20.09.2010

Gruppensex im deutschen Kaiserreich

Jagdschloss Grunewald ein Swingerclub? Ein Buch nimmt sich der Theorie an.

Gerade die steifen Preußen sollen Swinger gewesen sein?* Im Berliner Jagdschloss Grunewald fielen im Januar 1891 alle Hüllen und Hemmungen: die Kaiserliche Hofgesellschaft feierte eine wilde Gruppensex-Party, die bald einen Polit-Skandal auslöste. Der Historiker Wolfgang Wippermann hat die wilhelminische Affäre jetzt im Detail enthüllt.

Ein Buch klärt auf: Swinger und Gruppensex im Kaiserreich
Ein Buch klärt auf: Swinger und Gruppensex im Kaiserreich

Sexskandal im Jagdschloss Grunewald

Skandal im Jagdschloss Grunewald
Skandal im Jagdschloss Grunewald

Ob Kurfürst oder König: Zum Jagen ging man ins Jagdschloss Grunewald, das war über Jahrhunderte so. Fast alle preußischen Herrscher ritten von dort zur Sauhatz oder Parforcejagd nach Hirschen aus. Kaum bekannt war bislang, dass das älteste noch erhaltene Berliner Schloss der feinen Hofgesellschaft auch als Swingerclub diente: in der prüden Zeit unter Kaiser Wilhelm II.

In seinem Buch "Skandal im Jagdschloss Grunewald" enthüllt der Historiker Wolfgang Wippermann jetzt das "schmutzige" Treiben in dem Renaissance-Bau mit seinen schweren Folgen. Die wilde "Sex-Party" des Hochadels wuchs sich nämlich bald zu einer handfesten politischen Affäre aus, in die sich der deutsche Kaiser höchst persönlich einzugreifen genötigt sah.

Männlichkeit, Ehre und Gruppensex

Alles begann im Januar 1891 nach einer harmlosen Schlittenfahrt. 15 Teilnehmer der wilhelminischen Hofgesellschaft, darunter enge Verwandte des Kaisers, veranstalteten im Anschluss im Schloss Grunewald ein rauschendes Fest. Dabei kam es offenbar zu sexuellen Handlungen, die zur damaligen Zeit nicht nur arg verpönt, sondern teils verboten waren: Anal- und Oralverkehr sowie sonstige sexuelle Praktiken, "welche von Frauen ausgingen und von Männern untereinander ausgeübt wurden", wie Wippermann in seinem Buch erläutert.

Außereheliche Beziehungen von Damen galten damals als unehrenhaft und "krank", männliche Homosexualität stand unter strenger Strafe. "Über die Freizügigkeit der Teilnehmer mit ihrer nach außen prüden protestantischen Moral war ich selbst ziemlich überrascht", sagt der 65 Jahre alte Historiker.

Aufgestöbert und recherchiert hat Wippermann die obszönen Details in zufällig aufgetauchten anonymen Briefen. In ihnen wurde das hetero- und homosexuelle Verhalten der Partygäste detailliert beschrieben und angeprangert wohl aus Eifersucht oder Missgunst. Unter den Teilnehmern der Orgie war unter anderem Charlotte, die Schwester von Wilhelm II. Auch dessen Schwager Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein war dabei, wegen seiner zahllosen Sexgeschichten bei Hofe auch "Herzog-Rammler" genannt. Schließlich machte Leberecht von Kotze bei der Swingerparty mit, der als "weibischer Fatzke" verschriene Zeremonienmeister am Hofe von Kaiser Wilhelm II.

Zum öffentlichen Skandal wurde die schlüpfrige Party im Jagdschloss, weil die Briefe bewusst publik gemacht wurden. "Bald erfreute sich fast ganz Berlin an den gar nicht feinen Geschichten der so feinen Welt des Hofes", schreibt Wippermann in seinem Buch. Um nicht weiter desavouiert zu werden und den Verfasser der Briefe zu finden, schalteten die Adligen die Polizei ein. Die verdächtigte bald Zeremonienmeister Kotze, wegen gefundener ominöser Löschblätter. Kaiser Wilhelm II. selbst ließ ihn daraufhin verhaften und einsperren. Zum Entsetzen der Ermittler ging der Versand der anonymen Briefe aber weiter.

Beginn der Schwulenbewegung mit Gruppensex?

Der wahre Urheber ist bis heute unbekannt. Kotze wurde später freigelassen und erkämpfte sich seine "Ehre" in blutigen Duellen zurück und tötete einen Rivalen. "Die Reputation von Kaiser Wilhelm II. und seines persönlichen Regiments wurde dagegen schwer beschädigt", sagt Wippermann. Gesellschaftlich habe die sogenannte "Kotze-Affäre" aber Fortschritte gebracht: Strenge Maßstäbe wie "Sittlichkeit" für Frauen und die "Ehre" der Männer wurden zunehmend in Frage gestellt. Und nicht zuletzt erhob sich eine zaghafte Schwulenbewegung aus dem Skandal im Jagdschloss Grunewald.

Heute wird das malerische Anwesen im Südwesten Berlins als Museum genutzt. Ausgestellt sind historische Jagdschwerter und Weidmesser, an der Außenfassade der Gemäuer hängen uralte Geweihe. Spuren von der legendären "Sex-Party" der Hohenzollern sucht man vergebens.

Passende Swingerclubs in der Nähe findet ihr allerdings hier:
Singerclubs in Berlin

Haiko Prengel, dpa

Das Buch über den kaiserlichen Gruppensex

Skandal im Jagdschloss Grunewald:
Männlichkeit und Ehre im deutschen Kaiserreich
Wolfgang Wippermann
167 Seiten
Verlag: Primus Verlag
Auflage: 1. Auflage (August 2010)
ISBN-13: 978-3896788108

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* Mit diesem Satz gewann der Autor den Wortspielpreis des Tages.

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