„Alltag, Familie, Bi-Neigung – Was gibt neuen Schwung? (...) Unser Alltag mit Kindern, Verantwortung und festen Routinen funktioniert insgesamt gut – gleichzeitig merke ich bei mir selbst, dass Nähe, Leichtigkeit und Erotik im Laufe der Zeit immer mehr in den Hintergrund geraten sind.
Wenn ihr beide das Gefühl habt, dass euer gemeinsames Leben "gut funktioniert", dann ist das zumindest eine gute, solide Basis, um auch Aspekte, die von euch vernachlässigt wurden, wieder aufzugreifen.
Was mich besonders beschäftigt, ist, dass dieser Alltag nicht nur bei mir, sondern auch in unserer Beziehung Spuren hinterlässt. Partnerschaft dreht sich oft stark um Organisation und Funktionieren, weniger um das bewusste Erleben von Nähe, Begehren und gegenseitiger Wahrnehmung als Mann und Frau.
Die hauptsächliche Frage, die ich mir dann stellen würde, ist die, wie es dazu gekommen ist. Ein Paar hört nicht automatisch auf, ein Paar zu sein, wenn sich Lebensumstände ändern, z.B. durch Kinder und Familienorga. Die Beteiligten ändern sich bewusst oder lassen es zu, dass sie sich in der Lebenssituation verändern und ggf. sogar die Liebesbeziehung ruhen lassen. Wie kam es bei euch dazu? Wie aktiv wart ihr an dieser Veränderung beteiligt? Was würdet ihr mit diesem Wissen heute anders machen? Und dann dafür sorgen, aktiv zum früheren Miteinander zurückzukehren. Wie, das müsst ihr als individuelles Paar miteinander klären.
Ein weiterer Punkt, der mich nachdenklich macht, ist der Umgang mit individuellen Facetten innerhalb einer langfristigen Beziehung. Meine Frau ist bi, und ich habe im Laufe der Zeit wahrgenommen, dass Versuche, diese Seite zu leben, häufig frustrierend waren. Aus meiner Sicht scheiterten viele Ansätze daran, dass Begegnungen oft oberflächlich blieben
Im Grunde ist das ihr Thema, nicht deines. Sie muss ja wissen, ob und wie sie diese Seite leben will, und wenn das nicht klappt, obwohl du es tolerierst, dann ist das eben so. Ich als Mann erkenne in dieser Beschreibung auch den größten Teil meiner eigenen Erfahrungen zur Bisexualität wieder. Ich persönlich habe mich mit einer Frau auf eine monogame heterosexuelle Beziehung geeinigt, weil diese für mich deutlich besser und erfüllender ist, als die Experimente mit anderen es waren. Meine Partnerin hat keine Verantwortung für den homosexuellen Part, der in mir steckt. Ganz ähnlich könnte es bei euch laufen: Ihre Baustelle, die sie selbst bearbeiten muss.
Das hat mich nachdenken lassen, wie Paare generell mit solchen Themen umgehen, ohne dass daraus Druck oder Enttäuschung entsteht.
Bei uns ist es lediglich das Wissen um die jeweilige sexuelle Orientierung und die damit verbundenen Vorlieben. Mehr nicht. Das Ganze ist von Beginn an ein sehr entspanntes, unaufgeregtes Thema gewesen, allerdings mit einer Neugier ihrerseits, weil sie das Thema noch nie in einer Beziehung hatte. Ich bin nicht nur bisexuell, ich bin auch polyamor. Auch das weiß meine Partnerin, ohne dass es ein Problem wäre, denn ich habe mich für sie als einzige Beziehung entschieden. Ich liebe auch andere Menschen und ich stehe sexuell auch auf Männer, aber nichts davon führt dazu, dass ich unsere monogame Beziehung störe.
Mich beschäftigt vor allem, wie man als Paar verhindern kann, sich gegenseitig nur noch über Rollen wahrzunehmen – etwa als Eltern oder Funktionsteam – und wie Raum für persönliche Entwicklung und partnerschaftliche Nähe erhalten bleibt.
Ich finde es schwierig bis unmöglich, eine bereits (womöglich über Jahre hinweg) vollzogene Veränderung wieder rückgängig zu machen. Man muss die Situation vermutlich aktiv neu verändern, also vorwärts schreiten, nicht zurück blicken, aber dennoch eine Verbesserung herbei führen. Der beste aller Wege wäre, sich initial gar nicht so sehr zu verändern, aber das kommt offenbar häufig vor. Die Beziehung wird den familiären Themen untergeordnet, anstatt dass die Beziehung Teil der Familiensituation bleibt.
In meiner Ehe hatten wir keine Beziehungsveränderung durch Kinder und die neue Familienstruktur. Wir sind weiterhin so miteinander umgegangen, wie vorher auch, mit aller Nähe, Zärtlichkeit, Liebe und Sexualität wie zuvor. Unsere Kinder haben uns auch immer so wahrgenommen. Sie sind mit einem liebevollen Elternpaar aufgewachsen, das sich auch körperlich nahe kam. Auch ohne dass man das offensiv vor den Kindern lebt (was sich für uns grundsätzlich verbietet), war es nie ein Geheimnis, dass wir körpeliche und auch sexuelle Wesen sind.
Wie habt ihr in langen Beziehungen Phasen erlebt, in denen Nähe oder Erotik weniger präsent waren?
Nähe war nie "weniger präsent". Wir waren uns immer nah, selbst wenn die Erotik gelegentlich (und aus Gründen, die wir auch benennen konnten) zurückgefahren war. Das war in meiner Ehe so und ist auch in meiner derzeitigen, langjährigen Beziehung (ohne heranwachsende Kinder) so. Nähe gehört für uns zur Beziehung, daher leben wir sie.
Welche Gedanken oder Impulse haben euch geholfen, wieder mehr Bewusstsein für euch selbst und für eure Partnerschaft zu entwickeln?
Gedanken? Keine. Es reicht mein Gefühl für die Partnerin. Egal, womit der Kopf gerade beschäftigt ist, die Emotionen ihr gegenüber sind immer da und somit auch die Bindung an sie und die daraus gelebte Beziehung.
Wie geht ihr mit individuellen Neigungen oder Facetten innerhalb einer Beziehung um, ohne dass daraus Erwartungsdruck oder Überforderung entsteht?
Wir sprechen einfach darüber, ohne dass aus einer bestimmten Neigung, einer Vorliebe oder einer "Facette" die Notwendigkeit zum Erleben und Ausleben vermittelt wird. Was wir fühlen, können und wollen wir nicht steuern. Wie wir handeln, dagegen schon. Eines unserer Beispiele: "Ich hab mich in XYZ verliebt" bedeutet nicht, dass ich meine Beziehung beenden will oder eine Zweitbeziehung eingehen möchte oder eine Affäre führen will. Es bedeutet einfach nur, dass ich Gefühle (die ich nicht steuern kann) für jemanden entwickle, ohne dass es die Gefühle für meine Partnerin verändert und ohne dass ich aus meiner derzeitigen Beziehung ausbrechen wollte.
Man kann sehr gut eine Neigung oder "Facette" haben, ohne dass man sie neben der Beziehung erleben oder ausleben müsste. Das fällt vielleicht nicht jedem Menschen mit jeder Neigung leicht, aber es geht darum, dass man sich bewusst entscheiden kann, ob oder ob nicht. Aus meiner Sicht und eigener Erfahrung gilt das für jede Neigung, sexuelle Orientierung, erotische Vorliebe usw. Mit dieser Einstellung ist es leicht, über diese Dinge zu sprechen, weil sie keine Gefahr für die Beziehung darstellen und zumindest bei uns auch nie als solche wahrgenommen werden - selbst wenn der/die Partner/in diese Vorliebe nicht teilt.