Nachdem uns gestern Sophie Andresky in ihrem Artikel "Wenn Sex zum Trend verkommt" schon riet, uns von keinem medialen Hype der Welt unseren Sex aufdiktieren zu lassen, meldet sich nun unsere Sina S. zum Thema zu Wort und kommt auf ihrem Weg zu einer sehr ähnlichen Erkenntnis.
Man spricht Sex
Was für eine merkwürdige Diskussion führen wir da im Augenblick wieder? Über etwas, das die Menschheit bereits getan hat, noch bevor sie zahlenmäßig und evolutionär gesehen eine richtige Menschheit war. Vielmehr wäre sie nie eine richtige Menschheit geworden, hätte sie es nicht getan. Und damals hat sich mit Sicherheit keiner Gedanken darüber gemacht, ob der Sex, den er hat, nun modern, schick und kreativ ist oder nicht. (obwohl, so wie Lagerfeld und Joop aussehen, könnten die damals schon gelebt haben und versucht haben, uns weiß zu machen, was IN ist und was nicht…aber ich schweife ab.)
Es gab immer mal wieder Zeiten, da wurde das Thema Sex in seinen diversen Schattierungen stärker öffentlich diskutiert als zu anderen Zeiten. Das fing sicherlich nicht erst mit de Sade an (er ist nur zeitlinienmäßig der erste, der mir einfällt), ging dann weiter über Casanova, gefolgt bestimmt nicht erst vom Kinsey-Report, über die Geschichte der O, über Uschi Obermaier und die Kommune, über Feuchtgebiete bis hin zu "Shades of Grey". Einer schrieb etwas oder tat etwas oder repräsentierte etwas oder nannte etwas beim Namen und dann kam der empörte Aufschrei, weil plötzlich etwas in aller Munde war (nicht wahr…), was eigentlich ein Allerprivatestes ist.
Plötzlich fühlte die Öffentlichkeit sich jeweils bemüßigt, zu bewerten, was in unserem ganz persönlichen Schlafzimmer geschieht. Und ganz egal, wie sehr man ansonsten in sich ruht und über sich und seine Gelüste Bescheid weiß, man kann sich kaum der Frage entziehen, ob es zeitgemäß ist, was man selbst praktiziert. Wo man doch gerade gehört, gesehen oder gelesen hat, dass es anderswo viel heißer hergeht und man so suggeriert bekommt, dass man die eigene Bettenakrobatik im Grunde getrost der Mottenkiste überantworten kann.
Unterliegt Sex einem Modediktat?
Unterliegt also der Sex, den man hat, einem Zeitgeist? Einem Modediktat? So wie ein paar Modeschöpfer vorgeben, was man in der nächsten Saison zu tragen hat, so können ein paar Wortschöpfer vorgeben, was für eine Art Sex man hat? Ist dann der Nylonfetisch das neue Schwarz und die Popohaue das Must-Have der Saison? Kann man Sex tragen wie ein Statussymbol? Mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Analplug-Sammlung? Das Halsband mit dem Ring der "O" jetzt auch in taupe, mauve oder einem zarten Beerenton zu bekommen… Wie, Du hast noch ganz normalen Sex? Aber das ist ja SOWAS von out… Pimperst Du noch oder schmuddelst Du schon? Missionarsstellung modisch auf dem absteigenden Ast, auf Augenhöhe mit der Schrankwand in Eiche-rustikal?
Seit wann wird von einem schnelllebigen Business wie der Mode bestimmt, was mir Lust macht? Antwort, völlig kompromisslos: Seit gar nicht. Seit niemals. Und obwohl viele gerade jetzt, wo mit "Shades of Grey" und "Make Love" zwei Bücher zum Thema Sex die medialen Sommerlöcher füllen und wir uns mal wieder fragen, ob das, was wir zu Hause bieten oder geboten bekommen, irgendwie un-ausreichend oder un-modern ist, sollten wir uns das immer bewusst machen.
Was jetzt bitte nicht bedeuten soll, dass wir nicht Dinge ausprobieren dürfen. Natürlich darf man jetzt mal losgehen und sich kichernd im Sexshop nach ein paar Plüschhandschellen oder einem Paddle für den Popo umschauen. Erlaubt ist, was Lust macht. Aber das ist eben auch schon wieder der Punkt: warum laufe ich los und interessiere mich plötzlich für diese Dinge? Weil die Vorstellung mir Lust macht? Wirklich? Oder vielleicht doch nur, weil ich meine, mitreden können zu müssen?
Jeder, der meint, er stehe völlig über jeder Form von Modetrend, sollte mal einen Blick in Richtung seiner aussortierten Altkleider werfen und dann Hand aufs Herz: keine knallenge Hüftjeans, obwohl die der Figur nie wirklich geschmeichelt hat? Kein Blazer mit 2x2m Schulterpolstern als sentimentale Erinnerung an die 80er? Keine Bluse in ulkigen Farben, kein Hut mit seltsamem Gedöns dran? Nichts, was irgendwann mal eine kurzlebige Weile modern war und von dem man meinte, nicht daran vorbei gehen zu können, nur um dann wenig später festzustellen: "Mal ehrlich, passt null zu mir, lasse ich lieber." Fehlkauf. Kennt jeder.
Guter Sex ist, was gefällt
Macht denn sowas vor Sex halt? Ich meine: zumindest sollte es das. Denn während man eine Bluse, die eigentlich hässlich ist, mal eben schmunzelnd aus dem Kleiderschrank verbannen kann, ohne weiter darüber nachzudenken, geht der Sex, den man hat, doch immer sehr nah ran. Näher ran geht ja eigentlich gar nicht mehr. Im Laufe der Jahre sollte man daher ein Gespür dafür entwickeln, was einem gefällt oder nicht.
Was nicht heißt, dass man auf diesem Gebiet keine Experimente machen und nichts mehr dazu lernen soll. Doch, bitte! Wir alle lernen immer wieder neue Dinge über uns, auch und GERADE auf dem Gebiet Sex. Der Punkt ist nur: mit welcher Motivation? Wenn es um Sex geht, sollte man doch eher darauf achten, dass die Motivation, etwas Neues zu probieren, aus dem eigenen Innersten kommt. Nicht, weil gerade dieser oder jene "Sextrend" durch die Medienlandschaft geistert.
Selbst wenn man sich selbst und seine Lust schon sehr gut kennt, ist man nicht vor Fehlgriffen gefeit. Es kann immer mal passieren, dass man etwas tut, von dem man dachte, dass man Lust darauf hat und hinterher stellt sich heraus, dass man es lieber kein zweites Mal machen möchte. Das ist ok, aus Erfahrung wird man klug. Es kommt aber auch in dem Fall darauf an, bei sich selbst zu bleiben. Nicht jeder Mensch braucht Fetische oder extreme Sexpraktiken, um im Bett zufrieden, glücklich und ausgelastet zu sein. Im Gegenteil. Statistiken zeigen nach wie vor deutlich, dass die wenigsten Menschen das brauchen.
Inspiration und Neugier sind gut für den Sex
Einige aber schon. Aber die wussten das über sich auch schon lange bevor einschlägige Trendliteratur den Büchermarkt stürmte und zukünftige Generationen werden aller Wahrscheinlichkeit über sich selbst lernen, dass sie extreme Dinge mögen, ohne darüber in einem Bestseller gelesen zu haben. Weil man zu solchen Erkenntnissen über sich selbst auf anderem Wege kommt. Zum Beispiel, indem man in sich hineinhört und den Stimmen folgt, die man dort vernimmt. Das hat nichts mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung zu tun, sondern damit, seinen eigenen Weg einzuschlagen und zu verfolgen. Wer das tut, den ficht auch der aktuell gerade ausgerufene Sex-Modetrend nicht an.
Fazit: Inspiration ist gut. Neugier ist gut und hält flexibel im Kopf. Aber sich von Trends unter Zugzwang setzen zu lassen, stresst unnötig. Lust wohnt im Inneren. Nicht zwischen Buchdeckeln. Das, was zwischen Buchdeckeln steckt, das was von den Medien ausgerufen wird, das soll unterhalten, informieren und einen vielleicht auf die eine oder andere Idee bringen. Aber es sollte nicht bestimmen, was wir wie tun. Übrigens: ICH mag die Missionarsstellung. Aber ich habe irgendwo auch noch so eine Bluse mit einem peinlichen Muster, von der ich mich nicht trennen mag…












