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Pornosucht

Wenn Pornokonsum das Leben ruiniert
30. August 2018

Pornosucht: Es gibt sie wirklich. Ein Zuviel des Konsums von Sexfilmen, das sich körperlich, psychisch und gesellschaftlich auswirkt. Doch wann ist es "zu viel"? Welche Symptome registrieren Betroffene und Angehörige und wo gibt es Hilfe? Sexualtherapeutin Dr. med. Heike Melzer erklärt uns, was es mit der Pornosucht auf sich hat.

Heike Melzer; Foto: Annette Hausschild, Ostkreuz
Heike Melzer; Foto: Annette Hausschild, Ostkreuz
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Über die Autorin

 

Dr. med. Heike Melzer ist Neurologin, Psychotherapeutin und arbeitet als Paar- und Sexualtherapeutin in München. Als gedankliche Grenzgängerin widmet sie sich zeitaktuellen Themen um Sex und Liebe, u.a. der Sex- und Pornosucht.

Pornosucht: Wie können uns Sexfilme beeinflussen?

Um eins vorweg zu nehmen: Pornos sind, wie Zucker und Alkohol, weder gut noch böse, es kommt auf die Dosis und die Anwendung an. Sie sind Genussmittel und so sollten sie auch verstanden werden. Gegen einen guten Porno ist, ähnlich wie bei einem guten Gläschen Wein oder leckerem, süßen Nachtisch, am besten in Gesellschaft genossen, überhaupt nichts einzuwenden.

Das Problem: Pornos stehen heute in unendlicher Vielfalt, in immer interaktiver werdenden, virtuellen Realitäten und in immer extremeren und bizarreren Genres für jeden zur Verfügung. Aus der einstigen Mangelware "Sex" ist mittlerweile ein Massenkonsumprodukt geworden.

Kinder sozialisieren mittlerweile mit Pornos, das ist ein brisantes Thema. Pubertierende sind wesentlich anfälliger für Süchte. Pornos treffen hier auf ein dafür unvorbereitetes Gehirn. Besonders unter jungen Erwachsenen breiten sich erektile Dysfunktion, Störungen des Orgasmus und partnerbezogene Unlust enorm aus. Alles dies kann Folge eines zu frühen Pornokonsums sein.

Auch in der Partnerschaft graben Pornos der gemeinsamen Sexualität nicht selten das Wasser ab. Sie führen zunehmend zu ernsten Beziehungsproblemen.

Pornos sind ein wenig wie Sex aus der Konserve: schnell, bequem und ohne großen Aufwand konsumierbar.

Kein lästiges Werbungsverhalten, kein langes Vorspiel – der direkte Weg zum Gipfel ist angesagt. Zudem beeinflussen sie unsere sexuellen Vorlieben und Skripte, auch wenn wir wissen, dass das, was wir dort sehen, nicht immer die Abbildung der Realität ist. Die Messlatte wird über die Zeit unmerklich höher gehängt und eigenes sexuelles Verhalten gerät dabei zunehmend unter Erfolgsdruck, um mit dem Gesehenen standzuhalten.

Ab wann spricht man von Pornosucht?

Von Sucht sprechen wir, wenn das Denken immer stärker um das Suchtmittel kreist. Mit der Zeit treten Toleranzentwicklung und Dosissteigerung auf, die immer mehr zeitliche und/oder finanzielle Ressourcen binden. Am Ende steht ein Kontrollverlust und die Fortsetzung des Konsums trotz negativer Auswirkungen in den Bereichen Partnerschaft, Beruf, Gesundheit, Finanzen oder Gesetz. Porno- und Sexsucht entsteht über Jahre hinweg im Verborgenen. Dabei erkennen Betroffene und das Umfeld die Symptomatik oftmals erst im fortgeschrittenen Stadium.

Starker Porno-Konsum kann zu ernsthaften psychischen und physischen Problemen führen.
Starker Porno-Konsum kann zu ernsthaften psychischen und physischen Problemen führen.
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Von Sexsucht sprechen wir immer dann, wenn auch reale sexuelle Kontakte mit im Spiel sind. Pornosucht ist eine Unterkategorie, die sich nur auf den Konsum von pornografischem Material bezieht. Der Konsum von Pornos ist in der Regel Auslöser für ein Ausagieren mit realen Partnern und läuft so gut wie bei jeder Sexsucht begleitend mit. Das, was ich mir anschaue, möchte ich auch im Realen erleben. Und mit der Toleranzentwicklung und Dosissteigerung startet die immer zeitaufwendigere Suche nach stärkeren Reizen. Dabei nimmt nicht selten auch das Risikoverhalten zu, zum Beispiel ungeschützten Sex mit anonymen Partnern zu haben.

Mit welchen Problemen sind die Betroffenen bzw. ist deren Umfeld konfrontiert?

Partner kommen dem Thema oftmals nur durch Zufälle auf die Spur. Etwa, wenn sie über Browserverläufe stolpern, sie Festplatten durchsuchen, sie mit sexuell übertragbaren Erkrankungen unklarer Herkunft konfrontiert werden, ihnen erklärungsbedürftige Kreditkarten- oder Bargeldabhebungen ins Auge fallen oder sich sexuelle Funktionsstörungen einstellen.

Dann erst fallen die vielen kleinen Veränderungen der letzten Jahre in den Blick, die auf einmal ein ganz anderes Licht auf die Sache werfen: der häufige Rückzug an den Rechner oder hinter das Smartphone, kaum noch gemeinsame Aktivitäten. Starke, erklärungsbedürftige Stimmungsschwankungen, Gereiztheit und Angespanntheit, wenn in Familienzeiten wie Urlauben und Wochenenden der Konsum eingeschränkt ist.

Ab wann kommt der Punkt, an dem sich ein Pornosüchtiger Hilfe sucht?

In meine Praxis kommen die Klienten aus einem der fünf Gründe: Der Partner kündigt auf, sie haben Schwierigkeiten im Job, das Geld geht zu Ende, es treten gesundheitliche Probleme, ganz voran sexuelle Funktionsstörungen auf oder sie bekommen Konflikte mit dem Gesetz.

Einige meiner Klienten verbringen vierzig Stunden pro Woche vor Pornos, geben fünfstellige Summen im Monat für Prostituierte aus, haben neben der Ehe noch über zehn parallele Beziehungen oder werden zu den besten Kunden der Pharmaindustrie, um ihre Potenzstörungen zu verdecken. Sex- und Pornosucht ist eine Erkrankung. Die Folgen für Betroffene und deren Angehörige sind immens. Neun von zehn Betroffenen sind Männer, die in meiner Praxis Hilfe suchen.

Wie lässt sich eine Pornosucht therapieren?

In der Therapie geht es darum, wieder zu einer achtsamen, wertschätzenden, selbstbestimmten und verbindlichen Form der Sexualität zu gelangen. Betroffene und Angehörige müssen hinschauen, sich informieren und Zusammenhänge verstehen, um all dies auf das eigene Leben anzuwenden.

Gefangen in der Sucht: Pornos stehen heute durch das Internet in unendlicher Vielfalt jedem zur Verfügung.
Gefangen in der Sucht: Pornos stehen heute durch das Internet in unendlicher Vielfalt jedem zur Verfügung.
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Dabei helfen verhaltenstherapeutische Elemente wie die Abschottung vom Suchtmittel, Einbau von Filtersoftware, Benutzen des PCs nur noch in öffentlichen Räumen mit zur Tür oder zum Raum gewandtem Monitor, die Analyse der persönlichen internen und externen Trigger, das Erlernen eines Gedankenstopps, der Ausbau von Freundschaften und Hobbies, Definition neuer Lebensziele und die Bearbeitung partnerschaftlicher oder familiärer Konflikte. Sehr hilfreich hat sich für einen Teil der Klienten der Besuch von Selbsthilfegruppen (AS = Anonyme Sexsüchtige, SLAA = Anonyme Sex- und Liebessüchtige) bewährt.

Süchte sind allerdings chronische Erkrankungen und sie können im fortgeschrittenen Stadium ein Leben lang bestehen bleiben, vor allem wenn sie über viele Jahre schon vor der Therapie bestehen. So spreche ich dann eher von trockenen Sexsüchtigen, denn sie müssen ein Leben lang aufpassen, nicht wieder rückfällig zu werden. Und ja, Rückfälle gehören zu dem Erkrankungsbild der Sucht einfach dazu. Es kommt darauf an, dass man mit diesen Rückfällen positiv umgeht, um sein Verhalten und seine Suchtpersönlichkeit nachhaltig hin zu Ressourcen zu wenden, die in jedem von uns vorhanden sind.

Ist "Sex-Fasten" sinnvoll?

Wer denkt, dass er sein sexuelles Verhalten nicht mehr richtig steuern kann und dadurch einen Leidensdruck empfindet, der sollte einmal über einen zu definierenden Zeitraum auf das Suchtmittel komplett verzichten. Also keine Pornos, keine Sextoys, keine Masturbation und auch kein Sex, wenn gedanklich in Pornovorlagen abgeglitten wird. Zeit für mehr Sport, für die Pflege von Freundschaften, für dringend nötiges Engagement in der Familie oder Partnerschaft.

Sexualität einmal auszusetzen, kann eine sehr spannende und heilvolle Erfahrung werden.

Wo finden Betroffene und Angehörige Hilfe?

Leider sind immer noch viel zu wenig Therapeuten mit der Materie Sex- und Pornosucht vertraut. Urologen und Sexualtherapeuten wachen gerade erst auf, da sich die Anzahl von Menschen mit alten sexuellen Funktionsstörungen in neuem Gewand stark vermehren. Aber es gibt schon zahlreiche Informationen außerhalb therapeutischer Einrichtungen, die genutzt werden sollten:

  • Das Buch meines Kollegen Kornelius Roth "Sexsucht - Krankheit und Trauma im Verborgenen" ist ein Standardwerk im deutschsprachigen Raum.

  • Die Webseite yourbrainonporn.com bietet viele wissenschaftliche Studien zum Thema Pornosucht und hat eine hervorragende Übersichtspräsentation, die wichtig ist, um zu verstehen, welche Veränderungen im Belohnungssystem unseres Gehirns durch den Konsum von Pornografie hervorgerufen werden.

  • Online findet man zum Thema "Sex-Fasten" Foren und Trainingsprogramme. Ähnlich der "NoFap"-Bewegung in den USA arbeite ich gerade an einem entsprechendem "Reboot-me"-Portal für den deutschsprachigen Raum. Dem bereits vorhandenen Forum zum Austausch von Betroffenen und Angehörigen wird ein Trainingsprogramm folgen, um Menschen in dieser Fastenzeit und auf der Suche nach einer gesünderen Sexualität und Sinnlichkeit zu unterstützen.

  • Mein neues Buch "Scharfstellung" gibt einen Überblick über den digital beschleunigten Sex im 21. Jahrhundert. Informativ, unterhaltsam und ohne vorschnell zu werten.

 

Kennst du das Problem, dass der Pornokonsum zu viel geworden ist - an dir selbst oder deinem Partner? Wie hat sich das ausgewirkt, wie hat es dich, deinen Partner und deine Beziehung beeinflusst und wie bist du damit umgegangen? Wir freuen uns auf einen interessanten Austausch mit dir im Sex-Forum!

Pornosucht: Habt ihr Erfahrungen damit? (83 Beiträge)