Später, im Bett, zog sie die Decke bis ans Kinn. Im Nachbarhaus schloss jemand ein Fenster. Eine Sirene lief weit entfernt durch die Stadt. Mara lag auf dem Rücken und legte die Hand flach auf den Unterbauch, ohne es bewusst zu wollen.
Achtunddreißig.
Nicht alt. Nicht jung. Ein Alter, in dem einem die Leute gern versicherten, es sei noch alles offen, solange man sportlich genug und geistig frisch und entspannt und nicht zu wählerisch sei. Als müsste man nur nett genug mit der Zeit verhandeln.
Sie dachte an Eizellen, an Monate, an die Art, wie selbst Ärzte manchmal geschniegelt logen, wenn sie Hoffnung nicht als Geschäft, sondern als Höflichkeit verkauften.
Wollte sie ein Kind? Oder nur das Recht, die Entscheidung nicht längst versäumt zu haben?
Sie dachte an Levin. An seine schmale Müdigkeit, an den hellen Ringabdruck, an die halbe Bewegung seiner Hand. Er wäre kein Mann für Rettung. Nicht für Familie. Nicht für irgendeine warme, verlässliche Uferfantasie. Eher einer, der Begehren und Schuld in derselben Ledermappe trug und beides ordentlich voneinander trennen wollte, bis es nicht mehr ging.
Und trotzdem: Mit ihm hatte die Luft im Bahnhof einen anderen Druck gehabt.
Vielleicht war das schon alles. Vielleicht reichte genau das, um gefährlich zu werden.
Levin saß derweil im Hotelzimmer, die Krawatte gelockert, der Fernseher stumm. Auf dem Schreibtisch standen Wasserflasche, Laptop, eine Schale mit grünen Äpfeln, geschniegelt wie Dekoobst. Aus dem Bad kam der Geruch von Handseife und zu heißem Licht. Er hatte die Schuhe ausgezogen, aber noch immer den Mantel nicht ganz abgelegt, als sei er nur kurz zu Gast im eigenen Abend.
Als Maras Nachricht kam, las er sie sofort und legte das Handy wieder hin, ohne zu antworten. Er ging ans Fenster. Unten blinkte Verkehr. Frankfurt aus dem sechsten Stock: Glas, Bewegung, keine Geschichten, die man hören musste.
Er dachte an mögliche Antworten. Freut mich. Zu jovial. Sag Bescheid, wie es lief. Zu nah. Gern. Zu wenig.
Am Ende schrieb er genau das Wenige. Viel Erfolg morgen.
Danach ärgerte er sich über seine eigene Feigheit. Nicht weil er ihr nicht mehr geschrieben hatte.
Sondern weil er genau spürte, dass er mehr wollte als diese sterile Höflichkeit und zugleich alles dafür tat, in ihr zu bleiben. Diskret, dachte er. Diskret war oft nur ein anderes Wort für kastrierte Sehnsucht.
Sein Handy leuchtete erneut. Nicht Mara. Eine unbekannte Nummer, weitergeleitet über einen dieser Dienste, die Kontakte diskret vermittelten. Jemand, dessen Profil er irgendwann nachts zwischen zwei Hotelaufenthalten geöffnet hatte. Nur ein Vorname. Keine Fotos. Die Art von Arrangement, die ihm passend erschienen war: anonym, sauber, kein Nachhall.
Heute in Ffm? 22 Uhr möglich.
Er starrte auf die Nachricht. Genau das, was er doch wollte. Keine Geschichte. Kein Urteil. Kein Morgen.
Sein Daumen schwebte über der Tastatur.
Dann legte er das Handy weg, als hätte es ihn angefasst.
Im Spiegel gegenüber sah er sich im Halbdunkel des Zimmers: Hemd aufgeknöpft, Schultern müde, das Gesicht eines Mannes, der gelernt hatte, seine Wünsche so lange zu formulieren, bis sie wie vernünftige Entscheidungen aussahen. Er dachte an Maras Satz: Heute will ich sehen, ob du auch etwas kannst, das dich morgen noch kostet.
Er setzte sich aufs Bett. Die Matratze gab geschniegelt nach.
Was hätte er von Mara gewollt, wenn alle Kosten ausfielen? Ein Zimmer, in dem er sich nicht erklären musste. Ihren Blick, der ihn traf und nicht schonte. Ihren Spott, solange er darin nicht verschwand. Vielleicht sogar ihre Gier nach einem besseren Leben, weil darin etwas Unverschämtes lebte, das ihn an seine eigene verlorene Unverschämtheit erinnerte.
Was würde er ihr geben wollen? Geld, sicher, aber nicht als hingeworfene Scheine. Gelegenheit, ja. Und dann? Wieder Feuer? Eine Affäre mit Bankrand und Bahnhofsgeruch? Etwas Diskretes, das nicht anonym wäre?
Schon der Gedanke war ein Widerspruch. Er wollte sie, solange sie seine Ordnung nicht sprengte, und er wusste genau, dass gerade das an ihr unzuverlässig war. Sie war keine Frau für weiche Grenzen. Sie würde irgendwann fragen: Und jetzt? Sie würde nie still in eine Lücke passen, die ein verheirateter Mann für sie freihielt.
Er nahm das Handy noch einmal und schrieb der unbekannten Nummer: Heute nicht.
Danach löschte er den Chat. Die Leere, die blieb, war unbequem ehrlich.
Spät in der Nacht lagen beide wach, in unterschiedlichen Betten, unter unterschiedlichen Decken, mit dem gleichen kleinen harten Rest von Bahnhofslicht irgendwo hinter den Augen.
Mara stellte sich vor, wie Levin abends das Hemd aufknöpfte, allein in einem guten Zimmer, vielleicht ein Drink, vielleicht keiner, vielleicht dieses kurze Innehalten vor dem Spiegel, in dem Männer sich prüfen, ob sie noch wirken. Sie stellte sich vor, wie sie zu ihm ginge, nicht für Geld, nicht ganz, und wie die Luft zwischen ihnen sofort wieder diesen Druck bekäme. Sie stellte sich auch vor, wie sie am Morgen danach in ihre Küche käme und alles wäre noch genauso teuer wie zuvor.
Levin stellte sich vor, wie Mara in ihrer Wohnung die Jacke auszieht, vielleicht barfuß über kalten Boden geht, vielleicht einen Topf aufsetzt, vielleicht im Dunkeln sitzt, weil sie das manchmal mochte oder Strom sparen musste oder beides. Er stellte sich vor, wie sie ihn liest, Satz für Satz, Gestik für Gestik, und fragte sich mit einer Mischung aus Eitelkeit und Furcht, ob er in ihr noch brannte oder nur noch als brauchbare Gelegenheit leuchtete.
Auf jeden Fall hatte sie noch diesen süßen, knackigen Po, das hatte er, bei ihrem Treffen, wohlwollend bemerkt.
Keiner von beiden schlief früh ein.
Draußen lief die Stadt weiter, geschniegelt an manchen Ecken, verwahrlost an anderen, und überall mit Menschen gefüllt, die ihre Wünsche so lange ordneten, bis sie aussahen wie Termine.
Am Morgen würde Mara zu einem Vorstellungsgespräch gehen.
Am Morgen würde Levin in einem Konferenzraum sitzen und so tun, als seien Zahlen das Einzige, was geprüft werden müsse.
Und unter beidem glomm etwas weiter, klein, teuer, verheißungsvoll lebendig.
Kapitel 3
Ronny schrieb um kurz nach elf. Keine Anrede, kein Schaum oben drauf.
Kunde von letzter Woche. Fragt ausdrücklich nach dir. 500. Heute Nacht. Hotel nah Messe. Diskret.
Mara stand im Treppenhaus der kleinen Beratung in Sachsenhausen, die Hand schon am Geländer, als das Handy vibrierte. Über ihr roch es nach Staub, Druckerpapier und altem Kaffee.
Die Frau Winterberg hatte sie gerade verabschiedet mit einem Blick, der nichts versprach und gerade deshalb brauchbarer wirkte als jeder überschwängliche Händedruck. „Wir melden uns Ende nächster Woche“, hatte sie gesagt. Der Satz war weder kalt noch warm. Er war eine Tür auf Kette.
500.
Die Zahl stand sauber auf dem Display, geschniegelt in ihrer Nacktheit. Nicht viel und plötzlich alles. Miete. Strom. Die kleine offene Rechnung bei Sibel, die nie drängte und gerade dadurch drängte. Der Kühlschrank, der seit Monaten wie eine Drohung summte. Vielleicht ein Arzttermin, den sie immer wieder verschob, weil er Geld kostete und Antworten liefern konnte, vor denen sie Angst hatte.
Sie blieb zwischen dem ersten und zweiten Stock stehen und las die Nachricht noch einmal. Unten schlug eine Tür. Jemand lachte auf dem Bürgersteig. Tief unter ihrem Bauch zog etwas hart zusammen, kein moralischer Reflex, eher die altbekannte Körperrechnung, prüfend, wie ihre Stimmung ist, presste sie ihre Schenkel zusammen: Kannst du das heute tragen, magst du begehren. Kannst du dich hinterher wieder einsammeln. Was kostet es, wenn du nein sagst.
Und unter allem, unermüdlich lebendig, Levin.
Nicht als Rettung. Eher als Störung in der alten Mechanik. Seit dem Bahnhof ließ sich nichts mehr ganz so glatt in Fächer sortieren. Geld hier. Körper da. Möglichkeit dort. Er hatte einen schmalen Riss hineingezogen, und durch diesen Riss kam nun zu viel Luft.
Sie stieg langsam hinunter, trat auf die Straße, zog die Jacke enger und ging nicht sofort zur Bahn. Der Main lag grau hinter den Häusern. Ein paar Möwen hingen schief im Wind. Die Stadt tat, was sie immer tat: geschniegelt weiterlaufen und an den Ecken so tun, als ginge sie keiner was an.
Sie rief Sibel an. „Na?“, sagte Sibel sofort. „Sag nicht, die Winterberg hat dich schon adoptiert.“
„Sie meldet sich Ende nächster Woche.“
„Das ist nicht schlecht.“
Mara sah auf die nassen Pflastersteine. „Ronny hat geschrieben. Fünfhundert.“