Vom Dark Room zum Wellness Spa ist normalerweise keine wirklich logische Argumentationskette. Wie beides doch zusammenpasst, wird euch unsere Kolumnistin Sophie Andresky nahe bringen. Nachmachen dringend erwünscht!
Wellness mit Happy End
Schwul zu sein hat Vorteile. Lesbisch zu sein sicher auch. Man kann sich den Ladyshave, die Kalorientabelle, die Dessous und die Gynäkologin teilen, den Zyklus aufeinander abstimmen und einmal im Monat gemeinsam über Schokoküsse herfallen und bei „Six Feet Under“ heulen. Frauen finde ich toll, ich sehe sie gern an, ich spreche gern mit ihnen und vögel sie auch gern. Es gibt viel zu wenige Oden an die schönen Mösen, und allein dem Gefühl, ganz vorsichtig Brüste in der Hand zu halten, oder dem Duft des Frauenhaares am Nackenansatz werde ich gern mal eine Kolumne widmen.
Aber heute geht es mir um etwas anderes. Was mir am Schwulsein so verführerisch erscheint, ist erstens die Übereinkunft, wie wichtig Sex ist, und zweitens die erotische Infrastruktur. Schwule haben nicht nur Darkrooms, Saunen, Klappen und Fickbörsen, es ist auch gesellschaftlich in Ordnung, das alles zu nutzen. Für uns Frauen gibt es diese Dinge nicht, das ist unfair.
Schon klar, dass sich jetzt wieder alle sexuell vernachlässigten Männer aus den Bäumen schwingen, die Brusttrommelnummer abziehen und den Kiefer bis zum Rachenzäpfchen aufreißen, um zu röhren, dass nur die Frauen daran schuld seien, wenn es zu wenig Sex auf der Welt gibt, weil wir ja immer Migräne haben und vorher stundenlang sprechen wollen und weil man uns beschenken und mit Aufmerksamkeit, Komplimenten und Seelenentblößung überschütten muss, damit es in unserem Unterleib hochwallt und es uns auf den Rücken wirft. Ich kenne diese Argumentation.
Was ich allerdings nicht kenne, sind Frauen, die tatsächlich so sind. Keine meiner Freundinnen hat sich jemals über zu viel Sex in ihrer Partnerschaft beschwert. Über zu öden ja, zu kurzen, zu ruppigen, zu einfallslosen und zu vorhersehbaren. Aber nicht über zu häufigen. Wo sind sie denn, die Männer, die jederzeit und ständig ficken wollen? Natürlich, schluckt die Galle wieder runter, Jungs, gibt es auch Frauen, die sich nicht viel aus Sex machen.
(Wobei ich an dieser Stelle mal ein Geheimnis über Frauen verraten möchte: Viele dieser missmutigen, nörgelnden, unberechenbar zickigen oder weinerlichen Frauen wären all dies nicht, wenn sie nicht immerzu Hunger hätten. Fast sämtliche Frauen, die mir jemals begegnet sind, privat oder beruflich, hungern. Und das erstaunlicherweise völlig unabhängig vom Gewicht. Dünne wie dicke: allesamt mangelernährt. Dünne, weil sie dünn bleiben wollen, und dicke, weil sie dünner werden wollen. Aber wer sich verquält nach Snickers und Pasta al forno sehnt, denkt nicht ans Ficken. Nur so als Tipp zwischendurch.)
Zurück zum Thema. Was ich bei schwulen Männern als so befreiend und anturnend empfinde, ist, dass anonymer Sex so akzeptiert und verfügbar ist. Sex spielt dort eine dominante Rolle. Für alle, nicht nur für ein paar hormongesteuerte Dauerrammler. Und ich glaube ja fest daran, dass jemand, der gut gevögelt ist, weniger Mist baut als ein ungefickter Verklemmter.
Schwule haben den Darkroom erfunden, und da muss ich sagen: So was in der Art will ich auch. Aber keinen unbeleuchteten Kellergang mit nackten Betonwänden in irgendeiner Diskothek. Und auch keinen Swingerclub, wo man erst mal eine halbe Stunde durch den Odenthaler Forst fahren muss, um dann an einer verschwiegenen Pforte die Losung des Tages ("Tante Erna pupst") in eine Sprechanlage zu hauchen, worauf sich das Gatter öffnet und im Inneren der Villa schmerbäuchige Frührentner in Leopardentangas Strippoker spielen. Es darf nicht so knösig sein, nicht so nuttig, nicht wie die Provinzversion von "Eyes Wide Shut", und es darf auch nicht groß FICKEN über dem Eingang stehen.
Das Ganze müsste weiblicher sein. Kein wildes Übereinanderturnen, sondern eine zivilisierte Dienstleistung. Was ich mir wünsche, sind jederzeit erreichbare, sichere, anonyme Orgasmen in einem netten, hygienischen Ambiente, das man auch gerne betritt, wenn nicht Tag der offenen Muschi ist.
Meine Idee, und die darf gern für eine Ich-AG geklaut werden, ist ein Frauenbordell in Form eines Wellnessclubs.
Frauen lieben Wellness. Wir lieben die flauschigen Bademäntel und die flauschigen Pantöffelchen, wir lieben die sanfte Musik und die vielen sauberen Handtücher, wir lieben warmes Wasser und duftende Öle. Und wir lieben gut gebaute Masseure, die ihr Handwerk beherrschen und ansonsten die Klappe halten. Ich stelle mir das so vor: Man betritt das Luxus-Spa allein oder zusammen mit Freundinnen, trinkt noch ein Glas Champagner und bucht bei der freundlichen Rezeptionistin die jeweilige Anwendung - z.B. eine Lomi Lomi Massage bei Ming oder die vierhändige Abhyanga bei Aamir und Raju.
Der Massageraum ist sehr warm und das Licht kann von schummrig gemütlich auf stockfinster gedimmt werden. Je nach Wunsch verbindet sich der Masseur die Augen, bevor er den Raum betritt, und natürlich kann man als Kundin auch bestimmen, ob man von einem nackten, halb oder völlig bekleideten Masseur bedient werden möchte. Die Anwendung selbst ist professionell und fachkundig.
Wenn die Kundin nichts weiter unternimmt, ist es nur Wellness. Sie geht anschließend duschen und gönnt sich vorn im Bistro noch eine Steinpilz-Quiche. Wenn sie aber im Laufe der Massage den roten Knopf unter der Liege drückt, bedeutet das, sie möchte ein Happy End. Und dann wird der immer noch schweigende Masseur (wann lernen Masseure endlich zu schweigen??) mit sanften Griffen eine Klitorismassage vornehmen oder angewärmte Vibratoren, seine Zunge oder seinen Schwanz zum Einsatz bringen - ganz so, wie es die Kundin an der Rezeption auf ihrem Anmeldebogen vermerkt hat.
Ich habe dieses Geschäftsmodell bisher noch keinem dauergrinsenden Sparkassenmitarbeiter mit Micky Maus Krawatte vorgeschlagen, und ich bezweifle, dass er es finanzieren würde, aber ich bin todsicher, dass Frauen diesem Spa die Bude einrennen würden.
Bis es so weit ist, gehe ich weiterhin in die Sauna meines Sportstudios. Und da sehe ich mir unauffällig schöne Schwänze und Mösen an, denke an Sex und wünschte mir, die Sauna wäre ein kleines bisschen schwuler im libertären Sinn, denn die Jungs wissen offenbar, was gut ist.
Warum gut eigentlich immer das Gegenteil von normal ist: Dazu mehr in der nächsten Kolumne.
© Sophie Andresky








