Scham … Wikipedia meint dazu: Scham ist ein Gefühl der Verlegenheit oder der Bloßstellung, das sowohl durch Verletzung der Intimsphäre auftreten als auch auf dem Bewusstsein beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben.
Also eigentlich etwas, was man bei einer Sexkolumnistin wie Sophie Andresky kaum erwarten würde. Doch auch Sophie kennt Scham und wünscht sie sich sogar im Bezug auf spezielle Menschen. Wer das ist und wieso sie sich um Schamhaftigkeit bemühen sollten, lest ihr am besten selbst.

A bisserl g'schamig bittschön
Diese Kolumne widme ich Bitter Moon Mandy, einem aufstrebenden Starlet am Pornohimmel, die ich auf einer Erotikmesse erlebte, wie sie sich als Vampirin verkleidet einen Pflock in die Möse schob - eine Nummer, die sie später leicht abgewandelt noch einmal vorführte, diesmal mit einer Banane und ein paar Zentimeter weiter, pöterwärts, assistiert dabei von einem ruppigen Gorilla, der besser daheim im Nebel geblieben wäre.

Ich könnte diese Kolumne auch Werner widmen. Den sah ich neulich in der nächtlichen Wiederholung einer Talkshow, wo er damit protzte, die getragenen Slips seiner Nachbarin aus dem gemeinsamen Wäschekeller zu klauen, um in sie hineinzuwichsen. Werners Bauch, der über einen spitzenbesetzten Tanga quoll und ihn später bei seiner Pole-Dance-Einlage an der Stange nur unwesentlich behinderte, war sicherlich eindrucksvoll, aber Bitter Moon Mandys feuchte Augen und ihr zu einer Grimasse verzogenes Hardcore-Gesicht - einer Mischung aus Vollrausch, Stromschlag und Presswehe - verfolgte mich bis in den Schlaf. Und das waren keine feuchten Träume.
Nun habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn es jemand gut und geil findet, sich öffentlich von Obst penetrieren zu lassen - das ist safe und sichert Arbeitsplätze auf Plantagen und Bauernhöfen -, aber die angehende Pornomaid sah in dem Moment so lachgasfröhlich aus, so vicodinlasziv, dass ich mir wünschte, sie hätte auf diese Darbietung, die ihr ganz offensichtlich selbst peinlich war, verzichtet (anders als Werner, der solche Fisimatenten schon längst hinter sich gelassen hatte und gar nichts mehr mitkriegte).
Das sind Momente, wo ich mir tatsächlich etwas mehr G'schamigkeit wünsche.

In meiner Kindheit flackerte noch das Höllenfeuer. Ich bin katholisch erzogen worden, und den Begriff der Sünde gab es bei aller Modernität zu Hause durchaus. Masturbation wurde zwar verschwiegen, war aber wohl irgendwie in Ordnung, vermute ich, denn es hat mich nie jemand dabei erwischt.
Übrigens frage ich mich beim Thema Masturbation immer, wie Statistiken zustande kommen, nach denen nur 86 % aller Frauen masturbieren. Was ist denn bitte mit den restlichen 14 % los? Die können ja nicht alle in der eisernen Lunge liegen oder ihre Muschi im Alzheimernebel vergessen haben. Was also machen die? Sich geißeln, auf Knien nach Lourdes rutschen oder exzessiv Sport treiben?
Sex vor der Ehe jedenfalls war definitiv nicht erwünscht. Als meine älteren Schwestern dann allerdings erwachsen und immer älter wurden, ohne dass irgendwo ein Schleier geweht hätte, sahen meine Eltern ein, dass das Modell so nicht funktionierte. Und bei mir galten diese Regeln ohnehin nicht, weil ich mich in der Pubertät viel mehr für Mädchen und ihre Muschis als für Jungs und deren Ausstattung interessierte und ich begeistert und zur sichtlichen Freude des schmierigen Hausmeisters im Flur mit meiner damaligen Freundin knutschte.

Irgendwann tauchten Männer in meinem Leben auf, und meine Eltern vergaßen über ihrer Erleichterung sogar die abendlichen Deadlines zum Heimkommen. Trotzdem haben ihre sittenstrengen Grundsätze mich auch erwischt, und als ich schließlich meinen ersten Freund hatte, setzte ich ihm noch sehr detailliert auseinander, wieso ich jetzt noch nicht mit ihm vögeln würde, bevor ich es am Ende doch tat. Und da sich kein Schwefeldunst ums Bett erhob, beschloss ich, Schuldgefühle für völlig unangebracht zu halten.
Scham, von der ich mir wünschte, sie hätte Bitter Moon Mandy zu einer Bäckereifachverkäuferinnen-Ausbildung motiviert, ist aber etwas ganz anderes als Schuldgefühl. Scham ist für mich wichtig – beim Ficken und beim Schreiben. Wenn ich an einer erotischen Szene sitze, ist meine eigene G'schamigkeit das wichtigste Handwerkszeug, denn da wird das diffuse Lustgefühl plötzlich ganz konkret. Diese messerscharfe Grenze zwischen peinlich und erregend ist genau der Grad, auf dem das Reden über Sex den meisten Spaß macht, weil sich auf diesen Grenzen besonders lustvoll herumreiten lässt.
Ist man völlig enthemmt, wird es langweilig, so wie Nacktsein in der Sauna oder ein Ultraschall bei der Gynäkologin. Und macht man aus Klemmigkeit einen zu großen Bogen um diese magische Schallmauer, kommt man an den Kitzel nicht ran.

Scham gibt es ja in allen Kulturen, auch in den letzten archaischen, in denen Männer wie Frauen zwar nackig, wie die große Göttin sie schuf, durch den Dschungel tapern, es aber strengstens verboten ist, sich auf den Schniepel und die Mumu zu sehen. Begegnen sich ein Mann und eine Frau allein im Urwald, so berichtete es neulich die ehrwürdige Süddeutsche, sprechen sie mit dem Rücken zueinander gedreht - ob sie sich dabei wenigstens dem Vergnügen des rheinischen Stippeföttchens hingeben oder ob dieser Brauch des Poporeibens angetrunkenen Karnevalisten vorbehalten ist, ging aus dem Artikel leider nicht hervor.
Ich wünschte also, die besonders Schamlosen würden zu ihren Wurzeln zurückkehren und mir die Zurschaustellung ihres Elends ersparen: Der Gorilla gehe bitte heim in die Herde Prolls, aus der er offenbar gekommen war, und Bitter Moon Mandy zu einem Leben, in dem es sie ausschließlich mit Lust erfüllt, wenn jemand eine Banane in sie schiebt und in dem sie höchstens aus Ekstase weint.
Und Werner aus dem Nachtpogramm? Egal. Nur möglichst weit weg.
Warum die Möse, Muschi, Vagina oder Mumu ein ebenso vielfältig benanntes wie wunderbares Körperteil ist, das viel mehr verdient hat als Bananen, dazu in der nächsten Kolumne.
© Sophie Andresky




