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Dominant und Feminist?

Warum ein Dom zu sein und Feminismus kein Widerspruch sind

Sie hängt mit den Armen über ihrem Kopf, an der Decke fixiert, auf dem Servierteller in der Mitte des edlen Playrooms des gut besuchten Clubs. Überstreckt, sodass sie nur auf den Zehenspitzen stehen kann. Sie war frech und herausfordernd – und nun bekommt sie eine besondere Lektion.

Von Valentine Hunter // Bilder von Lisa_Graphy

Die perfekte Komposition

Aus den dunklen Ecken richten sich viele neugierige Blicke auf ihren nur mit Dessous geschmückten Körper. Sie versucht verzweifelt, den Blick abzuwenden – suchend nach mir. Doch ich stehe so hinter ihr, dass sie mich zwar wahrnehmen, aber nicht richtig sehen kann. Sie hasst es, so dargestellt und entblößt zu werden. Ihre Körperhaltung drückt Scham und ehrliche Angst aus – was die Komposition für mich nur noch weiter abrundet.

 
Sie war frech und herausfordernd – und nun bekommt sie eine besondere Lektion.
 

Vor ihr kniet eine Rothaarige, in deren Hintern ein Fuchsschwanz steckt, und lässt die Krallen in die weiche, schutzlose Haut ihrer Oberschenkel fahren. Die Gefesselte beißt die Zähne zusammen, wimmert leise, im Wissen, dass dies nur der Anfang ist – da ich sie in einen lebendigen Kratzbaum verwandelt hatte. Ausgeliefert. Wehrlos.

Die Füchsin spielt mit ihr: Kratzt, streichelt, küsst ihren Nacken mit Unschuldsmiene – doch ihre Augen funkeln diabolisch. Dann ein schmerzhafter Biss in die Hüfte. Mein schönes Opfer zuckt, schreit auf: "Verdammtes Miststü—… auhhhh…"

Ich schlage ihr drei Mal gezielt, schnell und fest mit dem Lederflogger auf den Hintern. "So redet sie nicht mit dem armen, schreckhaften Tier!" sage ich süffisant, während ich ihr zwischen die Beine an ihre feuchte Vulva greife.

 
Dem Dom ausgeliefert – weil sie es will.
Dem Dom ausgeliefert – weil sie es will.
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Die dunkle Seite als Bedürfnis

Ich bin ein sadistischer, dominanter Satan – wenn ich die Gelegenheit habe, diesen Aspekt von mir, sonst streng an der inneren Leine gehalten, loszulassen. Es ist keine Rolle, die ich spiele oder mir ausgesucht hätte. Vielmehr ist es ein tiefes und wichtiges Bedürfnis.

 
Ein Aspekt meiner Persönlichkeit, der sich nicht absondern, verdrängen oder therapieren ließe. Nicht, dass ich das nicht versucht hätte.
 

Auch wenn BDSM und Popkultur heute weit mehr ineinander verwoben sind als noch vor 20 Jahren – Romane und Filme über Doms im Maßanzug längst im Schlafzimmer der bürgerlichen Mittelschicht angekommen sind – halte ich es für keine gute oder erstrebenswerte Eigenschaft, dominant und sadistisch zu sein. Es ist vielmehr eine extreme, mitunter hinderliche Persönlichkeitsausprägung, die auf den ersten Blick in hartem Kontrast zu meinen politischen und ethischen Werthaltungen steht.

In der Mitte angekommen

Das Patriarchat und ich als Mann darin

Aufgewachsen mit einer feministischen Mutter der 1980er Jahre, in einem eher progressiven Umfeld, war meine Haltung lange liberal, mit einer gewissen Skepsis gegenüber Themen wie der Frauenquote. Der Wendepunkt kam vor über zehn Jahren, als ich in meinem Chefbüro saß, eine konservative Zeitung las – und meine junge, rotzfreche Assistentin mich abschätzig ansah.

 
Du bist auch so ein alter, weißer Mann.
 

Ich blickte über den Rand meiner Zeitung, eine Augenbraue hochgezogen, und genoss ihre Missbilligung. Ich fragte sie, was sie mir damit sagen wolle. Ich hatte sie damals wegen ihrer Intelligenz und ihres fehlenden Respekts vor Autoritäten eingestellt – um mir kritisches Feedback zu geben.

Statt einer Erklärung folgten zwei Buchempfehlungen: "Alte weiße Männer" und "Untenrum frei". Ich las beide binnen einer Woche. Es folgten weitere Bücher, Diskussionen, Reflexionen.

Mir selbst einzugestehen, dass mein Erfolg und Status nicht allein darauf zurückzuführen waren, dass ich ein toller Hecht bin, sondern dass ein maßgeblicher Anteil aus meiner Privilegierung als weißer, deutscher cis Mann resultiert, war sicherlich der härteste Brocken. Schritt für Schritt verinnerlichte ich die Haltungen des intersektionalen Feminismus*. Ich empfand es stets als liberale Prämisse, dass alle Menschen – egal welcher Herkunft, Sexualität oder geschlechtlichen Identität – gleiche Chancen haben sollten.

 
Doch ich musste anerkennen, dass die patriarchale Realität eine andere ist.
 

*Intersektionaler Feminismus erkennt an, dass Menschen aufgrund ihrer verschiedenen Identitätsmerkmale – wie Geschlecht, Hautfarbe, Klasse, sexuelle Orientierung – überlappende, gleichzeitige Formen der Unterdrückung erleben können.

 

Nur änderte diese Reflexion nicht, wie ich im sexuellen Kontext empfinde. Meine – vordergründig unfeministische – Ehefrau formulierte einmal provokant: "Du bist ein Feminist, der gerne Frauen schlägt." Sie hatte einen wunden Punkt erwischt.

Die scheinbare Unvereinbarkeit meines Denkens und Fühlens mündete in einer bis heute nicht abgeschlossenen Auseinandersetzung.

 
Kann BDSM feministisch sein? Unter welchen Voraussetzungen lässt sich dieser Widerspruch auflösen – oder sogar eine Praxis leben, die man zu Recht als feministisch bezeichnen darf?

Aus Frauenperspektive

Meine Interpretation von Dominanz

Sie kniet vor mir. Ihr ganzer Körper zittert – aus Angst, Wut, Schmerz und sexueller Erregung. Den Blick gesenkt. Das wilde Biest hat sich nach und nach in ein gehorsames Mädchen verwandelt. Ihre kunstvolle Frisur ist zerstört, ihr Make-up verschmiert. Vom Mascara ziehen sich schwarze Spuren ihrer Tränen über die Wangen.

Ich lege meine Hand an ihre schweißnasse Wange, während ich vor ihr stehe. Lächle. "Sieh mich an." Sie zögert, will ausweichen, spürt jedoch den Nachhall der letzten Backpfeife in ihrem Gesicht brennen – und besinnt sich eines Besseren. Ihr Blick hebt sich. Ich durchdringe ihre Augen. Dem vor einer Stunde noch so stolzen Ausdruck ist reine Hingabe gewichen. Für diesen Augenblick gehört sie ganz mir.

Was bedeutet Dominanz für mich persönlich – ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit?

 
Dominanz ist für mich kein Alpha-Gen, keine Machosymbole, auch nicht beim Sex zu bestimmen, 'was als Nächstes dran ist' und ein paar Slaps zu verteilen.
 

Hier im JOYclub bezeichnen sich viele Männer als (eher) dominant. Doch oft steckt dahinter die Zuschreibung, dass Dominanz ein typisches Männlichkeitsattribut sei – und damit sexy. Für mich ist Dominanz im BDSM-Kontext etwas anderes: eine stille innere Stärke, Entschiedenheit, die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und Ambitionen zu kennen, Menschen zu durchschauen – und daraus einen Instinkt für die Bedürfnisse anderer zu entwickeln.

Hinzu kommt Kompetenz im Handwerk, welches Vertrauen ermöglicht. In einem konsensualen BDSM-Spiel, kann ich nur dazu einladen, meine Führung anzunehmen – nicht verlangen. Ich bezeichne mein gelebtes BDSM als feministisch, kurz: fBDSM, denn ich weiß, meine Macht ist nur geliehen.

 
Auf eine gewisse Art schenkt mir die Sub Dominanz: Durch ihre Devotion öffnet sie mir den Raum, überträgt mir die Verantwortung für ihre und meine Lust.
 
Ihre Hingabe ist ein Geschenk, das sie jederzeit wieder zurücknehmen kann.
Ihre Hingabe ist ein Geschenk, das sie jederzeit wieder zurücknehmen kann.
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Vor dem Spiel steht die Auswahl

Feministisches BDSM beginnt für mich vor der eigentlichen Praxis – bei der Auswahl, mit wem ich unter welchen Bedingungen ins Spiel komme. Ich setze mich intensiv mit der Frau auseinander, um ihre Motive zu verstehen.

Ist der Hintergrund Missbrauchserfahrung oder der Wunsch nach (Selbst)Verletzung – keine Seltenheit – gehe ich keine Dynamik ein. Nicht aus Abwertung, sondern weil ich eine solche Voraussetzung nicht ausnutzen oder zum Vehikel für Selbsthass werden lassen möchte.

Ebenso bin ich skeptisch, wenn jemand aus rein popkulturellem Interesse kommt – "Ich habe 50 Shades of Grey gesehen und will das mal ausprobieren" – ohne klares devotes oder masochistisches Empfinden. Diese Voraussetzung führt selten zum gewünschten Erlebnis.

Mit klarem Kopf

Grundsätzlich spiele ich mit Frauen, die in ihrem Alltag sehr selbstbewusst sind, vor denen Männer aufgrund ihres Auftretens und Aussehens eher kuschen – oder in den "Proletenmodus" wechseln. Eine Freundin in einer Managementposition sagte einmal: "Ich könnte im Büro erzählen, was ich sexuell mag – alle würden es für einen Scherz halten."

Ich suche keine Frau, die sich leicht formen lässt, sondern eine Person, die eine devote Sehnsucht in sich trägt und meine Einladung zur Führung annimmt. Feministisches BDSM hat nicht das Ziel, Frauen zu erniedrigen, sondern Räume zu schaffen, in denen wir unabhängig vom Geschlecht unsere sexuellen Fantasien ohne Stigma ausleben können.

 
Meine persönliche Neigung ist es, weibliche Subs zu erniedrigen. Genauso wäre es umgekehrt möglich – wenn das mein Kink wäre.
 

Konsens und was zwischen den Zeilen steht

Ich habe einen sehr ausführlichen Neigungsbogen entwickelt. Neben Motiven und Vorstellungen von Devotion und Dominanz frage ich darin auch gesundheitliche Aspekte, DS-, SM- und Bondage-Praktiken, Fantasien und Wünsche ab.

Das mag bürokratisch wirken – doch es ist bereits ein Spiel. Eine Vorleistung, die Sub erbringen muss, um mein Interesse zu wecken. Die Beschreibungen lösen Kopfkino aus. So differenziere ich: Was wird gewünscht, was ist akzeptabel, wo liegen klare Grenzen? Welche Felder lassen sich nur behutsam und in Absprache erkunden?

Dies schafft eine Grundlage für regelmäßige Metakommunikation. Warum "Meta"? Weil innerhalb der Dynamik eigene Regeln herrschen: Ein "Nein", "Will ich nicht" oder "Du Arsch" führen nicht dazu, dass ich automatisch aufhöre oder sanfter werde – im Gegenteil. Auf eine Despektierlichkeit folgt Strafe.

Auf der Metaebene aber erwarte ich klares Feedback zu Grenzen, Intensität und Zufriedenheit. Hier herrscht Gleichwertigkeit.

So asymmetrisch die Machtverhältnisse im Spiel sind – die Metaebene schafft Dialog auf Augenhöhe: Indem wir intensiver kommunizieren, uns an unseren Bedürfnissen orientieren und unsere Vorstellungen mit der Realität abgleichen. Damit wird eine gleichberechtigtere Beziehung möglich, als sie in vielen unreflektierten F+-Konstellationen existiert.

Das Spiel mit Rollen, Herabwürdigung und Macht

BDSM spielt mit patriarchalen Rollen, Symbolen und Bildern. Auch ich sitze gerne in einem edlen Hotelsessel, im Anzug, mit polierten Schuhen, den Rohrstock in der Hand, während meine Sub in Dessous gefesselt auf dem Teppich kniet und mich herausfordernd anfunkelt…

Natürlich reproduzieren wir damit zutiefst patriarchale, teils misogyne Muster.

 
Was erlaubst du dir, mich so anzusehen, du kleines, schlecht erzogenes Miststück?
 

Auch CNC (consensual non-consent), vor allem in sexueller Interaktion, ist für Außenstehende schwer zu verstehen.

Es zischt, als der Rohrstock auf ihren Oberschenkel klatscht. Sie schreit auf. Bettelt. – "Ach, jetzt tut es dir leid, du miese Schlampe?" Sie nickt, windet sich. "Ja, es tut mir leid, mein Herr…"

Noch ein Schlag. Sie schreit, Tränen steigen auf. – "Es tut dir leid? So, so… Ich denke nicht. Aber wenn ich gleich meinen Schwanz bis zum Anschlag in deine kleine Fotze schiebe, sodass du schreist… dann, Darling, dann wird es dir leid tun." Ein kurzes Schmunzeln huscht über ihr Gesicht. Es weicht sofort, als der Stock sie ein weiteres Mal trifft.

Wichtig: Alles, was gesagt oder getan wird, geschieht im Konsens und im Wissen, dass es die Sub am Ende sexuell erregt.

 
Das Spiel mit Macht und Hingabe erfüllt uns beide.
Das Spiel mit Macht und Hingabe erfüllt uns beide.
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BDSM ist mein Gefühlskanal

Gleichzeitig erfüllt mich das Gefühl der Kontrolle und Verantwortung, die notwendige Aufmerksamkeit. Es ist für mich eine Art Komposition der wechselnden und sich steigernden Gefühle und Empfindungen. Ein Flow, den es fein zu steuern, zu korrigieren und langsam aber sicher zu einem explosiven Höhepunkt zu steuern gilt. Mich erregt und berührt dabei auf der einen Seite, meine Spielpartnerin wahnsinnig zu machen, sie an die Grenzen des Ertragbaren zu bringen (und ein wenig darüber hinaus), aber auch die totale Hingabe und letztendlich zarte Verletzlichkeit die darin liegt.

Ich habe im Alltag einen eher schwierigen Zugang zu meinen Empfindungen. Das intensive Empfinden, das Öffnen und Ausliefern meiner Spielpartnerin mir gegenüber eröffnet mir den Zugang zu meinen eigenen Gefühlen, Lust und inneren Regungen.

 
Auf eine Art empfinde ich mich selbst durch sie als Medium.

Im Rollenspiel sind wir frei

Die bewusste Einnahme patriarchaler Rollen, das Spiel mit gezielten Respektlosigkeiten in einem ansonsten respektvollen Setting, die Übergriffigkeit, zu der ausdrücklich eingeladen wurde – all das dekonstruiert patriarchale Strukturen.

Das Patriarchat behauptet, Rollen seien naturgegeben oder gottgewollt. Doch das bewusste Einnehmen und Verlassen dieser Rollen belegt, wie sehr sie sozial konstruiert sind – und alles andere als eine natürliche Ordnung.

Wäre es mein Kink devot zu sein oder wäre ich Switcher, wäre es genauso gut und möglich, die Rollen anders zu verteilen. Gerade die spielerische Überzeichnung der tradierten Rollenbilder, Szenarien und Settings zeigt auf einer reflektierten Metabene, wie absurd so etwas im Alltag eigentlich ist.

Ich kann ein Chef-und-Sekretärin-Spiel sehr aufregend finden. Auch oder gerade weil Tabus darin Platz finden können, wie das Ausnutzen von Machtverhältnissen, Ausüben von Druck, die bewusste Unterordnung der weiblichen Rolle, bis hin zur sexuellen Belästigung oder körperlichen Züchtigung.

Gleichzeitig würde ich in meinem Berufsalltag so etwas niemals in Betracht ziehen, selbst wenn meine reale Assistentin sexuellen Kontakt wollen und provozieren würde. Das tatsächliche Ausnutzen von beruflichen Machtverhältnissen ist für mich persönlich eine absolute Grenze, die ich nicht einmal gedanklich überschreiten will.

Und ich käme niemals auf die dumme Idee, dass eine Frau im Alltag so etwas nur ansatzweise gut finden würde, auch wenn es einer Spielpartnerin in unserem BDSM-Setting gut gefällt. Der Grund ist banal und kompliziert zugleich.

 
Mit jemandem, der in einem echten Abhängigkeitsverhältnis zu mir steht, werde ich niemals echten Konsens auf Augenhöhe schaffen können, auch wenn dieser vermeintlich kommuniziert und vereinbart zu sein scheint.
 
Konsensual an die Kette gelegt.
Konsensual an die Kette gelegt.
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BDSM spielt mit der Erotik von Macht und Herabwürdigung – aber auf einer respektvollen und reflektierten Basis, ohne diese Rollen gesellschaftlich zu legitimieren.

 
Im Gegenteil: Indem wir im BDSM tradierte Rollen spielerisch völlig überzeichnen, führen wir sie ad absurdum.

Mein Lebensgefühl

Warum also lebe ich BDSM?
Weil ich so fühle. Weil es mich erfüllt und glücklich macht.
Weil ich mich dadurch erfahre, spüre, Lust erlebe.
Weil ich meine dunkle Seite leben kann – ohne anderen zu schaden.
Im Gegenteil.


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