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No Fucks Given

Was eine Feministin von Männern über Casual Sex gelernt hat

Sind wir wirklich sexuell befreit? Und können alle schon den Sex haben, den sie haben wollen? Diesen Fragen geht Autorin Cleo Libro in ihrem Buch "Gleichstellung – Sex zwischen Wunsch und Wirklichkeit" auf den Grund. Im folgenden Buchauszug berichtet sie über Gelegenheitssex mit Männern und was sie dabei gelernt hat.

 

Von Cleo Libro

Männer wollen das Eine, Frauen auch

In der Hochphase meiner Online-Dating-Karriere habe ich vor allem eine Erfahrung gemacht: Es stimmt, Männer wollen oft nur das Eine. Und zwar unverbindlichen Sex. Aber Frauen wollen das auch!

 
Nur stellte ich überrascht fest, dass die Typen darin so viel besser waren als ich.
 

Viele Männer begegneten mir auf den Apps mit einer beinahe geschäftsmäßigen Direktheit. Abgebrühte Anmachsprüche, Aufforderungen zum Sextreffen in der zweiten oder sogar ersten Nachricht, bis hin zu transaktionaler Trockenheit in der Konversation waren keine Seltenheit. Und nie schienen ihnen unwillkommene Gefühle wie Scham vor oder Verknalltheit nach dem Sex Probleme zu machen. Ganz im Gegensatz zu mir.

 
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Cleo Libro ist Autorin, Feministin und Host des Podcasts Cleophonie. Seit 2018 schreibt und spricht sie über sexuelle Selbstbestimmung und alles, was zur Lust beiträgt.
 

In ihrem aktuellen Buch "Gleichstellung" zeigt Cleo Libro in einem unterhaltsamen und lehrreichen Selbstversuch, wie sexuelle Befreiung wirklich aussieht.
 

Erfahre mehr zu Cleo Libro auf ihrer Website und auf Instagram.
 

So ging es mir auch mit dem ungefähr gleichaltrigen, wunderschönen Studenten, den ich im Sommer 2017 über eine Dating-App kennenlernte. Nennen wir ihn Günther.

Günther und ich trafen uns genau zwei Mal. Davor hatte ich mehrere Jahre in monogamer Beziehung gelebt und war entsprechend nervös, nun mal wieder Sex mit einem neuen Partner zu haben. Für unser zweites Treffen fuhr ich zu ihm. Er holte mich vom Bahnhof ab, wir schnappten uns zwei Limos am Kiosk, und nach einem kurzen Fußweg waren wir auch schon in seinem WG-Zimmer angelangt.

Dieses Treffen ist zu lange her, als dass ich mich daran erinnern könnte, wie ausführlich wir tatsächlich auf seinem kleinen Balkon gesmalltalked haben, bevor er mich zuerst an sich und dann auszog. Aber unsere beiden Limos waren noch nicht einmal zur Hälfte ausgetrunken.

Ab dem Moment unseres ersten Kusses gab Günther den Ton an und das Tempo vor. Ich war leicht überfordert mit seinem zielgerichteten Vorgehen und gleichzeitig froh, dass ich ihn machen lassen und mich um den Abbau meiner Nervosität kümmern konnte.

Trotzdem spürte ich eine auffallende Routine in seinen Küssen, als würde er beim Tanzen im Kopf die Schritte mitzählen, anstatt seinem Rhythmusgefühl und der Musik zu folgen.

 
Jeder Zungenschlag und jeder Handgriff saßen.
 

Die Stellungswechsel wirkten fast pornoesk, sodass ich mich heute frage, ob nicht nur in seinem Kopf ein Film, sondern auch vielleicht irgendwo in seinem Zimmer versteckt eine Kamera mitlief. Jedenfalls fühlte der Sex sich nicht schlecht an, Günther wusste, was er tat. Er tat es nur mit dem Charme eines Fabrikarbeiters am Fließband, bis er selbst irgendwann (lange, nachdem meine Lust und Geduld bereits aufgebraucht waren) auf meinen Hintern kam.

Wenig wird es die geneigten Leser:innen überraschen, wenn ich sage, dass ich im Anschluss an unsere Performance weder viel Zeit bei ihm zu Hause noch in seiner Gesellschaft verbracht habe.

 
Er wollte noch zum Fußball mit den Jungs. Und ich steh mehr auf Hockey.

Kannst du dir nicht ausdenken

Sex wie ein Mann

Geschichten wie diese erlebte ich einige. Nicht alle Jungs waren so bildhübsch wie Günther, aber alle wussten sehr genau, wie man diesen unverbindlichen, ja, beinahe anonymen Sex gestaltete, ohne dabei viel des eigenen Vergnügens einzusparen. Und ich begann zu verstehen, dass dieses abgebrühte Gebaren weniger damit zu tun hatte, dass Günther ein Arsch war, sondern damit, dass es einen stillen Konsens unter jungen Männern zu geben schien, wie man sich gegenüber einer unverbindlichen Sexualpartnerin verhielt.

Irgendwann fühlte ich mich jedoch mehr wie ein Sextoy als wie ein Mensch. Und auch wenn ich ebenso auf der Suche nach Verabredungen mit körperlichem Schwerpunkt war, wollte ich die Leute, denen ich vielleicht Zugriff auf meinen Körper gab, vorher wenigstens ein bisschen kennen- und einschätzen lernen.

Nicht nur aus Gründen der Absicherung von Leib und Leben, sondern auch, weil ich schnell gemerkt hatte, dass wirklich anonymer Sex nur in ganz seltenen Situationen tatsächlich reizvoll für mich war. Viel heißer fand ich es dagegen, wenn ich nicht nur den Körper, sondern auch die Persönlichkeit des Menschen entblättern konnte, der sich auf eine intime Begegnung mit mir einließ. Aber eine Scheibe gab es schon, die ich mir von Jungs wie Günther abschneiden wollte. Nämlich den Mut, Casual Sex ganz nach meinen eigenen Bedürfnissen zu gestalten – ohne schlechtes Gewissen.

 
Mut zum selbstbestimmten Sex
Mut zum selbstbestimmten Sex
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Ein Porno ganz nach meinem Geschmack

Es hatte mich nach ihm noch einige Anläufe mit anderen Partnern gekostet, um endlich zu erkennen, was er augenscheinlich lange vor mir über Gelegenheitssex verstanden hatte.

In seinem Kopf lief nicht einfach irgendein Film ab, als er mit mir schlief, sondern ein Porno ganz nach seinem persönlichen Geschmack. Günther hatte fleißig genau die Kinks und Praktiken mit und an mir ausgelebt, die er für richtig hielt oder einfach gerne mochte. Ganz ohne sich darum zu kümmern, dass ich ihn schräg fand, weil sein Sex so unpersönlich und wie auswendig gelernt auf mich wirkte.

Ich verstand erst viel später, dass ihm das total egal sein konnte, weil er seinen Spaß mit mir gehabt, sich vielleicht sogar etwas ausprobiert und damit genau das getan hatte, worum es bei Sex aus reiner Lust anstatt Liebe eigentlich geht: Spaß zu haben, ohne dabei gefallen zu wollen.

Also nahm ich mir Günther in leicht abgewandelter Form zum Vorbild und begann, mich bei meinen unverbindlichen Begegnungen viel mehr auf mich selbst als auf meinen Partner oder meine Partnerin zu konzentrieren.

 
Was hier vielleicht etwas egoistisch klingt, fühlte sich für mich an wie ein großer Spielplatz, auf dem ich unterschiedliche Spielarten und Spielzeuge ausprobieren konnte, ohne mich zu schämen.
 

Ich habe Sexstellungen eingenommen, in denen mein Körper "nicht vorteilhaft" aussah. Ich habe den Spieß umgedreht und auch mal meinen männlichen Spielgefährten gewürgt, ihm ins Gesicht geschlagen oder ihn mit seinem Sperma beschmiert (natürlich einvernehmlich).

Ich habe sehr viele Sachen gemacht, die ich mich damals mit meinem festen Freund nicht getraut habe zu tun, weil ich mich darüber sorgte, was er danach von mir denken könnte oder dass wir einander deswegen auch außerhalb des Bettes anders behandeln würden. Aber casual Begegnungen bargen dieses Risiko nicht!

 
Ich hatte selten Sex, bei dem ich mich so eklig und roh und befreit von Scham zeigen konnte wie in anonymen oder sehr unverbindlichen Begegnungen.
 

Und das sind jede Menge Erfahrungen, die meine heutige Sexualität geformt und meine aktuellen Grenzen definiert haben, weswegen ich sie auf gar keinen Fall missen möchte.

Heute weiß ich, am liebsten habe ich Sex mit persönlicher Verbindung und gegenseitiger Rücksichtnahme. Aber ich weiß auch, dass ich beim Casual Sex auch einfach Mal nur auf mein eigenes Vergnügen achten darf.


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Buchvorstellung: "Gleichstellung. Sex zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ein feministischer Selbstversuch."

In Gleichstellung nimmt uns Cleo Libro mit in ihr eigenes Sexleben. Sie schreibt über geheime Fantasien, aufregende Flirts und missglückte One-Night-Stands. Und darüber, wie hin und hergerissen sie ist zwischen dem Slutshaming der Millennials und der Tiktok-Aufklärung von Gen Z, zwischen ihrem Anspruch, Lust nach feministischen Prinzipien zu leben, und dem Reflex, den Weg des geringsten patriarchalen Widerstands einzuschlagen.

 
No Fucks Given
Buchinformationen:
"Gleichstellung. Sex zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ein feministischer Selbstversuch."
 

Verlag: Knaur TB
256 Seiten
Hardcover: 18 EUR
E-Book: 15,99 EUR
ISBN: 978-3-426-28447-6
 
 

Wir verlosen drei Exemplare von "'Gleichstellung – Sex zwischen Wunsch und Wirklichkeit".

 

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