28.11.2008

Sex und Behinderung

Sex und Erotik mit Handicaps?

Was bedeutet Behinderung im Liebesleben? Wie erfahren diese Menschen Sexualität? Wie gehen behinderte Menschen mit ihren sexuellen Bedürfnissen um? Haben behinderte Menschen Sex? Wie sieht die sexuelle Aktivität eines Behinderten aus? Was fühlen sie, was spüren sie? Viele wichtige und interessante Fragen, die uns mama_ines und Sonnchen von der Gruppe Leben mit Handicaps im Interview mit prem und Lonely_heart versuchen zu beantworten.

Sex mit Handicaps?

Alleine in Europa leben mehr als 50 Millionen Menschen mit Behinderungen. Diskriminierung, Benachteiligung und Vorurteile gehören für diese Personengruppe leider noch immer zum Alltag. Oder es wird einfach weggeschaut, da so mancher denkt, er sei von dem Problem nicht betroffen.

Aber Menschen mit Behinderung fühlen und leben genauso wie du und ich. Sie SIND wie du und ich. Auch wenn viele Menschen unserer Gesellschaft es nicht wahrhaben wollen. Behinderte Menschen haben dasselbe Bedürfnis nach Liebe und Lust wie jeder andere Mensch. Denn jeder Mensch hat ein Recht auf Sexualität.

Sie ist für uns alle wie die Luft zum Atmen ... Sie ist facettenreich und vielfältig wie die Menschen, die sie lieben und leben. Und dabei spielt es keine Rolle, WIE diese ausgelebt wird. Denn wo Lust, Leidenschaft und vor allem Liebe daheim sind, ist der Fantasie keine Grenze gesetzt.

Obwohl sie meist nicht in ihrem sexuellen Empfinden beeinträchtigt sind, leiden viele Menschen darunter, dass ihr Bedürfnis nach Geborgenheit, Zärtlichkeit und sexueller Lust unerfüllt bleibt, oder dass ihr Sexualleben stark eingeschränkt ist.

Auch das war einer der Gründe, warum wir die Gruppe Leben mit Handicaps im März 2008 ins Leben gerufen haben. Die Motivation für die Gruppengründung bestand außerdem darin, Menschen mit körperlicher oder seelischer Behinderung auch hier im Joy eine Anlaufstelle bieten zu können. Aktuell beläuft sich die Zahl unserer Mitglieder auf 142 und wächst stetig weiter.

Heute möchten wir euch zwei unserer Mitglieder etwas genauer vorstellen, um mit vielen Vorurteilen aufzuräumen und sie vielleicht ganz zu beseitigen.

Prem leidet an Tetraspastik

was bedeutet, dass seine vier Extremitäten gelähmt sind. Die Ursache hierfür ist häufig, dass die Betroffenen während ihrer Geburt unter Sauerstoffmangel gelitten haben. Aber auch Gehirnblutungen bis zum ersten Lebensjahr können eine weitere Ursache sein. Viele der Erkrankten sind geistig behindert, einige habe noch andere Behinderungen wie z.B. Sprachprobleme. Die Meisten sind auf Rollstühle und auf die Hilfestellung anderer angewiesen.

Zur Krankheit allgemein

Sex und Behinderung
  • Wie lautete die Diagnose und warum bist du an der Krankheit erkrankt?

Die Diagnose heißt: Tetraspastik. Ich habe während meiner Geburt aller Wahrscheinlichkeit nach unter Sauerstoffmangel gelitten, jedoch weiß ich es nicht ganz genau.

  • Wie verlief die Krankheit?

Bis zum Alter von etwa zwölf Jahren konnte ich mehr oder weniger - jedoch niemals besonders gut - laufen. Man musste mir zumindest immer eine Hand reichen oder mich direkt festhalten. Danach verbrachte ich mehr und mehr Zeit im Rollstuhl. Seit vielen Jahren benutze ich einen elektronischen Rollstuhl. Seit 2000 leide ich unter teils starken Rückenschmerzen (Bandscheibenvorfall usw.), die zu einem weiteren erheblichen Mobilitätsverlust führten. An meiner Sprachbehinderung, die sich durch undeutliche Aussprache bemerkbar macht, hat sich subjektiv nicht viel geändert. Meinen linken Arm kann ich relativ normal bewegen.

  • Hattest du OPs und warum?

Ja, drei Stück. Die erste Operation erfolgte am Kopf, als ich ein Jahr alt war. Es wurde ein Tumor vermutet, was sich letztendlich aber nicht bewahrheitete. Die zweite Operation hatte ich an den Beinen, als ich ca. zehn Jahre alt war. Sehnen wurden verlängert, Muskeln verbunden. So konnte ich eine Zeitlang länger auf den Beinen laufen.

  • Was für Hilfsmittel benötigst du?

Ich habe einen Elektrorollstuhl, einen elektrischen Hebe-Lifter zum Transfer ins Bett und für Toilettengänge etc.., einen elektrisch verstellbaren Lattenrost für mein Bett und natürlich sind auch der PC und das Internet wichtige „Hilfsmittel“ für mich, um mit anderen Menschen zu kommunizieren.

  • Erfährst du spezielle, begleitende Behandlungen?

Ja, zweimal pro Woche 50 Minuten Physiotherapie, sprich Krankengymnastik, neuerdings gar per Hausbesuch. Schwimmen bzw. Plantschen tut mir gut, dazu komme ich aber selten.

  • Wie bewältigst du deinen Alltag?

Verschiedene persönliche Assistent/inn/en sind bei mir angestellt und begleiten im Schichtdienst meinen Alltag. Ich fungiere dabei als Arbeitgeber und bekomme die Assistenzkosten vom Sozialbürgerhaus erstattet. Alltagsbewältigung geschieht für mich auch vor allem durch Kontakte und Begegnungen, durch Selbstreflexion, Spiritualität usw..

  • Wie geht die Umwelt mit deiner Behinderung um?

Ganz unterschiedlich: Viele Leute sind erst mal befangen und wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Weil sie mich verbal anfangs schlecht oder gar nicht verstehen, meinen viele fremde Leute unsinnigerweise auch, ich sei blöd. Manche Menschen, auch Kinder, sind neugierig und fragen nach. Kinder verlieren teilweise schnell die Scheu und mögen mich dann. In der Regel sind die Leute hilfsbereit.

Wenn Menschen mich näher kennen lernen, schätzen sie vor allem meinen Humor und meine menschlichen Qualitäten. Spätestens dann tritt die körperliche Behinderung etwas in den Hintergrund.

Sex / Erotik und Krankheit

Sex und Behinderung
  • Fühlst du dich erotisch?

Ja.
Ich bin ein Mann und ich fühle mich auch so! Heterosexualität spielt eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben. Oft empfinde ich große Lust. Nicht immer fühle ich mich attraktiv und das macht mich dann traurig.

  • Hast du eine feste Partnerin?

Derzeit und leider schon länger nicht mehr. Ich hatte verschiedene kürzere und längere Beziehungen und hätte gerne mehr gehabt. Etwa sieben Jahre lebte ich verheiratet und sexuell aktiv, dann flaute die Ehe aber langsam immer mehr ab und wir leben derzeit in Trennung.

  • Kannst du Sex machen?

Ja.

  • Und wie?

Indem die Sexpartnerin auf oder neben mir sitzt/liegt. Sehr gerne fingere und streichle ich eine Frau bis zum Orgasmus, manche fiste ich auch. Ich mag passiven Oralverkehr und Verbalerotik. Es gibt letztendlich doch viele Spielarten.

  • Inwiefern schränkt dich deine Behinderung beim Sex ein?

Die Missionarsstellung und andere gelenkige Positionen kann ich nicht einnehmen. Ich kann meine jeweilige Partnerin nicht festhalten und hart stoßen, sofern sie das wollen würde. Überhaupt muss sie sich beim Sex mit mir eher aktiv bewegen, auch wenn die Initiative und Ideen von mir stammen.

Der Rollstuhl, meine Behinderung und insbesondere auch meine Sprachbehinderung machen es mir subjektiv schwer(er), mit einer Frau ins Gespräch zu kommen, einen Kontakt aufzubauen sowie dann zu flirten. Einige Barrieren sitzen einfach auch in unseren Köpfen, die müssen wir erst mal überwinden.

Sonstiges

  • Möchtest du den Lesern etwas mitteilen?

Gedanken, Gefühle, Wünsche bezüglich Erotik sind oft unabhängig davon, ob jemand behindert oder nicht behindert ist. Erotik und Sexualität sind wichtige Teilbereiche des menschlichen Lebens. Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten, sie zu erleben und zu genießen, wenn Mann/Frau sie auch anderen zubilligt und wenn Mann/Frau sich traut. Wichtig sind immer Vertrauen und Achtsamkeit. Gerade behinderte Menschen können wohl "punkten", wenn es um Neugier, Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen geht.

Ich wünsche euch/uns, dass wir noch viel mehr auf uns "zugehen und zufahren" und wünsche euch/uns allen viele schöne und lustvolle Begegnungen und Erfahrungen.

Lonely_heart hatte Brustkrebs (Mammakarzinom)

In Deutschland ist das Mammakarzinom ( = bösartiger Tumor in der Brustdrüse) mit einem Anteil von 28 Prozent aller Krebsneuerkrankungen die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Nur etwa jeder hundertste Betroffene dieser Krebserkrankung ist männlich.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Erkrankung tödlich ausgeht, liegt über alle Stadien hinweg bei durchschnittlich 30 Prozent. Neben der Heilung ist der Erhalt der betroffenen Brust erklärtes Ziel der medizinischen Behandlung, welche in der Regel aus einer an das Erkrankungsstadium angepassten Kombination aus Operation sowie Chemo-, Hormon- und Strahlentherapie besteht.

Lonely_heart ist erkrankt und hat überlebt.

Zur Krankheit allgemein

Sex und Behinderung
  • Wie lautete die Diagnose?

Brustkrebs. In der Folge versuchte man zuerst, nur den Krankheitsherd zu entfernen. Jedoch wurde schon bald klar, dass eine Amputation unumgänglich war.

  • Wann ist die Krankheit zuerst ausgebrochen?

Die Krankheit wurde bei mir im März 2005 durch eine Mammographie festgestellt.

  • Wie verlief die Krankheit?

Zuerst wurde meine rechte Brust befallen und nachdem man mich nach mehreren Operationen für gesund erklärt hatte, wurde auch die linke Brust befallen. Es waren insgesamt drei sehr schwere und harte Jahre, in denen ich sehr viel Geduld aufbringen musste und auch sehr viel Kraft.

  • Was für OP’s hattest du genau? Und wie viele waren es?

Insgesamt wurden neun Operationen vorgenommen. Es wurde jeweils immer brusterhaltend operiert und es konnte auf beiden Seiten ein Silikonersatz eingesetzt werden. Die Brustwarzen wurden rekonstruiert und zum Schluss in einem Tattoo-Studio fleischfarben gestochen.

  • Wann ist die Behandlung bzw. die Krankheit zu Ende?

Seit April 2008 bin ich kosmetisch soweit wieder "hergestellt".

  • Wie sind dir nahe stehende Personen mit dir umgegangen?

Da ich sehr offen mit meiner Krankheit und deren Folgen umgegangen bin, hat mich meine Umgebung - sowohl Freunde und Bekannte als auch Kolleginnen - ganz normal behandelt. Sie haben mir sehr geholfen und mich tatkräftig unterstützt, wenn mir gewisse Dinge schwer fielen oder ich sie zeitweise nicht ausführen konnte.

Erotik/Sex und Krankheit

Sex und Behinderung
  • Fühltest du dich nach der Amputation erotisch?

Während der Krankheit habe ich die erotische Fotografie für mich entdeckt und betreibe sie auch weiterhin.

  • Wie empfand dein Partner die Amputation?

Mein damaliger Mann hat mich verlassen, was aber nichts mit meiner Krankheit zu tun hatte. Derzeit habe ich keinen Partner.

  • Wie reagierte deine Umwelt auf die Brustamputation?

Alle haben sehr verständnisvoll reagiert, obwohl ich während der drei Jahre sehr viel in der Klinik oder krankgeschrieben war. Auch mein Chef hat viel Rücksicht genommen.

  • Krankheit und Sex, ging das?

Ja, mit entsprechender Vorsicht ging das. Da ich manchmal innerhalb weniger Wochen operiert werden musste, war Vorsicht geboten. Außerdem ist die Zeit, in der man einen Expander (eine Art Silikonhülle, die operativ unter die Haut und den Brustmuskel eingesetzt und in Intervallen mit Kochsalzlösung aufgefüllt wird - Die Redaktion) in sich trägt, äußerst schmerzhaft. Und das zieht sich oft über viele Wochen hin.

  • Konntest du nach der Wiederherstellung wieder ungehindert Sex machen?

Sexualität ist ohne größere Einschränkungen wieder möglich. Manche Bewegungen sind noch schmerzhaft, aber darauf kann man sich ja einstellen.

  • Findest du dich wieder erotisch?
Sex und Behinderung

Ja, ich finde mich wieder erotisch, da ich mit dem Ergebnis der kosmetischen Operationen sehr zufrieden bin. Sonst würde ich ja auch keine erotischen Fotoshootings machen.

  • Empfindest du anders als vorher?

Ja, ich empfinde anders als vorher. Denn man hat durch die Amputation in den Brüsten kein oder kaum Gefühl. Man muss einen eventuellen Partner darauf vorbereiten. Damit er weiß, welche Zärtlichkeiten die Frau spüren kann und welche sie trotz der Amputation mag.

  • Kannst du den Sex richtig genießen?

Ich genieße den Sex und das Leben viel intensiver als vorher. Zweimal bin ich knapp dem Tod entgangen und aufgrund dessen sieht man vieles mit anderen Augen.

Sonstiges

  • Möchtest du den Lesern gerne noch etwas Spezielles mitteilen?

Den betroffenen Frauen möchte ich sagen, dass sie sich nicht zurückziehen sollen. Sie sind trotzdem erotisch und attraktiv, denn wir definieren uns nicht nur über unsere Brüste. Wir haben weitaus mehr zu bieten.

Den Männern der betroffenen Frauen und den Männern allgemein will ich mit meinen erotischen Bildern die Scheu vor einer Frau nehmen, der die Brüste amputiert wurden. Denn wir haben nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele, die berührt werden will!

Wir danken lonley_heart und prem für ihren Mut und ihr Engagement, so offen über dieses spannende und sensible Thema zu sprechen.

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Kommentare


Ja ich kann auch ein lied davon singen.
ich bin vom Asperger-Syndrom betroffen.Habe es jetzt aber in griff.
Darzu kommt noch Morbus Bechterew(Rheuma) und Diabetes,Das alles ist für eine gesunde Sexualität
nicht wirklich hilfreich.Duch mein Rheuma bin ich ,an abend meisten so fertig,das da nicht mehr viel läuft.
Daher versuche ich Treffen auf Nachmittags zu verschieben,doch die meisten Arbeiten da!
Ist echt Blöd *heul*

LG Tolwyn
Na dann

So gesehen haben wir beide eine Behinderung. Ich habe MS(Lea)und mein Süßer ist behaart und ein bisschen zu dick.Da es den meißten Männern egal ist ob du behindert bist hauptsache das mit dem Sex klapt.Sie müssen dich ja nicht pflegen und hauen danach ab.So ist meine Erfahrung und wenn der Sex wenigstens gut war ok *haumichwech* Frauen sind nicht so oberflächlich *lol*
Hat ja nichts mit dem Thema zu tun war nur zu meinem Vorposter

Hut ab es gehört auch viel Mut dazu sich so zu öffnen.
Das Interview und die Beiträge fand ich wirklich super

LG la buscada
@Tou_Mo

mich würden mal Meinungen zu dem Thema Behinderung interessieren
von Menschen die schon Probleme damit haben wenn jemand Haare auf der Brust hat.

meine ex hatte keinerlei probleme mit meiner behinderung, aber dafür mit meiner brustbehaarung *lach*
neugierig

mich würden mal Meinungen zu dem Thema Behinderung interessieren
von Menschen die schon Probleme damit haben wenn jemand Haare auf der Brust hat.

kannst du ja immer noch - der Th ist doch noch offen...
Beitrag

die beiträge sind Hammer!!
ich habe auch ne Behinderung. ich hätte auch gerne dran teilgenommen! aber ich war da LEIDER noch nicht online!!
Naja kann man nix machen
LG eure Nadine
Schmerz

handicap oder nicht. uns treibt immer das gleiche an. einige meiner treuesten gäste sind wie auch immer "behindert". geile leute. mit einem blick aufs leben, den sich andere nur träumen können. natürlich macht ihr was ihr wollt, sonst war alles vergebens. wenn alle so denken, gibt es keinen terror mehr. lg julia
paraplegie ist keine krankheit,

sondern (in meinen augen) nur ein körperliches handicap
und priapismus dank skat eine seiner positiveren begleiterscheinungen!


übrigens tragen auch viele querschnittsgelähmte (para.- / tetraplegie) eine morphiumpumpe gegen ihre phantomschmerzen, also hast du mit deiner behauptung nicht mal so unrecht!

*kaffee*

Na mehr oder weniger sind wir ja auch ähnlich krank...beides Rückenmark.
wie nett ...

aber die gleiche ergebnis kann ein rolli
auch mit einer skatspritze erreichen!


*friends*
  • Neu hier? Kein Problem!
Die Autorinnen
Wir danken unseren Mitgliedern
Sex und Behinderung
mama_ines
Sex und Behinderung
und Sonnchen
für diesen interessanten Artikel.
Die Interviewten
Ein weiteres großes Dankeschön geht an die offenen Interviewpartner
Sex und Behinderung
Lonely_heart
Sex und Behinderung
und prem
Die "Leben mit Handicaps" Gruppe
Sex und Behinderung
In unserer Gesellschaft leben Menschen, welche geistig, körperlich oder seelisch behindert sind. Nicht immer ist es einfach, als Betroffener oder Angehöriger damit umzugehen und Stolpersteine zu überwinden. Die Gruppe "Leben mit Handicaps möchte allen gehandicapten Mitgliedern die Möglichkeit zum Austausch geben.