Beim Thema Tantra ist es ziemlich häufig der Fall, dass eine Asymmetrie in den Interessen und Bedürfnissen von zwei Partnern besteht. Das hat oft gar nicht so viel mit Ängsten zu tun (kann auch sein), sondern schlicht damit, was eben jemanden interessiert. So wie nun mal nicht alle Menschen sich für Fussball oder für vietnamesische Pho-Suppen begeistern.
Tantra bedeutet in diesem Fall, der Spannung, die dadurch entsteht, erstmal ins Gesicht zu schauen. Das benötigt noch gar nicht sofort eine finale Entscheidung, sondern die Energie, die in dieser Frage liegt, anzuerkennen. Eigentlich das, was eben ja gerade hier durch den initialen Thread-Beitrag geschieht: eine Reflektion der Sachlage.
Falsch wäre, diese Energie sofort wieder ins Unbewusste zu verdrängen. Ebenso fallsch wäre es, die Energie als Begründung zu einer Aktion (oder dem Ausbleiben einer Aktion) zu nutzen. Es ist einfach nur Energie.
Dann muss aber eben früher oder später trotzdem eine Entscheidung gefällt werden. An einem Seminar kann man nun mal nur entweder teilnehmen oder eben nicht - viel mehr Optionen gibt's da nicht, höchstens zu versuchen zu sehen, ob ein anderes Seminar mehr Kompromissbereitschaft auslösen würde, was aber ja oft bereits verhandelt wurde.
Der Fehler liegt nun darin zu glauben, dass es nur um "meine Bedürfnisse" versus "deine Bedürfnisse" gehe, und es sonst keine weiteren Optionen gäbe. In Wahrheit haben wir ja oft widersprüchliche Bedürfnisse, und genau deshalb entsteht ein Konflikt. Eine Person, die gerne an ein Seminar gehen würde, wo der/die Partner:in nicht mitkommen will, hat meist ebenso das Bedürfnis, den/die Partner:in nicht vor den Kopf zu stossen bzw. deren Bedürfnisse ebenfalls zu achten und wahrzunehmen. Es sind also bereits in dieser Person zwei (!) Bedürfnisse da: eines, das eher auf sich selbst gerichtet ist, und ein zweites, das eher auf die andere Person gerichtet ist. Und das ist wiederum im/in der Partner: in gedoppelt, vermutlich geht es dieser Person ähnlich.
Das heisst, die Spannung, die hier entsteht, läuft auf ein Verhandeln von mindestens 2 x 2 = 4 Bedürfnissen hinaus.
Dazu gesellen sich dann diverse unbewusste Motive hinzu, die uns alle nur halb- oder sogar ganz unbewusst sind, also frühkindliche Themen, Scham und Angst, Hoffnungen und Sehnsüchte, Erfahrungen von Abweisungen oder auch positive Beziehungserfahrungen, etc.
Tantra bedeutet nun nicht, dass man einfach eine Lösung dafür hat, sondern dass man diese Themen nicht einfach ignoriert, sondern sich ihnen bewusst annähert. Was sonst soll denn "Achtsamkeit" überhaupt implizieren, wenn nicht genau das? Damit ist aber noch immer nichts entschieden, sondern höchstens erstmal eine Haltung eingenommen.
Viele Menschen glauben, man könne das mit klärenden Gesprächen irgendwie "lösen". Das ist nicht wirklich der Fall. Klärende Gespräche sind eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für einen bewussten Umgang mit dem Thema. Gerade über die Dinge, deren wir ja nicht bewusst sind, können wir auch keine klärende Gespräche und keine Achtsamkeit haben. Sie sind nun mal genuin unbewusst.
An dieser Stelle tritt im Grunde genommen die "Kaula", die spirituelle Gemeinschaft der anderen tantrisch Praktizierenden, auf den Teppich. Zumindest in der Theorie - denn in der Praxis setzt sich die Kaula meist aus ebenso unbewussten Menschen zusammen, wie man selbst einer ist. Diese Gruppe von gleich gewillten Personen wäre theoretisch in der Lage, behutsam Aussenfeedback zu geben, und zu helfen, verschiedene unbewusst gebliebene Inhalte bewusst zu machen. In der Realität läuft das dann aber oft simpel auf Machtspiele, Projektionen etc. hinaus - all das, was man so erfährt, wenn man sich lange genug in "spirituellen Gruppen" aufgehalten hat. Nichtsdestotrotz ist eine solche Kaula ein tolle Spielwiese, um sich eben mit sich selbst zu konfrontieren. Lustig ist das oft nicht, aber Tantra hat ja auch nicht primär etwas mit Lust zu tun... (oder vielleicht doch irgendwie?) ...sondern mit dem Willen als Mensch zu wachsen und innere künstlich gezogene Grenzen abzubauen, die einen aufhalten. (Was immer auch heisst, andere Grenzen zu bewahren, wenn man sie als sinnvoll erachtet. Beziehungsweise die Fähigkeit aufzubauen, mit Grenzen bewusst umzugehen. Was Scheitern ebenfalls als Potential mit einschliesst.)
Und dann muss halt irgendwann entschieden werden, auch auf die Gefahr hin, dass es eine "falsche" Entscheidung ist. Weil, Tantra ist ja immer auch Aktion und Willensbekundung, also Manipulation der Welt nach dem eigenen Willen. Das ist eben die magische Komponente von Tantra, was eben nach dem Akt der "Achtsamkeit" folgen muss, weil man sonst in die Gefahr der Vermeidung hineinläuft.
Das heisst: Die im ersten Post ausgedrückte Spannung kann für einen "magischen Zweck" verwendet werden, nämlich um etwas bisher Unbewusstes bewusst zu machen oder etwas bisher bloss als Potential vorhandenes weltlich real zu machen. Wenn man weiss, wie. Und das ist die eigentliche Bedeutung von Tantra. Nichts mit weiss-rot-schwarz und Batik-Tüchern und Achtsamkeitsritualen und Massagen und lauter so Zeugs.