Sehnsucht
Manchmal liegt sie plötzlich da –wie ein Geruch, den man kennt, aber nicht zuordnen kann.
Die Sehnsucht.
Er saß allein auf dem Sofa, ein Glas halbvoll, die Musik leise, gedämpft wie sein Denken.
Es war nicht der Mangel an Frauen. Nicht an Möglichkeiten. Nicht mal an Gesprächen.
Es war der Mangel an Berührung, die tiefer ging als Haut.
An Augen, die nicht nur schauen, sondern sehen.
Er erinnerte sich an früher – nicht an eine bestimmte Frau, nicht einmal an eine bestimmte Nacht.
Sondern an ein Gefühl, das einmal da war.
Das Gefühl, gemeint zu sein.
Jemandem die Stirn küssen zu dürfen, ohne dass es als Geste auffällt.
Einatmen dürfen, ohne sich erklären zu müssen.
Heute war alles verfügbar.
Chats, Körper, Profile.
Doch nichts blieb. Alles zerfloss.
Auch er selbst.
Er hatte mit Frauen geschlafen, die ihn „spannend“ fanden.
Mit Frauen, die geseh’n werden wollten, wie er.
Doch danach war da oft nur Stille.
Nicht die gute. Die kalte.
Er fragte sich, ob das Problem bei ihm lag.
Oder ob alle einfach nur müde waren.
Müde vom Spielen, vom Tasten, vom Hoffen.
Manchmal, in einem Nebensatz, einem Lachen, einem Blick – spürte er, dass es da war: das Potenzial.
Die Möglichkeit, sich wirklich zu begegnen.
Aber es war scheu. Wie ein Tier, das flieht, sobald man es ansieht.
Sehnsucht war nicht laut.
Sie war still, tragend.
Und sie ließ ihn atmen – aber nie ganz frei.



