gesicht.
Bald musste sie sich beherrschen, nicht vor sich hin zu kichern, denn ihre Fußsohlen kribbelten so lustig von dem Gehwegbelag.

Der Weg zu mir nach Hause war recht weit, denn ich wohnte ein wenig außerhalb. Ich mochte die Stadt nicht besonders. Und die Frau zuckte anfangs zusammen, wenn Krankenwagen mit Sirenen und Blaulicht an uns vorbei donnerten, oder Autos an den Ampeln ihre Motoren aufheulen ließen. Dann fasste sie, wie ein zutrauliches Kind, meine Hand fester und schaute zu mir herüber, wie als wolle sie sicher gehen, dass ich noch da sei.
Nachdem wir eine Weile gegangen waren, wurde der Gesichtsausdruck der drolligen Frau viel fröhlicher. Sie schien in sich hineinzulächeln. Überhaupt hatte ihr Gang etwas Besonderes, etwas irgendwie Schwebendes. Der Zipfel ihrer lächerlichen Mütze schwang munter hin und her und das kleine Glöckchen klingelte dabei silberhell. Ihre Fröhlichkeit war für mich beinahe körperlich spürbar und schien ansteckend zu sein, denn auch mir wurde es seltsam leicht im Sinn. Ich genoss es sehr, so schweigend neben ihr zu gehen, und fand gar nichts Merkwürdiges daran, dass wir kein Wort miteinander sprachen. Als wir vor meinem Haus ankamen empfand ich ein beinah schmerzliches Bedauern. Denn jetzt würden wir hinein gehen. Unser Weg war beendet und in der Wohnung würde das Schweigen womöglich unangenehm werden. Wir würden miteinander sprechen müssen und der Zauber unseres nächtlichen Spaziergangs wäre gebrochen. Ich musste mich räuspern, bevor ich sprach.
„Wir sind da. Wollen wir reingehen?“
Sie schaute mich mit ihren Kulleraugen an und nickte nur kurz. Dabei drückte sie ganz leicht meine Hand.
Also schloss ich die Tür auf und wir gingen hinein.

Irgendwann standen sie vor einem kleinen Haus in der Vorstadt. Der Mann sagte ihr, sie wären angekommen. Wo auch immer. Also ging sie mit ihm hinein.
Drinnen war es seltsam. Alles war so eckig. Treppenstufen, Türen, Wände… alles eckig.
Er öffnete eine Tür mir einem Schlüssel und sie betraten seine Wohnung. Er schloss die Tür hinter ihnen, womit der Lichtstrahl der Beleuchtung aus dem Treppenhaus gekappt wurde. Drinnen war es erst einmal dunkel. Sie hörte ihn ein paar Schritte machen, dann ein Klicken und es wurde hell.
Sie blinzelte in diesem seltsamen Licht und sah sich um.
„Setz dich doch. Magst du was trinken?“
Sie schüttelte den Kopf.
Da war eine große Fensterscheibe. Sie ging ihr entgegen und er öffnete sie. Sie ließ sich zur Seite schieben, so dass man nach draußen auf einen Balkon gehen konnte.
Dort stand sie dann und sah in den Himmel.
Von hier aus konnte sie ihre Sterne sehen, und die Wolkenschäfchen, die längst schliefen.
Mit einem Mal fühlte sie sich sehr klein und einsam. Die gute Laune von Unterwegs war wie weggeflogen. Von hier auf ihrem Aussichtspunkt aus schienen die Sterne so weit weg zu sein. Beinah unerreichbar. Sie konnte ihre Stimmen kaum hören. Dabei war sie es doch gewohnt, von ihren fröhlichen Liedern immer umgeben zu sein. Ihr schauderte.
Der Mann legte eine Hand auf ihre Schulter. Sie drehte sich nicht zu ihm um, sondern schaute weiter zum Himmel, ihr Blick suchte den Mond, suchte ihr Zuhause. Aber die Berührung tat ihr gut. Sie vermittelte ihr Wärme und Nähe.
Diese Erde, sie war so ganz anders, als der Mond, wo alles seine Ordnung hatte. Die Menschen hier, die hatten keinen eigenen Platz. Das hatte sie genau gespürt, als sie durch die Strassen gegangen war und in ihre Gesichter gesehen hatte. Sie hetzten nur durch ihr Leben, ohne das Lied der Sterne zu hören. Sie schauten nicht mehr in den Himmel.
Aber der Mann, dessen Hand auf ihrer Schulter lag, der war anders. Sie konnte es fühlen. Seine Hand war warm und sicher. Und mit diesem Gedanken durchfuhr sie ein mondlichtsilbernes Lachen. Ja, der Mann könnte der Mann vom Mond sein!
Die kleine Frau vom Mond drehte sich zu ihm um und sagte: „Halt mich fest! Gib mir deine Wärme. Hier ist alles so kalt und leer…“

Da stand ich nun mit dieser Frau und hatte sie genau da, wo ein Mann eine Frau eigentlich schnellstmöglich hinkriegen will. Und sie wirkte so verletzlich, dass ich allein bei dem Gedanken, die Gunst der Stunde zu nutzen, vor mir selbst zurückschreckte. Was war ich nur für ein Schlappschwanz! Ich kannte sie überhaupt nicht und sie ging einfach mit mir mit. Also könnte ich sie eigentlich genauso gut flach legen. Aber wie sie da stand, wie ein scheues Tier und die Sterne anhimmelte, da brachte ich es nicht über mich. Ihr kleines Lachen war so atemberaubend warm und echt, es war, als würden die Sterne heller Scheinen. So nahm ich sie also einfach nur schweigend in die Arme und hielt sie und hatte beinah Angst, sie zu erdrücken. Ich hätte sie gerne geküsst. Aber ich fürchtete, dass ich dann diesen vollkommenen Moment zerstört hätte. So mit ihr draußen auf dem Balkon in der Dunkelheit zu stehen, nur mit den Sternen über uns, ließ die Zeit still stehen. Ich weiß nicht, ob wir stundenlang so beisammen standen, oder nur Sekunden. Ich weiß nur, dass ich alles andere vergaß in dieser Umarmung und eine unendliche Ruhe und Gelöstheit über mich kam. Mir war beinah, als würde ich die Sterne singen hören. Was natürlich absolut schwachsinnig ist, da Sterne ja nicht singen können.
Seltsam, solche Gedanken hatte ich schon lange nicht mehr gehabt. Wenn ich so auf meine letzten Jahre zurückschaute, war ich richtiggehend abgestumpft, in der Routine des Alltags. Aufstehen, Frühstücken, Arbeiten gehen, Abendessen, Fernsehen, Schlafen, Aufstehen, Frühstücken… Wann hatte ich das letzte Mal den Sternenhimmel wirklich betrachtet? Wann bewusst den Duft einer Sommerwiese eingeatmet? Wann hatte ich das letzte Mal vor Freude gelacht oder jemanden einfach in den Arm genommen?
Diese Frau, so skurril sie auch wirkte, tat mir gut, denn sie brachte mich auf andere, auf menschliche Gedanken. Und so genoss ich diese unwirkliche Szene und die Umarmung und ließ mich einfach auf das Gefühl und die Gedanken ein, ohne zu fragen, was wohl daraus werden würde.
Wir standen so, bis die Dämmerung die Sterne allmählich verblassen ließ und die Amseln ihr Morgenlied anstimmten.
Als ich meine Arme langsam und mit Bedauern von ihr löste, bemerkte ich, dass sie fest eingeschlafen war. Und so trug ich sie einfach hinein, legte sie aufs Sofa und betrachtete sie noch lange vom Sessel aus.
Ihre Haut wirkte jetzt im Morgenlicht so blass und durchscheinend, wie Knochenporzellan. Das Schmollmündchen hatte sich zu einem kleinen Lächeln entspannt und sie rollte sich zusammen, wie eine kleine Katze. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie zu schnurren angefangen hätte.
Irgendwann muss ich im Sessel eingeschlafen sein und als ich wach wurde, war der Platz auf dem Sofa leer. Ich sah mich um, konnte die Frau aber nirgends entdecken, bis ich Geräusche aus dem Bad hörte. Die Tür stand offen und so trat ich einfach ein. Da stand sie vor dem runden Spiegel und schnitt Grimassen. Sie kicherte ausgelassen. Als sie mich bemerkte sagte sie: „Da hast du aber ein tolles Ding an der Wand! Damit kann man richtig Spaß haben.“

Der Morgen war so rein und schön. Sie ließ ihn schlafen. Auch wenn der Sessel nicht wirklich bequem aussah. Aber sie wollte ihn nicht wecken. Also ging sie durch seine eckige Wohnung, bis sie in dem einen Raum das lustige runde Ding an der Wand fand. Es dauerte ein wenig, bis sie herausfand, dass sie sich darin selbst sah. Oh, was war das für eine Freude!
Am schönsten war es, als er dazu kam und auch anfing, Grimassen zu schneiden. Sie hatten viel Spaß damit und lachten gemeinsam um die Wette, bis sie sich die Bäuche halten mussten, weil das Lachen anfing weh zu tun.
Sie fand heraus, dass es ihr gut tat, ihn ab und zu zu berühren. Sie legte dann einfach eine Hand auf seinen Arm und schon fühlte sie sich sicher.
Nach der Sache mit dem runden Abbild, er nannte es Spiegel, machten sie gemeinsam Frühstück. Sie hatten viel zu lachen, denn hier auf der Erde musste man mit der Marmelade aufpassen. Man musste sie ganz sorgfältig auf das Brot streichen, weil sie einen Hang dazu hatte, nach unten zu fallen. Sie fand das recht witzig und lachte oft dabei. So wie sie über das eckige Brot lachen musste. Hier sollte wohl alles eckig sein, damit es in ein irgendwie eckiges Leben passte.
„Warum seid ihr so? Warum seid ihr so eckig und abgehetzt, hier unten auf der Erde? Ihr lacht so wenig!“ fragte sie.
Er schaute sie lange an. Dann nickte er langsam und sagte leise: „Du hast recht, das sind wir. Aber ich weiß selbst nicht so recht, warum. Es geschieht einfach mit uns. Irgendwann ist alles Routine. Wir hören auf darüber nachzudenken. Wir hören auf zu träumen. Wir hören die Sterne nicht singen.“
„Das ist schlimm. Wenn ich die Sterne nicht mehr hören könnte, ich glaube, ich würde sterben!“

Sie blieb bei mir. Ich zeigte ihr, wie wir leben und sie machte das Leben bunter. Immer wieder konnte sie sich königlich über ganz gewöhnliche Dinge amüsieren und ihr Lachen machte mich jedes Mal so fröhlich, dass es bis in die Fußspitzen kribbelte. So langsam fing ich an, ihr tatsächlich zu glauben, dass sie vom Mond kam, denn hier ließe sich ein so bemerkenswertes Geschöpf kaum finden.
Anfangs standen wir jede Nacht auf dem Balkon, hielten uns fest und sie erzählte mir von den Sternen und ihren Liedern. Diese nächtlichen Stunden hatten ihren ganz eigenen Zauber und ich bemerkte erstaunt, dass meine Gefühle zu dieser Frau sich zu einer tiefen Verbundenheit entwickelt hatten, die über Liebe weit hinausging. Es war ein fast beängstigendes Gefühl für mich, der ich doch nie hatte lieben wollen, wohl aus Angst davor, verletzt zu werden.
Dann wurde ich versetzt. Ich freute mich, konnte ich so doch wesentlich mehr Geld verdienen und ich wollte ihr ja auch irgendwann etwas finanzielle Sicherheit bieten können. Ich ertappte mich sogar bei dem Gedanken, ob ich mich als Vater von kleinen Mondmädchen gut machen würde. Ich arbeitete viel für unser zukünftiges Glück. Aber es war herrlich nach Hause zu kommen und sie dann um mich zu haben.
Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass sie nicht mehr so oft kicherte und lachte. Nun ja, es war eben Alltag, sagte ich mir.
Irgendwann fiel mir auf, dass sie immer noch blasser zu werden schien. Irgendwie fast durchscheinend. Ich begann mir Sorgen zu machen. Aber sie fasste nur meine Hände und sagte, es sei alles in Ordnung.
An einem lauen Sommerabend bat ich sie, mit mir hinaus auf unseren Balkon zu kommen, um den Sternen beim Singen zu lauschen. Da sah sie mich mit ihren Kulleraugen ungläubig an und sagte: „Aber Sterne singen doch nicht, mein Lieber!“
Ich erschrak bis ins Mark, denn mir klang noch der Satz in den Ohren, dass sie glaubte, sterben zu müssen, wenn sie die Sterne nicht mehr hören könne.
Sie wurde weniger und weniger. Schien irgendwie dahinzuschwinden. Und ich wurde fast verrückt vor Angst, sie zu verlieren, aber ich hatte keine Ahnung, wo ich Hilfe finden könnte.
Eines Abends fand ich sie fast leblos auf dem Boden liegen. In meiner Verzweiflung nahm ich sie auf die Arme und trug sie hinaus. Ich begann mit den Sternen zu reden, redete mir meine Angst, meine Trauer und meine ganze hilflose Wut von der Seele. Und dann wurde mir klar, dass ich sie irgendwie zurückbringen müsse, denn ich würde sie so oder so verlieren. Und ich hielt sie die ganze Nacht in meinen Armen, erzählte ihr von den Sternen und den Wolkenschafen und den Wolkenwiesenfeldern, bis ich irgendwann erschöpft einschlief.
Als ich erwachte, war sie fort. Nur ihre lächerliche Zipfelmütze hielt ich noch in der Hand, dessen kleines Glöckchen ganz silberleise klingelte.
Seit jener Nacht verbringe ich jeden Abend eine Zeit auf dem Balkon. Und in manchen Nächten kommt es mir vor, als könne ich ihr mondlichthelles Lachen hören und als leuchteten die Sterne dann heller und sängen ihr Lied.


(c) Rhabia 02-2010
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