Gianna Bacio ist Sexualpädagogin, Podcasterin und Autorin – und neu als Coachin im JOYclub. Warum sie Ordnung braucht und worüber wir wirklich beim Sex reden sollten, liest du im Interview.
Interview von kinkyminky mit Gianna Bacio // Hier geht's direkt zur Buchvorstellung.
Wann warst du zuletzt richtig glücklich?
Das ist noch gar nicht lange her. Diesen Sommer in Dänemark. Handy, Laptop und sogar Podcast-Equipment hatte ich alles eingepackt und am Anfang noch ständig überlegt, ob ich etwas posten soll. Dann kam irgendwann der Punkt, wo das alles zu anstrengend wurde, und ich habe einfach aufgehört. Dann wurde es ruhiger in meinem Kopf und ich konnte seit langem wieder so richtig abschalten und genießen.
Was ist dein meistunterschätztes Talent?
Erlaubnis geben, indem ich aufkläre. Ich bekomme jeden Tag Nachrichten und Kommentare, in denen Menschen ihre intimsten Fragen loswerden, und dahinter steht fast immer dieselbe: Bin ich normal? Darf ich das wollen? Und meistens reicht schon Wissen, um das zu beantworten.
Wenn ich erkläre, wie Erregung tatsächlich entsteht, wie unterschiedlich Körper reagieren, wie viele Menschen genau dasselbe erleben, dann verschwindet die Scham von selbst. Weil aus "Mit mir ist was falsch" plötzlich "Ah, das ist ja völlig normal" wird.


In ihrem aktuellen Buch "Die unverschämte Kunst, zu lieben, wie man will" lädt Gianna Bacio ihre Leser:innen dazu ein, ihre Sexualität neu zu entdecken. "Alles, was du brauchst, steckt bereits in dir. Du darfst nur anfangen hinzuhören."
Erfahre mehr zu Gianna Bacio auf ihrer Website und auf Instagram.
Welche falsche Annahme treffen Menschen am häufigsten über dich?
Dass mein Privatleben eine einzige Dauer-Geilheit ist. Weil ich beruflich über Sex spreche, gehen viele davon aus, dass ich jeden Abend nackt am Kronleuchter schaukle und alles schon mindestens dreimal ausprobiert habe.
Worin bist du überraschend spießig?
Auf jeden Fall in meiner Liebe zur Ordnung. Mein Haus ist aufgeräumt, und wenn irgendwo Chaos liegt, kann ich mich nicht entspannen. Dazu gehe ich gern früh ins Bett. Mit mir um 23 Uhr noch Pläne zu machen wird nicht passieren.


Welche schlechte Angewohnheit wirst du vermutlich nie los?
Das Handy im Bett. Ausgerechnet ich. Ich erzähle Menschen, wie wichtig ein Ort ist, an dem der Kopf runterfährt, und scrolle dann selbst noch vorm Schlafengehen durch Kommentare. Ich arbeite daran. Seit Jahren.
Worüber denkst du heute völlig anders als noch vor zehn Jahren?
Darüber, wie wichtig die Meinung anderer ist. Früher war das mein Maßstab für fast alles. Beruflich, privat, beim Sex. Ich habe ständig mitgedacht, wie ich rüberkomme, ob das okay ist, was jetzt jemand denkt. Und ich habe mich danach gerichtet, oft ohne es zu merken.
Heute stelle ich mir zuerst eine andere Frage: Was will ich eigentlich? Nicht was sich gehört, nicht was gut aussieht, sondern was für mich stimmt. Das hat sehr vieles einfacher gemacht.
Welche Frage über Sex wird viel zu selten gestellt?
"Wie will ich mich beim Sex eigentlich fühlen?"
Wir fragen ständig nach dem Was: welche Praktik, welche Frequenz, welches Spielzeug. Das Gefühl bleibt außen vor. Und das ist der interessante Teil. Manche wollen sich begehrt fühlen, andere geborgen, andere frei, andere ein bisschen außer Kontrolle. Wer diese Frage für sich beantwortet, braucht plötzlich viel weniger Anleitung.
Glaubst du, die meisten Menschen haben den Sex, den sie eigentlich wollen?
Nein. Und das liegt selten an ihren Partner:innen. Es liegt daran, dass sie sich selbst nie gefragt haben, was sie eigentlich wollen. Viele haben irgendwann in ihrer Jugend eine Version von Sex übernommen und spielen sie seitdem, ohne sie je hinterfragt zu haben. Und wenn es dann nicht passt, ziehen sie den Schluss, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Dabei haben sie einfach nie nachgeschaut, was für sie selbst stimmen würde.
Hast du heute besseren Sex als vor zehn Jahren?
Deutlich. Ich habe weniger Publikum im Kopf. Mit Mitte Zwanzig war beim Sex immer eine Instanz mit im Raum, die bewertet hat, wie ich aussehe, wie lange ich brauche, ob das Geräusch okay war. Diese Instanz ist inzwischen sehr leise. Dazu kommt, dass ich heute meinen Körper kenne und Dinge sagen kann, während sie passieren. Das ändert alles.


Woran merkst du, dass zwei Menschen rund um ihre Sexualität gut miteinander kommunizieren?
Unter anderem daran, dass ein Nein bei ihnen keine Katastrophe auslöst. Wenn eine Person ablehnt und die andere das aushält, ohne sich gekränkt zurückzuziehen oder zu verhandeln, ist viel Sicherheit im Spiel. Generell, wenn sie über Sex reden können, während sie z. B. Wäsche zusammenlegen. Ganz beiläufig, ohne großes Gespräch mit Ansage. Und drittens lachen sie. Über Missgeschicke, komische Geräusche, den Moment, in dem etwas schiefgeht.
Welches Thema begegnet dir in deiner Arbeit als Sexualpädagogin am häufigsten?
Die Frage "Ist das normal?" in ungefähr tausend Varianten. Zu viel Lust, zu wenig Lust, ungleiche Lust in einer Beziehung, Fantasien, die Menschen erschrecken, Körper, die anders reagieren als erwartet. Dahinter steckt fast immer dieselbe Angst: Ich könnte kaputt sein. Ich begleite seit über 15 Jahren Menschen, und ich habe diese Angst noch bei niemandem bestätigen müssen.
Was verstehen wir über unsere eigene Sexualität häufig erst viel zu spät?
Dass Lust insbesondere in Langzeitbeziehungen nicht einfach da ist, sondern gemacht wird. Die meisten warten darauf, dass sie über sie kommt, so wie im Film, wo sich zwei ansehen und schon brennt die Luft. Und wenn das nicht passiert, denken sie, mit ihnen stimmt etwas nicht.
Dabei braucht Erregung ganz konkrete Dinge: Atmung, Bewegung, Spannung im Körper, ein Kopf, der halbwegs ruhig ist, Sicherheit, Zeit, you name it. Das lässt sich lernen, in jedem Alter. Genau darum geht es auch in meinem Online-Kurs "Selbstbestimmt lieben". Ich wünschte, das wüssten Menschen mit 20 und nicht erst mit 50, wenn überhaupt.
Was wird beim Thema Konsens deiner Erfahrung nach am häufigsten missverstanden?
Dass ein Ja bleibt, bis jemand widerspricht. So funktioniert das aber nicht. Konsens ist ein laufendes Gespräch und kein Vertrag, den man am Anfang unterschreibt. Ein Ja zum Küssen heißt noch lange nicht Ja zu allem, was danach kommt, und ein Ja von letzter Woche sagt gar nichts über heute.
Und dann glauben viele, Nachfragen würde die Stimmung killen. Meine Erfahrung ist genau das Gegenteil. "Willst du das?", direkt ins Ohr gesagt, ist eines der erotischsten Dinge überhaupt.
Warum ist es ausgerechnet beim Sex manchmal so schwer, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen?
Weil wir Ja-Sagen als Beziehungsarbeit gelernt haben. Viele Menschen, besonders die, die als Mädchen erzogen wurden, haben früh mitbekommen: Wenn ich zustimme, bleibe ich in Verbindung. Wenn ich ablehne, riskiere ich Nähe, Frieden, Zuneigung. Ein Nein fühlt sich dann teurer an als ein Ja, das wehtut.
Dazu kommt das Tempo. Beim Sex passiert vieles schnell, und der Körper meldet sich leiser als der Kopf. Er wird eng, er hält die Luft an, er zieht sich zurück. Wer gelernt hat, diese Signale zu überhören, merkt oft erst hinterher, dass da eine Grenze war. Genau darüber spreche ich am 14. September im Livestream, weil ich diesen Mechanismus für einen der unterschätztesten überhaupt halte.
Buchvorstellung:
"Die unverschämte Kunst, zu lieben, wie man will"


Gianna Bacio macht Schluss mit Druck, Mythen und dem Vergleich mit irgendeinem angeblich "normalen" Liebesleben. Viel wichtiger ist, sich nicht mehr zu verbiegen und anzufangen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
"Das Problem ist nicht, dass wir keine Lust oder keine Ideen haben, sondern dass wir mit vorgefertigten Schablonen und mit Drehbüchern aufgewachsen sind, die wir noch nie hinterfragt haben."
"Die unverschämte Kunst, zu lieben, wie man will. Für eine ehrliche, selbstbestimmte Sexualität"
Softcover: 14 EUR
ISBN: 978-3-499-01903-6
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Sex-Education-Empfehlung:
"Warum du oft Ja sagst, obwohl du Nein meinst"


"Ich mache halt mit, weil ich niemandem wehtun will."
Wenn dir dieser Satz bekannt vorkommt, weißt du, wie schwer Nein-Sagen sein kann. Im Video aus der Sex Education gibt Gianna einen Impuls aus ihrer Praxis und beantwortet Fragen aus dem Chat.
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