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Umgang mit extremen Erfahrungen

*******e_75 Frau
Themenersteller 
Umgang mit extremen Erfahrungen
Hallo Kollegen,

mich beschäftigt seit geraumer Zeit Folgendes:

Wir hatten einen Schockraumalarm. Angekündigt wurde uns ein junger Patient (zwischen 40 und 45 Jahren) instabil, nach Reanimation, intubiert und beatmet, unklare Ursache, sei wohl beim Abendessen mit der Familie (hatte zwei kleine Kinder)zusammengebrochen.

Also stand ich parat, CT bereit, Röntgenanlge auch, im Schockraum mit Kollegen aus Anästehesie, Chirurgie, Inneren..usw...

Sanis brachten uns den Patienten, Notarzt übergab den Patient dem Schockraumleader, soweit alles gut.

Es folgte Reanimation und der Kampf um Leben und Tot...wir komnten den Patienten zwar auf den CT Tisch lagern, aber weiter sind wir nicht gekommen. Er starb auf "meinem" CT Tisch bzw. wir haben die Rea eingestellt, weil die Ärtze anhand aller Werte und Zeit der Rea usw. so entschieden haben...soweit lief wirklich alles nach Vorschrift und Statuten...

Solch eine Situation hatte ich nun schon öfter und kann damit umgehen, auch durch Gespräche mit Kollegen.

Allerdings folgt bei mir eine seltsame Reaktion:

Meist komme ich danach nach Hause und will einfach nur Sex haben...das Gefühl, zu leben, zu spüren, um intensiv zu fühlen....

Ich spüre eine so unendliche Traurigkeit aber auch eine solche Geilheit, ein "BITTE LASS MICH SPÜREN ICH LEBE NOCH" sowas wie ein "Aufschrei"...

Kennt jemand von euch dieses Gefühl, dass euch etwas so mit nimmt und ihr wollt Trost im Sex finden? Wollt wissen, ob ihr dabei das Leben in euren Adern spürt? Diese tiefe Leidenschaft und tieses tiefe "Fühlen" und "Empfinden"?

Mich interessiert, ob ich einfach total falsch ticke, oder es nicht verabeiten kann, obwohl ich da nicht allzulange hinterher denke...das Leben im Beruf und Privat geht ja weiter...

Habt ihr auch solche "Gefühle" oder Situationen?

Danke für eure Beiträge...interessiert mich sehr

LG Josefine
******ann Mann
Eher Regel als Ausnahme
Ich glaube, dass ist eher die Regel als die Ausnahme bzw. eine sehr häufige Reaktion auf Konfrontation mit dem Tod und damit auch der eigenen Sterblichkeit.
Da, wo das Verhältnis zu Kollegen so nah war, dass man auch über solche Themen sprechen konnte, beschrieben es viele ähnlich.
Das geht sogar auf einer eher abstrakten Ebene: Ich habe mehrmals kleine Workshops gegeben, teils für medizinisches Personal, teils für „ganz normale Menschen“, bei denen es um Reflektion der eigenen Sterblichkeit und der damit verbundenen Emotionen ging: Auch da waren diese Reaktionen deutlich wahrnehmbar….
Das es eine Menge Menschen gibt, die diese Reaktionen eher wegschieben, weil es moralisch nicht sein darf, dass der Tod geil macht, ist davon unabhängig.
**********er_nw Mann
Im französischen heißt" Liebe machen"auch der "kleine Tod" er bezeichnet das Gegenteil vom "großen (endgültigen Tod)
********inis Mann
Normale Reaktionen auf abnormale Situationen
Hallo Josefine,

auch wenn es mir persönlich nicht so geht, halte ich Deine Reaktion nicht für abnormal.
Um es ganz simpel auszudrücken:
Dein Gehirn oder Deine Psyche sind in diesem Moment mit dem was Du erlebt hast emotional überfordert. Das ist bei jedem Menschen so. Denn es war einfach keine normale Situation an die die Du gewöhnt bist.
Mit einer emotionalen Überlastung, in der sich auf einen Schlag so viele und starke Emotionen aufstauen, geht jeder anders um. Auch immer abhängig davon um was es geht. Der eine bricht sofort danach weinend zusammen, der andere kann es kompensieren bis er in einer "angemessenen" Situation ist oder zur Ruhe kommt, der nächste macht Sport, andere sind kreativ und wieder andere lassen es beim Sex raus... Und Sex ist dabei in meinen Augen wesentlich logischer als Sport oder Kreativität. Denn auch beim Sex und dem Orgasmus gibt es eine Überflutung mit Emotionen. Ob man sich darüber jetzt bewusst ist, oder nicht. *zwinker*

In meinen Augen ist Deine Geilheit absolut nicht abnormal.
*******e_75 Frau
Themenersteller 
Danke,
für eure bisherigen Beiträge, es beruhigt mich sehr, dass der Wunsch nach intensiven Sex, ein Audruck meiner Emotionen sind.

Ich denke, das trifft es ziemlich genau auf den Punkt. *genau*

Merci
******ann Mann
Dein Gehirn oder Deine Psyche sind in diesem Moment mit dem was Du erlebt hast emotional überfordert.
Das kann es natürlich auch geben, aber ich glaube, es gibt daneben auch eine Seite, die ist viel universeller und menschlicher: Wenn jemand vor unseren Augen stirbt, der ungefähr das gleiche Alter und sonstige Ähnlichkeiten hat, dann konfrontiert uns das auf eine sehr direkte und damit schwer zu verdrängende Art mit der eigenen Sterblichkeit. Aus meiner Erfahrung ist eine Reaktion darauf, irgendwas zu machen, was diesen Schreck aufhebt. Sex hat die geniale Eigenschaft, dass es einen ziemlich aus dem Kopf holen kann und nebenbei die meiste Zeit der Evolution mit Fortpflanzung und damit "es entsteht was, was mich überdauert" verbunden war (hat ja nicht jeder die Ressourcen, auf diesen existentiellen Schreck eine Pyramide zu bauen).

Es gab vor ein paar Jahren auch mal einen Zeitungsartikel über das Phänomen:

Links nur für Mitglieder
*******e_75 Frau
Themenersteller 
Wow....sehr interessant...erstaunlich...was ich hier so erfahre....bin geplättet. *huch*

Danke für den Link zum Artikel *danke* sehr informativ...jedenfalls für mich.
*********2017 Frau
Kenne ich irgendwoher...
Ich habe nach solchen Einsätzen immer das Bedürfnis, Musik zu hören und zu singen. Beim Singen meinen Atem zu haben und es rauszusingen. *g* und ich gehe zum Sport, damit ich meinem Kreislauf zeige, wie gut es mir geht. Das zeigt sich bei jedem anders *g* manchmal hab ich nach sofas auf unsagbaren Hunger oder manchmal das Bedurfnis, mit meinem Hund zu kuscheln und es ihm zu erzählen.
***_F Mann
So oder so ähnlich
Mir geht es fast ähnlich. Ich arbeite in der häuslichen Intensivpflege und vorwiegend wenn ich Nachtdienst hatte oder es einem Patienten sehr schlecht ging in meinem Dienst, dann verspüre ich eine unbändige Lust auf Sex. Teilweise ist es so, um so länger ich Nachtdienst habe, um so schlimmer und extremer wird meine Lust. Ich dachte schon das es nur mir so geht, nun bin ich etwas beruhigt nicht allein da zu stehen.

Danke Josephine für deinen Beitrag!*g*
*******e37 Frau
@Josefine75
Ich selbst kenne dass Gefühl leider auch gut. Ich bin in einer Klinik in der Radiologie und wenn der Schockraumalarm runter geht steigt bei uns dass Adrenalin weil alles schnell gehen muss. Leider geht es nicht immer gut aus, aber darüber zu sprechen direkt danach hilft.
Der Gedanke AN Sex, kommt da denke ich auch einfach automatisch.
Was anderes Fühlen. Sich selbst fühlen das Leben an sich und in sich spüren. Lebendig fühlen. Und Adrenalin und Stressabbau
********inis Mann
@ Faehrmann
Das was du beschreibst meine ich mit dieser emotionalen Überforderung. Ich sehe unsere "Erklärungen" da in keinster Weise gegensätzlich. Denn uns berühren ja nur Dinge, mit denen wir uns auf irgendeine Art und Weise identifizieren. Um das zu kompensieren suchen wir einen Ausgleich. Jegliche Aktivität führt zu einer emotionalen Entlastung. Und jegliche Aktivität zeigt uns natürlich auch, dass wir leben.

Insofern finde ich den Zusammenhang zwischen Tod und Sex durchaus logisch. Den Zusammenhang zwischen Tod und zum "Ausgleich" Sex zu haben weil es mit "Leben erschaffen" in Zusammenhang steht, fände ich allerdings etwas zu oberflächlich konstruiert.

Letztendlich ist es aber egal. Denn was zählt ist, dass der Geist irgendeine Coping-Strategie findet. Es gibt genügend Menschen, die bestimmte Ereignisse nicht verarbeiten können.
**********tniss Frau
es geht
wohl vielen Menschen so... in meinem Peer Lehrgang war Coping Strategie großes Thema, klar, immerhin betreuen wir Einsatzkräfte nach belastenden Einsätzen .. es wurde gesammelt : Was kannst du dir heute noch Gutes tun ?
Sex kam auch zum Thema, auch wenn man erstmal etwas verhalten reagiert hat.. was Sex ? Nach sowas ? Aber der Dozent hat es genauso erklärt wie hier in vorherigen Beiträgen.
Ich denke Sex ist eine sehr gute Coping Strategie *top*
***rn Mann
Ich hab die Erfahrung gemacht das mir die meisten Patienten die sterben egal sind. Jetzt kann man das wirklich gut falsch verstehen aber ich hab keine emotionale Bindung zu ihnen. Ich arbeite im Rettungsdienst daher kenne ich die Leute nicht persönlich, ich weiß fast nichts von ihnen und in den meisten Fällen muss ich auch keinen Angehörigen was mitteilen.

Das einzige was für mich wichtig ist ist das man alles getan hat. Ich muss sicher sein das wir als Team alles richtig gemacht haben und wenn das so war dann Brauch ich mich hinterher nicht schlecht zu fühlen.

Das klingt jetzt vermutlich ziemlich emotionslos aber eigentlich bin ich sehr empathisch. Und sehr emotional bei Menschen die ich kenne.

Was den tot an sich angeht ....ich meide Gedanken daran. Ich fühle aber auch keine gesteigerte Lust mich zu bestätigen das ich am Leben bin. Kann auch daran liegen das ich eh immer möchte xD
********inis Mann
Meine persönliche Einstellung
zum Thema Reanimation:

Mir geht es ähnlich wie Alarn.
Es ist selten, dass eine frustrane Reanimation an mir "nagt". Denn es liegt nicht in unserer Hand ob ein Mensch eine zweite Chance bekommt oder nicht. Das ist die Entscheidung des Zufalls oder einer höheren Macht. Doch wir tun alles um sie zu nutzen, WENN er eine bekommt. Das ganze als Wettstreit mit dem Tod zu sehen wäre mehr als überheblich. Wir können nur die Angebote annehmen die er macht. Aber übrig bleibt keiner.

Der Mensch der tot ist, tut mir eventuell auf Grund seines Leidens im Leben leid. Nicht aber weil er nun tot ist.
Ich habe Mitleid mit den Angehörigen.

Gerade im Rettungsdienst haben wir aber die Möglichkeit direkt nach einem Einsatz das Erlebte zu verarbeiten. Bei der Heimfahrt, dann beim RTW auffüllen usw... Man redet, analysiert warum er keine Chance mehr hatte und irgendwann ist der Tod die logische Konsequenz...
Das Begreifen und eine Erklärung für all das zu haben macht es wesentlich leichter.

Meistens zumindest...
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