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Kerngedanke: Ist das freie, unbefangene, lebendige, leidenschaftliche, wertfreie Ausleben unserer sexuellen Lust - unserer Libido - eine Selbstverständlichkeit für mich?
Ich verkürze meine Antwort bewusst auf deinen Kerngedanken. Eigentlich würde ich lieber über das Spiegelheftchen diskutieren, aber das müssten dann alle gelesen haben. Schwierig, da sich aber dein Thread drauf aufbaut, das wird zu Missverständnissen führen.
Also, zum Kerngedanken:
Ob das freie, unbefangene, lebendige, leidenschaftliche und wertfreie Ausleben der eigenen sexuellen Lust eine Selbstverständlichkeit ist, lässt sich nicht m.E. pauschal beantworten. Deine Frage berührt zutiefst persönliche, kulturelle und ethische Ebenen und hängt stark von der eigenen Lebensgeschichte, der Erziehung, dem sozialen Umfeld sowie den individuellen Erfahrungen ab.
Wer in einem offenen, lebensbejahenden Umfeld aufgewachsen ist, in dem Sexualität als natürlicher Teil menschlichen Daseins behandelt wurde, empfindet ihre freie Entfaltung möglicherweise als selbstverständlich. Ich bspw. nicht, ich musste das alles erst mühevoll lernen.
Für andere hingegen, deren Prägung durch Scham, moralische Gebote oder emotionale Verletzungen beeinflusst wurde, ist ein solcher Umgang mit der eigenen Libido keineswegs einfach oder ungezwungen, bis heute nicht. Wie schwer das fallen kann, wird in so vielen Threads als persönliche (Leidens)Geschichte behandelt.
Überdies wirken gesellschaftliche und kulturelle Normen auf das persönliche Empfinden ein. In traditionelleren Kontexten wird Sexualität häufig mit Verantwortung, Zurückhaltung oder bestimmten moralischen Vorstellungen verknüpft. Wir hätten sonst nicht unseren täglichen Monogamie-Thread.
In "modernen" Milieus hingegen gilt sie als Ausdruck persönlicher Freiheit und Identität. Doch auch in solchen Umfeldern bedeutet „Freiheit“ nicht automatisch, dass alle Hemmungen verschwunden sind. Die inneren Spannungen, Ängste oder Unsicherheiten bleiben oft bestehen.
Wesentlich ist auch folgender Aspekt: Der Zugang zur eigenen Sexualität hängt stark davon ab, inwieweit man sich selbst annimmt, seine Bedürfnisse kennt und mit ihnen in Frieden lebt. Wer gelernt hat, sich selbst wertfrei zu begegnen, wird eher in der Lage sein, seine Sexualität als lebendig und frei zu erleben.
Dennoch bleibt das Ausleben der eigenen Libido immer auch ein Beziehungsereignis: Es setzt Rücksichtnahme, gegenseitigen Respekt und Konsens voraus. Wahre Freiheit zeigt sich nicht nur in der Entfesselung eigener Begierden, sondern gerade auch in der Achtung der Grenzen des anderen!
Ob das leidenschaftliche und wertfreie Ausleben sexueller Lust für einen Menschen zur Selbstverständlichkeit geworden ist, kann daher ein jeder nur im Lichte der eigenen Geschichte, Überzeugungen und inneren Entwicklung beantworten. Es ist ein individueller Prozess, der nicht nur durch äußere Freiheiten, sondern vor allem durch innere Klarheit, Selbstakzeptanz und zwischenmenschliche Verantwortung geprägt ist.
Also, nix für das kollektive, aber für das persönliche Archiv.
