Da bin ich voll bei dir.
Die Ursache ist in der Regel, dass wir Menschen schnell urteilen, um einzuschätzen, ob eine Gefahr vorliegt oder nicht.
Dazu greifen wir auf unseren Erfahrungsschatz zurück. Eine Dampflok als Kind zum ersten Mal in der Nähe gesehen, kann bedrohlich wirken, groß, laut, massiv. Wenn wir wissen, die ist an die Gleisführung gebunden, wir sehen, die Erwachsenen haben keine Angst, dann entspannt das Kind. Später greift man darauf zurück, kenne ich, ist ungefährlich, wenn ich nicht zu nahe am Gleis bin.
Bei Menschen kennen wir die aus unserem Umfeld. In meiner Kindheit gab es drei Gruppen (plakativ benannt, kein Rassismus im Geist): Deutsche, US-amerikanische Soldaten (inkl. dunkelhäutige Soldaten) und Gastarbeiterfamilien. Wer damals vom Land in die Stadt zog, musste sich erst einmal daran gewöhnen, weil dort eben diese "Völkervielfalt" nicht war. Auch die älteren in der Stadt mussten sich dran gewöhnen.
Aber auch hier wurde alles Fremde erst einmal kritisch beäugt und mangels Erfahrung vom Unterbewusstseins als potenzielle gefährlich eingestuft. Etwas oder jemand, den man in Auge behalten muss, weil man ihm nicht trauen kann.
Flucht oder Kampf ist die Antwort auf Gefahr. Flucht geht nicht. Sie sind überall. Aggression ist ein Kampfmittel. Einschüchterung gehört dazu. Und genau das will man mit den Verunglimpfungen erreichen. Man will den anderen klein halten, dass er nicht zur realen Gefahr wird. Einfach nur, weil man verunsichert ist.
Und das passiert bei unüblichen und damit unbekannten Neigungen und Vorlieben genauso. Ob es Homosexualität ist, wo manche Männer wirklich meinen, sie müssten mit ihrem Arsch an der Wand entlang gehen, weil sie sonst Gefahr laufen, vergewaltigt zu werden, oder wo man meint, diese Neigung vor Kindern fernzuhalten, um sie nicht zu schädigen oder gar auf Abwege zu bringen, oder ob es Vorlieben sind, die als abartig und krank tituliert werden, weil man selbst keinen Zugang zu den Gefühlen dabei hat.
Es ist immer das Unbekannte, das sich (bei uns!) nicht ausbreiten soll.
Natürlich hat sich viel seit den 70ern geändert. Heute gibt es Orte, wo die Bevölkerung mehrheitlich Migrationshintergrund hat, es gibt offen erkennbare Homosexualität, Transmenschen verstecken sich nicht mehr, SM ist breiter bekannt, etc.
Andererseits wird der "Normalo", der mit dem ganzen nichts am Hut hat, eine monogame Beziehung mit gelegentlichem Blümchensex in Missionarsstellung im Dunkeln unter der Bettdecke führt, heute von mehr "Perversitäten" aufgeschreckt als früher, wo einfach all solches im Verborgenen blieb. Also ist auch die gefühlte öffentliche Ablehnung größer.
Mehr Aktio resultiert in mehr Reaktio. Mehr dürfte es nicht sein.
Man empfindet CSD und Loveparade als Provokation, wie auch die Zunahme von sexuellen Themen in "normalen" Medien, inkl. altmodischer Printmedien. Wenn über lustvollen Analsex in "Frau im Spiegel" geschrieben wird, finden das nicht alle Damen im Friseursalon spannend.
Fazit:
Früher war man viel eher schon getriggert, bekam manches nicht auf das Brot geschmiert, heute ist deutlich mehr erlaubt, die empfundene "Provokation" ist größer, die Gegenwehr auch.
Aber: Schlimm ist, dass es heute viele gewalttätige Angriffe gegen Leute gibt, die keine Heterosexuelle Neigung haben, Transsexuell sind oder sich gegen gewisse religiöse oder politische Werte stellen.
Das hat definitiv zugenommen und dagegen muss jeder vehement vorgehen. Zumindest gegenseitige Toleranz ist unverzichtbar. Intoleranz muss geächtet werden.