Eine weitere Kurzgeschichte von mir, in der ich meine Erfahrungen niedergeschrieben habe ....
Wendezeit
Ich erinnere mich noch sehr gut an damals, an die Zeit, als die Mauer schon gefallen war. Und noch nicht ganz, also offiziell meine ich. Wir konnten West- Berlin schon ohne große Probleme verlassen, dass heißt, man musste nicht zu einer dieser Passierschein- Stellen und Wochen vorher die Einreise beantragen, sondern konnte ganz spontan losfahren. Allerdings wurden an den innerdeutschen Grenzen immer noch die Papiere zum Vorzeigen verlangt. Bei uns war das der behelfsmäßige Berliner Personalausweis, denn wir waren nach DDR- Gesetzgebung nur Personen mit ständigem Wohnsitz in Berlin West im Gegensatz zu den Westdeutschen also Bürgern der BRD wie es so schön hieß - doch die Abfertigung dauerte längst nicht so lange wie zu Mauer- Zeiten.
Wir unternahmen einige Tagesausflüge in das Berliner Umland, dass kannten wir so gar nicht, da wir in West- Berlin eingemauert waren und in der Regel nur der Transit - neben dem Flugzeug - die einzige Möglichkeit war, West- Berlin zu verlassen. Meistens waren wir mit dem Motorrad unterwegs, das Auto nutzten wir eher im Winter, ganz nach dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung“. Und kleidungstechnisch waren wir sehr gut ausgestattet und für jede Jahreszeit gewappnet.
Egal, welchen Grenzübergang wir benutzten, wir wurden regelmäßig - durchschnittlich jedes zweite Mal - herausgewunken und kontrolliert. Das war dann nicht mit einer einfachen Passkontrolle getan - wir, unsere Ausstattung und das Motorrad wurden ausgiebig inspiziert. Eigentlich ist es auch kein Wunder, wenn man die damaligen Verhältnisse und Denkweise mancher Menschen berücksichtigt, egal ob Ost oder West: Motorradfahrer, mein Mann mit Vollbart und langen Haaren, da konnte doch nur etwas Verdächtiges im Spiel sein.
Also wurden wir in einen Untersuchungsraum gebracht. Als erstes mussten wir unsere Helme auf den niedrigen Tresen legen. Die wurden dann von den VoPo's in die Hände genommen und von allen Seiten beäugt, bevor sie anschließend einzeln in einer kleinen Kammer den Röntgen- Strahlen ausgesetzt wurden. Ich frage mich heute noch, was die damals in den Helmen vermutet haben.
Das war natürlich noch nicht alles, sondern erst der Anfang. Nun hieß es „Taschen ausleeren“ und auf Nachfrage „Ja, alles“. Okay, sie hatten es ja nicht anders gewollt - schließlich wusste man inzwischen wie das Ganze abläuft - also wurden die Taschen komplett geleert. Ich musste mir das Lachen verkneifen, wenn sie mit spitzen Fingern das benutzte Taschentuch anfassten und sagten: „Das können sie wieder einstecken“ und ich ganz unschuldig „Sie haben doch gesagt, ich soll alles auspacken“. Auch vor der Geldbörse wurde kein Halt gemacht, sie musste bis in den kleinsten Winkel untersucht werden. Wir hatten damals diese praktischen Dinger, die mit einer Kette an der Börse befestigt waren und am anderen Ende befand sich eine Lederschlaufe mit Druckknopf um sie am Gürtel zu befestigen. Die VoPo's durften die Portemonnaies nicht in ihre Hände nehmen, also mussten wir jedes Fach weit öffnen, damit sie hineingucken konnten. Das Münzfach war mit einem Reißverschluss zu öffnen und zu schließen, sonst wären die nicht lange in ihrem Fach geblieben. Also Reißverschluss auf, Münzen in eine Ecke schütteln und dem VoPo's die Börse entgegen strecken, damit dieser mit seinem Finger in die Ecke pieken konnte um nach dem unglaublichen Irgendwas zu suchen. Dann die Münzen in die andere Ecke schütteln und die gleiche Prozedur von vorne.
Ach so, die filmübliche Leibesvisitation mit Körper, Arme und Beine abklopfen, durfte selbstverständlich auch nicht fehlen. Nachdem sie an uns, unserer Kleidung und Ausstattung nichts gefunden hatten, durften wir alles einpacken und es ging wieder nach draußen.
Auch das Motorrad wurde einer ausführlichen Besichtigung unterzogen. Nur als Beispiel: Es wurde sogar mit einer Taschenlampe in den Tank geleuchtet, die restlichen Details hier aufzuführen werde ich mir und euch lieber ersparen. Ich kann nur sagen, dass ich froh bin, damals kein Gepäck dabei gehabt zu haben, sonst hätten die VoPo's bestimmt jedes Teil einzeln in die Finger genommen.
Selbst mit dem Auto war man vor einer Durchsuchung nicht gefeit. Ein Freund von uns hatte sich preisgünstig einen gebrauchten, sehr alten weißen Daimler gekauft. Der hatte noch ein halbes Jahr TÜV, der noch abgefahren werden sollte und dann durfte das die Kiste auf dem Schrottplatz ihr Restleben fristen.
Am Grenzübergang wurden wir wieder rausgezogen und sowohl das Auto und auch wir Insassen einer gründlichen Durchsuchung unterzogen. Dann kam erst einmal die übliche Frage, wenn wir in einer Gruppe unterwegs waren, „Zu wem gehört die Dame?“. Nachdem das geklärt war, wurden mein Mann und ich in einen Untersuchungsraum geführt - wie das mit der Personenkontrolle aussah, habe ich ja schon ausführlich beschrieben.
Durch ein Röntgengerät wurde der Wagen zwar nicht geschoben, aber alle Türen und Klappen geöffnet, sämtliche Matten gedreht und gewendet - ja sogar vor dem vollen Aschenbecher wurde kein Halt gemacht. Der Vorbesitzer des Wagens war ein Handwerker gewesen und daher blitzte und funkelte der Wagen nicht von außen und schon gar nicht im Innenraum, alles war irgendwie keimig. Als der VoPo mit der Hand durch das Fach in den Türen geglitten war und sie wieder herauszog, war diese schwarz. Wir mussten uns das Grinsen und vor allem das Lachen verkneifen, wer weiß was die VoPo's sonst vielleicht mit uns angestellt hätten.
Irgendwann ließ man uns dann passieren und wir fuhren durch die frühabendliche Dunkelheit, denn es sollte getestet werden, wie sich die fahrende Errungenschaft sich auf der Landstraße so machte.
März 2015