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Wie ich ins dominante Spielen einstieg

Baby Domme Diary

Ich bin dominant, ich bin sadistisch und blutige Anfängerin. Mit Anfang 30 dämmerte mir, dass ich an BDSM interessiert bin – nur eben nicht als Sub. Wie ich zwischen Klischee und Kink Orientierung fand und meine Schüchternheit in Sadismus verwandelte.

 

Von Cleo Libro

Ein Höschen für den Perversling

Berlin im Hochsommer 2024, ich drücke mich verschämt in einem Park herum und warte auf den Mann, der mich gleich auf Knien um mein getragenes Höschen anbetteln soll.

In einer Hand halte ich mein Telefon, checke ständig die Zeit. In der anderen eine unauffällige, braune Papiertüte, in der mein durchgeschwitzter Slip in einem Frischhaltebeutel auf die Übergabe an seinen neuen Besitzer wartet.

Doch der ist spät dran. Das gibt mir Zeit, mich zu wundern, wie es passieren konnte, dass ich gerade nicht wie an jedem anderen Dienstagmittag in der Kantine sitze. Sondern mich stattdessen wie eine untalentierte Drogenhändlerin in der brütenden Mittagshitze in einem Park rumdrücke. Gerade als mir Zweifel an der Sicherheit dieser ganzen Aktion kommen, sehe ich ihn um die Ecke biegen. Den ersten Mann, den ich auf einer Dating-App kennengelernt und in den darauffolgenden Wochen per Textnachrichten dominiert habe.

Der Mann, der macht, was ich ihm sage. Und der mir die gesamte Deko für meine Geburtstagsparty bezahlt hat, damit ich ihm eins meiner Höschen überlasse. Ich hatte es getragen, während ich den ganzen Tag beim Umzug einer Freundin geholfen hatte – bei 32 Grad.

 
Ich hoffte, er würde dieses ganz besondere Schmankerl zu schätzen wissen.
 
Wie ich ins dominante Spielen einstieg
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Cleo Libro ist Autorin, Feministin und Host des Podcasts Cleophonie. Seit 2018 schreibt und spricht sie über sexuelle Selbstbestimmung und alles, was zur Lust beiträgt.
 

In ihrem aktuellen Buch "Gleichstellung" zeigt Cleo Libro in einem unterhaltsamen und lehrreichen Selbstversuch, wie sexuelle Befreiung wirklich aussieht.
 

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Theoretisch dominant, praktisch eingeschüchtert

Für mich war das Spiel mit dem Ausüben der Macht erstmal nur ein kurioses Gedankenexperiment gewesen. Ein kleiner, verbaler Tabubruch nach dem nächsten. Doch jetzt steht da ein echter Mensch vor mir und es ist zu spät, um mich noch in der Hecke zu verstecken. Er hat mich dort alleine im Park rumstehen sehen und wahrscheinlich auch sofort erkannt. Bestimmt an der Tatsache, dass wir denselben scheuen Gesichtsausdruck haben.

"Ebay Kleinanzeigen?", fragt er mich und schenkt mir ein nervöses Lächeln. Ich muss lachen. "Clever", denke ich, und bin froh, dass er das Eis gebrochen hat. Jetzt gibt es nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder ich steige auf seine Deckung mit ein und ergreife nach dem Austausch der heißen Ware ohne ein weiteres Wort die Flucht.

 
Oder ich lasse ihn dafür büßen, dass er mich hier hat warten lassen.
 

Er sieht mich erwartungsvoll an und plötzlich macht es in meinem Kopf klick. "Du bist zwei Minuten zu spät, du erbärmlicher Perversling", ranze ich ihn an, "Geh auf die Knie und fleh mich um Verzeihung an. Sonst nehme ich mein Höschen wieder mit."

Ich bin selbst überrascht von den Worten, die da gerade meinen Mund verlassen haben. Aber wundersamerweise zeigen sie nicht nur in unserem Chat ihre Wirkung, denn so schnell habe ich noch nie jemanden auf die Knie fallen sehen. Und als ehemalige katholische Privatschülerin will das was heißen. Während ich ihm von oben herab dabei zuschaue, wie er abwechselnd Entschuldigungen murmelt und meine Sandalen küsst, frage ich mich wieder, wie ich eigentlich hier gelandet bin.

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Darf ich wirklich so gemein sein?

Schließlich habe ich noch bis vor Kurzem von mir behauptet, ich könne keiner Fliege was zuleide tun. Erst recht nicht meinen Intimpartnern! Ich habe zwar meistens gerne die Kontrolle, aber dass das auch bedeuten soll, dass es mir Freude macht, andere Menschen herumzukommandieren, sie bewusst zu beschämen oder sogar zu schlagen, hätte ich nicht von mir gedacht. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Dieser Sommer würde mein pazifistisches Selbstbild ordentlich auf den Kopf stellen. Und mein schlechtes Gewissen? Das wurde erfolgreich von der Erkenntnis verdrängt, dass es Menschen gibt, die es hot finden, wenn ich gemein zu ihnen bin.

Das machte auch den Bruch mit dem alten Prinzip "Als Frau darf ich nicht fies zu anderen sein, ich muss mich um sie kümmern" auf einmal denkbar. In meinem Kopf wurde ein komplett neues Level freigeschaltet in diesem merkwürdigen Machtspiel, das Sex so oft ist. Ob wir es wollen oder nicht. Nur wollen es im Fall von D/s-Verbindungen eben alle Beteiligten.

Ich finde die Vorstellung einschüchternd, als Domme bei intimen Begegnungen immer sagen zu müssen, wo es lang geht. Alle Entscheidungen zu treffen, das Tempo vorgeben zu müssen und mir immer wieder kreative Wege auszudenken, um gemeinsame Fantasien auszuleben. Das klingt für mich nach viel Druck, Verantwortung und, ja, auch harter Arbeit. Aber die Art und Weise, wie ich zum ersten Mal quasi ahnungslos zum Dominieren verführt wurde, hat es mir ziemlich einfach gemacht, buchstäblich auf den Geschmack zu kommen.

 
Dominanz lag mir mehr, als ich gedacht hatte.
Dominanz lag mir mehr, als ich gedacht hatte.
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Von harmlos zu schamlos

Den Höschen-Connaisseur habe ich nämlich nicht einmal auf einer kinky App kennengelernt! Die Geschichte begann denkbar klassisch mit gegenseitiger Anziehung, einem netten Austausch von Nachrichten und den ebenso klassischen Berliner Terminschwierigkeiten, als es um ein erstes Treffen ging.

Als wir es schon fast aufgegeben hatten, schickte er mir eines Abends eine Nachricht, die einen ganz anderen Ton anschlug als zuvor. Statt mich auf ein Date einzuladen, fragte er mich vorsichtig, ob ich schon einmal Erfahrungen damit gemacht hätte, eine Person zu dominieren.

Ich verneinte überrascht und wollte wissen, wie er auf die Idee kam: "Du gibst mir einfach so einen Vibe. So als würdest du kein Problem damit haben, mir Befehle zu erteilen oder mich für meine Vorlieben ein bisschen runterzumachen", erklärte er.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Klar, ich mache oft einen selbstbewussten Eindruck, aber jemanden dafür zu beleidigen, auf was er steht? Das passt überhaupt nicht mit meiner sexpositiven whatever floats your boat-Einstellung zusammen. Trotzdem machte das Bild, das er von mir hatte, mich neugierig. Wenn ich mir auch dachte, dass seine Fantasie ihm einen Streich spielte, ließ ich mir von ihm erklären, was seine Erfahrungen im Spiel mit dominanten Partnerinnen waren.

Lass uns das klarstellen

Ich will nicht behaupten, ich hätte von seinen Vorlieben für Orgasmuskontrolle und Puppy Play oder seiner Fantasie, dass jemand ihn gefesselt und geknebelt fremden Männern zum Sex zuführt, noch nie etwas gehört. Schließlich habe ich einen Internetzugang. Aber was ich nicht erwartet hatte, war, dass es mich so neugierig machte, wenn ein attraktiver junger Mann davon erzählte, dass er auf das Gefühl von Erniedrigung steht, wenn er getragene Unterwäsche, stinkende Füße oder dreckige Socken an seinem Gesicht reiben soll.

Die Klischees, die ich über Höschen-Schnüffler und Fuß-Fetischisten kannte, malten kein schmeichelhaftes Bild. Umso mehr überraschte es mich, dass ein Typ, der so stinknormal wirkte, auf einmal mit dem Vorschlag um die Ecke kam, dass ich ihn doch ein bisschen für seine Neigungen verhöhnen könnte.

 
Und meine Überraschung wuchs noch weiter, als ich in mir die Lust verspürte, auf sein Angebot einzusteigen.

Geknebelt und benutzt

Also begann ich mir eine kleine Geschichte für ihn auszudenken, in der seine Neigung zur Erniedrigung und zum Benutztwerden von alten Männern gekitzelt wurde.

Ich beschrieb ihm, wie ich uns heimlich in die Umkleide eines Golfclubs schmuggeln und ihn mit einer schmutzigen Sportsocke geknebelt in einen Spind einschließen würde. Dort würde ich ihn stundenlang unbequem eingepfercht darauf warten lassen, dass ich irgendwann mit einem pensionierten Golfer zurückkäme, der Lust hatte, sich ein wenig an einem jungen Mann zu vergnügen.

Auf der anderen Seite unseres Chats war es auf einmal sehr ruhig geworden. War ich zu weit gegangen? Doch dann schrieb er: "Bitte Mistress, sag mir, wie er mich benutzen soll" und ich verstand: Der fand das alles ziemlich heiß! "Wie kann man nur so ekelhaft needy sein", setzte ich nach und dann gab es kein Halten mehr.

Doch nachdem wir uns am Ende von detaillierten Beschreibungen von Käsefußverehrung und seinem Bottoming für Rentner gegenseitig ins Bett verabschiedeten, rasten meine Gedanken. "Was hat es zu bedeuten, dass mir das Spaß gemacht hat? Verachte ich ihn wirklich für seine Vorlieben oder war das alles nur ein Spiel?"

 
Ich wusste nicht so recht, wie ich dieses Erlebnis einordnen sollte. Nur eine Sache stand für mich fest: Ich wollte es wieder tun.
 
Ihn zu verachten, wurde meine neue Lustquelle.
Ihn zu verachten, wurde meine neue Lustquelle.
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Ein Tabubruch mit Folgen

Also meldete ich mich direkt am nächsten Morgen wieder bei meinem Chatpartner und fragte, ob er Lust habe, die Fantasie-Session vom Vortag bald zu wiederholen. Auch wenn ich nicht wusste, was genau mir daran gefallen hatte, die Orgasmen, die ich mir im Anschluss an unseren Chat verschafft hatte, waren mindblowing gewesen.

Ich war von der massiven Erregung durch den Tabubruch so fasziniert, dass ich über die nächsten Wochen fast täglich mit ihm schrieb und ihn tatsächlich sogar in der Öffentlichkeit dazu zwang, an meinem getragenen Slip zu riechen, bevor er ihn endlich einsacken durfte.

 
Er schämte sich in Grund und Boden, was mich enorm glücklich machte. Und gierig nach mehr.
 

Unsere Fantasien waren nun nicht mehr zu stoppen und wurden immer wilder. Bis mir wieder Zweifel kamen. In dem Moment, in dem ich ihm befahl, sich im dunklen Innenhof eines Mietshauses einen runterzuholen, während er an einem alten Turnschuh leckte, den er auf der Straße gefunden hatte, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich nicht nur in der Fantasie den Respekt vor diesem Menschen verloren haben könnte.

Er hatte ständig von mir hören wollen, für wie abstoßend ich ihn hielt. Hatte mich angefeuert, ihn als widerlichen Loser zu beleidigen und ihm erniedrigende Aufgaben zu geben, die er alle widerstandslos zu erfüllen schien. Er filmte sich dabei, wie er auf meinen getragenen Slip ejakulierte und trug das Resultat danach beim Einkaufen. Er ruinierte sich selbst jeden einzelnen Orgasmus, täglich über Wochen, und bedankte sich danach jedes Mal bei mir dafür, dass ich einem Perversen wie ihm meine Aufmerksamkeit schenkte.

Ich bekam Zweifel an der Existenz seines Selbstwertgefühls. Und tatsächlich konnte ich mir deswegen nicht mehr vorstellen, diesen eigentlich attraktiven Mann noch "normal" zu daten. Das Einzige, was ich in ihm noch sah, war ein Sexting-Fußabtreter. Ob dieses Spiel mit der Dominanz wohl so eine gute Idee für mich war, wenn das das Resultat sein sollte?

Frauen an die Macht

Pandoras Büchse

Auf der anderen Seite wusste ich, dass mir das Wissen über BDSM und der Austausch mit anderen Menschen dazu vollkommen fehlte. Aus dem einfachen Grund, weil ich von keiner anderen Frau in meinem Umfeld wusste, dass sie ähnliche Tendenzen verspürte. Wie gingen andere mit diesen widerstrebenden Gefühlen um? Ich fühlte mich zunehmend allein mit einem Thema, von dem ich eigentlich wusste, dass es eine riesige Community dazu gab. Aber meine Hürde, mich online mit Fremden auszutauschen, war hoch.

Doch in dem Moment, in dem ich beinahe zu der Überzeugung gelangt war, dass es sicherer wäre, dieses Kapitel als kleinen, spannenden Ausflug abzuhaken, lernte ich Tom kennen. Einen devoten Mann, der so ganz anders war als der Höschen-Connaisseur, und mit dem ich viele kinky erste Male erleben sollte. Der Partner, mit dem Hundeleinen, Schlagwerkzeuge, Fetischpartys und Strap-ons in mein Sexleben treten sollten.

Auf einmal stand Pandoras Büchse weit offen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mit einem Kopfsprung in diese Welt aus Macht, Fantasie, Spiel und Respekt einzutauchen, die BDSM in meinen Augen heute ist. Denn selten hat Sex sich für mich echter angefühlt, als wenn ich mit voller Kraft meinen Flogger auf einen nackten Hintern knallen lasse.


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