Kapitel 4 - Die Tür
Ich. Manuel.
Was Clara in diesem Moment dachte, weiß ich nicht. Was wir beide sahen, war aber leicht zu beschreiben.
Als wir die Schwelle zu den Spielzimmern überschritten, änderte sich die Stimmung mit einem Schlag. Die offenen Türen zu jedem der Räume wirkten wie Einladungen.
Intimsphäre war hier eher ein vernachlässigbares Gut. Und trotzdem – oder deswegen? – überwältigte es uns sofort. Im positivsten aller Sinne. Der Barbereich hatte Klasse, aber Erotik war dort eher eine Ahnung als ein Ereignis. Hier war der Ton ein anderer. Kein Cembalo mehr. Eher ein Kontrabass. Lust. Und zwar nicht dieses absurde 70er-Jahre-Pornogestöhne mit überdrehten Synchronstimmen, sondern echte, unverfälschte Lust.
Mal leise, mal laut. Mal ein gehauchtes Seufzen, mal ein Stöhnen aus tiefster Seele. Lust klang mitunter wie Musik – von piano bis forte, und immer wieder staccato. Manche Paare wirkten wie ein Kammerensemble, andere wie dissonante Freigeister. Wenn Schönberg je in einem Swingerclub war, hat er dort die Zwölftonmusik erfunden. Jede Wette.
Aber das Entscheidende war nicht der Klang, sondern das Gefühl, das sich beim Betreten des Raums in einem ausbreitete. Die Luft war dichter, die Blicke direkter, und selbst das Atmen schien sich verändert zu haben. Die Luftfeuchtigkeit eines Weinkellers, aber Begierde statt Bordeaux.
Clara blieb kurz stehen. Ein Moment der Sammlung. Ich spürte, wie meine Hand nach ihrer suchte. Ich hatte das Bedürfnis, uns in diesem Moment zu verankern. Wir gehörten hierher – ja. Aber wir gehörten auch zusammen. Das eine schloss das andere nicht aus.
Was sich vor uns auftat, war keine Orgie. Es war auch kein Porno in Echtzeit. Es war … ein Schauspiel. Und wir standen in der ersten Reihe – mit Option auf Mitwirkung.
Alles sauber, stilvoll und von einem diskreten Licht inszeniert, das jede Haut ein wenig schöner, jede Bewegung ein wenig fließender wirken ließ. Vor uns ein zentraler Vorraum, der zu den Zimmern führte, die, den Klängen nach zu schließen, alle belegt waren. Zwei Paare warteten und unterhielten sich, die Stimmen niedrig. Die Temperatur war mit Anzug gerade noch gut erträglich, aber hier eher darauf ausgerichtet, dass man sich nackt nicht nach Wollstutzen sehnte.
Noch bevor wir den ersten Raum betraten, huschte ein Pärchen an uns vorbei, er seine Hand nach ihr ausgestreckt. Là ci darem la mano, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf. Reich mir die Hand, mein Leben, komm auf mein Schloss mit mir. Keine Ahnung, warum mir in diesem Moment Mozart in den Sinn kam, aber wenn schon, dann passte Don Giovanni in dieser Umgebung besser als alle anderen seiner Figuren.
Während ich meinen lapidaren Gedanken nachhing, trat eine attraktive Mittvierzigerin aus einem der Zimmer. Ihr erfülltes Lächeln erzählte Geschichten ohne Worte. Ihr vermutlicher Partner in Crime folgte kurz danach, seine Mundwinkel nicht minder deutlich nach oben gerichtet.
Meine Nervosität löste sich merklich in Faszination auf. Ich spürte, wie mein Hemdkragen am Nacken klebte, und Claras Finger sich in meinen Arm gruben. Unruhig. Elektrisiert. Ihre Schultern richteten sich auf wie bei einem Countdown zum Start. Wir begannen, uns umzusehen. Claras Gang war jetzt zielgerichteter als zuvor. Schuhe, die eben noch als nicht sneakerlike, aber tragbar durchgegangen waren, wirkten plötzlich wie gemacht fürs Erkunden. Die Zwölfzentimeter-Absätze mochten schreien: Ich bin ein Kunstobjekt! – doch innerlich hatten sie sich in Expeditionsstiefel verwandelt.
Wir durchstreiften alle fünf Räume im unteren Stockwerk. Jeder hatte seinen eigenen Klang, seine eigene Temperatur, seine eigene kleine Welt aus Fleisch und Fantasie. In allen Räumen waren Paare beschäftigt. Mal zu zweit, mal zu viert, manchmal auch zu dritt. In einem der Räume lagen zwei Paare nebeneinander, scheinbar völlig unbeeindruckt vom jeweils anderen, wie Fremde im Nachtzugabteil, die zufällig denselben Takt für ihre Bewegungen gefunden hatten. Kein Austausch, kein Blick – nur parallele Lustkoordinaten auf derselben Matratzenachse.
In einem anderen Raum gab es keinen Mann – aber den Damen fehlte offenbar nichts. Ihr Ausdruck sprach Bände. In einem weiteren Raum stand gar ein Andreaskreuz. Eine Frau war daran festgeschnallt, ihr Körper angespannt, ihre Stimme laut. Ekstase pur. Das alles hier war echt. Ungeschönt. Kontrolliert und doch entfesselt. Ihr Partner – durchtrainiert, aber nicht aufdringlich maskulin – blickte uns kurz an und wies mit einem Grinsen auf eine Lacke am Boden. Kein gelber Caution – Wet Floor-Aufsteller weit und breit – aber sein Blick reichte völlig.
Das war kein feuchter Teppich der Sinne, das war ein Statement. Aber, wie sagt man so schön: Gut gesquirtet ist fix gekommen. Oder so ähnlich.
Denn, mal ehrlich: Fast jeder Mann steht drauf, wenn eine Frau alles vollspritzt. Vielleicht, weil es meistens sie ist, die danach das Bett frisch bezieht?
Der Typ war stolz. Verständlich. Seine Sub war ein Erlebnis. Sie hing dort wie eine Heilige der Sinnlichkeit, befreit durch Fesselung, erhoben durch Hingabe. Die Frau hatte klar ihren Spaß. Und er nicht minder.
Clara und ich tauschten einen kurzen Blick. Kein Kommentar nötig. Die Palette der Lust war breit, tief und fließend. Und ich wusste: Genau das würde hängenbleiben. Dass hier Menschen in einem Raum voller Fremder das ausdrückten, was anderswo selbst im Schlafzimmer verschwiegen wurde. Wir blieben einen Moment bei ihnen, aufgeladen. Man konnte das Knistern fast hören. Es war klar, dass wir dieses Kreuz bei Gelegenheit selbst ausprobieren wollten. Nicht heute, aber irgendwann.
Wir gingen weiter. Auf den Stiegen nach oben lag ein roter Teppich. Dort: eine große Spielwiese. U-förmig aufgebaut, mit frisch überzogenen Matratzenlandschaften, sorgfältig drapiert. In der Mitte schaukelte eine Frau auf einer Liebesschaukel – oder besser gesagt: schaukelte+. Ihr Stöhnen war kein Beiwerk, sondern Hauptprogramm. Das rhythmische Rasseln der Ketten erinnerte mich an unsere Hängematte in Bardolino, aber was dort Entspannung bedeutete, war hier klar Eskalation.
Ringsherum befanden sich leere Lagerstätten, die eine Würde ausstrahlten, wie man sie sonst nur von feierlich weißgedeckten Banketttischen kennt, wobei Kondomboxen immer in Reichweite waren. Schwer zu sagen, für wie viele Menschen die Grazer Bettenbehörde diese Fläche freigegeben hätte, aber sie hatte Orgienpotenzial.
In einem kleinen Nebenraum stand ein Gynstuhl. Es war einer dieser modernen, chromglänzenden, mit Lederpolster. Darauf: eine Frau, etwa Ende dreißig, mit geschlossenen Augen und halb geöffnetem Mund, in dem ein leises Keuchen wohnte. Um sie herum: Zwei Männer und eine weitere Akteurin, die mit der Hingabe von Gourmetköchen an ihr arbeiteten. Ohne Hektik, eine koordinierte Ruhe, als hätte man im Vorfeld Rollen verteilt und Ablaufpläne geschrieben.
Sie hatte offenbar das Rundum-sorglos-Paket gebucht. Und war hochzufrieden damit. Ihr leises Seufzen war das einer Person, die ein Gedicht spürte, aber keines vorlesen musste. Ob man sagen kann, dass sich die beiden Damen – die schaukelnde und die gynstuhlbespielte – stimmlich ergänzten wie die Netrebko und die Garanča in der Barcarole? Wohl kaum. Dafür war der Takt zu frei, die Tonlage zu erdig. Die Geräusche legten eine Klangspur in meinen Bauch. Und in den Claras.
Deren Blick war offen, aufgeregt, elektrisiert. So hatte ich sie noch nie erlebt. Nicht im Alltag, nicht bei unseren privaten Spielereien. Hier war etwas in ihr entfesselt worden, etwas, das lange geschlummert haben musste. Neugier, als hätte sie zum ersten Mal Schnee gesehen.
Ich hingegen war aufgewühlt. Und ein klein wenig stolz, dass sie das alles mit mir teilen wollte.
Wir gingen wieder hinunter.
Die Eindrücke vibrierten in der Haut, in der Kehle, zwischen den Gedanken. Clara schritt vor mir, als hätte ihr Körper längst beschlossen, was ihr Verstand vielleicht noch abwog: Wir waren nicht mehr zum Zusehen hier.
Und dann, fast wie bestellt, sahen wir es wieder. Das Paar, das ich zuvor im Barbereich bemerkt hatte. Die elegante Frau mit Beinen für ein Palmers-Plakat, den feinen Handschuhen und der unprätentiösen Sinnlichkeit. Und bei diesem Paar: Mr. 222. Claras Daniel-Craig-Äquivalent.
Was für ein Zufall. Oder war es ein Zeichen?
Ich sah Clara an. Ihr Blick lag bei den dreien, wie von einem Magnetfeld gehalten. Zwischen Neugier und Erregung, wachsam und weich zugleich. In diesem Moment war klar: Ihre Unsicherheit hatte sich irgendwo im Barbereich verabschiedet, mit einem letzten Schluck Gin Tonic.
„Willst du mitspielen?“, fragte ich leise.
Sie nickte. Wortlos, aber mit einer Intensität, die mich durchfuhr wie ein Stromstoß. Es war kein performatives Nicken, kein Ich-will-gefallen-Signal. Es war ein Ja, das von innen kam. Ein Ja zu sich. Zu mir. Zum Abend.
Ich deutete mit einer kleinen Kopfbewegung auf das Trio. „Geh hin. Frag, ob noch ein Platzerl frei ist.“
Ein Impuls, ja – und einer, der uns vertraut war. Ich in der dominanten Rolle, autoritär und dirigierend. Ich hatte mit Zögern gerechnet, mit vielleicht später oder schau du zuerst mal, aber Clara trat vor, ohne ein weiteres Wort, ohne ein kontrollierendes Augenzwinkern in meine Richtung, nicht eine Sekunde lang fremdgesteuert oder verloren, sondern fokussiert und bereit. Wunderschön in dieser neuen Selbstverständlichkeit. Die Atmosphäre hatte sie längst eingesogen, wie ein edler Stoff den Duft einer guten Nacht. Ich blieb zurück – noch – und sah ihr nach. Jetzt begann das, worüber wir so lange gesprochen hatten. Nicht in Fantasien, nicht in hypothetischen Wenn-dann-Sätzen. Jetzt. Echt.
Und ich war nicht nur bereit.
Ich war stolz.