Er wird nicht hart. Oder nicht lange genug. Oder nur beim Solosex. Für viele Männer ist das kein kleines Missgeschick – sondern ein Angriff aufs Selbstbild. Erektionsprobleme sind weit verbreitet, doch gesprochen wird darüber kaum. Coach Linus Günther begleitet Männer genau durch diese Krise.
Interview von kinkyminky mit Linus Günther
Es gibt viele Varianten fehlender Erektion – ab wann spricht man von Erektionsproblemen oder einer Erektionsstörung?
Es gibt tatsächlich eine offizielle Definition. Im internationalen Klassifikationssystem für psychische Störungen zählt die Erektionsstörung zu den sexuellen Dysfunktionen. Aber was viele überrascht: Die Schwelle ist ziemlich niedrig – und gleichzeitig sehr individuell.
Entscheidend ist vor allem der subjektive Leidensdruck. Wenn ein Mann sagt: "Das belastet mich nicht", dann ist es per Definition keine Störung – selbst wenn die Erektion nur kurz hält. Umgekehrt kann jemand eine Erektion bekommen, die nach fünf Minuten nachlässt, und sich massiv minderwertig fühlen. Dann ist das Problem real, auch wenn es medizinisch vielleicht noch nicht alle Kriterien erfüllt.
Ein weiteres Kriterium ist die Dauer: Wenn die Schwierigkeiten über mehr als drei Monate bestehen bleiben, spricht man eher von einer Störung. Genauso, wenn die Erektion weniger als 30 Sekunden gehalten werden kann.


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Die Lust ist da, die Erektion nicht? In diesem Kurs brechen wir das Schweigen über Erektionsprobleme. Coach Linus Günther vermittelt anschaulich, wie du Leistungsdruck, Stress und Selbstzweifel hinter dir lässt. Mit praktischen Übungen!
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Der Online-Kurs ist auch für Basis-Mitglieder kostenlos.
Wie viele Männer sind deiner Erfahrung nach von Erektionsproblemen betroffen?
Die Zahl überrascht viele: Etwa 30 Prozent aller Männer erleben im Laufe ihres Lebens mindestens einmal eine sexuelle Funktionsstörung. Dazu zählen Erektionsprobleme genauso wie vorzeitige Ejakulation.
Und trotzdem denken fast alle Betroffenen: "Ich bin der Einzige, dem es so geht." Dieses Gefühl ist das größte Hindernis. Männer fühlen sich isoliert, defekt oder unmännlich – obwohl sie statistisch gesehen absolut normal sind.
Wenn so viele betroffen sind – warum spricht dann gefühlt niemand darüber?
Ich würde sagen, das sind zwei Faktoren: gesellschaftliches Tabu und traditionelle Männlichkeitsideologien. Über Sexualität zu reden, ist generell eher schambesetzt. Aber bei Männern kommt noch etwas dazu: Die Idee, stark, hart, leistungsfähig sein zu müssen. "Ich rede nicht über Gefühle." "Ich darf keine Schwäche zeigen" – das sind tief verankerte Glaubenssätze.
Was ich aber immer wieder erlebe: Sobald ein Mann anfängt, mit einer Vertrauensperson zu sprechen, bricht nicht nur das Eis – sondern ein Staudamm.
Bei mir geht keiner ohne die dringende Empfehlung aus der Tür, sich mit jemandem auszutauschen. Auch klinische Studien bestätigen die Wichtigkeit, sich im sozialen Umfeld zu öffnen und über diese Probleme zu reden. Du kannst dir Jahre an Therapien und Viagra sparen, wenn du das machst.
Was steckt deiner Erfahrung nach am häufigsten hinter Erektionsproblemen?
In 95 Prozent der Fälle steht dahinter ein Performance-Druck. Das sind Gedanken wie:
"Ich muss gut im Bett sein."
"Ich muss sie zum Orgasmus bringen."
"Was denkt sie von mir, wenn ich keinen hochkriege?"
Diese Gedanken führen zu Selbstabwertung und Verunsicherung. Verunsicherung führt zu Anspannung. Die Beckenbodenmuskulatur verkrampft – und die Erektion geht verloren.
Wenn Männer zu dir kommen – was haben sie in der Regel schon versucht?
Die meisten waren zuerst beim Urologen. Das ist auch sinnvoll, um organische Ursachen auszuschließen. Etwa fünf bis sieben Prozent der Erektionsprobleme haben tatsächlich körperliche Gründe.
Wenn medizinisch alles unauffällig ist, greifen viele zu Potenzmitteln. Viagra, Cialis – solche Dinge. Kurzfristig können die helfen, vor allem wenn sie eine positive Erfahrung ermöglichen. Manche Männer kämpfen Monate oder Jahre mit Erektionsproblemen, nehmen einmal ein Potenzmittel, haben richtig geilen Sex – und danach geht's auch ohne.
Aber langfristig entsteht häufig eine psychologische Abhängigkeit: "Ich kann nur mit Pille funktionieren." Das verschärft den Druck sogar. Zudem sind die Nebenwirkungen nicht zu vernachlässigen, gerade bei häufigerem Konsum.


Kleine Hilfsmittel wie Penisringe oder stimulierende Sprays hingegen sind völlig okay, solange sie sicher verwendet werden und positive Erfahrungen ermöglichen. Da spricht aus psychologischer Sicht nichts dagegen.
Bei invasiven Methoden wie Injektionen von Medikamenten vor dem Sex oder operativen Eingriffen bin ich bei psychisch bedingten Problemen sehr kritisch. Das sind medizinische Lösungen für medizinische Ursachen – nicht für mentalen Leistungsdruck.
Erektionsprobleme können auch Partner:innen belasten. Was können sie konkret tun, um zu unterstützen?
Es gibt natürlich Männer, die in der Partnerschaft oder beim One Night Stand traumatisierende Dinge, wie Beleidigungen und Abwertungen, erlebt haben. Zum Teil kann das auch die Ursache für eine chronische Funktionsstörung sein.
Aus meiner Erfahrung ist das aber die Minderheit. Der Großteil der Partner:innen meiner Klienten ist mehr als verständnisvoll und will unterstützen.
Sie tun meist schon das Richtige: Keinen Druck machen. Und es nicht persönlich nehmen. Am hilfreichsten ist eine Haltung wie: "Hey, kein Problem. Ich weiß, das hat nichts mit mir zu tun. Wenn du reden willst, ich bin da." Türen für ein Gespräch öffnen – aber nicht zwingen. Verständnis wirkt hier Wunder.
Wie kann Sexualität trotzdem erfüllend sein, wenn die Erektion ausbleibt?
Indem man den Fokus verschiebt. Penetration ist nicht gleichbedeutend mit Sex.
Nebeneinander masturbieren, gemeinsam erkunden, streicheln – oder Techniken wie Sensate Focus. Dabei berührt man sich zunächst ohne Genitalien, später mit, aber ohne das Ziel, zum Orgasmus zu kommen. Das nimmt den Druck komplett raus und gibt die Möglichkeit, Feedback zu geben: Wo fühlt es sich gut an? Welche Berührungen mag ich?
Genauso kann man sich auch einfach zehn Minuten nackt nebeneinander legen, quatschen, kuscheln. Mit etwas Zeit klappt's oft besser, und wenn nicht, hattet ihr zumindest ein paar schöne partnerschaftliche Momente.
Und manchmal entdecken Paare dadurch sogar eine intensivere Sexualität als vorher.


Dein wichtigster Rat für Männer?
Erektionsprobleme sind kein Beleg dafür, dass du versagst. Sie sind meist ein Signal für Druck.
Veränderung beginnt in dem Moment, in dem du dich entscheidest, etwas anders zu machen. Du darfst mutig sein und dir Unterstützung suchen. Lass dich nicht von deinen eigenen Glaubenssätzen limitieren. Ich erlebe es als Therapeut täglich, dass es oft nur zwei, drei kleine Schritte braucht, um die eigene Sexualität zu transformieren.
Hinweis
Dieses Interview ersetzt keine medizinische Beratung. Wenn du Beschwerden hast oder unsicher bist, wende dich bitte an ärztliche oder therapeutische Fachpersonen, um deine individuelle Situation abklären zu lassen.
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