Zwei Kolleginnen, eine Mission: der Kuss-Workshop. Was bei anderen eher angeheitert auf der Weihnachtsfeier passiert, haben sie sich stocknüchtern vorgenommen. Teambuilding mal anders. Kleine Hürde – es sind auch noch 20 andere Menschen dabei.
Ist Küssen eine Kunst?
Ist Knutschen, Züngeln, Busseln schon eine Kunst, oder doch naturgegeben? Ein Talent, das man hat – oder eben nicht? Wer schon mal beschissen geküsst wurde, weiß: Nicht jede:r kann es gut.
Bei "The Art of Kissing" von Joris Kern im Berliner IKSK kannst du lernen oder zumindest die Kunst explorieren, einfach so zu küssen. Ohne, dass ein emotionales oder erotisches Interesse dahinter steht. Jana und Judith vom JOY-Team wollen wissen, wie sich das anfühlt. Ein Event, zwei Erfahrungen.
Von redlicious und petrichor_92
Was macht es mit mir, wenn mich andere einfach so küssen?
Judith: Ich bin freudig erregt: Wie wird es sein, Menschen einfach um des Küssens willen zu küssen? Und nicht weil ich sie attraktiv finde, weil ich Lust darauf verspüre, ihnen nah zu sein. Was macht es mit mir, wenn mich andere quasi einfach so küssen? Wie klar habe ich meine eigenen Grenzen? Und wie werde ich bei all dem vielleicht – auch von mir selbst – überrascht? Denn was mir vorab klar geworden ist: Bislang habe ich einfach geküsst, geknutscht, geknabbert, gebissen, gezüngelt … ohne allzu viel nachzudenken oder groß zu kommunizieren. Fast eine Überraschung, denn wenn ich als Sexologin und Sexological Bodyworkerin eines gelernt habe, dann: Communication is Key!
Jana: Küssen – kann man das nicht intuitiv? Wobei, an den typischen Tricks für gute Küsserinnen bin ich schon immer gescheitert: Kirschstängel mit der Zunge zu verknoten wollte noch nie richtig funktionieren. Beschwerden gab’s bisher trotzdem nicht. Ob sich mit dem Workshop etwas ändert?
Bisher zählen zum Kreis der von mir geküssten eher ausgewählte Menschen. Personen, bei denen ich mir zumindest halbwegs sicher sein konnte, wie es um Körperhygiene, Einstellung und mögliche Herpesinfektionen steht.
Eine bunt gemischte Gruppe – welcher Kuss wird überraschen?
Jana: Wir betreten den lichtdurchfluteten Raum, der eher an ein Yogastudio als an die Kulisse für sexpositive Lernerfahrungen erinnert, während Workshopleitung Joris uns herzlich begrüßt. Nach und nach kommen die Teilnehmenden an. Typische Berliner, die davon erzählen, sich am Vorabend schon im KitKatClub aufgewärmt zu haben, mehrere Paare, die gemeinsam Erfahrungen sammeln wollen, aber auch einige eher zurückhaltende Menschen. Eine bunt gemischte Gruppe, von der ich mir auf den ersten Blick noch nicht vorstellen kann, hier jemandem direkt um den Hals zu fallen.
Ein Satz von Joris bleibt mir im Gedächtnis und nimmt etwas Druck raus:
Judith: Ich betrachte die anderen Teilnehmenden, nehme wahr, wie sich Aufregung unter meine Vorfreude mischt, all diese Münder kennenzulernen. Doch erst einmal nehmen wir Kontakt mit den Augen, mit den Händen, mit einer Umarmung auf. Sowohl gesellschaftlich adäquat als auch sehr spielerisch, befreit vom Gewohnten.


Viele kleine Schritte bis zum Knutschen
Judith: Und dann rückt der Mund in den Fokus. Erkunden mit Fingern, zuerst den eigenen und dann die Münder anderer. Sanft streicheln, noch ist die Aufregung nicht weg, meine Finger zittern leicht. Die Lippen greifen, ziehen, dehnen, flitschen lassen. Den eigenen Impulsen folgen, meine sind je nach Mund verschieden. Faszinierend!
An meinem eigenen Mund merke ich sehr schnell: Spielen erlaubt, aber mach mich nicht nass. Spucke bitte abwischen! Und meine Hand ist schneller dabei, diese Grenze mit einer Wischbewegung zu kommunizieren, als ich die Worte formulieren kann.
Jana: Ich merke, wie meine Finger leicht zittern, als ich die Lippen einer Person entlangfahre. Ein schöner, aber irgendwie unbeholfener Start mit leichtem Zahnarzt-Flair. Mein Gegenüber hat weniger Hemmungen und steckt mir die Finger in den Mund (nicht ohne vorher um Erlaubnis zu fragen). "Du hast schöne Zähne", sagt er. Ich versuche, ein "Danke" herauszubringen, während sein Daumen meine Mundhöhle erkundet.


War das schon ein Kuss?
Jana: Wir erforschen, wann ein Kuss für uns wirklich beginnt: Wann haben wir das Gefühl, im Kuss angekommen zu sein – wann wird es zu mehr? Wo beginnt spielerisches Erkunden und wo Leidenschaft? Und hören genau an diesem Punkt auf.
Judith: Ich lasse meine Lippen von anderen Lippen explorieren, bin passiv, nehme einfach wahr, wozu mein Mund anregt. Dann bin ich wieder aktiv, erkunde andere Münder und schenke jedem einzelnen meine Aufmerksamkeit. Aber noch ohne meine Lippen zu schürzen und zu küssen! Herausfordernd, das Gewohnte ist stark, umso stärker je mehr ich merke, dass mich die Lippenerkundungstour anregt und Bedürfnisse weckt – obwohl mein Gegenüber sich nicht rührt.
Ein Kuss, nicht mehr. Aufhören, wenn er für mich beginnt. Mich überrascht, wie intensiv ich bereits die Anbahnung eines Kusses erlebe: Mit sich begegnenden, verknotenden Blicken, mit sich erwartungsvoll regenden Lippen. Und bevor sie sich überhaupt berühren können, spüre ich den Kuss. Voller Verlangen auf mehr bedanke ich mich und gehe.
Mich überrascht, wie präsent meine Dominanz sein kann, wie klar mein Impuls für diesen einen Kuss mit diesem einen Mensch ist:


Endlich knutschen!
Jana: Sobald es ans Küssen geht, ist die anfängliche Aufregung wie weggeblasen. Hier geht’s zumindest für mich nicht um Anziehung, sondern eher ums Ausprobieren. Und das mit so vielen unterschiedlichen Menschen wie möglich. Während ich zwar wahrnehme, dass einige der Teilnehmenden sich immer wieder bewusst zurückziehen und beobachten, lasse ich selbst kaum eine Pause entstehen. Schließlich bin ich ja da, um zu Küssen, denke ich, und wundere mich gleichzeitig darüber, wie sachlich ich die Situation angehe.
Und auch wenn ich einige Küsse ablehne oder abbreche, wenn sich ungewollte Zungen ihren Weg in meinen Mund zu bahnen versuchen, sage ich auch zu Personen ja, die sonst eher nicht meinem Typ entsprechen würden. Und werde positiv überrascht. Mit einem circa 20 Jahre älteren, bärtigen und langhaarigen Mann im Science-Fiction-Shirt teile ich einen überraschend zarten und netten Kuss. Freundlich irgendwie. Meilenweit entfernt von Erregung, aber eine schöne Erfahrung.
Apropos schön. Ich fordere eine Person, die eher meinem Beuteschema entspricht, zum Kuss auf. Sie wirkt zurückhaltend, fast schüchtern und hat sich einen Platz ausgesucht, von dem aus sie alles gut im Blick hat. Wir schauen uns durch den Raum hinweg an, mein Blick fragt "Willst du?", sie antwortet mit einem lächelnden Nicken.
Dann ist die Zeit um, wir lösen uns und ziehen zur nächsten Person weiter.


Judith: Das große Knutschen, endlich! Nun soll ich andere mit einem Kuss für mehr gewinnen. Das Pendant zur überzeugenden Anmache an der Bar. Und ich bin erfolgreich.
Und dann die Stimme der Workshopleitung aus dem Off: "Zieht weiter, ihr wollt nicht heiraten." Ich löse mich. Nächste Runde, umgekehrte Rollen – und du willst jetzt mich überzeugen. Du küsst mich, forderst mit deiner Zunge Einlass in meinen Mund. Meine Lippen suchen sich zu verschließen, meine Zähne aufeinander. Eine Grenze ist bei mir erreicht. Die Leidenschaft abgeflaut.
Explorative Momente, die mich als Switcherin für meine dem Küssen bislang eher unbewusst unterliegenden Machtdynamiken sensibilisieren. Zugleich ist mir jetzt glasklar, wie es in meinen Beziehungen trotz aller verbaler Kommunikationsfähigkeit beim Küssen dennoch zu herausfordernden Missverständnissen kommen kann.
Nächste Person, meine Kollegin: Statt meinen Mund zu suchen, beißt sie mich wiederholt in den Nacken. Sie weiß aus Gesprächen, wie empfindsam ich dort bin. Und mein Mund öffnet sich plötzlich ganz von allein.
Als ich mit meinem Blick Janas einfange, um zu fragen, ob sie für einen ersten Kuss bereit ist, bin ich doch ein wenig aufgeregt – und von so manch anderem Kuss zuvor schon leicht erhitzt.
Statt also ihren Mund wie sonst im Gespräch zu sehen, darf ihn jetzt küssen. Ich berühre ihre Lippen mit meinen. Ein direkter, unumwundener Kuss. Und emotional dann doch überraschend unspektakulär. Nüchtern eben. Aber deswegen nicht minder berührend, ihren Mund kennenzulernen, ihren Lippen zu begegnen.
Jana: Überraschenderweise ist die Nähe zu Judith gar nicht komisch. Wir beschließen lachend, nach dem Workshop vielleicht noch mal knutschen zu üben.


Alles, nur kein Kuss
Jana: Nach aufregenden und anstrengenden 2,5 Stunden neigt sich der Workshop dem Ende zu. Die Luft ist voll von Hormonen und so langsam beginnt mein Schädel zu dröhnen. Sich auf so viele unterschiedliche Menschen einzustellen, ihnen nah zu sein, sie zu riechen und zu schmecken, ihre Nähe zuzulassen oder abzulehnen, das ist spannend, reicht mir irgendwann aber auch.
Ich beobachte, dass es auch einigen anderen so geht. Während manche sich wild über den Boden rollen und nicht nur ihre Münder, sondern auch den Rest ihrer Körper erkunden, ziehen sich andere vor die Tür zurück, für eine Verschnaufpause.
Judith: Zum Abschied alles, nur kein Kuss. Umarmungen. Berührende Hände. Blicke. Ich weiß, der Hormoncocktail in mir wird wieder abklingen, vielleicht wird Leere zurückbleiben. Doch in diesem Moment bin ich high, berauscht vom Küssen.
Jana: Ein Hüne, dessen sehr weiche Lippen ich gerade noch geküsst habe, hebt mich hoch und wir drehen uns im Kreis, als wäre ich ein kleines Kind. Spannend, wie sich plötzlich alles platonisch anfühlt. Ein schöner Abschluss, der zum Glück auch ohne Herpesinfektion geblieben ist!
Judith: Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Eine Erfahrung, die mein Vergnügen an und meine Lust aufs Küssen noch einmal ganz neu entfacht hat.
Du magst diesen Beitrag? Dann schenk ihm ein "Gefällt mir".
Was liebst du am Küssen? Tausch dich dazu im Forum aus.
Aus der JOYclub-Mediathek: "Kiss"
Alles beginnt mit einem Kuss. So innig, so heiß und begehrend. Sie möchten sich spüren und schmecken, sich nie wieder loslassen. Kiss nimmt dich mit auf eine sinnliche Reise.
Regie: Rebecca Stewart | 2024 | leihen für 2,99 Euro | kaufen für 7,95 Euro


Beim Klick auf das Cover wirst du zum Film in die JOYclub-Mediathek weitergeleitet.
Passende Gruppen im JOYclub
Küssen ist für dich mehr als alltäglich? du liebst das fantasievolle Spiel mit den Lippen? Finde Anschluss in unseren Gruppenempfehlungen im JOYclub – für einen regen Austausch oder mehr.
KussliebhaberInnen | Kuscheln und Schmusen | Weibliche Lust
JOYclub: Was ist das?
- JOYclub ist mit über 6 Mio. Mitgliedern eine lebendige, sexpositive Community, die dein Liebesleben komplett auf den Kopf stellen wird.
- Egal ob Mann, Frau, Trans, Single oder Paar: Im JOYclub kannst du (gern mit deiner Partnerin/deinem Partner) deine erotischen Fantasien mit anderen Mitgliedern entdecken und ausleben.
- Neugierig? Dann melde dich kostenlos und unverbindlich an und entdecke die faszinierende JOYclub-Welt. Wir freuen uns auf dich!


