Priorität und Bedürfnisse ("Aber beim anderen Partner...")
Ich bin noch relativ neu in der polyamoren Welt (unter einem Jahr) und trage bis heute noch viele monogame Denkmuster und Unsicherheiten mit mir herum. Doch ich möchte gerne ein Werkzeug mit euch teilen, das mir hilft, Sachverhalte grundlegend anders zu bewerten. Und ich wäre neugierig, wie ihr darauf blickt und welche Erfahrungen ihr in ähnlichen Situation gemacht habt.Nutzen wir ein drastisches Beispiel als Ausgangslage:
Was wäre, wenn deine Partnerperson sich entscheiden würde, mit niemandem mehr Sex zu haben?
Was wäre, wenn deine Partnerperson sich entscheiden würde, nur mit dir keinen Sex mehr zu haben?
Der Effekt ist erstmal der Gleiche: mit der Partnerperson wäre kein Sex mehr möglich. Die Wahrnehmung empfinde ich jedoch völlig unterschiedlich und vermute, dass ich nicht der Einzige bin.
Bei der ersten Fragestellung wäge ich ab, ob ich mit einer solchen Form von Beziehung/Verbindung leben kann und möchte. Das ist wichtig, weil ich mir selbst wichtig bin. Ich kann vielleicht die Verbindung gemeinsam umgestalten oder notfalls ganz auflösen, wenn ich mich damit nicht wohl fühle.
Bei der zweiten Fragestellung kommen dagegen (bei mir) jede Menge Unsicherheiten auf:
• Bin ich nicht gut genug?
• Was mache ich denn falsch?
• Was ist bei Person X anders als bei mir?
• Das ist total unfair mir gegenüber
• Platzhalter für weitere innere Unsicherheiten und Emotionen
--> daraus ergibt sich bei mir gerne mentale Überforderung, die Situation fasse ich viel schwerer auf als sie vielleicht rational betrachtet wäre.
Eine Erklärung sind aus meiner Sicht vergangene Beziehungs- und Bindungserfahrungen, bei denen wir alle kleine oder große Laster mit uns tragen. (Fun fact: Ameisen können das 20-fache ihres Gewichts heben, wir tragen mental Lastwagen mit dem 50-fachen Gewicht mit uns herum. Bitte nicht schlagen!)
Obiges Beispiel lässt sich auch auf einfachere Dinge anwenden:
Die Partnerperson verbringt eine Nacht...
... im Bett einer anderen Person.
... bei einem Konzert.
Die Partnerperson ist abends nicht erreichbar...
... um sich mit jemandem zu vergnügen.
... um in aller Ruhe ein Buch zu lesen.
Die Partnerperson ist eine Woche kaum erreichbar...
... um mit einem tollen Menschen in den Urlaub zu fahren.
... um alleine Urlaub zu verbringen und vom Alltag abzuschalten.
Die Partnerperson wirkt völlig übermüdet und ausgelaugt...
... weil sie mit (einem) anderen Menschen die ganze Nacht durchgefeiert oder durchgevö.... hat.
... weil sie gerade viel zu tun hat und zudem sehr schlecht schläft.
Dieser Perspektivwechsel hilft mir, Situationen anders zu bewerten und mich besser mit der eigentlichen Problemstellung, bzw. meinen eigenen Bedürfnissen zu befassen.
Wo habt ihr solche Erfahrungen mit der Frage nach Fairness, Priorität und Exklusivität schon gemacht und wie seid ihr damit umgegangen?
Falls ihr in den Vergleichen gar keinen Unterschied in eurer Wahrnehmung spürt, wäre ich neugierig, wie ihr dorthin gefunden habt. Wie geht ihr damit um, wenn eines eurer Bedürfnisse nicht gestillt werden kann?














