Im Juni richteten einige Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen - unterstützt durch die Bundestagsfraktion der Grünen - eine "Kleine Anfrage" an die Bundesregierung. In dieser ging es um die "Sexuelle Gesundheit als Thema des Verbraucherschutzes" und dabei um die Gefährlichkeit spezieller Sexspielzeuge aufgrund der Tatsache, dass sie gesundheitsschädliche Weichmacher (genauer: Phthalate) enthalten.
Die Fokussierung auf dieses Thema, so wichtig es ist, stieß allerdings nicht rundweg auf Begeisterung. Der Grund dafür war die folgende mediale Aufarbeitung, wodurch der Eindruck entstehen musste, rundweg alle Sexspielzeuge seien in irgendeiner Form Weichmacher- bzw. Phthalathaltig.
Doch dem ist absolut nicht so, wie schon die vielfältigen Testaufrufe im JOYclub immer wieder belegen, bei denen wir Wert auf nachhaltige Qualitätsprodukte legen. Darum baten wir einige deutsche Sextoyhersteller an eine Art virtuellen runden Tisch und stellten ihnen einige Fragen zum Thema. Die Grünen waren leider zu keiner weiteren Aussage zum Thema zu bewegen … Doch beginnen wir ganz vorne ...
Weichmacher in Sexspielzeugen
- Die "Kleine Anfrage" der Grünen
- Was sind Phthalate und was macht sie so gefährlich?
- Die Inhalte der "Kleinen Anfrage"
- Die Reaktion der Bundesregierung auf die "Kleine Anfrage"
- Konsequenzen aus der Reaktion der Bundesregierung auf die Anfrage
Was sagt die deutsche Sextoybranche zu Weichmachern in Sexspielzeugen?
- Der Erotikschmuck-Designer Biank Rodalquilar
- Die Silikonspielzeughersteller von FUN FACTORY
- Die Holzsexspielzeugbauer von Waldmichlsholdi
- Spielzeuge aus Silikon von Selfdelve
- Spielzeuge aus Naturstein von Saycher
- Unser Fazit
- Kommentare
Die "Kleine Anfrage" der Grünen

Dieses Papier wurde der deutschen Bundesregierung am 14. Juni 2011 unter Federführung des Kölner Abgeordneten Volker Beck vorgelegt. Darin wies man darauf hin, dass viele Dildos und andere Sexspielzeuge wie Vibratoren und Analplugs hohe Mengen an Phthalaten, krebserregenden Weichmachern und weiteren giftigen Stoffen enthalten würden.
Die Ersteller dieses Schreibens beriefen sich dabei auf eine Studie des Magazins "Öko-Test" aus dem November 2006, bei der in 100 Prozent der darin untersuchten Vibratoren Phthalate festgestellt wurden. In knapp der Hälfte der Produkte wurden potentiell krebserregende PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) gefunden und in 10 Prozent der Fälle gar Rückstände der Nervengifte Phenol, Dibutyl- und Tributylzinn.
Insgesamt kam die Studie zu dem Schluss, dass die getesteten Sexspielzeuge aus bis zu 58 Prozent aus Weichmachern bestanden. Eine erschreckende Zahl, wenn man bedenkt, dass die bereits durchgesetzte Spielzeugrichtlinie, die die Verwendung von Weichmachern bei Kinderspielzeug reguliert, einen Anteil von mehr als 0,1 Prozent als gesundheitsgefährdend und unzulässig erklärt.
Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Nutzung von Sexspielzeugen gesellschaftlich weit verbreitet ist. So kam eine Studie des Kondomherstellers Durex aus dem Jahr 2005 zu dem Ergebnis, dass in Deutschland 20 Prozent der erwachsenen Befragten Sexspielzeuge wie Vibratoren nutzen. Man kann durch die steigende gesellschaftliche Akzeptanz dieser Spielzeuge davon ausgehen, dass diese Zahl heute noch weitaus größer sein dürfte.
Was sind Phthalate und was macht sie so gefährlich?

Phthalate (chemisch gesehen Ester der Phthalsäure) werden als sogenannte Weichmacher genutzt. Als Weichmacher bezeichnet man all jene Stoffe, die Kunststoffen, Farben und Lacken, Gummi, Klebstoffen und Befilmungsüberzügen zugesetzt werden, damit diese weicher, flexibler, geschmeidiger und elastischer im Gebrauch werden. In Westeuropa werden jährlich circa eine Million Tonnen Phthalate produziert, wovon alleine 90 Prozent für die Produktion von Weich-PVC eingesetzt werden (PVC=Polyvinylchlorid, ohne Weichmacher ein harter und spröder Kunststoff).
Man findet Weichmacher unter anderem in folgenden, kunststoffhaltigen Produktgruppen: Kinderspielzeug, Bodenbeläge, Kunstleder, Tapete, Duschvorhänge, Babyartikel, Verpackungen (auch von Lebensmitteln!), Schuhe, Sport- und Freizeitartikel, medizinische Blutbeutel und Schläuche oder Kabel ... und ebenfalls in verschiedenen Sexspielzeugen.
Dabei sind nicht alle Weichmacher giftig oder gefährlich. Doch kommt die große Gruppe der Phthalate als Weichmacher zum Einsatz, muss man wissen, dass diese in den genannten Kunststofferzeugnissen chemisch nicht fest gebunden sind und sich verflüchtigen. Phthalate gehören zu den sogenannten schwerflüchtigen organischen Verbindungen, die langsam, aber dauerhaft während der Nutzung austreten. Sie können aus den Erzeugnissen ausdünsten, ausgewaschen und durch Abrieb in der Umwelt verteilt werden.

Einmal entwichen, können sie zum Beispiel von Staubpartikeln gebunden und über lange Strecken transportiert werden. Dementsprechend und aufgrund der noch umfangreichen Anwendung von Weich-PVC Produkten ist der Mensch den Phthalaten fast schon ständig ausgesetzt und nimmt sie über die Luft oder die Nahrung auf.
Gesundheitliche Risiken, die von Phthalaten ausgehen können
Fast bei jedem Menschen sind Phthalate und ihre Abbauprodukte im Blut und/oder Urin nachweisbar. Generelle Aussagen über die gesundheitlichen Auswirkungen von Weichmachern kann man nicht treffen, weil sie je nach Anwendung komplett unterschiedliche Gruppen von Chemikalien umfassen.

Die EU-Risikobewertung stufte dennoch die Phthalate DEHP (Di(2-ethylhexyl)phthalat), DBP (Dibutylphthalat) und BBP (Benzylbutylphthalat) als fortpflanzungsgefährdend ein. So kam eine Studie im Auftrag der Europäischen Union aus dem Jahr 2009 zu dem Ergebnis, dass Phthalate insbesondere den Hormonhaushalt von ungeborenen Kindern nachhaltig schädigen und beispielsweise zu einer Verweiblichung männlicher Föten führen können (Unfruchtbarkeit und Missbildung der Genitalien inbegriffen).
Des Weiteren gilt als sicher, dass bestimmte Weichmacher auf Basis von Phthalaten zu Störungen im Hormonhaushalt führen können und unter anderem im Verdacht stehen, zu Diabetes und Übergewicht zu führen.
Allerdings ergibt sich ein Risiko für den Menschen oder die Umwelt nur in wenigen Anwendungsbereichen. Zum Beispiel bei Babyartikeln und Kinderspielzeug (die in den Mund genommen werden könnten), weshalb die EU-Komission mittlerweile ein Anwendungsverbot für Phthalate in diesen Produkten durchsetzte.
Selbst für DIDP (Di-isodecyl-phthalat) und vorsorglich auch für DINP (Di-isononyl-phthalat), die grundsätzlich als ungefährlich gelten, besteht in Europa ein Einsatzverbot für Babyartikel und Kinderspielzeug, das in den Mund genommen werden kann.

Das Problem: Wie dargestellt, ist eine Freisetzung der Phthalate aus Weich-Kunststoffen nicht zu verhindern. Doch Alternativen zu Weichmachern aus der Gruppe der Phthalate können nur bei einer gleichzeitigen Neuoptimierung der physikalischen und chemischen Eigenschaften der hergestellten Produkte eingesetzt werden. Oder man setzt direkt auf andere Werkstoffe wie Stein, Glas oder Holz bzw. verwendet weichmacherfreie Kunststoffe wie Polyethylen oder Polypropylen. Eine einfache Austauschsubstanz für Phthalate existiert nicht.
Doch nicht nur verschiedene Phthalate sind gefährlich. Von den ebenfalls als Weichmachern eingesetzten polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) gelten einige als stark krebserregend und Phenol, Dibutyl- und Tributylzinn stehen im Verdacht, den Hormonhaushalt der Menschen zu stören und gelten gar als Nervengifte.
Wir halten fest
Während die Europäische Union in anderen Bereichen die Nutzung von verschiedenen Phthalaten verboten hat, steht ein solcher Schritt für Sexspielzeuge aus, obwohl auch hier die Aufnahme der Chemikalien durch die Schleimhäute zu befürchten ist und vor allem billige Importwaren sehr häufig mit Weichmachern durchsetzt sind. Dieser "Lücke" wollten sich nun die Grünen annehmen …
Die Inhalte der "Kleinen Anfrage"
In der kleinen Anfrage wurden diverse Punkte zum Thema Weichmacher und anderer gesundheitsschädlicher Chemikalien in Sexspielzeugen angesprochen. Man wollte von der Bundesregierung unter anderem wissen, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse ihr im Zusammenhang mit den Gesundheitsgefahren von Weichmachern in Sexspielzeugen vorlägen, welche Grenzwerte in diesem Zusammenhang für die entsprechenden Stoffe gelten würden und wer diese kontrolliere.
Auch wollte man wissen, ob ein Verbot von Phthalaten, PAK und weiteren gesundheitsgefährdenden Stoffen in Sexspielzeugen geplant sei, welche Maßnahmen die Bundesregierung ergreifen werde, um den Anteil von schädlichen Stoffen in Sexspielzeug zu begrenzen und ob dänische Vorstöße in diesem Bereich exemplarisch für Deutschland sein könnten (beispielsweise nutzen die Dänen ein Etikett, das stillende und schwangere Frauen vor den Gefahren von Weichmachern warnt).
Die Reaktion der Bundesregierung auf die "Kleine Anfrage"
Die Bundesregierung gab in ihrer Antwort an, dass ihr bewusst sei, dass Weichmacher, vorrangig Phthalate, eingesetzt werden, um eine Biegsamkeit der Produkte aus PVC zu erreichen, aber dass es kaum wissenschaftliche Daten zur Risikobewertung (z. B. zu Stoffübergängen bei Schleimhautkontakt) gäbe, was in der Folge eine gesundheitliche Risikobewertung erschwere. Es fehlt demnach offensichtlich an repräsentativen Untersuchungen zum Thema.

Die Bundesregierung versteht Erotikartikel als Bedarfsgegenstände im Sinne von § 2 Absatz 6 Nummer 6 des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuchs (LFGB), also als Gegenstände mit nicht nur vorübergehendem Körperkontakt. Gemäß § 30 LFGB sei es verboten, diese Bedarfsgegenstände für andere so herzustellen und zu vertreiben, dass sie geeignet sind, die Gesundheit durch ihre stoffliche Zusammensetzung zu schädigen.
Des Weiteren seien Erotikartikel grundsätzlich als Verbraucherprodukte im Sinne des § 2 Absatz 3 des Geräte- und Produktsicherheitsgesetzes (GPSG) anzusehen. Hersteller und Importeure müssten demnach im Rahmen ihrer Sorgfaltspflicht in eigener Verantwortung sicherstellen, dass die Produkte sicher sind. Dass deren Spielraum nicht zu groß wird, sollen die Bestimmungen der REACH-Verordnung (Verordnung (EU) Nr. 1907/2006) bewirken.
Die REACH Verordnung
Die REACH Verordnung ist eine EU-Chemikalienverordnung, die die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien regelt und auch die Verwendung von Phthalaten, PAKs und Dibutyl- und Tributylzinn reguliert. So benennt die REACH Verordnung Phthalate, deren Verwendung nur noch bis zum Ende einer Übergangsfrist erlaubt sei. Die Phthalate Di-(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP), Dibutylphthalat (DBP) und Benzylbutylphthalat (BBP) dürfen beispielsweise ohne feste Zulassung für einen bestimmten Zweck nur noch bis zum 21. Januar 2015 verwendet werden.
PAK sollen laut REACH in Verbraucherprodukten auf maximal 0,2 mg/kg begrenzt werden und die Verwendung von Dibutyl- und Tributylzinn ist verboten, sobald diese Verbindungen mehr als 0,1 Gewichtsprozente des Produktes ausmachen. Ausnahmen seien laut REACH Verordnung nicht vorgesehen.

Auf diese REACH Verordnung stützte sich die Bundesregierung in der weiteren Argumentation sehr stark. Auch als es um die Frage ging, ob man plane, die Verwendung von Phthalaten und Co. für Erotikspielzeuge zu verbieten, berief man sich auf die festgelegten Einsatzfristen und bereits gemachte Vorstöße ... Dementsprechend plane man auch keine nationalen Maßnahmen, die die Verwendung gefährlicher Stoffe ausschließlich in Erotikartikeln beschränken. Zumal dies nur eine deutschlandspezifische Binnenlösung wäre, das Problem aber nicht national beschränkt sei.
Laut Bundesregierung würden Erotikartikel von den für die Überwachung von Bedarfsgegenständen zuständigen Behörden der Länder im Rahmen von Plan-, Verdachts- und Beschwerdeproben risikoorientiert überprüft - allerdings werden diese meist erst auf Hinweis hin aktiv. Dementsprechend gilt wohl, dass die Verbraucher selbst aktiv werden müssen.
Ein Warnhinweis für besonders gefährdete Anwendergruppen wie in Dänemark sei nicht geplant, da man die Hersteller in die Pflicht nähme, alle verwendeten Stoffe genau zu kennzeichnen und auf Gefahren hinzuweisen.
Konsequenzen aus der Reaktion der Bundesregierung auf die Anfrage
Die Antworten der Bundesregierung deuten es an: Zwar sind einige Maßnahmen in die Wege geleitet, die in Zukunft für mehr Sicherheit im Sexspielzeugsektor auf Verbraucherseite sorgen dürften, indem sie den Herstellern einen verbindlichen Rahmen für nicht mehr oder nur sehr stark eingeschränkt einzusetzende Stoffe für die Herstellung ihrer Produkte aufzeigen. Aber aktuell sind die Verbraucher in erster Linie selbst gefragt, sich über die verwendeten Sexspielzeuge genau zu informieren. In Zeiten, in denen Geiz geil ist, kein allzu leichtes Unterfangen …
- 1. Teil: Weichmacher in Sexspielzeugen
- 2. Teil: Was sagt die deutsche Sextoybranche zu Weichmachern in Sexspielzeugen?





