Der Küstenjäger - Saida und Aven (1)
Der KüstenjägerSaida und Aven
Der Lustpalast
Irgendetwas stimmte nicht.
Es war so ruhig.
Saida blickte am Seidenvorhang vorbei aus dem prunkvollen Zelt in den strahlenden Morgen. Die Sonnenstrahlen tanzten über ihre nackten Schultern und ein sanfter Windhauch strich kühl über ihre entblößten Hüften und Brüste. Sie hielt den Atem an und lauschte. Ihre Dienerinnen und Zofen planschten glücklich in den Wellen des Teichs, der sich weiter hinten in Richtung Strand über einen sanften Wasserfall ins Meer ergoss, und noch mehr ihrer Mädchen traten aus den Gärten des Lustpalasts. Einem Palast wie aus den Träumen der Himmelsboten selbst, schimmernd in Gold und Edelstein, umgeben von duftenden Blütenmeeren, flüsternden Brunnen und voller prunkvoller Gemächer, in denen die Sehnsüchte eines jeden lebendig wurden …
Abgesehen von der hohen, zinnenbewehrten Mauer war der Lustpalast nicht stark befestigt und selbst die Mauer war nur dazu da, Gelegenheitsdiebe abzuschrecken. Genau wie die Handvoll mit schweren Krummsäbeln bewaffneten Eunuchen. Einen echten Dieb jedoch hätten weder die Mauern noch die Wachen abhalten können. Aber wer sollte es auch wagen und verrückt genug sein, den erlauchten Herrscher zu bestehlen? War seine Natur doch unversöhnlich und sein Zorn erbarmungslos.
Niemand entkam jemals seiner Rache …
Saida atmete tief durch.
Offenbar hatte sie sich getäuscht. Das hier war nur ein Tag wie jeder andere. Ein beinahe langweilig anmutender Tag in den Gärten der Lustresidenz, am malerischen Ufer des Teichs und später vielleicht unten auf dem weißen Sandstrand der Bucht. Nein, nicht ganz … Es war der letzte Tag, an dem sie so tun konnte, als wäre sie nicht die frisch angetraute Gemahlin des Herrschers. Eine von seinen vielen Ehefrauen. Kurz schauderte sie, wenn sie daran dachte, dass er heute Abend ihr Schlafgemach betreten oder sie in seines befehlen lassen würde. Als hätte er nicht bereits genug Söhne und Töchter, die sich nach seinem Tod mit Gift und Dolch um die Erbfolge streiten würden … Außerdem war er nicht nur dreimal so alt wie sie – die Dinge, die er angeblich mit seinen neuen Ehefrauen anstellte, waren Gesprächsstoff in sämtlichen Palästen. Die lauten Schreie. Die harten Schläge …
Atemlos blickte sie auf ihre Haarbürste und starrte wieder hinaus auf den Teich. Auf das glitzernde Funkeln in den Wellen und …
Ein gellender Schrei zerriss die Stille. Der Schrei war echt. Mehrere. Unzählige Schreie von ihren Mädchen. Dazu barsch gebrüllte Befehle.
Was zum …
Ein Angriff!
Und sie …
Splitternackt griff sie nach dem erstbesten Seidenumhang, warf ihn mit zitternden Händen über und lief geistesgegenwärtig zum Hintereingang des Zelts.
Doch da prallte sie schon mit einem riesigen Kerl zusammen.
Groß.
Braungebräunt.
Kräftig gebaut.
Und …
Beinahe nackt?! War das da ein … Lendenschurz um seine Hüften??
Mit geweiteten Augen sah sie ihm ins Gesicht. Mit roher Kraft stürzte er sich auf sie und das Einzige, was ihr in den Sinn kam, war, dass er ein Wilder war.
Zusammen landeten sie auf dem weichen Teppich.
„Wer … Was seid ihr?!“
Ihr Seidenumhang kam ihr gerade viel zu dünn vor und dass er auch noch wie ein Theatervorhang geöffnet war, machte es nicht besser. Sie kam sich so klein und nackt vor wie noch nie und … Ein heftiges Ziehen strahlte durch ihre Mitte. Er sah gut aus. Verdammt gut sogar. In seinem kurzen, zerzausten, schwarzen Haar schimmerten rötliche, fast silberne Strähnen. Und seine Augen … Sie waren topasblau, beinahe türkis wie das Meer, und verliehen ihm etwas Kraftvolles. Solche Augen hatte sie noch nie gesehen. Aber da war noch mehr, was von einer schier unbeugsamen Stärke zeugte – der entschlossene Schwung seiner Lippen, sein breites Kinn und die energische Nase. Dazu war er groß, breitschultrig und muskulös – ganz anders als die meisten Männer der einhundert Königreiche …
„Küstenjäger“, kam es mit einem Grinsen zurück. Einem Grinsen, das ganz und gar nicht abstoßend war. Eher … anziehend.
Küsten… Was?! Und was war das nur für ein harter Akzent? Von jenseits der Länder des hüfthohen Wassers?
Ihre Lippen waren einander so nah, dass sie sich mit Leichtigkeit hätten küssen können, ohne großartig den Kopf bewegen zu müssen und …
Was erlaubte er sich?! Als er sich eben auf sie geworfen und zu Boden gedrückt hatte, war sie für einen kurzen Augenblick sprachlos gewesen. Niemand hatte es je gewagt, sie so anzufassen …


