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Priorität und Bedürfnisse ("Aber beim anderen Partner...")

**********staIt Mann
179 Beiträge
Themenersteller 
Priorität und Bedürfnisse ("Aber beim anderen Partner...")
Ich bin noch relativ neu in der polyamoren Welt (unter einem Jahr) und trage bis heute noch viele monogame Denkmuster und Unsicherheiten mit mir herum. Doch ich möchte gerne ein Werkzeug mit euch teilen, das mir hilft, Sachverhalte grundlegend anders zu bewerten. Und ich wäre neugierig, wie ihr darauf blickt und welche Erfahrungen ihr in ähnlichen Situation gemacht habt.

Nutzen wir ein drastisches Beispiel als Ausgangslage:
Was wäre, wenn deine Partnerperson sich entscheiden würde, mit niemandem mehr Sex zu haben?
Was wäre, wenn deine Partnerperson sich entscheiden würde, nur mit dir keinen Sex mehr zu haben?
Der Effekt ist erstmal der Gleiche: mit der Partnerperson wäre kein Sex mehr möglich. Die Wahrnehmung empfinde ich jedoch völlig unterschiedlich und vermute, dass ich nicht der Einzige bin.

Bei der ersten Fragestellung wäge ich ab, ob ich mit einer solchen Form von Beziehung/Verbindung leben kann und möchte. Das ist wichtig, weil ich mir selbst wichtig bin. Ich kann vielleicht die Verbindung gemeinsam umgestalten oder notfalls ganz auflösen, wenn ich mich damit nicht wohl fühle.

Bei der zweiten Fragestellung kommen dagegen (bei mir) jede Menge Unsicherheiten auf:
• Bin ich nicht gut genug?
• Was mache ich denn falsch?
• Was ist bei Person X anders als bei mir?
• Das ist total unfair mir gegenüber
• Platzhalter für weitere innere Unsicherheiten und Emotionen
--> daraus ergibt sich bei mir gerne mentale Überforderung, die Situation fasse ich viel schwerer auf als sie vielleicht rational betrachtet wäre.

Eine Erklärung sind aus meiner Sicht vergangene Beziehungs- und Bindungserfahrungen, bei denen wir alle kleine oder große Laster mit uns tragen. (Fun fact: Ameisen können das 20-fache ihres Gewichts heben, wir tragen mental Lastwagen mit dem 50-fachen Gewicht mit uns herum. Bitte nicht schlagen!)


Obiges Beispiel lässt sich auch auf einfachere Dinge anwenden:
Die Partnerperson verbringt eine Nacht...
... im Bett einer anderen Person.
... bei einem Konzert.

Die Partnerperson ist abends nicht erreichbar...
... um sich mit jemandem zu vergnügen.
... um in aller Ruhe ein Buch zu lesen.

Die Partnerperson ist eine Woche kaum erreichbar...
... um mit einem tollen Menschen in den Urlaub zu fahren.
... um alleine Urlaub zu verbringen und vom Alltag abzuschalten.

Die Partnerperson wirkt völlig übermüdet und ausgelaugt...
... weil sie mit (einem) anderen Menschen die ganze Nacht durchgefeiert oder durchgevö.... hat.
... weil sie gerade viel zu tun hat und zudem sehr schlecht schläft.


Dieser Perspektivwechsel hilft mir, Situationen anders zu bewerten und mich besser mit der eigentlichen Problemstellung, bzw. meinen eigenen Bedürfnissen zu befassen.

Wo habt ihr solche Erfahrungen mit der Frage nach Fairness, Priorität und Exklusivität schon gemacht und wie seid ihr damit umgegangen?
Falls ihr in den Vergleichen gar keinen Unterschied in eurer Wahrnehmung spürt, wäre ich neugierig, wie ihr dorthin gefunden habt. Wie geht ihr damit um, wenn eines eurer Bedürfnisse nicht gestillt werden kann?
******987 Frau
1.422 Beiträge
Das kann dir in einer offenen Beziehung genau so passieren, meine die Sachen mit Sex und Eifersucht, Selbstzweifel etc
Das ist nicht unbedingt auf Polyamorie zu beschränken

Wir wohnen nicht die ganze Woche zu dritt, jeder hat seine Hobbys und Freiheiten

Sie geht gerne zum Tanzen, er geht gern zum Sport, ich bin eher der Stubenhocker und betätige mich handwerklich
Keiner von uns ist eifersüchtig, wenn die jeweils anderen beiden was zusammen oder auch alleine unternehmen.
Man hält sich kurz auf dem Laufenden umd gibt Rückmeldung wo man ist oder ob man gut angekommen ist, damit sich keiner Sorgen macht
Lg
Achterbahn -- zwischen Depression und Hoffnung
****fan
2.658 Beiträge
so sehe ich das auch, wichtig ist Offenheit und Ehrlichkeit als Grundlage für Vertrauen und Respekt, meine Frauen wissen, wann ich wo bin und wie lange ich dort bin, gemeinsamer Urlaub wird vorher abgesprochen und auch aus dem Urlaub kommt mal per WA ein Lebenszeichen...
Bei den von Dir geschilderten Fällen bezüglich Sex würde ich das offene Gespräch suchen, um der anderen Person auch einen Raum zu geben, sich zu äußern und daraus heraus dann Wege zu entwickeln, wie die Beziehung sich im Konsens verändern lässt
********oirs Frau
43 Beiträge
Ich versteh in dem Beitrag ehrlich gesagt das von Dir benannte Werkzeug oder den Perspektivwechsel nicht.
Der Unterschied in den Fragestellungen ist mir bewusst, die Unsicherheiten, die durch Begegnungen mit anderen auftreten können, auch, die hast Du ja für Dich herausgearbeitet, aber was genau ist das Werkzeug?
Dass man sich bewusst macht, dass die Reaktion von einem selbst kommt, oder welche Unsicherheiten man dabei erlebt, wie Du sie aufgezählt hast, oder meintest Du damit etwas anderes?
*******n_M Mann
2.145 Beiträge
Loslassen heißt nicht fallenlassen.

Warum hat man Besitzansprüche an eine Person?
Wenn du 70/80 bist und kein Sex mehr willst, trennst du dich dann?

Für mich war noch nie nachvollziehbar, das Menschen ihre Partnerschaft vom Sex mit dieser abhängig machen. Sieht man die Person nur als Gebrauchsgut?
Gibt es nichts, warum es sich lohnt diese Person ein Leben lang zu begleiten.


Eine Ehe/ Beziehung ist nicht ein Leben.
Es sind zwei Leben mit Schnittpunkten. Jeder hat das Recht auf Zeit nur für sich und mit anderen. Alles andere wäre Nötigung. Unabhängig welche Partnerschaftform, muss man soviel Energie in diese stecken, das der Partner WEISS: die Person steht zu mir. Und zwar immer…diese Energie heißt nicht schwitzen beim Sex… den Sex ist wie, shoppen, Urlaub, putzen, Essen gehen… ein Teil der Schnittstellen. Wenn shoppen wegfällt weil kein Geld da ist, gemeinsames Essen nicht geht weil die Zähne fehlen, dann ist das so… denn man hat jeder sein Leben um das aufzufüllen was der Partner nicht leisten kann oder will.
******987 Frau
1.422 Beiträge
Zitat von *******n_M:
Eine Ehe/ Beziehung ist nicht ein Leben.
Es sind zwei Leben mit Schnittpunkten. Jeder hat das Recht auf Zeit nur für sich und mit anderen.

Das hast du schön ausgedrückt

Ja eine Beziehung ist nicht nur abhängig vom Sex, wohl wahr.. aber es würde mir schon sehr schwer fallen darauf zu verzichten.
Ich merke das ich dann gestresst bin und zickig werde.
Ich nutze Sex zum Abschalten meines Hirns....
Aber klar würde ich auch ohne in der Beziehung bleiben
Sofern Berührung und Nähe noch zugelassen wird, in Form von umarmen, kuscheln, küssen etc
*******n_M Mann
2.145 Beiträge
@******987
Danke

Was möchte man von einer Beziehung am Ende seiner Zeit? Ich fand den Gedanken immer spannend auf einer Bank zu sitzen und über die Dinge die man erlebt hat zu lachen, weinen, staunen. .. vor allem wenn einer vielleicht mal nicht dabei war.
Jetzt sieht es aus, als würden wir da zu dritt sitzen. Sex schließt nich Nähe, Zärtlichkeiten und auch Sinnlichkeiten aus. Es bedarf nur Bewußt werden, das Sex irgendwann hat keine Rolle mehr spielt.
******987 Frau
1.422 Beiträge
Zitat von *******n_M:
Es bedarf nur Bewußt werden, das Sex irgendwann hat keine Rolle mehr spielt.

Denke diese Zeit kommt schon noch irgendwann, aber grad fühl ich mich definitiv noch zu jung um das Thema Sex abzuschließen
Lg
****ra Frau
49 Beiträge
Für mich ist die eigentliche Frage meist nicht: „Mit wem?“, sondern: „Sind meine Bedürfnisse in dieser Beziehung erfüllt?“

Wenn ja, spielt der Vergleich mit anderen für mich kaum eine Rolle. Wenn nein, ist das unabhängig davon ein wichtiges Gesprächsthema.
******987 Frau
1.422 Beiträge
Die Bedürfnisse ändern sich sicher mit zunehmendem Alter.

Wichtig ist dann nur, dass man die Kompromisse dann gemeinsam gehen kann und trotzdem glücklich ist oder man muss sich früher oder später trennen

Aber auch da bleibe ich bei meiner ersten Aussage. Es ist unabhängig davon welche Beziehungsform man wählt
Lg
**********staIt Mann
179 Beiträge
Themenersteller 
Zitat von ********oirs:
Ich versteh in dem Beitrag ehrlich gesagt das von Dir benannte Werkzeug oder den Perspektivwechsel nicht.
Der Unterschied in den Fragestellungen ist mir bewusst, die Unsicherheiten, die durch Begegnungen mit anderen auftreten können, auch, die hast Du ja für Dich herausgearbeitet, aber was genau ist das Werkzeug?
Dass man sich bewusst macht, dass die Reaktion von einem selbst kommt, oder welche Unsicherheiten man dabei erlebt, wie Du sie aufgezählt hast, oder meintest Du damit etwas anderes?

Das Werkzeug, das ich glaube gefunden zu haben, ist der Perspektivwechsel in eine Ebene, in der ich für eine Entscheidung oder Situation automatisch mehr Verständnis mitbringen kann. So gelingt es mir besser konkret mit der Situation zu arbeiten, statt mir zu überlegen, wie groß mein Anteil an einem Kuchen ist, ob etwas bewusst oder unbewusst geschieht und eben welche Rolle ich dabei spiele, bzw. ob ich für irgendetwas gut genug bin.


Ich sehe an den Beiträgen, dass viele hier schon deutlich weiter sind. Ich möchte eines Tages auch komplett ohne Vergleiche in Verbindungen gehen und ausreichend Sicherheit in mir tragen, um alle Beziehungsformen komfortabel tragen zu können. Bis dahin helfen mir Werkzeuge wie dieses hier, mich besser mit Konstellationen und Situationen auseinanderzusetzen oder besser mit ihnen umgehen zu können.
***al Mann
108 Beiträge
@ Schattengestalt: Mit Perspektivwechsel habe ich schon sehr gute Erfahrungen gemacht. Allerdings nicht so wie Du es beschreibst, krampfhaft das Problem im Fokus zu behalten und lediglich den Blickwinkel zu ändern.

Bei mir ist es so, dass ich wenn ich vor einem scheinbar unlösbaren Problem stehe, dieses erst mal zur Seite lege und mich mit etwas Anderem beschäftige. Und dann plötzlich ohne zu wollen, taucht etwas aus meinem Unterbewusstsein auf. Ich schaue hin und sehe das Detail, das ich bisher übersehen habe.

Wenn ich mir Deinen Text aber so lese, dann kommt bei mir der Gedanke auf, dass es Dich sehr beschäftigt, dass Deine Partnerin keinen Sex mehr mit Dir haben will. Aus sehr persönlicher Erfahrung: Da hilft kein Grübeln und kein Perspektivwechsel. Rede mit ihr. Bei mir hat es geholfen und war für beide befreiend. So viel kann ich verraten: Der Grund hat mich überrascht, da wäre ich nie alleine darauf gekommen.
**********silon
9.345 Beiträge
Zitat von **********staIt:


Nutzen wir ein drastisches Beispiel als Ausgangslage:
Was wäre, wenn deine Partnerperson sich entscheiden würde, mit niemandem mehr Sex zu haben?
Was wäre, wenn deine Partnerperson sich entscheiden würde, nur mit dir keinen Sex mehr zu haben?
Der Effekt ist erstmal der Gleiche: mit der Partnerperson wäre kein Sex mehr möglich. Die Wahrnehmung empfinde ich jedoch völlig unterschiedlich und vermute, dass ich nicht der Einzige bin.

Ich kenne das von mir auch, habe aber das Thema dahinter schon gut erkannt. Das Thema Sex an sich ist nur der Aufhänger an der Oberflächer. Tief untendrunter ist es eine Frage der Unsicherheit. Meine eigene Unsicherheit zu mir selbst und meiner Person und dem, was mich ausmacht. Es fehlt auch in gewissen Anteilen das Ur-Vertrauen in mich selbst und damit auch in andere Personen.

Der Gedanke, dass die andere Person auch mit allen anderen Menschen nimmer mag, hat etwas "beruhigendes" und "tröstliches". So nach dem Motto: Ah, dann liegts also nciht an mir.

Wobei ich mir bewusst bin, dass meine Liebe zu meinen Herzensmenschen nicht (unbedingt) = Bedürfnis nach Sex miteinander bedeutet (bedeuten muss). Denn ohne die körperliche Ebene, die es mir kompliziert macht / machen kann, fühle ich mich persönlich wesentlich freier in meinem Sein mit anderen Menschen.

Das Thema da drunter ist bei mir tatsächlich noch immer eine frage des Selbstwertes und der Selbstsicherheit, aber auch gewisser negativer Vorprägungen.

Dem entgegen setze ich aber in meinem ureigenen Thempo peu a peu positiv besetzte Dinge und Erfahrungen. Vor allem erstmal im unsexuellen Bereich ...
**********staIt Mann
179 Beiträge
Themenersteller 
Die Beispiele sind fiktiv, ich entschuldige mich für die entstandenen Missverständnisse. Mein Ziel war nicht, Lösungen für die genannten Beispiele zu suchen (die Ursachen könnten grundverschieden sein), sondern zu vermitteln, wie ich den Perspektivwechsel für mich verwende. Gerade das Beispiel mit dem Sex nutze ich, weil es potenziell starke Emotionen erweckt, da Sexualität oft als viel wichtiger betrachtet wird als kurzfristige zeitliche Verfügbarkeit. Andere Beispiele stammen leicht abgewandelt von Forenbeiträgen, die ich hier oder anderswo gelesen habe.

Zu deinem anderen Punkt:
Natürlich ist der erste Schritt bei Beziehungsthemen das persönliche Gespräch. Wir haben eine wirklich tolle Kommunikationsbasis und ich bin sehr dankbar dafür.
Doch es gibt Dinge, bei denen die Sicht des Gegenübers nicht weiter hilft, weil das Problem in inneren Unsicherheiten und negativen Erfahrungen aus früheren Beziehungen liegt. Beispielsweise kommt ein Gefühl, nicht gut genug zu sein, nie von der Partnerperson (falls doch würde ich die Beziehung beenden) sondern hat sich in der Kindheit, in gescheiterten Beziehungen oder auch im Alltag irgendwo verankert und aktuell ziehe ich Parallelen. Das kann man hinterfragen oder belächeln, wenn man selbst nicht davon betroffen ist. Mir hilft es, mich damit intensiv zu beschäftigen, Hintergründe zu verstehen und diese Unsicherheiten irgendwann zu verarbeiten.

Ehrlicherweise würde ich mich über mehr Blickwinkel von Menschen freuen, die frisch in diese Welt eintauchen und durch bisherige Monogamie oder mithilfe von noch bestehenden Grenzen ganz langsam in diese Welt eintauchen, weil sich einfach sehr viel verändert und das Denken und Fühlen erstmal nachkommen muss. In manchen Beiträgen sehe ich eher den Appell, dass diese Unsicherheiten einfach nicht bestehen sollten, was es mir schwer macht, eigene Unsicherheiten und Schwächen überhaupt zu teilen.
Das finde ich sehr schade, weil ich vermute, dass für die meisten Menschen hier, die vielleicht schon seit Jahrzehnten polyamor leben, der Anfang schwer gewesen war.
**********silon
9.345 Beiträge
Genau, das Problem der eigenen inneren Themen. Unsicherheiten und negativen Vorerfahrungen. Das ist es. Zumindest in meinem Falle.

*zwinker*

P.S. Wenn Menschen mir gegenüber das ernsthaft belächeln würden, wären sie für mich nicht die richtigen Kontaktpersonen. Ganz einfach.
*******n_M Mann
2.145 Beiträge
@**********staIt
„Ehrlicherweise würde ich mich über mehr Blickwinkel von Menschen freuen, die frisch in diese Welt eintauchen und durch bisherige Monogamie oder mithilfe von noch bestehenden Grenzen ganz langsam in diese Welt eintauchen“

Genau hier sehe ich das Problem. Langsam?. Wenn man sich verliebt ist, das Problem sofort da. Es geht also darum, in der bestehenden Beziehung oder in der werdenden Beziehung sofort mit den Gesprächen anzufangen. Natürlich kann der Selbstwertgefühl nur bedingt von einem Partner bestärkt werden, wenn es in der Vergangenheit drastische, negative Erfahrungen gab. Hierbei ist es vielleicht nicht möglich über die monogamie hinaus zukommen. Sich in einer funktionierenden Beziehung angekommen zu fühlen, ist sicherlich schon etwas besonderes. Wenn also noch ein weiterer Mensch in dieses Leben eintritt, sollte gewiss sein, dass diese funktionierende Beziehung diesen zusätzlichen Menschen aushält. Wenn das nicht der Fall ist, ist der Sahnekuchen des Lebens vielleicht ohne die Kirsche obendrauf. Hierbei muss man sich selbst fragen, ob ich alles infrage stelle, um nur diese Kirsche zu bekommen. Demut zu dem, was man hat, ist heute leider nicht weit verbreitet. Selbst wenn beide für ein Polyleben gemacht sind, heißt es nicht, dass man auch den passenden weiteren Menschen dazu finden wird. Nicht bei jedem Menschen entflammt das Herz ,bei manchen entflammt nur die Libido. dann wäre es“ nur“ eine offene Beziehung, was ja auch durchaus eine Besonderheit ist.
********reau Frau
351 Beiträge
Zitat von **********staIt:
Wo habt ihr solche Erfahrungen mit der Frage nach Fairness, Priorität und Exklusivität schon gemacht und wie seid ihr damit umgegangen?
Falls ihr in den Vergleichen gar keinen Unterschied in eurer Wahrnehmung spürt, wäre ich neugierig, wie ihr dorthin gefunden habt. Wie geht ihr damit um, wenn eines eurer Bedürfnisse nicht gestillt werden kann?

Das ist fast eine philosophische Frage: Ob man den reinen Output einer Situation in Betracht zieht oder ob man zusätzlich den Kontext betrachtet.

Für mich spielt Kontext eine große Rolle und die Form der gedanklichen Abstraktion, die du hier wählst, würde für mich nicht funktionieren, um mit emotionalen Herausforderungen umzugehen.

Anderes Beispiel: Auf unserem Gemeinschaftskonto fehlen 200 Euro.
Variante A: Er hat das beim Pokern verblasen.
Variante B: Er hat die Arztkosten von einem Freund in Nöten übernommen.

Hier macht der Kontext - zumindest für mich - definitiv einen Unterschied. Obwohl der Output (wir haben 200 Euro weniger) derselbe ist.

Und auch wenn sich eine Partnerperson entscheiden würde, (nur) mit mir keinen Sex mehr zu haben, wäre das eine schwierige Situation für mich. Wenn er grundsätzlich nicht in der Lage ist, ein wichtiges Bedürfnis von mir zu erfüllen, ist das etwas ganz anderes als: Er ist grundsätzlich dazu in der Lage – nur nicht mit mir.
Profilbild
*********hmidt
2.086 Beiträge
Hey, lieber @**********stalt...!

Ich kann mir nicht helfen...

Irgendwie zieht es sich in mir beim Lesen deiner Zeilen unwillkürlich zusammen...

Du schreibst davon, dass diese neue Art des Vergleichens dich befreit und glücklich macht... Das will ich dir furchtbar gerne glauben... Gleichzeitig kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass genau diese Technik, auf die du gerade so abfährst, unter'm Strich dazu führt, dass du deine erlebten Gefühle unterdrückst, anstatt ihnen wirklich zu begegnen...

Die Beispiele, die du anführst klingen auf den ersten Blick durchaus einleuchtend... Allerdings scheint mir bei jedem deiner Vergleiche die Kernbotschaft zu sein:

"Der Schmerz, den ich fühle, ist unlogisch und kann daher weg...!"

Für mich klingt das nicht nach innen den Prozess gehen, sondern eher nach Unterdrückung all dessen, was unbequem oder störend sein könnte...

Vielleicht war ich nicht allein mit diesem Eindruck... Dies würde zumindest erklären, warum so viele hier auf deine Schilderung hin bereits darauf hinwiesen, wie wertvoll und unersetzlich der persönliche Austausch über unsere Eindrücke, Gefühle oder Impulse in polyamoren Beziehungen ist...

Ich stoße ins selbe Horn wie @********reau:

Wir können die Nährstoffe, die unser Körper benötigt, bei einer geselligen Mahlzeit mit geliebten Menschen zu uns nehmen...

Oder in Form von drei oder vier aufeinander abgestimmten Pillen...

Würdest du auch da sagen, das macht keinen Unterschied...?

Oder versuchen wir ein anderes Beispiel:

Du könntest einen Menschen attraktiv finden, der sein Geld damit verdient, als Lehrer:in zu arbeiten, als Schlachter:in oder als Auftragsmörder:in...

Wenn das Geld, das er oder sie in die Haushaltskasse einzahlt, unter'm Strich dasselbe ist:

Hat diese Information Auswirkungen auf deine Wahrnehmung der anderen Person und eurer Beziehung - oder nicht...?

Vielleicht sehnst du dich vielleicht auch nach einer Umarmung und nach Körperkontakt...

Du könntest diesen von deinem Partner oder deiner Partnerin bekommen - oder von einer betrunkenen Person am Busbahnhof...

Würde das in deinen Augen einen Unterschied machen - oder nicht...?

Meiner Erfahrung nach erlebt unsere Psyche die Welt um sie herum weit weniger als eine Ansammlung von Fakten aus Materie und Energie als vielmehr als ein Kaleidoskop aus Bedeutungen und Symbolen...

@********reau hat dies als "Kontext" bezeichnet...

Hinzu kommt:

Gefühle wollen meiner Erfahrung gefühlt, geteilt und liebevoll bezeugt werden, bevor sie sich verändern oder gar zu heilen beginnen...

Du schreibst, du möchtest gerne "besser" werden in Sachen Polyamorie... Wenn dies dein Wunsch ist, möchte ich dir gerne "polysecure" von Jessica Fern warm ans Herz legen...

Sie schreibt immer wieder von Beziehungen als "verlässlicher Basis" und "sicherem Hafen" - darüber, was möglich wird, wenn dies erreicht ist, aber auch davon, was es braucht, um (einzeln ebenso wie gemeinsam) Schritt für Schritt dorthin zu kommen...

💜💙💚💛🧡*herz*
*******wers Frau
109 Beiträge
Ich war eine ganze Weile teilweise sehr irritiert über die klaffende Lücke zwischen meinen Bewertungen mit und ohne Kontext. Und ja, du hast Recht, es kann helfen, den Kontext mal wegzulassen, wenn man mal ganz sachlich-nüchtern auf eine Situation schauen will.

Meine Beobachtung bis jetzt: Je weniger meine Bedürfnisse in einer Beziehung erfüllt sind oder je verunsicherter ich mich fühle, desto mehr sticht der Vergleich und desto mehr sticht es, dass jemand anderes etwas bekommt, das ich mir wünsche. Das heißt, wenn der Vergleich sticht zeigt mir das, dass sich irgendwo etwas ändern sollte.

Und es stimmt eben auch, dass der Kontext für meine Einordnung wichtig ist und wichtig dafür ist, wie okay es für mich ist, dass meine Bedürfnisse frustriert werden.
*******mcat Mann
4.568 Beiträge
@TE Eingangsposting - WOW, was für eine Themenformulierung.

Noch ohne dass ich weitere Beiträge dazu gelesen habe: Mein ehrliche Hochachtung.

Die Formulierungen kann man nämlich zum Teil auch auf ganz andere Sachverhalte (zum Beispiel im Coaching) übertragen.

Was für eine Klarheit der Fragen - wünsche alles Gute und lese demnächst die Kommentare weiter.
******ore Frau
4.925 Beiträge
Die Gefühle, die so problematisch sein können, entstammen eher nicht den letzten Beziehungen, sondern würden i.a.R. in der allerersten Beziehung geprägt.
Wenn sie dort nicht gelöst wurden, werden sie sich so lange in aktuellen Beziehungen zeigen, bis sie in allen Ebenen gelöst wurden.
Da helfen Tools durchaus weiter.
Byron Katie, GfK, die Geschichte mit dem Loch imWeg, in das man fällt, bis man in die Lage kommt, einen anderen Weg zu gehen.
All das kann uns "auf die Sprünge helfen" etwas in uns (nie beim anderen, es funktioniert so einfach nicht) zu verändern.
Das Leben wird immer wieder schmerzvolle Phasen beinhalten, damit wir nicht in die Gleichgültigkeit abdriften. Wobei gerade diese auch gut sein kann. Den Fokus weg vom anderen (es geht mir gut, wenn er da ist. Es geht mir schlecht, wenn er bei anderen ist) zu mir zu legen (ich ergründe meine Bedürfnisse, teile sie ohne Erfüllungserwartung mit und gehe ihnen selbst auf den Grund.) ist ein innerer Heilprozess. Den können andere (Partner) unterstützen, aber ich kann es nicht erwarten, sondern nur wünschen.
Das alles ist viel komplexer, als in diesen paar Sätzen skizziert. Aber (auch so ein klebriger Satz) jeder Weg fängt mit dem ersten Schritt an.
**********silon
9.345 Beiträge
Zitat von ******ore:
Die Gefühle, die so problematisch sein können, entstammen eher nicht den letzten Beziehungen, sondern würden i.a.R. in der allerersten Beziehung geprägt.

Das habe ich mir schon gedacht. Das ist bei mir der Hasus-Knacksus. *lol*

Zitat von ******ore:

Byron Katie, GfK, die Geschichte mit dem Loch imWeg, in das man fällt, bis man in die Lage kommt, einen anderen Weg zu gehen.

Das war das Buchcover, oder? Sagt mir was vage aber. Wie heißt der Titel?
******ore Frau
4.925 Beiträge
Nein, kein Buchcover,
Nur verschiedene Tools
**********silon
9.345 Beiträge
@******ore

Kannst du das bitte mal etwas näher ausführen? *g*
******ore Frau
4.925 Beiträge
Nein, das kann ich nicht, aber du kannst jeden Begriff in deine Lieblingssuchmaschine eingeben.
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