Fast 25 000 Experten diskutieren seit Sonntag, den 18. Juli 2010, in Wien über jüngste Fortschritte, Herausforderungen und Chancen im Kampf gegen Aids. Die Weltaidskonferenz mit Forschern, Politikern, Ärzten, Aktivisten und Betroffenen aus mehr als 180 Ländern findet alle zwei Jahre statt und gilt als der wichtigste Kongress zum Thema weltweit. Im Mittelpunkt stehen bei der Tagung mit dem Titel "AIDS 2010" vor allem die Menschenrechte und die Frage, warum das im Jahr 2000 beschlossene Entwicklungsziel gescheitert ist, bis 2010 weltweit alle Bedürftigen mit Aidsmedikamenten zu versorgen.
Haben die reichen Länder das Interesse verloren?

"Wien wird zum Zentrum der Diskussion, wie wir diesen universellen Zugang doch noch erreichen können", sagte Julio Montaner, Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS) und internationaler Vorsitzender der Konferenz, am Samstag vor Journalisten. Es scheine fast, als ob die reichen Länder das Interesse verloren und ihre Versprechen vergessen hätten, beklagte Montaner. "Aber wenn wir unsere Versprechen nicht einhalten, welche Hoffnung gibt es dann für den afrikanischen Kontinent?"
Zahlen des UN-Aidsprogramms UNAIDS zufolge waren im Jahr 2008 etwa 33,4 Millionen Menschen infiziert. In Afrika südlich der Sahara leben zwei Drittel aller HIV-Infizierten.
Infektionsherd Osteuropa
Das Aidsvirus hält sich nicht an Grenzen. Es kann nur in weltweiter Zusammenarbeit gestoppt werden. Dies ist insofern alarmierend, dass sich die Aidsepidemie in Osteuropa und Zentralasien ungebremst ausbreitet. Jeden Tag stecken sich dort rund 300 Menschen neu mit dem Erreger HIV an. Damit hat die Region eine der höchsten Zuwachsraten. In den Jahren 2001 bis 2008 ist die Zahl der Infizierten um zwei Drittel gestiegen. Osteuropa ist darum Schwerpunkt der 18. Weltaidskonferenz. Unter dem Motto "Rechte hier und jetzt" will die Konferenz Brücken schlagen zwischen Forschung, Politik, Wirtschaft, Hilfsorganisationen und vor allem den Betroffenen.
"Es ist aber nach wie vor hauptsächlich ein wissenschaftlicher Kongress", sagt die Wiener Aids-Expertin und Co-Präsidentin der Konferenz, Brigitte Schmied. Beim Thema Aids könne man die Wissenschaft aber nie von der Politik trennen, da sich ohne deren Unterstützung nichts ändere. Dies hätten vergangene Treffen bewiesen: Bei der Weltaidskonferenz 1996 im kanadischen Vancouver wurden neue Wirkstoffkombinationen als Durchbruch in der Therapie vorgestellt und deutlich schneller als andere Medikamente zugelassen. "Diese Zusammenarbeit hat vielen Menschen das Leben gerettet", sagt Schmied.

Die Konferenz 2000 im südafrikanischen Durban brachte laut Schmied den Anstoß zu einem veränderten Umgang mit der Krankheit in den Entwicklungsländern. Darauf hoffen die Organisatoren nun auch in Osteuropa: Fast 70 Prozent der weltweit mit HIV infizierten Menschen leben zwar in Afrika, doch in Osteuropa und Zentralasien breitet sich die Krankheit ungebremst aus. Hauptbetroffene sind junge Heterosexuelle, die sich durch Sex oder vor allem beim Drogengebrauch über infizierte Spritzen anstecken.
Fehlende Drogenprogramme wie Spritzentausch oder Ersatztherapie verschlimmern das Problem in der Region. Dazu kommen soziale Ausgrenzung und Diskriminierung von gesellschaftlicher oder politischer Seite. "Wir versuchen, möglichst viele Ärzte und Verantwortliche aus Osteuropa nach Wien zu holen", sagt Schmied. Eine absolute Zahl kann sie nicht nennen, man arbeite weiterhin daran, möglichst viele Politiker zu erreichen. Dafür stellen viele westliche Teilnehmer wie Microsoft-Gründer Bill Gates oder die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit ihre Prominenz in den Dienst der Sache.
Trotz der prominenten Unterstützung blicken viele Hilfsorganisationen pessimistisch in die Zukunft: Sie befürchten, dass staatliche Sparprogramme und die damit verbundene abnehmende finanzielle Unterstützung den Kampf gegen die Krankheit in den kommenden Jahren erschweren. Die Geberländer - darunter Deutschland - versuchten sich klar aus der Verantwortung zu ziehen, kritisieren auch Ärzte ohne Grenzen.
In der offiziellen Erklärung zur Konferenz, der "Wiener Deklaration", fordern die Teilnehmer nationenübergreifend eine sinnvolle Drogenpolitik auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse statt einer harten Hand gegen Süchtige. Der Forderungskatalog liegt während der Veranstaltung zur Unterschrift bereit, eine der ersten Unterzeichnerinnen war die Mit-Entdeckerin des Aidsvirus, Francoise Barre-Sinoussi. Die Bemühungen um ein Umdenken dürften nicht mit dem Kongress enden, sagt Schmied: "Entscheidend ist die Nachhaltigkeit."
Miriam Bandar, dpa
Verändertes Sexualverhalten schützt vor Aids
Aus Angst vor Aids sind viele junge Menschen in Afrika beim Sex vorsichtiger. Zu diesem Schluss kommen die Vereinten Nationen in einer Studie, die am Dienstag in Genf vorgestellt wurde. "Die jungen Leute gehen (bei der Prävention) voran", sagte der Chef des UN-Aidsprogramms UNAIDS, Michel Sidibé. Sie hätten später Sex, weniger Partner und benutzten mehr Kondome als vor einigen Jahren. Dieser Trend sei weltweit zu beobachten, besonders aber in den stark betroffenen Ländern Schwarzafrikas. UNAIDS stellte seine Studie "Outlook 2010" im Vorfeld der 18. Internationalen Aidskonferenz (18.- 23. Juli) in Wien als Diskussionsgrundlage vor.

Die Studie stützt sich auf die Untersuchung junger schwangerer Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren sowie auf Erhebungen zum Sexualverhalten. In mindestens sieben afrikanischen Ländern sank die Zahl HIV-Infizierter junger Schwangerer demnach in den Jahren seit 2000 um mindestens 25 Prozent. So ging in Kenia die Zahl der HIV- Infizierten in dieser Gruppe von 2000 bis 2005 um beeindruckende 60 Prozent zurück. Schwarzafrika ist die bei weitem am schwersten von der Immunschwäche betroffene Region. In weiteren acht Ländern verzeichnete UNAIDS einen ähnlich starken Rückgang und führt dies zum Teil auf ein vorsichtigeres Sexualverhalten zurück.
UNAIDS setzt sich dafür ein, dass preiswertere und bessere Medikamente für Aidskranke zur Verfügung gestellt werden, fordert aber auch mehr eigene Anstrengungen der betroffenen Länder zur Bekämpfung der Infektionen.
Rund zehn Millionen Todesfälle und eine Million Neuinfektionen könnten verhindert werden, wenn alle Länder eine adäquate Behandlung einführten, mahnte UNAIDS. Die UN-Organisation schätzt die Zahl der HIV-Infizierten weltweit auf insgesamt rund 33,4 Millionen. Zwei Millionen Infizierte sterben jedes Jahr an der Immunschwäche Aids. Es gibt 2,7 Millionen Neuinfektionen jährlich.
Neue Formen der Aids-Prävention

Gegen eine HIV-Infizierung beim Sex schützt man sich mit Kondomen. Für Männer. Und damit basta. Dass es mittlerweile auch andere Präventionsmethoden gibt, darunter Frauenkondome, männliche Beschneidung und künftig vielleicht auch sogenannte "Mikrobizide" und "PrEP's", ist noch weitgehend unbekannt. Die gute Nachricht ist: Viele dieser neuartigen Schutzmechanismen geben endlich den Frauen die Macht, selbst etwas gegen eine Ansteckung mit dem Virus zu unternehmen. Bei der Weltaidskonferenz in Wien ist dies ein großes Thema. Aber sind das tatsächlich wirksame Alternativen zum Männerkondom?
"Chemisches Kondom" gegen Aids erstmals erfolgreich
Die einfache Antwort lautet: Jein. Für besonderen Gesprächsstoff sorgten am Dienstag die Mikrobizide. Mit Spannung hatten Experten auf das Ergebnis einer Studie des südafrikanischen Aids-Forschungszentrums CAPRISA gewartet, die nun nach jahrelangen Rückschlägen erstmals von Erfolgen beim Einsatz dieser sogenannten chemischen Kondome berichtet.
Durch das Gel, dem ein Aidsmittel beigemischt ist und das Frauen vor dem Sex in die Scheide einführen, sank die Infektionshäufigkeit rechnerisch um 39 Prozent. Kein schlechter Prozentsatz, aber sicherlich sind die Mikrobizide noch weit davon entfernt, einen sicheren Schutz zu bieten. Der Pluspunkt: Das Gel ist bisher die einzige Möglichkeit, sich gleichzeitig vor dem Virus zu schützen und schwanger zu werden, erläuterte die amerikanische Mikrobizid-Expertin Zeda Rosenberg.
Verbreitung von Frauenkondomen verbessern
Frauenkondome gibt es hingegen schon seit 15 Jahren, aber Nichtregierungsorganisationen zufolge wird einfach nicht genug in die Verbreitung und die weitere Forschung investiert. "Ich finde es inakzeptabel und völlig unverständlich, dass die Geberländer nicht mehr tun, um einen universellen Zugang zu Frauenkondomen zu gewährleisten", sagte ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Oxfam.

Der "Schlauch" mit jeweils einem Ring an jedem Ende, kann bis zu acht Stunden vor dem Geschlechtsverkehr in die Scheide eingeführt werden - und bietet genauso viel Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten wie Männer-Präservative. "Während es aber Kondome für Männer von klein bis XL gibt, sowie mit Noppen und gerippt, ist bei Frauenkondomen die Bandbreite noch total klein", erklärte eine Aktivistin aus Holland. Es werde einfach nicht genügend weitergeforscht.
Außerdem seien "female condoms" noch viel zu teuer und für Frauen in Sub-Sahara-Afrika geradezu unerschwinglich. "Aber gerade in Afrika gibt es viele Männer, die absolut dickköpfig sind, wenn es um den Gebrauch von Kondomen geht", sagte eine HIV-positive Aktivistin aus Sambia. "Wir müssen die Macht, die HIV-Verbreitung einzudämmen, in unsere eigenen Hände nehmen."
Männliche Beschneidung als Aidsvorsorge
Besser vorangetrieben wird da derzeit die männliche Beschneidung in weiten Teilen Afrikas. Unglaublich aber wahr: Durch die Entfernung der Vorhaut verringert sich das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, bei heterosexuellen Männern um 60 Prozent. Dies ergaben Studien in Uganda, Kenia und Südafrika. Die Gründe sind noch nicht gänzlich geklärt, aber es wird vermutet, dass bestimmte Zellen, die unter der Vorhaut leben, ein potenzielles Ziel für eine HIV-Infektion darstellen. "Aber natürlich ist diese Methode kein 'natürliches Kondom', sondern muss mit anderen Präventionsmaßnahmen kombiniert werden", sagte David Okello von der Weltgesundheitsorganisation.
Vor allem in Kenia und Uganda wird die "Zirkumzision" bei erwachsenen Männern gerade stark vorangetrieben. Und Zulu-König Goodwill Zwelithini kündigte erst im Dezember an, er wolle die Praxis unter der größten Volksgruppe Südafrikas wiederbeleben, um die Immunschwächekrankheit zu bekämpfen - und das nach 400 Jahren, in denen die Zulus nicht beschnitten wurden, wie eine Expertin am Rande der Konferenz bemerkte. "In punkto männliche Beschneidung kratzen wir aber bisher nur an der Spitze des Eisbergs", sagte Renee Ridzon von der "Bill & Melinda Gates Foundation".
Zukunftsmusik

Fieberhaft geforscht wird derzeit auch an "PrEP's" (Pre-Exposure-Prophylaxis). Dabei geht es darum, Menschen, die nicht mit HIV infiziert sind, bereits vor einer möglichen Ansteckung mit antiretroviralen Medikamenten gegen das Virus zu behandeln. Diese Methode ist aber noch in der experimentellen Phase. Dennoch: Es gibt Hoffnung, dass das Virus in der Zukunft durch neue Methoden besser und vielfältiger als bisher bekämpft werden kann.
Carola Frentzen, dpa




