Unsere Kolumnistin Sophie Andresky musste wiederholt enttäuscht feststellen, dass die Vagina sehr selten gewürdigt wird. Sei es in Gedichten oder Büchern, als Backwaren oder oder in Form von Abbildern in Statuenform. Überall dominiert der Penis. Dieser Verfehlung der Menschheitsgeschichte will sie mit ihrer heutigen Kolumne rund um das weibliche Sexualorgan entgegenwirken.
Sieg der Marzipan-Möpse

Einer anderen Erotik-Autorin etwas zum Geburtstag zu schenken, das zwar sexy ist, aber keine Batterien braucht, weil wir uns so nahe denn dann doch nicht stehen, gestaltet sich schwierig – und die Sache wird nicht einfacher dadurch, dass man selbst eine Pornographin ist. Auf der Suche nach einem geeigneten Geschenk versuchte ich die beiden Leidenschaften der feiernden Kollegin zu verbinden, nämlich Kuchen und Sex. (Mit ihrer dritten Leidenschaft - Mini-Spitze - ließ sich so gar nichts anfangen. Wieso züchtet man überhaupt Hunde, die aussehen wie kläffende Klobürsten und sich nicht mal selbst den Hintern lecken können?)
Ich entschied mich für eine Torte in Mösenform, noch ohne zu wissen, dass mich das zu meinem nächsten Kolumnenthema führen würde. Es bot sich einfach an, fand ich, immerhin ist bei den entsprechenden Stellen doch ständig vom Ausschlecken und Lecken, Knabbern und Schlabbern die Rede. Im Englischen, der Muttersprache der Kollegin, heißt es noch viel eindeutiger "eat a pussy".
Während ich also das Netz durchforstete auf der Suche nach einem schön geschwollenen, saftigen Venushügel aus Marzipan oder Biskuit, nach Zuckerguss-Klitorissen unter Zuckerwatte-Schamhaar, fand ich unter dem Stichwort "Mösentorte" gerade mal vier Einträge. ("Muschitorte" bringt zwar 11.300 Treffer, damit ist aber wohl kein Kuchen gemeint.) Mehr aus Spaß als aus feministischer Gründlichkeit googelte ich anschließend den Begriff "Penistorte" und, schau an: immerhin 1300 Einträge!

Es gibt also mehr Konditoren, die Penisse glasieren und Klöten verzieren, als solche, die Muschis bestreuseln oder Schamlippen kneten. Und damit sind sie nicht alleine. Penisse haben, kulturhistorisch betrachtet, eine Omnipräsenz in der bildenden Kunst, vor allem im öffentlichen Raum, also bei Brunnen und Denkmälern. Mösen kommen kaum vor, und wenn, sind es abstrahierte kaffeebohnenähnliche Gebilde, aber keine fleischig schlüpfrigen Lustgrotten.
Rühmliche Ausnahmen sind das Gemälde "Der Ursprung der Welt" von Gustave Courbet, auf dem man in gynäkologischer Detailfreude mitten hinein glitscht ins Unaussprechliche, oder auch das feministische Tischwerk "The Dinner Party" von Judy Chicago, die auf einer gewaltigen Dreiecks-Tafel jeweils einen mösenartig verzierten Teller für berühmte Frauen der Weltgeschichte aufgestellt hat. Außerdem hat sich der Zweitausendeins-Verlag gerade mit einem Bildband über "Das weibliche Geschlecht" herausgetraut, der nur aus Nahaufnahmen von Muff und Musch besteht. Und in den "heimlichen Augen" des Konkursbuch-Verlags gibt es auch immer mal wieder Panoramabilder der Spalte zu besichtigen.

Städteplaner jedenfalls scheinen eine Mumu-Phobie zu haben, denn nirgendwo kann man pieselnde oder ejakulierende Frauen besichtigen. Pinkelnde, strullende und sonstwie ihr Gemächt ins Wetter haltende Jungs stehen an jeder Ecke. Und wer mal gesehen hat, wie eine japanische Reisegruppe verzückt vor der winzigen Manneken-Pis-Figur in Brüssel steht, einem dicklichen Zwerg mit Zwergenpimmel, der kann sich vorstellen, wie ungerecht die Begeisterung für die Geschlechtsorgane dieser Welt verteilt ist.
Selbst in den berühmten "Vagina-Monologen" kommen Vaginen an sich kaum vor, jedenfalls werden sie nicht besungen und gerühmt. Und selbst Goethe, der eigentlich zu allem und jedem irgendwas gesagt hat, schweigt hier g’schamig und bedichtet lieber seinen "Meister Iste" im einzigen Impotenz-Gedicht der Weltliteratur.
Diese Ignoranz hat die Auster nicht verdient, die anscheinend gerne geschlürft, aber nicht beschrieben wird. Dabei ist dieses haarige kleine Nest, diese schlüpfrig-schleimige Spalte ein so wunderbares Körperteil, dass man ganze Oden darauf dichten müsste, konzentrieren sich doch hier ganz unterschiedliche Empfindungen: das gänsehautartige Schaudern beim sanften Streichen über die Schamlippen, die lustvolle Wärme beim handfesten Kneten des Venushügels, das strömende Gleiten, wenn es innen plötzlich feucht wird, das fast schmerzhafte Ziehen am Möseneingang, wenn ein Finger eindringt, die auf und abbrandenden Wellen bis hin zum heißen Abstrahlen beim Berühren der Klitoris, das saugende Gefühl im Inneren, wenn die Scheidenwände sich beim Ficken zusammenziehen und sich am Schwanz (oder was auch immer) reiben, und schließlich der explodierende Druck bis hoch in den Bauchraum beim Orgasmus.

Eine Möse ist ein Multifunktionsgerät der Lüste. Und sie ist launisch. Mal möchte sie sanft geschlabbert werden und dann wieder hart gebumst, mal braucht sie es langsam und zögerlich und dann wieder schnell und roh.
Und alle Mädels, die sich noch nie mit einem Handspiegel verrenkt haben, um sich dieses Wunderwerk mal genau anzusehen: schämt euch! Macht es jetzt gleich aus Respekt vor dieser vielseitigen Spaßspalte und freut euch, dass ihr eine habt!
Der große Erotomane Ernest Bornemann hat in seinem "obszönen Wortschatz der Deutschen" all die Begriffe gesammelt, die es für die Punze so gibt, darunter diese, die ich vorher noch nie gehört hatte: Bitschigogerl, Brunstbusch, Gagelwitz, Knispeldose oder tatsächlich auch Nudelsieb. Dass ich damit demnächst meine Sexszenen bestücke, kann ich mir eher weniger vorstellen. Auch Mullemaus, Pudelhaube oder Rutschiputsch machen mein Höschen nicht wirklich feucht. Da bleibe ich doch lieber bei den Klassikern Möse, Fotze, Fötzchen, bei flauschigen Begriffen wie Muschi oder Bärchen oder bei Kulinarischem wie Pfläumchen oder Dattel, wobei wir wieder bei den Süßwaren wären.

Da gab es übrigens, um auf die cremigen Kalorienbomben zurückzukommen, doch noch Hoffnung für feministische Liebhaberinnen obszöner Backwerke. Denn ganz am Ende meiner Recherche kam mir endlich die Idee, eine anatomische Etage höher nach einer Busentorte zu suchen und siehe da: unschlagbare 17.900 Einträge! Sieg für die Marzipanmöpse!
Was außer Blätterteig-Labien und Rumrosinen-Nippeln noch alles nackig daherkommt im Scherzartikel-Regal und wieso die richtigen Gadgets sogar ein misslungenes Date retten können, dazu mehr in der nächsten Kolumne.
© Sophie Andresky




