Das Rudel der Nacht
Die Nacht lag kühl und schwer über den Alpen. Wolken schoben sich vor den Mond, nur selten brach sein Schimmer durch und liess die Zacken der Felsen wie silberne Messer glänzen. Der Wind fuhr pfeifend durch die Tannen, brachte den Geruch von Moos, kaltem Gestein – und das Raunen der Wildnis.Seit Stunden irrte eine junge Frau durch die Berge. Luise, eine Holländerin, hatte den Pfad verloren. Jeder Laut liess sie erschrecken, ihre Beine zitterten vor Erschöpfung. Als die Verzweiflung sie fast übermannte, sah sie ein schwaches Flackern zwischen den Steinen.
Eine Feuerstelle.
Dort sass ein Hirte, die Herde schlummerte weit oben an den Hängen. Sein Blick war wachsam, als sie taumelnd ins Licht trat.
„Was ist mit dir?“ fragte er ruhig. „Wie kommst du hierher – so spät, so allein?“
„Ik ben verdwaald …“ stammelte Luise. „Ich habe den Weg verloren … seit Stunden …“
Er nickte, stand auf und legte ihr eine Decke um die Schultern. „Dann ruh dich. Hier bist du sicher.“
Doch da zerriss ein Heulen die Nacht. Erst eins, dann viele. Ein Rudel. Die Stimmen hallten durch die Täler, wie uralte Gesänge der Wildnis.
Luise fuhr zusammen. „Sie … sie sind überall!“ flüsterte sie.
„Die Alphütte ist nah,“ sagte er, ruhig wie ein Fels. „Nur fünfhundert Meter.“
Mit der Laterne führte er sie den steinigen Pfad entlang. Schatten huschten, Augen glühten, Äste knackten. Die Wölfe zogen mit ihnen, unsichtbar, doch nahe. Für Luise war es blanke Panik – für Lukas nur das Muster eines Rudels. Er kannte diese Stimmen, und er wusste, wer sie anführte: der Leitwolf. Es war der Welpe, den er einst verwundet gefunden und genährt hatte. Lukas hatte ihn Votan getauft, nach dem Gott, der Herr der Stürme. Ein Band verband sie seither. Doch dieses Geheimnis behielt er für sich.
Da trat Votan selbst hervor. Gross, schwarz, mächtig. Die Augen wie zwei Kohlen. Luise hielt den Atem an, klammerte sich an Lukas. „Er wird uns zerreissen!“
Doch Lukas wich nicht zurück. Sein Blick begegnete dem des Tieres, still, unbeirrbar. Für einen Atemzug schien die Zeit stillzustehen. Votan erkannte ihn – und zog sich zurück. Das Rudel folgte, wie Schatten, die lautlos verschwinden.
Schliesslich tauchte die Alphütte im Mondlicht auf. Sie stürmten hinein, die Tür fiel ins Schloss. Draussen hallte das Heulen weiter, ein Schutzring, den Luise nicht verstand.
Drinnen sank sie auf die Bank, ihre Brust hob und senkte sich rasch, die Stirn glänzte vom Schweis. Lukas trat zu ihr, legte die Hand auf ihre Schulter. „Sie kommen nicht herein. Du bist sicher.“
Seine Ruhe liess ihre Angst zerfliessen. Etwas Ursprüngliches erwachte in ihr. Dieser Mann, so unerschrocken, so sicher – er war stärker als jede Bedrohung. Bei ihm konnte ihr nichts mehr etwas anhaben. Und so wollte sie nur noch eins: sein Besitz sein.
Sie liess die Decke von den Schultern gleiten, suchte seinen Blick und begann, ihn mit leisen Gesten zu umschmeicheln. Ihre Finger glitten über seinen Arm, ihre Lippen waren nur einen Hauch entfernt. Sie setzte die Waffe der Frau ein – doch diesmal war es mehr als Koketterie: Es war ein Urinstinkt, der in ihr sprach.
Lukas’ Selbstbeherrschung brach wie ein Damm. Er packte sie, zog sie an sich, seine Lippen hart auf den ihren. Ohne Worte hob er sie hoch, trug sie zum Felllager neben dem Herdfeuer und warf sie nieder.
Er war mit den kleinen Knöpfen und Reissverschlüssen ihrer hübschen Wanderfreizeitkleidung überfordert, und seine Gier liess ihm keine Geduld. Er konnte sich nicht mehr beherrschen – mit einem Ruck riss er an ihr, Stoff zerriss. Innerhalb von Sekunden waren es keine Kleider mehr, nur noch Fetzen, die über den ganzen Boden verstreut lagen.
Dies liess ihr Blut endgültig kochen. Bis zu diesem Moment hatte sie schon einige Männer gekannt – doch dieser war anders, so ganz anders. Bei ihm gab es keine Grenzen. Er durfte alles mit ihr machen, sich nehmen, was er wollte.
Dann nahm er sie. Hart, fordernd, unermüdlich. Ihre Schreie mischten sich mit dem Knistern des Feuers und dem Heulen des Rudels draussen. Jeder Stoss war wie ein Bekenntnis, jeder Griff ein Besitz. Sie bäumte sich auf, liess ihn tiefer, wilder, bis sie selbst nur noch ein Teil dieser Urkraft war.
Nie hatte sie solche Lust, solche Hingabe gespürt. Es war, als würde die Natur selbst durch sie hindurchbrennen. Sie ergab sich völlig – nicht nur ihm, sondern dem Ruf der Berge, der Wölfe, des Blutes.
Die Hütte bebte in ihrer Leidenschaft. Angst, Lust und Urinstinkt verschmolzen zu einem Sturm, der beide erfasste. Und draussen sang das Rudel ihr uraltes Lied, als würde es dieses Bündnis segnen.
Am Ende sank sie erschöpft in seine Arme, bebend, lächelnd, überwältigt. Noch immer hörte sie das Heulen, und sie wusste: In dieser Nacht war mehr geschehen, als dass zwei Körper eins geworden waren.
Die Zeit verging, und aus dem Sturm jener Nacht wuchs neues Leben. Ein kleines Rudel, das ihr eigenes war: das Zwillingspärchen Anouk und Friedrich.
Luise schaute auf die beiden, während Lukas draussen über die Herde wachte. Doch wenn der Mond gross über den Gipfeln stand, rief Votan. Dann wurde Lukas still, seine Augen verrieten, dass trotz Luise und der beiden Kleinen die Freiheit ihn rief.
Sie konnte spüren, dass er dem Ruf nicht widerstehen konnte. Denn so sehr er auch ein liebender Mann und Vater war – das Wilde, das sie in jener ersten Nacht erlebt hatte, lebte immer noch in ihm. Und sie wusste: Darauf wollte sie auf keinen Fall verzichten.
So war Lukas Hirte, Vater, Geliebter – und zugleich Bruder des Wolfes. Und wenn er Seite an Seite mit Votan durch die Nacht streifte, verstand Luise, dass er beides war: Mensch und Tier, gebunden und doch frei.
Der Sinn?…
Liebe ohne Freiheit stirbt.





