Intim bedeutet für mich vor allem eins: sich bewusst verletzlich machen. Nicht nur den Körper, sondern auch den ganzen Rest, den alle normalerweise gut versteckt halten
Selbst als Top mache ich mich angreifbar. Ich lebe meine Gelüste aus, aber ich muss meiner Partnerin vertrauen, dass sie das, was ich ihr zeige und mit ihr mache, nicht irgendwann gegen mich verwendet. Dass sie nicht plötzlich Anzeige erstattet weil es „doch zu weit“ ging, oder später in einem Streit damit droht.
Das ist kein kleiner Vertrauensvorschuss. Das ist ein Risiko. Mit möglicherweise lebensverändernden Konsequenzen.
Sie wiederum vertraut mir, dass ich ihre Grenzen nicht nur respektiere, sondern sie gemeinsam mit ihr ertaste, ohne sie dabei kaputtzumachen. Dass ich das Safeword als solches verstehe, dass ich Aftercare betreibe.
In der Selbstverteidigung gibt’s den Spruch: Überall da, wo ein Kuss sich gut anfühlt, tut ein Schlag besonders weh.
Der gilt auch außerhalb des Bettes.
Meine Partnerin kennt meine Ängste, meine echten Schwächen, die Stellen, an denen ich nicht der Typ bin, den ich andere in mir sehen lasse.
Sie kennt die hässlichen Teile. Die unsicheren, die egoistischen, die kaputten. Und ich kenne ihre.
Wir „küssen“ uns genau dort. Wir helfen, stützen, versorgen uns gegenseitig die Stellen, die wehtun, wenn sie berührt werden. Aber genau deshalb wäre der Schaden, wenn einer von uns diese Offenheit missbrauchen würde, so brutal. Ein Verrat an diesen Stellen zerstört nicht nur das Vertrauen. Eer vergiftet die Fähigkeit, überhaupt wieder intim zu werden. Mit derjenigen. Und manchmal auch mit der Nächsten. Man wird vorsichtiger. Härter. Zynischer. Und ein Stück weit kaputter. Jede Scherbe verschönert zwar das Kintsugi, aber dafür muss erstmal was zerbrechen.
Wie vertraut man dann wieder, ist die große Frage?
Es gibt den Spruch:
Wir verlieben und in die Lügen und Stärken. Und wir lieben trotz der Wahrheit und Schwächen.
Ich glaube, wenn ich noch etwas mehr kaputt gegangen wäre in der letzten Beziehung vor meiner jetzigen, dann wäre ich vielleicht nicht mehr zu retten gewesen.
Dann hätte ich meine Schwächen nicht mehr zeigen können, eine Partnerin gefunden, die genau das braucht und ich wäre unglücklich geworden.
Aber ein Kater fällt bekanntlich nicht zweimal vom selben Zaun. Jetzt weiss ich hoffentlich, worauf ich achten muss.
