„Ich glaube, dass für viele Bi-Männer den ersten Schritt zu machen die größte Herausforderung darstellt. Unsere Gesellschaft ist noch immer sehr homophob, und die Angst erwischt zu werden ist bei vielen grösser als die eigene Lust auszuleben. Den Zweiflern, die das hier lesen kann ich nur mitgeben, dass es viele Möglichkeiten gibt, es vorsichtig und diskret auszuleben. Geht es langsam an und genießt es.
Diesem Teil würde ich als geouteter schwuler Mann widersprechen. Ich merke immer wieder, dass es besonders bei Bi-Männern die bisher wenig außerhalb des gängigen Mann-Frau-Bildes unterwegs waren sehr verbreitet ist, wie homophob die Gesellschaft ist. Das ist in der Realität aber nicht so. Ich bin seit ich 16 bin geoutet und gehe damit komplett offen um und das wirklich überall.
Bei Familie, Freunde, Bekannten, Arbeit...ich platz nicht in den Raum und teil das jedem mit, aber wenn das Thema aufkommt red ich da normal drüber, wie z.B. wenn kommt "willst du keine Freundin oder wieso Single?" konter ich mit "naja, also ein Freund wäre mir da lieber" oder hab mal ganz normal beim Chef angerufen und gemeint, dass mein (damaliger) Partner die Krankmeldung vorbeibringt weil ich es nicht schaffe.
Bin auch schon im Supermarkt mit meinem damaligen Partner gewesen und hab ihn ganz offen Schatz genannt und kein Mensch hat sich dafür interessiert. Ebenso wie mitten in der Stadt sich mit einem Kuss begrüßen, wie es jedes Paar tut. Natürlich schauen Leute kurz, aber eher weil es für sie ungewohnt ist. Also ich gehe wirklich offen damit um, egal an welchem Ort oder welche Leute anwesend sind, ich verhalte mich einfach wie es jedes Hetero-Paar auch tut.
Die negativen Begegnungen oder Kommentare kann ich an beiden Händen abzählen. Erfahrungsgemäß machen natürlich einige Leute Schwulenwitze, aber das hat selten was mit homophob zutun, denn wenn diese irgendwann mitbekommen, dass man schwul ist, ist ihnen das sehr unangenehm und sie entschuldigen sich dafür, weil sie einen nicht verletzen wollen und ihnen das im Grunde völlig egal ist welche Sexualität man hat.
Leute reden oft negativ über "die Schwulen" im Allgemeinen, aber die haben dabei oft irgendwelche Klischees im Kopf die es in der Realität kaum gibt und realisieren oft erst ihr blödes Gerede wenn sie mal einen Schwulen kennenlernen und merken, dass wir ganz normale Menschen sind. Es ist bei den meisten Leuten einfach nur mangelndes Wissen und fehlender Kontakt zu uns. Wirkliche Homophobie, die uns einfach ablehnen und diskriminieren nur weil wir schwul sind, ist selten. Einige denken vielleicht komisch darüber, aber schlecht oder anders behandelt wurde ich deswegen bisher nur von ganz, ganz wenigen, bei denen war es unter Anderem aber teilweise auch einfach nur Angst, dass sie ausgelacht oder selbst als schwul gelten könnten, wenn sie mit einem Schwulen zutun haben.
Lasst euch nicht soviel von Medien und Co. einreden, es gibt hier und da vereinzelt Homophobie, aber bei weitem nicht so wie ihr euch das vorstellt, ich hab mich darüber schon mit vielen Schwulen deutschlandweit und aller Altersklassen unterhalten. Die Meisten die von Homophobie reden, sind nicht mal geoutet, da frag ich mich woher die Erfahrung bitte kommt. Nehmt vermeintlich schwulenfeindliche Witze/Sätze von eurem Umfeld nicht immer für bare Münze, Leute reden den ganzen Tag Unsinn und machen über irgendwas abfällige Kommentare ohne wirklich damit ein Problem zu haben.
Hört auf euch zu verstecken, eure Sexualität "diskret" auszuleben oder euch wegen Idioten einzuschränken sondern macht es so wie ihr es wollt. Natürlich ist das einfach gesagt, aber es ist euer Leben und euer Bedürfnis, normale Leute werden bleiben, neue werden kommen und die Homophoben werden freiwillig aus eurem Leben verschwinden. Umso mehr Leute sich outen (man muss das ja nicht so extrem wie ich leben, viele die ich kenne sind das nur bei Freunde & Familie) umso mehr wird das auch abnehmen, wenn die Leute merken, dass ihr Nachbar zwar bi/schwul ist aber trotzdem genau so wie jeder Andere.
Ihr macht euch viel zu sehr einen Kopf, aber das ist die Angst, die auch völlig in Ordnung ist und auch ihren berechtigten Sinn hat. Aber die Realität ist nicht so schlimm, wie man es sich vorstellt. Leute finden immer einen Grund negativ über euch zu denken wenn sie wollen.
Und ehrlich gesagt...ihr glaubt gar nicht wie viele angeblich "heterosexuelle" Männer in Wahrheit bisexuell oder schwul sind...das ist krass, was man da als Schwuler alles erlebt oder von welchen Männern man angeschrieben wird...manche davon sind im echten Leben die mit der größten homophoben Meinung, nur damit es keiner herausbekommt, dass sie es selbst sind...kaum ist man alleine mit denen, sind sie plötzlich offen und freundlich. Das ist natürlich sehr selten, aber hab ich schon paar mal erlebt.