Jan – Eindrücke
Ich wache auf, weil ich eine Bewegung spüre. Auch wenn wir immer noch eng umschlungen im Bett liegen, Feli ist wach.
„Habe ich dich aufgeweckt? Das wollte ich nicht. Danke, dass du die Nacht bei mir geblieben bist. Deine Nähe hat mir gutgetan.“
Da läutet der Wecker.
„Die Nacht ist dann wohl vorbei“, murmele ich genervt, während Feli das Ding ausmacht. Sie drückt mir einen Kuss auf die Backe.
„Morgenmuffel! Du kannst noch ein paar Minuten liegen bleiben, bis ich im Bad fertig bin. Heute gilt es. Heute wird sich zeigen, ob sich das harte Training gelohnt hat. Ich freue mich auf den Tag. Allerdings werde ich nicht viel Zeit für dich haben. Du kannst mir zuschauen oder musst dich selbst beschäftigen.“
Felis Wortschwall ist mir gerade zu viel, aber da ist sie schon im Bad verschwunden.
„Ich verziehe mich dann mal in mein Zimmer“, rufe ich ins Bad, während ich mich aus dem Bett quäle. „Bis wann muss ich fertig sein?“
„35 Minuten“, kommt aus dem Bad zurück.
Pünktlich klopfe ich wieder an Felis Tür. Sie hat schon Sportklamotten an und recht auffälliges Make-up im Gesicht. Außerdem zieht sie einen Trolley hinter sich her.
„Wofür brauchst du denn den?“, muss ich wissen und zeige auf den Koffer.
„Ohne Ausrüstung geht es an so einem Tag nicht, und ich finde den Koffer praktischer als eine Sporttasche.“
Im Aufzug stehen schon Amy und David. Die beiden haben wohl doch die Nacht miteinander verbracht, und so wie David grinst, würde ich darauf wetten, dass die beiden gerade noch Sex gehabt haben. Warum auch nicht?
„Wir müssen uns noch abstimmen, wer wann David haben kann. Nachdem ich ihn die ganze Nacht hatte, dürft ihr entscheiden, und ich nehme die Slots, die übrig bleiben“, kommt von Amy noch im Aufzug.
„Kein Problem. Janeece und Laima sollen ihre Termine machen. Den Rest teilen wir zwei uns“, antwortet Feli sachlich. Echte Konkurrenz klingt anders. Das hier hört sich für mich alles mehr nach Freundschaft an. Ums Business geht es trotzdem.
Im Frühstücksraum sind die Termine dann schnell vergeben. Die Stimmung ist trotzdem anders als gestern. Man spürt die Anspannung. Feli sagt kaum ein Wort. Ich verstehe sie, und trotzdem gibt es mir einen Stich, dass sie mit dem Kopf woanders ist. Anschließend geht es mit dem Shuttlebus zur Halle. Feli ist noch weiter weg. Am Eingang zur Halle drückt man mir einen Lanyard mit einer Karte in die Hand. Laura und Julien, die im selben Bus wie wir gefahren sind, wenden sich an mich: „Komm, wir zeigen dir alles. Feli ist immer schon Stunden vor dem Wettkampf in ihrer eigenen Welt.“
„Hey, das habe ich gehört“, beschwert sich Feli, schiebt aber hinterher: „Ist aber eine gute Idee. Häng dich an die beiden ran.“
Wir gehen durch die Katakomben der Halle. Feli und die anderen Athleten biegen in Richtung Umkleideräume ab, und wir halten uns rechts. Plötzlich stehen wir im Innenraum, und mir wird bewusst, wie groß das Event ist. Die Halle hat mehrere tausend Plätze. Vor mir steigen die Zuschauerränge auf. Ich bin Architekt und mir ist klar, welche Dimensionen man für die Masse an Zuschauern braucht. Der Raum wirkt trotzdem auf mich.
„Immer wieder beeindruckend“, scheint Julien meine Gedanken zu lesen. „Warte, bis die Zuschauer in der Halle sind, dann wird es noch beeindruckender.“
Er und Laura gehen auf einen Vorhang zu.
„Hinter der Abtrennung ist das Equipment für die Wettbewerbe, und es geht in den Aufwärmbereich. Das ist für die nächsten zwei Tage das Reich der andern. Wir haben mehr Freiheiten. Solange du Feli und auch sonst niemanden auf die Nerven gehst, kannst du dich frei zwischen dem Aufwärmbereich und unseren Sitzplätzen bewegen. Schau einfach, was für dich besser passt. Die Wettbewerbe kann man von unseren Plätzen aus besser verfolgen, aber der Aufwärmbereich hat eine ganz eigene Stimmung. Das zieht mich magisch an. Du darfst nur nicht enttäuscht sein, wenn Feli heute mehr als abweisend ist. An den Wettkampftagen ist sie in einer Art Dauertrance und bekommt außer den Implements kaum was mit“, erklärt jetzt Laura.
Wir treten durch eine Öffnung im Vorhang, und das Glamouröse ist verschwunden. Der Eindruck kippt in Richtung Lagerhalle. Neben uns sind alle möglichen merkwürdig aussehenden Geräte und Aufbauten, und gleich daneben sind noch mehr Gewichte gestapelt. Es geht durch einen weiteren Vorhang, und wieder ein neuer Eindruck: Wir sind im Aufwärmbereich. Ich hätte mehr Glamour erwartet, etwas vom Charakter eines Highend-Fitnessstudios, aber das hier hat eher etwas von einer Werkstatt, statt Schickimicki ehrliche Arbeit.
Ein paar Stühle stehen an der Wand, und die Athleten stehen entweder um mehrere Metallrohre und heben sie abwechselnd oder machen Übungen mit Gummibändern. Kreide staubt, wenn die Athleten in die Hände klatschen. Es riecht leicht nach Schweiß. Feli wuchtet gerade eines der Rohre nach oben. Inzwischen weiß ich, dass die Rohre Logs – wie Holzstämme – genannt werden und auch tatsächlich eine Nachbildung von Holzstämmen sein sollen. Nach Feli schnappt sich Edgars den Log und stemmt ihn fünfmal hintereinander über Kopf. Bei den beiden sieht das spielend einfach aus, dabei sind links und rechts an dem Rohr jeweils noch 10 Kilo Gewicht. Am nächsten Log stehen Laima und Amy und schreien sich gegenseitig Beschimpfungen ins Gesicht. Es sieht so aus, als würden sie gleich aufeinander losgehen, aber dann schnappt sich Laima den Log und drückt ihn mehrmals über Kopf.
„Das darfst du nicht ernst nehmen“, kommentiert Julien. „Laima und Amy pushen sich immer gegenseitig. Die gegenseitigen Beleidigungen sind Teil von ihrem Ritual.“
Da wendet sich Amy an mich und lockt: „Möchtest du es mal versuchen? Auf dem Log ist noch kein Gewicht. Es ist nur das Implement. Du hast ja gesehen, wie leicht es ist. Sogar Laima hat das Ding viermal über Kopf gestemmt, und sie ist nur eine Frau. Versuch einfach mal, es auf Brusthöhe zu stemmen.“
Mein Bauch sagt mir, dass es eine ganz schlechte Idee ist, aber mein Ego springt auf die Provokation von Amy an. So schwer wird das Ding schon nicht sein. Laima hat es mühelos mehrmals über Kopf gestemmt, und auf dem Log von Feli sind noch 20 zusätzliche Kilo. Außerdem habe ich sie beobachtet. Der Trick ist, dass sie die Öffnung mit den Griffen von sich wegrollen, sodass die Unterarme am Stahl aufliegen. Ich verstehe zwar nicht, warum das wichtig ist, aber wenn es alle machen, wird es eine Bedeutung haben. Selbst dass Feli Amy ein „Muss das sein?“ zufaucht, kann mich nicht bremsen.
Ich schnappe mir das Ding und wuchte es mit einem Ruck hoch. Scheiße, ist das Ding schwer. Das wiegt mindestens einen Zentner und ist total unhandlich. Ich schaffe gerade, es vom Boden wegzuheben, aber dann ist Schluss. Ich habe keine Ahnung, wie ich es von Hüfthöhe zur Brust hochwuchten soll. Frustriert lasse ich den Log wieder zu Boden sinken. Neben mir grummelt eine Athletin etwas, das ich mit meinem Schulfranzösisch nicht verstehe. Julien sieht meinen fragenden Blick und meint schulterzuckend: „Sie kann nichts für ihren Dialekt. Wahrscheinlich ist sie dieses Wochenende zum ersten Mal aus den Pyrenäen rausgekommen. Sie hat nur gemeint, dass sie alles andere auch gewundert hätte – oder, Amelie?“ Der letzte Halbsatz war direkt an die Frau gerichtet. Die grinst nur und deutet eine Verbeugung an.
Plötzlich steht Feli neben Amy. „Es reicht, wenn du die Kerle lächerlich machst, mit denen du ins Bett steigst. Lass Jan in Ruhe!“ Sie sieht aus, als würde sie Amy gleich eine reinhauen.
„Kein Grund, so aus der Haut zu fahren. Entspann dich. Schon vergessen, ich bin der Mann von uns beiden und der Dominante. Ich kann selbst auf mich aufpassen. Wenn es dazugehört, mich etwas zum Affen zu machen, um hier aufgenommen zu werden, kann ich damit leben.“ Mit diesen Worten versuche ich zu beschwichtigen und trete an die beiden heran.
Ich habe wohl den richtigen Ton getroffen. Feli winkt ab, und Amy schubst sie leicht an der Schulter, und im nächsten Moment lachen die beiden. Auch die anderen im Raum, die die Szene gerade interessiert verfolgt haben, wenden sich wieder ab und machen mit ihrem Programm weiter.
„Lass uns raus zu unseren Plätzen gehen. Hier liegen mir zu viele Nerven blank“, schlägt Julien vor.
„Aber nicht, bevor ich meine Motivation bekommen habe“, protestiert Janeece und greift ihm an den Po. Nach einem langen Kuss machen wir uns wieder auf den Weg nach draußen.
Wir haben die besten Plätze, direkt vor der Wettkampffläche. Während sich die Halle zu füllen beginnt, erklären mir Laura und Julien den weiteren Ablauf und die verschiedenen Disziplinen. Innerhalb einer knappen Stunde ist der Großteil der Plätze besetzt. Erstaunlich, wie schnell das gegangen ist. Zum größten Teil sind es Fitnessfreaks. Dann werden die Spots für den Innenraum hochgedimmt, stampfende Musik kommt aus den Lautsprechern, und ein Moderator betritt die Bühne. Er begrüßt die Zuschauer und stellt die Athletinnen und Athleten vor.
Zuerst treten die acht Frauen auf die Bühne. Feli ist die vorletzte, die durch mehrere funkensprühende Bögen in die Mitte des Innenraums tritt. Sie trägt wie die anderen ein goldenes Shirt mit dem Logo des Sponsors, in der Hand eine Deutschlandfahne. Der Moderator brüllt ihren Namen ins Mikrofon, und sie lacht und winkt dem Publikum zu. So entspannt, wie sie wirkt, macht sie das nicht zum ersten Mal.
Nach den acht Frauen kommen die acht Männer. Es folgt eine ganz kurze Umbaupause, die der Moderator geschickt überbrückt, indem er den Tagesablauf vorstellt und den ersten Wettbewerb erklärt.
Auf der Bühne liegt ein goldener Log, natürlich mit Sponsorlogo. Im Halbkreis davor stehen acht Stühle, auf denen die Athletinnen sitzen. Der Log wiegt zum Start 62 Kilo. Pro Runde wird er um zehn Kilo schwerer. Die Athletinnen können beliebig viele Versuche machen oder auch Runden auslassen. Gewertet wird das schwerste Gewicht. Zuerst wird noch die Reihenfolge ausgelost: Janeece muss als Erste antreten, dann kommen drei Französinnen, danach Laima, dann Feli, eine Engländerin und zum Schluss Amy.
Janeece winkt bei den 62 Kilo gelangweilt ab, aber die drei Französinnen machen einen Versuch. Sie schaffen es alle, aber bei einer sieht das schon richtig schwer aus. Laima winkt ab, aber Feli macht das Gewicht – bei ihr sieht es aus, als würde das Ding nichts wiegen. Die Engländerin schafft es ebenfalls, und Amy winkt ab. Damit ist die erste Runde vorbei.
In der zweiten Runde treten nur drei Athletinnen an. Für eine der Französinnen ist schon Schluss. Mein Eindruck hat mich nicht getäuscht – schon das Ausgangsgewicht war schwer für sie. Bei 92 Kilo macht dann Amy ihren ersten Versuch. Bei 102 Kilo sind nur noch sie, die Engländerin und eine der drei Französinnen, Amelie, im Wettbewerb – und natürlich Janeece, Laima und Feli, die dem Geschehen interessiert zuschauen.
Die 102 Kilo sehen echt schwer aus, aber Amy kämpft und schafft es irgendwie, das Gewicht nach oben zu stemmen. Außer ihr schafft das nur noch Amelie. Die Engländerin scheidet aus.
112 Kilo werden aufgelegt, und Janeece nimmt ihre Kopfhörer ab. Julien hat mir zugeflüstert, dass sie sich bis unmittelbar vor ihren Versuchen Lady Leshurr in ohrenbetäubender Lautstärke reinzieht. Sie zögert nicht lange und wuchtet den Log nach oben. Für mich sieht es aus, als würde da noch deutlich mehr gehen. Sie geht zum Moderator und schnappt sich das Mikrofon. Auf Französisch sagt sie ins Publikum:
„Danke, dass ich heute hier sein darf. Einige von euch werden es vielleicht schon wissen: Ich bin schwanger. Ich werde mit meinem Mann Julien ein Kind haben. Das hier wird mein letzter Wettkampf sein. Verzeiht mir, dass ich mich heute nur noch von euch verabschieden und Spaß haben will. Für die absoluten Höchstleistungen müssen dieses Wochenende andere sorgen. Nochmals danke für all die schönen Jahre.“
Tosender Applaus brandet auf. Dann wiederholt sie ihre Worte auf Englisch – wieder Applaus. Der Moment ist ergreifend. Julien neben mir hat Tränen in den Augen.
Der Moment ist vorbei und Laima tritt auf die Bühne. Sie macht als Letzte ihren ersten Versuch. Auch bei ihr sehen die 112 Kilo aus, als würden sie nichts wiegen. Auch Feli steht auf und hebt die 112 Kilo. Während Felis Versuch geht Laima zu Amy. Es sieht so aus, als würde sie ihr die Ohren ausreißen wollen, und sie brüllt Amy wüste Beschimpfungen ins Gesicht, die ich bis zu meinem Platz hören kann. Auch wenn ich dieses Ritual merkwürdig finde – es wirkt. Amy läuft wütend auf die Bühne. Das Wegheben vom Boden sieht noch halbwegs leicht aus, aber schon das Umsetzen auf die Brust kostet ihr alle Kraft. Als sie den Log dann über Kopf stemmt, verharren ihre Arme für mehrere Sekunden in einer nur fast durchgestreckten Position. Ihr ganzer Körper zittert vor Anstrengung, aber dann schafft sie es, ihre Arme ganz durchzudrücken und bekommt den Versuch gültig.
Die Halle brüllt, und auch ich lasse mich mitreißen und jubele ihr zu. Mit dem Sport kann ich eigentlich nicht viel anfangen, aber Amys Kampf war jenseitig.
Die nächste Runde – 122 Kilo – sieht bei Laima und Feli wie eine Pflichtübung aus. Janeece hat ihre Worte ernst gemeint und tritt nicht mehr an. Bei Amy war das sowieso klar. Ach ja, Amelie, die letzte Französin, hat schon die 112 Kilo nicht geschafft.
„Jetzt wird es ernst“, kommentiert Julien die 132 Kilo der nächsten Runde.
„Tut mir leid, aber gegen Laima hat Feli keine Chance“, ergänzt Laura von der anderen Seite.
Laima tritt als Erste auf die Bühne. Erfolgreicher Versuch. Immer noch sieht es für mich nicht so aus, als wäre sie an ihrer Grenze angelangt. Bei Feli wirkt es schon schwerer, aber auch sie bringt das Gewicht nach oben.
„Sag ich doch, Laima gewinnt“, kommt von Laura.
Der Moderator überschlägt sich fast. Noch zwei Frauen im Wettbewerb – und wir sind bei Weltrekordgewicht. Laima und Feli einigen sich darauf, nur um fünf Kilo zu steigern. Jetzt steht Amy bei Laima und brüllt sie an. Ich sehe, wie sehr Laima das pusht. Der Wettkampf fesselt mich inzwischen völlig. Ich bin hin- und hergerissen: Ich würde es Laima gönnen, aber gleichzeitig will ich, dass Feli gewinnt.
Laima bemalt ihr Shirt mit Kreide, tritt zum Log und stemmt das Gewicht nach oben. Weltrekord! Noch immer glaube ich nicht, dass das alles war.
„Schade“, sagt Julien, „damit ist der Rekord von Janeece Geschichte, noch bevor sie ihre Karriere beendet hat. Gratuliere!“
Feli hat sich das Mikrofon geschnappt. „Der Sieg geht an Laima. Beim Loglift gibt es für mich nichts zu gewinnen. Es reicht, wenn ich den Titel hole.“
Damit ist der erste Wettbewerb der Frauen beendet, und die Männer sind an der Reihe. Der Sieger stemmt 227 Kilo. Ich kann mir schon nicht vorstellen, wie man das Gewicht bewegen kann, das Laima gehoben hat, und dann noch fast hundert Kilo mehr?
Die nächste Disziplin nennt sich Conan’s Circle. Wie der Name schon sagt, müssen die Athletinnen mit vor der Brust verschränkten Armen eine Stange anheben und dann im Kreis laufen. Es sieht so aus, als würden sie einen Mühlstein antreiben. Gezählt wird die Distanz, die sie zurücklegen, bevor sie die Stange fallen lassen.
Von den vier Athletinnen, die laut Feli nur da sind, um das Feld aufzufüllen, schafft keine eine ganze Umdrehung. Dann kommt Amy. Sie schafft mehr als anderthalb Umdrehungen und lässt die Stange erst nach 620 Grad fallen. Sie hat alles gegeben.
Laima kommt auf 400 Grad. Bei ihr sieht es aus, als wäre es kaum mehr als ein Spaziergang. Einerseits klar, dass sie während der Schwangerschaft nicht mehr an ihre absolute Leistungsgrenze geht, andererseits Wahnsinn, welche Kraft sie hat.
Dann kommt Feli, und ich halte den Atem an. Die erste Umdrehung sieht leicht aus. Am Ende der zweiten sieht man, wie sie kämpft, aber sie geht weiter, Schritt für Schritt. Die Stange wird immer schwerer, ihre Arme rutschen immer weiter nach unten. Sie kämpft sich weiter. Sie hat zweieinviertel Umdrehungen und sieht aus, als würde sie gleich umkippen, aber sie setzt weiter einen Fuß vor den anderen. Gleich sind zweieinhalb Umdrehungen erreicht. Da rutscht ihr die Stange endgültig aus den Armen. Im selben Moment sackt sie über der Stange zusammen.
Mir bleibt das Herz stehen. Ich springe auf. Auch die Schiedsrichter sind sofort bei ihr, aber sie steht schon wieder. Blass und schwer atmend winkt sie ins Publikum.
Laima ist die Letzte. Sie macht 640 Grad und setzt die Stange dann ab. „Man muss wissen, wann man gewinnen kann und wann nicht, aber der zweite Platz war wichtig, und morgen wird abgerechnet“, spricht sie anschließend ins Mikrofon und wiederholt damit sinngemäß Felis Worte nach der ersten Disziplin.
Jetzt sind die Männer dran, und ich mache mich mit den anderen beiden auf zu den Athletinnen.
Kaum sind wir im Aufwärmraum, springt Laura in Laimas Arme und gibt ihr einen langen Kuss. „Du warst großartig!“, jubelt sie und küsst sie gleich noch einmal. Julien steht bei Janeece und drückt sie. Die beiden sehen glücklich aus. Feli liegt auf einer Massageliege, und David bearbeitet ihren Rücken. Für Privatsphäre ist kein Raum bei so einem Wettbewerb – es gibt nicht einmal einen Sichtschutz. Ich stehe herum wie bestellt und nicht abgeholt, will die beiden aber auch nicht stören. Nach der Leistung braucht Feli sicher jede Sekunde Erholung, die sie kriegen kann.
„Dauert nur noch eine Minute, dann bin ich an der Reihe“, bedeutet mir Amy.
Da ist Feli auch schon fertig. Als sie sich aufrichtet und mich sieht, hat sie sofort ein Lächeln auf den Lippen. „Läuft alles wie geplant, und jetzt kommen meine beiden Paradedisziplinen“, sprudelt es aus ihr heraus, dann bedauernd: „Tut mir leid, dass ich keine Zeit für dich habe. Ich würde dir gern mehr darüber erzählen, was ich hinter der Bühne mache und warum, aber ich muss mich schon wieder auf die nächste Disziplin vorbereiten.“
„Verstehe ich doch. Du hast mir gerade ganz schön Angst gemacht. Verausgabst du dich immer so? Wenn du willst, bleibe ich die Nacht wieder bei dir“, packe ich gleich drei Themen in meine Begrüßung.
„Danke. Nur wenn es sein muss. Und gerne, dann habe ich noch etwas, auf das ich mich freuen kann. Schau nicht so, das waren meine Antworten auf das, was du gesagt hast“, lächelt sie und macht sich einen Shake.
„Ich behindere dich in deiner Vorbereitung. Das will ich nicht.“
„Ja und nein. Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand beim Wettkampf um mich herum ist, aber trotzdem ist es schön, dass du da bist.“
Kaum ist der Shake getrunken, geht sie zur nächsten Hantelstange und beginnt mit den nächsten Aufwärmübungen. Mein Gefühl sagt mir, dass ich mehr störe als nutze. Auf dem Weg zurück nach draußen raunt mir Janeece zu: „Mach dir nichts draus. Feli ist während der Wettkampftage krass fokussiert.“
Das habe ich doch schon einmal gehört.
Kaum sitze ich wieder, kündigt der Moderator auch schon den nächsten Wettkampf an: Deadlift auf Wiederholungen. Die Athletinnen können zwischen vier Gewichten wählen und müssen innerhalb von 60 Sekunden so viele Wiederholungen wie möglich machen. Gewicht steigern dürfen sie, aber zurück zu einem leichteren Gewicht können sie nicht. Dass schon die leichteste Hantelstange 200 Kilo hat, schockiert mich. Wie soll das eine Frau bewegen? Wofür sollen dann noch die anderen drei Stangen mit 230, 260 und 290 Kilo gut sein?
Wieder bin ich erstaunt, wie stark die Frauen sind. Selbst die Schwächste macht vier Wiederholungen mit 200 Kilo. Amelie, die Beste der angeblichen Feldauffüller, macht mit 230 Kilo acht Wiederholungen. Dann kommt Janeece. Sie geht ebenfalls zu den 230 Kilo, lässt es aber nach fünf Wiederholungen gut sein. Dass sie nicht an Amelies Leistung herankommt, scheint sie nicht zu stören. Sie winkt ins Publikum und geht dann auf zwei Kinder zu, die an der Bande stehen. Sie beugt sich zu den beiden runter und wechselt lachend ein paar Worte mit ihnen, bevor sie ihnen mit der Kreide an ihren Fingern zwei weiße Punkte auf die Nasen malt. Sie zeigt mit der Hand zu Amy, die inzwischen auf der Plattform steht, und fordert die beiden auf, Amy anzufeuern.
Amy macht zwei Wiederholungen mit 230 Kilo und geht dann zu den 260. Sie atmet ein paar Mal durch und wickelt die Zughilfen über die Stange.
„Mutig“, kommentiert Laura, „ich wünsche ihr, dass sich ihr Mut bezahlt macht. Wenn die Hantel vor Ablauf der Minute den Boden verlässt, zählt der Versuch.“
Amy wartet, bis nur noch zwei Sekunden auf der Anzeige stehen, und wuchtet die Hantel vom Boden. Ihr ganzer Körper zittert, aber sie schafft es, ihren Rücken durchzustrecken. Kaum ist die Hantel wieder am Boden, macht sie vor Freude einen Luftsprung und gleich noch einen Backflip hinterher. Der Applaus der Halle ist ihr sicher.
Laima tritt gleich entschlossen zu den 260 Kilo, macht zwei Wiederholungen, wartet, versucht kurz vor Ablauf der Zeit eine dritte Wiederholung und … scheitert. Sie bleibt neben der Bühne stehen und schaut zu, wie Feli auf die Plattform kommt. Nach dem Startsignal des Schiedsrichters geht sie ohne Eile zu den 290 Kilo.
„Ha, jetzt überpaced sie! Das geht nicht gut!“, kommt von Laura neben mir, aber Feli zieht das Gewicht vom Boden weg. Ihre Beine zittern kurz, aber die Hantel bleibt nie stehen. Der Schiedsrichter gibt das Signal, und das Gewicht zählt. Ich juble ihr zu. Julien freut sich ebenfalls, aber Laura wirkt enttäuscht.
„Das war’s“, kommt von ihr.
Bei aller Freundschaft ist das hier eben doch ein Wettbewerb. Ein Schwanzvergleich – oder besser: ein Eierstockvergleich – unter den besten Athletinnen der Welt, und Feli hat heute sozusagen den längsten. Ich stelle mir vor, dass sie auch die 260-Kilo-Stange hätte nehmen können, aber sie hat sich bewusst für Risiko entschieden. Ich würde sagen: Psychospielchen gewonnen. Dass bei den Männern die schwerste Hantelstange 440 Kilo wiegt, wundert mich nicht einmal mehr.
Die nächste Disziplin nennt sich Hercules Hold. Die Athletinnen stehen zwischen zwei Säulen, die nach außen wegkippen wollen. Sie halten sie an Griffen fest und müssen sie so lange wie möglich am Umkippen hindern. Julien und Laura sind sich einig, dass es sowieso für niemanden außer Feli etwas zu gewinnen gibt und dass sie noch dazu den Vorteil hat, als Gewinnerin der letzten Disziplin als Letzte anzutreten. So kommt es dann auch. Laima kämpft sich zu 53 Sekunden, aber als Feli die Griffe nach 57 Sekunden loslässt, ist jedem in der Halle klar, dass sie nicht mehr als notwendig gezeigt hat.
Da geht der Moderator auf sie zu.
„Das hat so einfach ausgesehen.“
„War es nicht“, behauptet Feli.
„Ich glaube, das ist nur die halbe Wahrheit. Jeder weiß, dass du die Frau mit der größten Griffkraft überhaupt bist. Das, was jetzt kommt, haben wir vorab nicht abgesprochen. Aber wir wollen alle sehen, wie groß deine Griffkraft wirklich ist. Wir wollen wissen, ob deine Hände wirklich so stark sind, dass du bei den Männern mitmachen könntest. Daher folgendes Angebot: Du trittst bei den Männern mit an. Wenn du weniger als zehn Sekunden auf die schlechteste Zeit der Männer verlierst, bekommst du 10.000 Euro extra und für jeden Mann, den du schlägst, weitere 10.000 Euro. Du weißt, seit seiner Handverletzung hat Gerry große Probleme mit seiner Griffkraft. Du musst dich nicht sofort entscheiden. Schau den Männern zu, erhol dich etwas, und wenn du dich gut fühlst, kannst du es versuchen. Was meint das Publikum? Wollt ihr sehen, was die Hände von Feli leisten können?“
Klar, dass das Publikum jubelt.
„Es ist peinlich, wie billig die Frauen abgespeist werden. Einem Mann hätte er das Doppelte oder eher das Dreifache angeboten“, kommt verstimmt von Julien.
Laura pflichtet ihm bei: „Feli kann sich nur zum Affen machen. Selbst zehn Sekunden schlechter als Gerry sind nicht zu schaffen.“
Gerry, der aussieht wie eine fünfzehn Jahre ältere Kopie von Mantas, wird wie vorhergesagt mit 25,3 Sekunden mit Abstand Letzter. Sechs schaffen Zeiten zwischen 45 und 55 Sekunden, und einer hält die Griffe unglaubliche 73,8 Sekunden lang. Als der Moderator anschließend wieder auf Feli zugeht, meint sie nur: „Was soll’s, ich probiere es“, und winkt ins Publikum.
Sie reibt ihre Hände mit Kreide ein und stellt sich in Position. Als die Arretierung gelöst wird, kann ich zunächst keinen Unterschied erkennen. Feli steht felsenfest, wie eine Statue, aber schon nach fünf Sekunden sieht man, wie schwer das Gewicht ist. Nach zehn Sekunden beginnt ihr linker Arm zu zittern. Sie stöhnt – das kann ich sogar von meinem Platz aus hören –, aber ihre Hände sind fest geschlossen. Fünfzehn Sekunden, sie hat es geschafft. Sie ist bis auf zehn Sekunden an die Zeit von Gerry herangekommen.
„Unglaublich“, murmelt Laura neben mir.
Ich weiß nicht mehr, worauf ich mich konzentrieren soll – auf Feli oder auf die Digitalanzeige über ihr, auf der die Sekunden unglaublich langsam nach oben zählen. Zwanzig Sekunden! Felis Kopf ist knallrot und vor Anstrengung verzerrt. Ihre Arme zittern wie verrückt. Sie stöhnt. 21 Sekunden. Es fehlt nicht mehr viel. 22 Sekunden! 23 Sekunden! Da lässt Feli die Griffe los. 23,6 Sekunden! Es haben nicht einmal zwei Sekunden zur Zeit von Gerry gefehlt – unglaublich. Das Publikum jubelt. Ich schreie. Kein Zweifel: Das war der Höhepunkt des Tages.