Warum fällt Lust manchen Frauen so schwer – obwohl sie sich Nähe, Hingabe und Genuss wünschen? Zwei Coachinnen sprechen über Erwartungen, Selbstannahme und den Weg zurück zum eigenen Spüren. Mit Workshop-Empfehlung!
Interview von kinkyminky mit Lea Holzfurtner und Iva Samina
Viele Frauen erleben Phasen, in denen Lust oder Orgasmus schwer erreichbar wirken. Was begegnet euch in eurer Arbeit dabei am häufigsten – und was wird gesellschaftlich darüber oft missverstanden?
Lea: Am häufigsten begleite ich Klientinnen mit sekundärer Prä-Orgasmie – also Frauen, die Orgasmen alleine erleben können, aber nicht gemeinsam mit einer Partnerperson. Oder Frauen, die bisher noch keinen Orgasmus erlebt haben. In Paarsettings begegnet mir außerdem plötzlich fehlende oder unterschiedlich ausgeprägte Lust.
Wenn ich an meine Arbeit denke, komme ich zu dem Schluss, dass gesellschaftlich fast alles rund um weibliche Lust und Orgasmen missverstanden wird.
Das zeigen etwa Studien zur Orgasmus Gap im queeren Kontext oder zur Zeit bis zum Orgasmus beim Soloplay sehr deutlich. Gleichzeitig gilt Penetration noch immer als einziger echter Sex, obwohl dabei nur 4–18 % der Menschen mit Klitoris einen Orgasmus erleben. Dazu kommen unzählige Mythen, Stereotype und falsches Wissen.
Ab wann wird ein ausbleibender Orgasmus für Frauen überhaupt belastend?
Lea: Ich finde es super, dass du die Frage so formuliert hast. Denn sie erlaubt uns ein kurzes Gedankenexperiment: Würden wir Männer auch fragen, ab wann ein fehlender Orgasmus für sie belastend wird? Vermutlich eher nicht. Bei Frauen erwarten wir dagegen oft ganz selbstverständlich, dass sie sich damit zufriedengeben, diesen wunderschönen, gesundheitsfördernden Belohnungscocktail nicht erleben zu können.
Ihr sprecht davon, dass viele Frauen glauben, mit ihnen stimme etwas nicht. Woher kommt dieses Gefühl?
Lea: Wer als Frau sozialisiert wurde, sucht die Schuld oft bei sich selbst und dem eigenen Körper statt bei fehlender Aufklärung über Lust, misogyn geprägter Sozialisation und festgefahrenen Vorstellungen davon, wie Sex auszusehen hat. Das macht mich wütend. Denn ich höre in der Praxis häufig Sätze wie "Mein Körper ist irgendwie kaputt" oder "Etwas stimmt mit mir nicht".
Was dann oft folgt, sind Beschreibungen von Sex, die eigentlich ziemlich klar machen: Ihr Körper reagiert absolut logisch, nämlich mit Unlust. Denn warum sollte ein Körper Lust auf langweiligen, (ungewollt) schmerzhaften oder unbefriedigenden Sex haben, gekoppelt mit Leistungsdruck, Scham oder Schuldgefühlen?
In unserem Online-Programm "Das mit dem Höhepunkt" arbeiten wir mit den Teilnehmenden daran, wie Sex für sie aussehen könnte, der es überhaupt wert wäre, Lust auf ihn zu haben.
Ich habe dazu auch die Worte einer Teilnehmerin aus der aktuellen Gruppe im Kopf: "Es ist schon verrückt, dass wir uns daran erinnern müssen: Mach nur das, was sich gut anfühlt. Hab keinen Sex, der dir wehtut oder nicht gefällt. Dass man uns daran erinnern muss, macht mich wütend."
Leistungsdruck spielt beim Sex oft eine größere Rolle, als viele denken. Wie zeigt sich dieser Druck bei Frauen konkret?
Lea: Wir haben durch Romcoms und Pornos gleichermaßen in den letzten 80 Jahren konsequent ein Skript gelernt, wie Sex auszusehen hat, wie er abzulaufen hat und wie wir dabei auszusehen haben. Dieses Skript löst bei allen Geschlechtern Leistungsdruck aus, besonders aber bei Frauen.
In meiner Praxis erlebe ich oft, dass sie ihren Körper permanent bewerten, glauben, Lust produzieren zu müssen, oder Sex erleben, der ihrer eigenen Anatomie und ihren Bedürfnissen kaum entspricht.
In Langzeitbeziehungen erlebe ich diese Skripte in meiner Arbeit genauso häufig und hinderlich wie bei Personen, die in der Datingphase sind. Mehr Vertrautheit bedeutet nicht automatisch mehr Wissen über Lust oder besseren Sex.
Manche Frauen sagen: "Ich spüre einfach nicht viel." Was kann hinter einer eingeschränkten Körper- oder Lustwahrnehmung stecken?
Lea: Das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Genau deshalb arbeiten wir in unserem Programm nicht mit pauschalen Tipps oder einem allgemeinen "5-Schritte-Plan für Orgasmen und Lust". Entscheidend ist, herauszufinden, wo die individuellen Hürden liegen, und dann genau dort strategisch mit Übungen anzusetzen.
Manchmal steckt dahinter eine traumatische Erfahrung. Oft geht es aber auch darum, dass die eigene Erregung körperlich oder mental gar nicht wirklich angesprochen wird. Gründe dafür können fehlendes Wissen über Lust und Anatomie sein, ein negatives Körperbild, Machtdynamiken innerhalb der Beziehung (nicht die sexy Art!), Stress mit den Kids oder im Job, banale Dinge wie ein fehlender Schlüssel an der Schlafzimmertür oder (sogar rezeptfreie) Medikamente.
In unserem Gruppencoaching erleben viele Frauen zum ersten Mal, dass sie mit den Themen nicht alleine sind, und das kann unglaublich entlastend sein. Sie erkennen die eigenen Muster oft in den Erfahrungen anderer wieder – und können dadurch viel verständnisvoller auf sich selbst schauen.


Welche Rolle spielen Scham, Erziehung oder gesellschaftliche Bilder von Weiblichkeit dabei, wie Frauen ihre eigene Lust erleben?
Lea: Eine enorme. Wahrscheinlich die größte überhaupt. Ich kann gar nicht genug betonen, wie entscheidend unsere Sozialisation für unsere Lust ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass viele Unterschiede, die wir zwischen den Geschlechtern wahrnehmen, vorwiegend darauf zurückzuführen sind, welche Botschaften wir über Sex, Lust und unsere eigene Rolle lernen.
Diese Muster bei sich selbst zu erkennen, ist oft gar nicht so leicht – vor allem alleine. Studien zeigen, dass wir anderen Menschen gegenüber deutlich wohlwollender und verständnisvoller sind als uns selbst. Bei anderen sehen wir schneller die äußeren Umstände: fehlende Aufklärung, sexnegative Sozialisation oder gesellschaftlichen Druck. Bei uns selbst suchen wir die Ursache dagegen oft im eigenen "Nicht-Funktionieren". Genau deshalb passiert in der Gruppe oft etwas sehr Besonderes.
Ich erinnere mich an eine Teilnehmerin, die über eine andere sagte: "Dann sieht man, wie streng sie mit sich umgeht und wie sehr sie gar nicht mehr sieht, was sie alles schafft. Und man wünscht sich, dass sie sehen könnte, wie viel sie schon erreicht hat und sich erlaubt zu genießen." Und dann hat sie plötzlich gemerkt: Eigentlich könnte sie das genauso über sich selbst sagen.
Ihr arbeitet mit der eigenen Körperwahrnehmung, etwa durch Atemübungen oder Selbstberührung. Warum ist der Zugang so hilfreich?
Iva: Ich sage immer: Raus aus dem Kopf und rein in den Körper. Denn eine differenzierte Körperwahrnehmung ist eine zentrale Grundlage für erfüllte Sexualität, weil sie den Zugang zu Lust, Erregung, Grenzen und orgasmischem Erleben ermöglicht. Sexualität ist sensorisch organisiert.
Lust entsteht über Empfindung, Orgasmus setzt voraus, Spannung, Erregung und Entladung im Körper überhaupt wahrnehmen und integrieren zu können. Wer feine Unterschiede zwischen Anspannung, Entspannung, Taubheit oder Lust spürt, kann Sexualität bewusster und selbstbestimmter gestalten. Darauf bauen auch Atmung, Bewegung und Stimme auf: Atem reguliert das Nervensystem und Erregung, Bewegung unterstützt Durchblutung und Lebendigkeit, Stimme verstärkt Ausdruck und kann Spannung lösen.
Viele Menschen denken beim Thema Orgasmus sofort an Technik oder den einen, richtigen Trick. Warum greift dieser Ansatz zu kurz?
Iva: Die Idee, einen Orgasmus über Technik oder einen Trick zu erreichen, vermittelt ein sehr lineares Verständnis von Sexualität: richtige Handlung, richtige Reaktion, gewünschtes Ergebnis.
Entscheidend ist nicht nur die Technik selbst, sondern auch, unter welchen inneren und äußeren Bedingungen Erregung überhaupt entstehen kann, etwa durch Beziehungssicherheit, Schamfreiheit, Präsenz oder Körperwahrnehmung. Deshalb können dieselben Berührungen an unterschiedlichen Tagen oder mit unterschiedlichen Menschen völlig verschiedene Erfahrungen auslösen. Qualität entsteht nicht durch Handlung allein, sondern durch den Gesamtzustand, in dem Sexualität stattfindet.
Welche Veränderungen erlebt ihr bei Frauen, die ihr coacht?
Iva: In unserem Jahrescoaching zeigt sich oft zuerst eine Verschiebung des inneren Fokus: weniger Kontrolle und Bewertung, mehr Spüren und Körperwahrnehmung im Moment. Dadurch werden Lust, Intensität und Differenzierung überhaupt erst zugänglich. Auch Grenzen und Bedürfnisse werden früher und klarer spürbar. Der Schwerpunkt verlagert sich hin zu direktem Erleben. Das führt häufig zu einer stabileren, lebendigeren sexuellen Erfahrung.
In eurem Coaching arbeitet ihr mit einer festen Gruppe. Was kann ein geschützter Austausch mit anderen Frauen bewirken?
Iva: In einer festen, geschützten Frauengruppe entsteht oft etwas, das allein kaum möglich ist, weil mehrere Ebenen gleichzeitig in Resonanz gehen. Viele Frauen erleben zunächst Wiedererkennung in den Erfahrungen anderer. Dadurch entsteht Entlastung: Das, was zuvor als individuell oder problematisch erlebt wurde, zeigt sich als geteilt. Daraus kann ein grundlegendes Umdenken entstehen – weg von "Mit mir stimmt etwas nicht" hin zu "Das ist menschlich und verbreitet".
Zudem wirkt die Gruppe über Inspiration und Modelllernen. Entwicklungen anderer werden zu real erfahrbaren Referenzen: Veränderung ist möglich. Das verschiebt innere Grenzen stärker als reine Information oder Einzelarbeit.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist, dass Erfahrungen gehalten, gehört und gespiegelt werden. Gerade im Kontext von Sexualität, Scham und Körperthemen hat dieses Gesehenwerden eine regulierende Wirkung.


Für manche klingt ein einjähriges Lust- und Orgasmusprogramm intensiv. Warum braucht das so viel Zeit?
Iva: In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Veränderung Zeit benötigt, weil sie körperlich, emotional und kognitiv gleichzeitig passiert. Übungen können unterstützen, entfalten ihre Wirkung aber erst, wenn das eigene Erleben verstanden und eingeordnet wird. Erst dann lassen sich neue Erfahrungen wirklich integrieren.
Unsere sexuellen Muster und Erregungsfähigkeit sind über Jahre geprägt und verändern sich nicht durch Information, sondern durch wiederholte neue Erfahrung.
Gerade Scham- und Schutzmuster lösen sich nur über Erfahrungen, die gleichzeitig gespürt und verstanden werden. Im Jahrescoaching wird genau dieser Prozess über Zeit gehalten, damit Veränderung sich nicht nur zeigt, sondern wirklich verankert.
Wenn eine Frau diesen Text liest und denkt: "Vielleicht betrifft mich das auch" – was würdet ihr ihr gern mitgeben, bevor sie den ersten Schritt geht?
Iva: Es geht weniger darum, etwas zu reparieren oder schnell zu verändern, sondern darum, wieder Zugang zu sich selbst zu finden – in einem Tempo, das sich sicher und stimmig anfühlt. Viele der beschriebenen Themen sind, wie weiter oben bereits erwähnt, keine individuellen Defizite, sondern nachvollziehbare Ergebnisse von Erfahrungen und erlernten Schutzstrategien. Sie können sich verändern. Ein klares Zielbild ist dafür nicht notwendig. Oft reicht die Bereitschaft, neugierig auf den eigenen Körper zu werden, ohne sofort etwas erreichen zu müssen.
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