Mehr als Spitze
So ganz unbeliebt scheinen Dessous doch nicht zu sein. Nur gilt die Liebe nicht immer den Modellen, die Designer entwerfen oder Männer sich erträumen. Und sie werden längst nicht ausschließlich für Männer getragen – genauso wenig wie wegen eines Labels oder des Rufs, der ihnen vorauseilt. Klischees sind für mich sowieso weder alltags- noch betttauglich.
Beim Griff in die Schublade entscheidet das richtige Gefühl auf der Haut. Und manchmal auch das für die Seele.
Ich mag schönes „Darunter“. Gerne hochwertig, schick und frech. Lieber Zweiteiler als Body. Für mich steht der Wohlfühlfaktor im Vordergrund. Und der macht ganz von allein sexy. Ob sportlich, bunt oder klassisch? Hauptsache, es fühlt sich gut an! Nur in Clubs, auf Events oder auf der kinky Tanzfläche rechne ich vorsorglich mit Verschleiß und plane Verluste gleich mit ein.
Nicht jedes Dessous ist Reizwäsche, schon gar nicht, nur weil es als erotisch vermarktet wird. Ob etwas reizvoll ist, entscheiden immer noch Blick und Bauchgefühl.
Ein Mann, der mir ein Ouverthöschen in die Hand drückt, kennt mich besser gut – und ich ihn hoffentlich noch besser. Denn die Botschaft, die der fehlende Stoff vermittelt, kann sehr schlüpfrig sein. Sie kann wunderbar ankommen oder komplett danebenliegen. Timing und Fingerspitzengefühl machen den Unterschied. Sie kann rüberkommen als Kompliment, Einladung oder vorsichtiger Hinweis auf gemeinsame Fantasien. Fehlt dagegen noch die Chemie, wirkt dieselbe Geste schnell übergriffig, obwohl sie vermutlich einfach nur nett und verdammt sexy gemeint war.
Manchmal betont raffinierte Wäsche ausgerechnet das, womit frau selbst hadert … während der Anhimmelnde längst das Gesamtpaket ohne Abstriche genießt und ich noch kritisch den Effekt der angeblich sexy Schnürtechnik auf weicher 55plus-Haut begutachte.
Für mich sind Dessous deshalb das ideale Geschenk, wenn sie nicht nur für mich oder nur für ihn gedacht sind, sondern für uns. Selbst wenn dabei der Überraschungseffekt verloren geht: Gemeinsam shoppen kann ungeheuer viel Spaß machen. Ich höre ohnehin viel lieber: „Das könnte ich mir gut an dir vorstellen.“ als: „Darin siehst du bestimmt heißer aus.“ Das eine lädt ein, das andere bewertet.
Und natürlich sollte die Beschenkte überhaupt gern Dessous tragen. Sonst ist es ungefähr so, als bekäme ein Mann im Businessanzug plötzlich ein erstklassiges Cowboy-Outfit geschenkt. Die Vorstellungen von „sexy“ gehen nun einmal auseinander.
Auch wenn die Kombination auf der Haut ganz zufällig wirkt – sie ist von mir bewusst gewählt. Männeraugen können so schön strahlen, wenn sie ihr Geschenk auf der Haut ihrer Liebsten wiederentdecken. Genauso groß kann der Zorn sein, wenn ausgerechnet in diesem Ensemble hinter ihrem Rücken Hochverrat begangen wird. Im Wifesharing bekommt dieselbe Wäsche hingegen eine völlig andere Bedeutung. Plötzlich wird daraus eine Kleidungsallianz: Er sucht sie aus. Sie zieht sie an. Andere ziehen sie wieder aus.
Für Erotik sind Dessous für mich trotzdem keine Voraussetzung. Eigentlich sind sie fast zu schade, um sie nur auszuziehen. Viel spannender finde ich, was man noch alles mit ihnen anstellen kann. Halterlose als Fesseln oder drosselndes Halsband, BH zum Abdecken der Augen, ein Knebel-Höschen , Srumpfklipse - uiuiui und Gummistrapse können herrlich schnalzen …
Ob Agent Provocateur, Beate Uhse oder Eigenkreationd ... irgendwann landet ohnehin alles auf dem Boden. Letztendlich mag ich Hautkontakt. Deshalb verzichte ich beim Sex am liebsten ganz auf Textilien.
Und wenn doch, dann klaue ich mir lieber sein Hemd. Für mich die schönste Reizwäsche weit und breit. Eingehüllt in seinem Duft, die Hemdzipfel an meinen Oberschenkeln, der Stoff auf der Haut, die Kanten, die an meinen Nippeln kribbeln ... darin fühle ich mich pudelwohl. Schnitt, Form und Länge umspielen meinen Körper auf herrlich lässige Weise.
Das hat für mich deutlich mehr erotische Energie als jede perfekt sitzende Spitzenkonstruktion. Vielleicht gerade deshalb, weil ich mich darin ganz bei mir fühle. Und genau das macht mich von ganz allein verdammt verführerisch, sehr zur Freude der Hemdenträger und meiner Lust.