Die Differenzierung zwischen Verliebtheit und Liebe wurde ja schon oft erwähnt. Verliebtheit sehe ich als eine unwillkürliche, akute, hormonell vermittelte, emotionale Reaktion. Typisch sind diese oft zitierten „Schmetterlinge im Bauch“, die ich durchaus auch so bestätigen kann. Beim Kontakt mit der Person schießt der Puls hoch, der Bauch fühlt sich komisch an, Finger werden vielleicht kalt, Gänsehaut tritt auf und im Inneren ballt sich viel Energie, die nicht so recht weiß, wohin – Aktivierung des Sympathikus halt. Physiologisch nicht groß anders von einer Stressreaktion, nur, dass man es positiv liest. Sehr romantisch, ne? 😅
Liebe hingegen ist für mich eher bewusst und gereift. Ich empfinde sie nicht als eine bestimmte Emotion, sondern als eine tiefe Bindung, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, den Willen zu einem gemeinsamen Alltag – der nicht räumliches Zusammenwohnen bedeuten muss, das kann auch einfach nur alltäglicher Kontakt sein, in dem man seinen jeweiligen Alltag miteinander teilt.
Emotionale Reaktionen definieren für mich Liebe nicht, sie ergeben sich aber aus ihr: Geht es dem geliebten Menschen etwa nicht gut, geht es mir nicht gut. Sehe oder lese ich den Menschen lange nicht, vermisse ich ihn. Er ist mir wichtig, seine Existenz in meinem Leben ist allein in sich schon ein Auslöser von tief empfundenem Glück.
Oft fängt eine Beziehung mit Verliebtheit an und daraus entwickelt sich dann Liebe (oder auch nicht, dann ist mit Abklingen der Verliebtheit auch schon wieder Schluss). Das ist sozusagen der DIN-gerechte Ablauf „bekannt aus Film und Fernsehen“. Manchmal entsteht Liebe aber auch langsam und stetig aus einer nicht-romantischen Bindung heraus, ohne, dass Verliebtheit eine tragende Rolle spielt oder überhaupt vorhanden ist. So war es bei meiner Primärpartnerin und mir. Es fing mit einer ganz gewöhnlichen Freundschaft an, die zügig eine Freundschaft+ wurde. Über sehr lange Zeit hinweg entwickelte sich aber zunehmend ein gemeinsamer Alltag und irgendwann kam einfach der Punkt, wo das de facto eine romantische Beziehung war. Dieser Prozess dauerte tatsächlich eher Jahre als Monate.
Auch bei einer Liebe, deren initiale Verliebtheit abgeklungen ist, oder die nicht auf Basis einer Verliebtheit entstanden ist, kann diese doch gelegentlich auftreten, meist mit einem konkreten Auslöser. Das kann ein gemeinsames, zauberhaftes Erlebnis sein, etwa ein toller Urlaub; der euphorisierende Einfluss des Frühlings (bei denen, die dafür empfänglich sind); ein Wiedersehen nach längerer räumlicher Trennung; eine frische Verliebtheit zu einer anderen Person (bei uns nicht-monogamen Menschen).
Liebe kann auch über ein Beziehungsende (ohne feindliche Trennung) hinweg Bestand haben. Mit meiner Ex bin ich nunmehr knapp anderthalb Jahrzehnte nicht mehr zusammen. Verliebtheitsanflüge habe ich entsprechend lange auch nicht mehr. Und doch steht unsere heutige, enge Freundschaft in einer ungebrochenen Kontinuität mit unserer damaligen Liebesbeziehung, und ich nehme meine Bindung zu ihr als einen Fortbestand meiner Liebe wahr. Ebenso kann Liebe ganz unabhängig von Beziehungen auftreten. Bei manchen meiner Freunde würde ich meine Empfindung für sie als Liebe bezeichnen. Religiöse Menschen empfinden teils auch Liebe (oder auch Verliebtheit) zu ihrem Gott, zur Kraft des Universums oder was auch immer im jeweiligen Glaubenssystem im Mittelpunkt steht.