Noch immer ist die Ehe kein Auslaufmodell, sondern die vorherrschende Form des Zusammenlebens. Laut Familienreport 2010 leben in Westdeutschland 77% in Ehen, in Ostdeutschland sind es 55%. Im Jahr 2008 trauten sich mit 377.000 etwa 2,2% mehr Paare als noch im Jahr zuvor. Darunter waren mehr als 25%, die sich ein weiteres Mal trauten. Für diejenigen, für die die Ehe bereits ein erprobtes Lebensmodell war, scheint das also auch ein weiteres Mal zuzutreffen.

Während in den 70ger Jahren noch in den Zwanzigern geheiratet wurde, sind die Ehepartner heute in den Dreißigern, wenn sie sich das Ja-Wort schenken. Dennoch: Zunehmend mehr Menschen entscheiden sich auch für ein lebenslanges Singleleben und zunehmend mehr Menschen entscheiden sich für sogenannte LAT - "Living apart together" - Partnerschaften. In Ostdeutschland scheitern 44% der Ehen, in Westdeutschland sind es 50%. Zunehmend sind auch Ehen betroffen, die länger als 20 Jahre dauern. Weitere Zahlen zeigen deutlich: die Zufriedenheit innerhalb von Ehen scheint größer zu sein, als in anderen Lebensformen.
Da lohnte es sich für unsere Graciella, der Frage nachzugehen, was genau es ist, was Paare zusammenhält und was Paare vor den Scheidungsrichter führt …
Partnerschaftsprobleme benennen, fällt vielen schwer
Herr und Frau M. haben ein kleines Unternehmen und zwei Kinder. Sie arbeiten miteinander, leben miteinander und lieben einander. Seit 15 Jahren sind sie verheiratet, doch seit einigen Monaten hängt der Haussegen schief. Sie kamen zur Beratung, da sie glaubten, sie hätten ein ernsthaftes Partnerschaftsproblem.
Sie schlafen seit Monaten nicht mehr miteinander, können nicht mehr richtig miteinander sprechen und haben das Gefühl, vom Partner nicht verstanden zu werden. Insbesondere Frau M. denkt an Trennung, Herr M. versteht die ganze Aufregung nicht wirklich, obwohl auch er sich zunehmend unwohl fühlt und unter der Beischlafverweigerung zu leiden beginnt. Beide scheuen jedoch den finalen Schritt, weil noch Gefühle im Spiel sind, wegen der Kinder und wegen des gemeinsamen Unternehmens…
Wie Herr und Frau M. geht es vielen Paaren und die Gründe ihrer Unzufriedenheit sind auf den ersten Blick gar nicht sofort zu erkennen.
Von der Last, die auf Ehen lastet

Während man früher eher finanzielle Absicherung, Sozialstatus und die Fortpflanzung als Gründe für die Eheschließung anführte, ist die Messlatte für die Ehe mittlerweile sehr hoch. Sowohl Frauen als auch Männer verbinden mit ihr auch die Sehnsucht nach emotionaler Sicherheit, Geborgenheit und Liebe. Häufig sind die Ehepartner mit den verschiedenen Rollen wie Geschäftspartner oder berufstätige Person, Familienversorger, Kinderbetreuer, Haushaltsmanager sowie liebe- und verständnisvoller Partner heillos überfordert. Probleme bis hin zur Trennung sind da vorprogrammiert.
"Eine gute Ehe beruht auf dem Talent zur Freundschaft. Nicht mangelnde Liebe, sondern mangelnde Freundschaft führe zu unglücklichen Ehen." Friedrich W. Nietzsche
Die Welt im Wandel
Frauen müssen sich im Vergleich zu früher mehr und mehr als Familienverdienerinnen bewähren. Insbesondere im Osten ist ihr Anteil extrem gestiegen. Ihr Gehalt wird benötigt. Gleichzeitig gibt es aber nach wie vor wenig nichtmobile Teilzeitarbeitsplätze für Mütter. Auch leben 70% der Großeltern mehr als eine Stunde weit weg und nach wie vor ist die Rolle der Haushaltsmanagerin Frauensache. Je mehr Kinder im Haus, desto geringer die Mithilfe der Männer. Frauen leiden stark unter der damit einhergehenden Doppelbelastung und der in ihren Augen mangelnden Unterstützung durch die Ehepartner in punkto Kinderbetreuung und Haushaltsmanagement.

Männer finden sich immer häufiger in unsicheren Arbeitsverhältnissen wieder. Sowohl die befristeten Arbeitsverhältnisse sind im Steigen begriffen als auch die damit einhergehende Mobilität. Gerade in gehobenen Positionen klettert die Wochenarbeitszeit gut und gerne auf über 60 Stunden; viele Männer beklagen sich aber auch über zu wenig Arbeit (unter 30 Stunden), was nicht gerade zu deren Zufriedenheit beiträgt. Das Gefühl, als Familienernährer nicht zu "genügen" bzw. für die Familie "keine Zeit" mehr zu haben und sich von derselben zu entfernen, ist nicht selten.
Als Väter sind sie mit ihrem Leben aber deutlich zufriedener (8.8 von 10) als ihre Partnerinnen (7.7 von 10) Quelle: Ravensburger Elternsurvey. Laut OECD-Studie verbringen Mütter 10,5 Stunden pro Woche mit ihren Kindern, 3,9 Stunden die Väter. Und wie viel Zeit verbringen die Paare miteinander? Die durchschnittliche Redezeit pro Tag soll ja bekanntlich bei acht Minuten liegen. Nur – reicht das?
Scheidungsgründe

Eine schlechte Ehe wird von Frauen heute nicht mehr so klaglos hingenommen wie früher. 2/3 aller Scheidungen werden von Frauen eingereicht. Während die Gründe der Scheidungen von Seiten der Frauen meist in der Ehe selbst zu liegen scheinen, flüchten die sich scheiden lassenden Männer eher in eine neue Beziehung mit einer meist jüngeren Frau.
Eine Befragung von Elite-Partner brachte folgende Gründe ans Licht:
- Wir haben uns auseinander gelebt. (37%)
- Wir waren zu unterschiedlich. (30%)
- Geben und Nehmen waren nicht ausgeglichen (26%)
- Mangelnde Kommunikation. (26%) (Männer 18%, Frauen 26%)
- Wir hatten unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe und Freiraum. (26%)
- Wir konnten nicht miteinander reden. (23%)
- Einer von uns ist fremdgegangen. (21%)
- Unsere Sexualität ist eingeschlafen. (19%) (Männer 23, Frauen 18%)
- Wir hatten keine gemeinsamen Ziele. (17%)
- Es fehlte die gegenseitige Unterstützung. (16%)
- Einer von uns hat sich in jemand anderen verliebt. (15%)
Was Paare zusammenhält
Für Ehen gibt es keine Patentlösungen, doch Paare, die lange zusammen sind, zeichnen sich durch einige gemeinsame Faktoren aus. Sie lachen deutlich häufiger miteinander, lassen den anderen auch an scheinbaren Alltäglichkeiten des Lebens teilhaben und sind Meister im Vergeben und praktizieren die Gnade des Vergessens. Der Paartherapeut Ritzer bringt es auf den Punkt: "Es kommt letztlich nicht darauf an, sich zu vertragen, sondern sich zu ertragen. Ein Arrangement, das auch als resignative Reife bezeichnet werden kann."
Auswege, um zusammen zu bleiben
"Als ich zugenommen hatte, hat er gesagt, er mag dicke Frauen. Als ich wieder abgenommen habe, hat er gesagt, er mag schlanke Frauen. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass er mich liebt."

Scheidungen gelten mittlerweile als großes Gesundheitsrisiko und Geschiedene sind in der Regel weniger zufrieden als Verheiratete. Alleinerziehende gar tragen nicht nur eine große Bürde, was das Armutsrisiko anbelangt, sie leiden überproportional häufiger unter Zeitnot und unter Doppelbelastung als andere. Ob sich jemand nun scheiden lässt oder doch zusammen bleibt, ist sehr individuell. Nicht in jedem Fall ist das Zusammenbleiben die beste Lösung, auch nicht für die Kinder; aber auch nicht in jedem Fall ist es sinnvoll, sich zu trennen…. Manchmal muss zur Lösungsfindung ein Paarberater beitragen.
Für diejenigen, die sich dazu entschließen sollten, sorgsam mit sich und dem Partner umzugehen, hier ein paar Wege, die sich bei vielen Paaren bewährt haben.
- Das Glück NICHT vom Partner abhängig machen
- Den Partner so lassen, wie er ist. Macken akzeptieren. Genau wie vergangenes Unbewältigtes. Nicht im Verändern, sondern im Beibehalten ist der Ausweg.
- Eigene Interessen und Freundschaften pflegen
- Die eigenen Gefühle und Befindlichkeiten wahrnehmen und sich mitteilen
- Sex nicht als Machtinstrument benutzen
- Verzeihen können. Nobody is perfect
- Frauen und Männer sind verschieden. Um sich zu verstehen, sind sie gezwungen, miteinander zu reden, nicht übereinander. Männer können nicht Hellsehen (viele Männer fühlen sich von Scheidungen häufig "überrumpelt"). Frauen können auch nicht Hellsehen und verstehen nicht gezwungenermaßen "Liebling, ich habe es doch nur gut gemeint" Handlungsweisen.
- Partner brauchen klare Absprachen, denn der Alltag ist zu bewältigen und hat mit Liebe nichts zu tun. Wie für jedes andere Projekt benötigt es klare Rollen und Absprachen. Ist der Partner arbeitslos, ist er meist omnipräsent, was klare Absprachen nochmals notwendiger macht. Denn: Er möchte gebraucht werden, doch sie fühlt sich dadurch eventuell gemaßregelt…
- Männer möchten gerne ihre Ruhe haben, sich entspannen, Spaß haben – auch alleine; viele Frauen dagegen möchten gerne mehr Zeit MIT dem Partner verbringen. Wenn Partner es schaffen, wechselseitig auf die gegenseitigen Wünsche einzugehen, dann kommen auch sie zum Zuge und haben darüber hinaus einen zufriedenen Partner an der Seite.





