Spaß am Sex haben wohl die meisten von uns. Aber weshalb empfinden wir eigentlich Spaß dabei? Woher kommt unsere Lust auf Sex? Diesen einfach klingenden, aber doch sehr komplexen Fragen geht Prof. Dr. med. Harald Stumpe, Leiter des Masterstudiengangs "Angewandte Sexualwissenschaft" an der Hochschule Merseburg, im folgenden Beitrag nach...

In der Vergangenheit hätten sicher viele Menschen solche Fragen eher peinlich oder merkwürdig empfunden. Unter dem Einfluss der christlichen Religion wurde die Lustfunktion der Sexualität in unserer abendländischen Kultur lange negiert. Sexualität hatte der Fortpflanzung zu dienen. Erst im vergangenen Jahrhundert wurde die Lustfunktion der Sexualität in unserem Kulturkreis "wiederentdeckt". Dazu haben maßgeblich die sexuelle Revolution und die Frauenbewegung beigetragen.
Heute gilt die Möglichkeit der Entwicklung einer selbstbestimmten Sexualität als Menschenrecht. Zu den sexuellen Rechten zählt u.a. auch das Recht auf ein lustvolles Sexualleben. Um jedoch der komplexen Frage "Woher der Spaß und die Lust am bzw. beim Sex kommen?" auf den Grund zu gehen, bedarf es der Zusammenführung unterschiedlicher wissenschaftlicher Perspektiven. Aus der zuerst gestellten Frage leitet sich aber auch eine weitere ab.
Welchen Grund hat der Spaß am Sex?
Viele Menschen wissen, dass Sexualität auch etwas Drängendes haben kann. Den Begriff des "Triebes" kennen die meisten von uns. Eine Reihe von Triebtheorien (die bekannteste stammt von Sigmund Freud) geht davon aus, dass der Mensch von inneren angeborenen Trieben gesteuert wird. Neben den Grundbedürfnissen nach Essen, Trinken und Schlafen existiert auch das Bedürfnis nach sexueller Befriedung.

Viele Männer und Frauen kennen das damit entstehende Spannungsgefühl, welches nach Lösung drängt. Nicht selten bleiben dann wichtige Aufgaben einfach liegen, weil für manchen der Drang oder Trieb so stark wird, dass der Wille einer vielleicht wichtigeren Aufgabe nachzugehen, unterliegt (wichtig wird als Ausdruck unserer Vernunft und unseres Willens gesehen). Man könnte das Gesagte auch anders ausdrücken. Unser Leben ist geprägt von der Ambivalenz, die beim Streben nach Bedürfnisbefriedigung eintritt, wenn die Bedürfnisse einander widersprechen. Welche Bedeutung diese inneren Triebe für unser Leben nun wirklich haben, ist nach wie vor sehr umstritten.
Der Mensch beansprucht gern immer noch eine Sonderstellung auf dieser Erde. Damit verbunden sind solche Einstellungen wie, wir sind doch keine Tiere, wir können unsere Triebe beherrschen usw. Soziobiologen und Evolutionspsychologen dagegen gehen davon aus, dass wir Menschen Lebewesen wie jedes andere auf der dieser Erde sind und kein Recht auf eine Sonderstellung beanspruchen können. Dafür sprechen viele Argumente. Die Möglichkeit unser menschliches Genom entschlüsseln zu können, hat auch gezeigt, dass sich unser Erbgut nur wenig von unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Zwergschimpansen (Bonobos), unterscheidet.
Die moderne Hirnforschung hat herausgefunden, dass das "Unterbewußte", welches in den entwicklungsgeschichtlich älteren Gehirnregionen (Hypothalamus) verortet ist, viel stärker unser Handeln und Denken bestimmt als wir bisher angenommen hatten. Wenn wir uns überlegen, dass die Entwicklung der Spezies Mensch etwa einen Zeitraum von vier bis sechs Millionen Jahre eingenommen hat, dann erscheint es auch eher widersinnig anzunehmen, dass uralte Verhaltensmuster beim modernen Menschen des 21. Jahrhunderts keinerlei Bedeutung mehr hätten. Wenn wir diese Sichtweise zu Grunde legen, dann stellt sich eine weitere Frage.
Warum Sex und nicht anders?
Der entscheidende Entwicklungsschritt in der biologischen Evolution bildete dabei die Herausbildung der sexuellen Fortpflanzung. Sie ermöglichte die Kombination unterschiedlicher Gene, was in der ungeschlechtlichen Vermehrung der niederen Lebewesen nicht möglich war. Damit konnte sich erstmals eine unendliche Vielfalt von Individuen entwickeln.

Die notwendige Kombination von Genen konnte jedoch nur garantiert werden, wenn sich Lebewesen also Männchen und Weibchen bzw. Männer und Frauen miteinander paaren und so durch Vereinigung der Geschlechtszellen (Eizelle und Spermium) neues Leben entstehen konnte. In der weiteren Evolution haben sich dann bei den Arten raffinierte Verhaltensmuster herausgebildet, um dem Drang der Gene nach Replikation nachzukommen. Neben den unterschiedlichen Reproduktionsstrategien bei den Tierarten, hat sich auch das menschliche Sexualverhalten über Jahrmillionen entwickelt.
Menschen leben heute meist in Paarbeziehungen, andere Beziehungsformen wie Polyandrie (Vielmännerei, bei der eine Frau mehrere Ehemänner hat) und Polygynie (Vielweiberei, bei der ein Mann mehrere Ehefrauen hat) sowie der Polygynandrie (Gruppenehe) sind in unseren modernen Kulturen eher seltenere Formen. Warum sich gerade die Paarbeziehung als die effektivste Form für die Reproduktion bei den Menschen herausgebildet hat, wurde von Soziobiologen und Evolutionspsychologen erforscht und in einer umfangreichen Literatur dargestellt. Für den interessierten Leser gibt es am Ende des Beitrages einige Buchtipps dazu.
Was heißt "sich verlieben"?
Was passiert nun genau, wenn wir uns an eine(n) Partner(in) binden und ein Paar bilden? Wir kennen fast alle das tolle Gefühl des "Verliebtseins" (oft als romantische Liebe bezeichnet). Die Gefühle, welche in Phasen der Verliebtheit erlebbar sind, lassen sich nur schwer beschreiben.

Am besten lässt sich Verliebtheit vielleicht mit einer Art von Rauschzustand vergleichen. Verliebte Menschen sind außer sich. Es gibt nur den einen Gedanken, der Geliebten oder dem Geliebten möglichst nahe zu sein; sie bzw. ihn körperlich zu spüren und sich vereinigen zu können. Der(die) geliebte Partner(in) wird idealisiert und durch eine "rosarote Brille" gesehen. Wir sind häufig im wahrsten Sinne des Wortes "liebeskrank" und vernachlässigen nicht selten Schule, Studium oder Beruf. Verliebte entwickeln eine Art von Abhängigkeit, die oft mit schrecklicher Trennungsangst verbunden ist. Wir leben in der Verliebtheitsphase in einem Ausnahmezustand.
Heute wissen wir schon mehr über die Vorgänge in unserem Körper. Unsere Hormone spielen "verrückt". Die brennende Leidenschaft führt zur vermehrten Ausschüttung der Hormone Dopamin (Glückshormon) und Noradrenalin. Serotonin, Prolactin und Testosteron sind weitere Hormone, die ihre Wirkung entfalten. Das Zusammenspiel scheint sehr komplex zu sein und ist noch nicht bis ins Detail erforscht.
Verliebtheit als Förderer von sexueller Lust?
Der evolutionäre Sinn von "Verliebtheit" liegt auf der Hand: Es geht um die Beförderung bzw. Beschleunigung des Geschlechtsaktes und der Vereinigung der weiblichen und männlichen Keimzelle. Untersuchungen zeigen eindeutig, dass Paare in der Verliebtheitsphase den meisten Geschlechtsverkehr miteinander haben.
Fazit wäre also, dass leidenschaftliche Verliebtheit die sexuelle Lust befördert. Diese wiederum führt zu häufigerem Geschlechtsverkehr und steigenden Chancen für eine Schwangerschaft und damit zum Fortbestand und Neukombination der Gene.

Für den evolutionären Ursprung unseres Triebes auf sexuelle Befriedigung im Dienste der Reproduktion sprechen auch neuere Erkenntnisse, dass Hirnregionen (Gyrus rectus im linken Stirnlappen), in denen sich vermutlicherweise die sozialen und moralischen Kontrollinstanzen befinden, spätestens unmittelbar vor dem Orgasmus bei Frauen (bei Männern wahrscheinlich schon früher) regelrecht abgeschaltet werden. Diese Hypothese könnte auch die Erfahrung stützen, dass der Orgasmus selbst von vielen Menschen als Veränderung des Bewusstseinszustandes erlebt wird. Wie sieht aber die Antwort auf die umgekehrte Frage aus.
Kann sexuelle Lust zu romantischer Liebe werden?
Hier werden wahrscheinlich spontan Befragte mit "eher nicht" oder "nein" antworten. Die meisten Menschen mit einer selbstbestimmten Sexualität werden in ihrem Leben schon mit einer Person Sex gehabt haben, die sie nicht liebten. Sexuelle Lust führt nicht notwendigerweise zu leidenschaftlicher Verliebtheit.

Es macht also Sinn zwischen sexueller Lust und leidenschaftlicher Liebe zu unterscheiden. Es sind zwei grundverschiedene Dinge. Ethnologen können die Tatsache, dass die meisten Menschen sexuelle Lust von leidenschaftlicher Liebe unterscheiden können, mit Untersuchungen in verschiedenen Kulturen bestätigen.
Auch wenn es in der Menschheitsgeschichte eine Vielzahl von Versuchen gegeben hat, Mittel für die Steigerung der sexuellen Lust zu finden, gibt es nur einen Stoff, den die Natur hervorgebracht hat. Es ist das Hormon Testosteron, welches bei Männern und Frauen die sexuelle Lust steigern kann. Männer und Frauen mit höherem Testosteronspiegel sind in der Regel sexuell aktiver. Das belegen Untersuchungen deutlich. Testosteron führt aber nicht dazu, dass sich Menschen häufiger verlieben.
Fazit
Wir können also feststellen, dass sexueller Spaß und sexuelle Lust sehr komplexe Phänomene sind, die sich im Verlaufe der Menschwerdung entwickelt haben. Wir wissen sicher noch nicht die ganze Wahrheit, aber entwickeln ein immer besseres Verständnis für die schwierigen Zusammenhänge.
Es sei zum Abschluss aber ausdrücklich betont, dass kulturelle und gesellschaftliche Faktoren eine große Bedeutung für Bewertung der besprochenen Erscheinungen besitzen. Eingangs wurde schon auf die veränderte Sichtweise auf Sexualität, Liebe und Partnerschaft eingegangen. Alte, eher christlich geprägte Werte und Normen (z.B. die Verneinung der Lustfunktion) verlieren an Bedeutung und werden durch das Menschenrecht auf sexuelle Gesundheit und selbstbestimmte Sexualität ersetzt.
Literaturtipps
- Fisher, Helen: Warum wir lieben – Die Chemie der Leidenschaft, ISBN 3-530-42187-1
- Wuketits, Franz M.: Was ist Soziobiologie, ISBN 3-406-47999-5
- Dawkins, Richard: Das egoistische Gen, ISBN 3-499-19609-3
- Baker; Robin: Sex im 21. Jahrhundert, ISBN 3-8090-3020-1
- Junker, Thomas: Die Evolution des Menschen, ISBN 978-3-406-53609-0
- Voland, Eckart: Die Natur des Menschen: Grundkurs Soziobiologie, ISBN 978-3406563348
Hinweis:
Der Beitrag reißt weitere interessante Themen an. Fragen, die sich hieraus ergeben, werden wir in kommenden Artikeln aufgreifen.




