06.12.2010

Schlaffe Schwänze oder zwei Nüsse für Aschenbrödel

It's a Man's World oder Pornoland ist doch (noch?) in Männerhand

In dieser Kolumne erklärt uns Sophie Andresky, warum Pornos Märchen für Erwachsene sind, wieso viele Frauenpornos nicht wirklich prickeln und sie fragt sich ernsthaft, warum der Feminismus den Pornofilm an sich so verteufelt. Vorhang auf für:

Pornos, die ultimativen Erwachsenen Märchen
Pornos, die ultimativen Erwachsenen Märchen

Zwei Nüsse für Aschenbrödel

Eigentlich ist das ja allen klar: Die kleinen Menschen, die sich im Fernseher bewegen, die sich in schleimige Monster verwandeln oder in zwei Stunden vom Pummelchen zur Primaballerina werden, die andere Menschen mit Strahlenkanone abmurxen oder mit tadellos sitzender Fönwelle ohnmächtige Kinder aus brennenden Häusern retten: Diese kleinen Helden und Schurken sind gar nicht echt. Das sind nur Flimmerpunkte. Bei Spiderman und Miss Marple ist das auch Feministinnen völlig klar.

Wieso aber bei Pornos nicht? Wieso führen sich die Sittenwächterinnen hier auf, als sähen sie das real life? Oder zumindest eine Doku? Da wird das Frauenbild angeprangert und die hedonistische Beziehungskultur verteufelt und in nicht enden wollenden Argumentfluten darauf hingewiesen, dass Sex ja in Wirklichkeit etwas ganz anderes sei.

Pornos, Märchen für Erwachsene

So sitzt so manche Frau vor den schier unendlichen Möglichkeiten moderner Pornographie.
So sitzt so manche Frau vor den schier unendlichen Möglichkeiten moderner Pornographie.

Liebe Feministinnen: Pornos sind keine Produkte investigativer Journalisten. Günter Wallraff hat da Sendepause. Und das ist auch nicht die Wim-Wenders-Retrospektive, zu viel Kunst wäre abträglich, immerhin soll man sich beim Betrachten auf seine "niederen" Triebe konzentrieren können.

Pornos sind Märchen für Erwachsene. Nicht mehr und nicht weniger. Hänsel und Gretel, die sich im Wald anknuspern oder von der Hexe einen Maiskolben hineingeschoben bekommen. Nicht immer ist das schön anzusehen, die allermeisten Pornos sind unterirdisch schlecht gemacht und ästhetisch indiskutabel. Und, ja: Das Frauenbild ist furchtbar und die Drehbücher und "Storys" zum Weglaufen. Jede Lungenkrebswarnung auf einer Zigarettenschachtel finde ich amüsanter und erregender als den Anblick, wenn Manni sich geifernd in den Tigertanga greift.

Aber: Auch der Hulk wird im echten Leben gar nicht wirklich grün, sobald er sich ärgert. Und die Frau, die im Porno so rumwimmert und schreit, die wimmert und schreit nächste Woche bestenfalls, wenn sie Glück hat und Karriere macht, als Unfallopfer in einer Krankenhaus-Soap. Und ihr Arbeitskollege, der dürftig bekleidete Fernfahrer, der ist gar nicht so ruppig, wenn er abends zu seiner Frau heimkommt. Wahrscheinlich sagt er viel mehr zu ihr als nur "auf die Knie du Schlampe!" Vielleicht sagt er so etwas wie "Schatz, ich hab wieder tausend Euro beim Rudelbums in Tschechien verdient, jetzt können wir die kleine Maren-Thekla zum Klavierunterricht anmelden."

Und in manchen Pärchenkonstellationen tut mancher Mann sogar so, als sei er auch geschockt ...
Und in manchen Pärchenkonstellationen tut mancher Mann sogar so, als sei er auch geschockt ...

Ein Märchen lebt eben davon, dass manche Sache überzeichnet und unrealistisch sind, dass man Wunschvorstellungen sieht oder auch nur Bilder, die den Schwanz hart und den Kitzler juckelig machen, auch wenn man sie selbst billig und geschmacklos findet. In meinem Kopf passieren viele geschmacklose und politisch unkorrekte Sachen, aber solange es mich geil macht, denke ich es weiterhin.

Und natürlich hat Porno mit Sex ganz oft gar nicht mehr viel zu tun – jeder, der mal Sex hatte, weiß das. Man sieht, dass die Mösen nicht feucht und die Schwänze nicht hart sind. Wenn eine Frau bereits zehn Minuten lang Geräusche macht wie ein Dudelsack, würde ich als Mann erwarten, dass die Dame so langsam mal kommt, aber nein, das geht immer weiter. Diese Pornoszenen sind so dermaßen ermüdend lang, dass ich kaum eine jemals zu Ende gesehen habe. Ich besorge mir meinen Orgasmus und schalte um auf die tausendste Wiederholung von "Die Nanny", was immer noch besser und unterhaltsamer ist als "Miezen lassen sich die Muschis mörsern Teil IV".

Pornoland ist in Männerhand

Dabei wissen wir doch alle, dass Pornoland in männlicher Hand ist.
Dabei wissen wir doch alle, dass Pornoland in männlicher Hand ist.

Jetzt sollte man doch meinen, der Grundsatz "mach’s dir selbst, dann machst du es auch richtig" gelte auch für die Pornofilmindustrie. Im Bett haben wir Frauen es längst kapiert. Während er hingebungsvoll und hart fickt, fassen wir uns zärtlich oder wie immer wir es auch wollen an den Kitzler, und dann klappt das alles.

Aber bei Pornos engagieren sich kaum moderne, feministische, selbstbestimmte Frauen. Pornos überlassen wir den Männern, die es ja offenbar nicht können. (Und bevor hier ein Aufschrei durch die Reihen geht, fordere ich Beweise! Nennt mir einen, nur einen einzigen richtig guten, saugeilen, toll gemachten Pornofilm! Mailt mir, schickt mir Briefe, Links und Tapes und ist ein annehmbarer dabei, werde ich Werbung dafür machen, wo immer ich kann!).

Frauenpornos und sexy Unterhaltung ... ein Widerspruch?

Was könnten feministische Pornos schön sein: Attraktive Frauen mit einem IQ über Taillenumfang ficken gut gelaunt mit netten Männern, lassen sich lecken, bis sie kommen, befingern, wo es schön ist, und behaupten nicht, dass es supermegageil sei, einen Dildo abzulutschen, den sie kurz vorher noch im Enddarm hatten. Das Ganze in schöner Kulisse mit vernünftiger Musik. Leider wird so etwas nicht gemacht.

Nicht dass es keine Pornos von Frauen gäbe. Letztes Jahr wurde sogar in Berlin der erste "feministische Pornofilmpreis" verliehen: "Die Auster". Und der Ansatz dieser feministischen Pornos ist ja auch wirklich gut gemeint: Alle am Set sollen einverstanden sein, safe soll es sein, niemand darf ausgebeutet werden, verschiedenste Frauenbilder sollen vorkommen, kein Leistungsdruck, keine Schwanzparade. Prima. Allerdings wären wir da wieder beim Märchen. Denn es wäre schon schön, wenn das, was man auf der Leinwand sieht, auch schön wäre. Um hässliche Menschen zu sehen, wie sie keinen geilen Sex haben, schalte ich doch keinen Film an.

Auch wenn die Damenwelt aufzuholen versucht und bereits Pornofilmpreise wie die Auster verleiht. Doch Feminismus und Porno? Geht das?
Auch wenn die Damenwelt aufzuholen versucht und bereits Pornofilmpreise wie die Auster verleiht. Doch Feminismus und Porno? Geht das?

Was gab es da alles zu bestaunen in diesen feministischen Pornos: jede Menge schlaffe Schwänze (hat man doch genug zu Hause), ebenso viel Cellulite bei den Darstellerinnen (hab ich auch selbst, brauch ich nicht im Kino), Sex mit schwulen Männern in einer öffentlichen Toilette (was Regisseurin Petra Joy daran geil findet, werde ich nie verstehen, und warum sie abblendet, wenn es endlich mal heiß wird, auch nicht. Und dieses ständige Gestreichel mit Federn und das Sich-Räkeln auf Laken, das nervt!). Außerdem gab es zwischen den abturnenden Sexszenen viele Diskussionen über Emanzipation und Unterdrückung. (Diskussionen im Bett? Never ever! Nichts ist lusttötender. In meinem Schlafzimmer ist jeder Wortbeitrag außer Dirty Talk und atemlosem Gegurre unerwünscht).

Die Sexfeindlichkeit im Feminismus verhindert gute Pornos

Aber auch diese Veranstaltung wurde nicht von allen Frauenbewegten abgesegnet, denn weite Teile verteufeln schon das Ding an sich. Wo "Porno" draufsteht und nackte Brüste schaukeln, ist für diese Fraktion prinzipiell Böses drin.

Diese Sexfeindlichkeit im Feminismus werde ich nie verstehen. Was ist denn geworden aus "Wir holen uns die Nacht zurück?" Die Alternative zu doofen Männerpornos sind doch nicht gar keine Pornos, sondern bessere Pornos. Schließlich haben wir Frauen auch Augen. Und die Verbindung zwischen Pupille und Pussy ist auch bei uns gewachsen. Für richtig gute Frauenpornos braucht es aber keine verschämten Mädchen, die sich verwegen vorkommen, wenn sie in Sexshops auf die rosa Marketingmasche reinfallen und "Sex and the City"-CDs, glitzerndes Duschgel, possierliche Raupendildos oder Vibratoren in Blümchenform kaufen. Was wir brauchen für die Revolution der Mattscheibe, sind gestandene Frauen, die wissen, was sie tun.

Und ich habe die Hoffnung, dass sich da etwas ändern wird in den nächsten Jahren – der Technik sei Dank. Einen Porno zu drehen, kostet heute nicht mehr die Welt. Das macht Frauen, die sich dafür interessieren, unabhängig von männlichen Geldgebern. Ich freue mich schon mal auf die Verfilmung von "Zwei Nüsse für Aschenbrödel".

 

Warum Vampire ganz ohne Sex tolle Liebhaber sind und wieso Frauen wieder zu kleinen Mädchen werden und feuchte Höschen kriegen, wenn wir die blutleeren Saugerlinge auf der Leinwand sehen, dazu mehr in der nächsten Kolumne.

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Sophie Andresky, die erfolgreichste Porno-Autorin Deutschlands, schreibt seit März 2009 Kolumnen für den Joyclub.

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Kommentare

Ich wüßte da einen...

ist aber eher ein "Film mit sehr explizit gefilmten Nahaufnahmen und Sexszenen" *g*

Heißt "9 Songs" von Michael Winterbottom. Da er FSK 16 ist, kein Hardcore. Aber ich persönlich brauche auch eher scharfe Situationen als herumbaumelnde Hodensäcke und Gejaule *g*

Der Film bietet (für meinen Geschmack) gute Musik und erotisch geladene Szenen, etwas zu dünne Schauspieler und eine anturnende Geräuschkulisse (nicht dieses billig nachvertonte Stönen). Und sogar eine Story!

War in den letzten Jahren für micht wohl der beste Film in der Richtung. Ansonsten gehe ich mit der Kolumne doch sehr konform.
juhu

Hätte auch intresse an einem Pornodreh, wenn mich jemand haben will als darsteller, soll er mich einfach anschreiben.

Ok, sorry - dann habe ich Dich missverstanden fesselnd.
Stimmt und stimmt nicht

Ich kann es mir momentan auch noch nicht vorstellen, dass ein und dieselbe Person z.B. Sonntagabend um 20:15 Uhr in der ARD als Tatort-Kommissar(in) zu sehen ist, und auf einer Porno-DVD genüsslich vögeln sehen kann. Aber genau so was würde mich anspitzen.

Es wird wohl sehr darauf ankommen, wie gut der Film gerät, ob ein/e Darsteller/in danach "verbrannt" gilt. Wenn man bedenkt, wieviele Schauspieler die unsäglichen Schulmädchensoftpornos beruflich überlebt haben- oder auch die In der Lederhose jodelt was- Zumutungen, kann es sogar sein, dass ein Filmerfolg einen Karriereschub bewirkt. Sicher, Tagesthemensprecher/innen werden sie nicht werden können.

Wenn man sich durch Google schlau macht, stößt man auf eine Reihe erotischer Stoffe, die nur darauf warten, in Filme gegossen zu werden. Aber dazu bedarf es mutiger Regisseure und unverbrauchter Gesichter/Körper. Ich persönlich finde Filme wie 9 1/2 Wochen, Eyes wide shut und auch Die Geschichte der O viel anregender als jeden Rammelporno.
Antwort

Das ist doch Quatsch! Nur weil jemand auf harte Pornos steht, muss er deshalb nicht niveauloser oder weniger anspruchsvoll sein.

Natürlich ist das Quatsch, das habe ich auch nicht so geschrieben, das hast du nur so gelesen. Ich habe davon geschrieben, dass es zwischen den einseitigen Pornoliebhabern und den Erotikgenießern ein sehr breites Interessenfeld gibt, das durchaus mal von dem oder jenem etwas nimmt. Ich habe weiter geschrieben, dass ich das Pornofeld mehr als ausreichend beackert sehe, es aber an Erotikfilmen für Genießer fehlt. Woraus sich diese oder jene rekrutieren, steht da nicht, kann da nicht stehen, weil ich zu differenzieren gelernt habe und weiß, dass das richtig ist, was du schreibst.

Mir geht es nur um die Hoffnung, dass es künftig mehr erotische Filme geben wird. Die Vollzugsfilme stören mich dabei nicht. Die Produzenten werden wissen, ob sich die noch lohnen. Zusammengefasst: es geht nicht um entweder- oder, sondern um sowohl als auch.
Mengenlehre

Es gibt jede Menge Schauspielerinnen und Schauspieler und wahrscheinlich auch eine stattliche Anzahl von PornofilmdarstellerInnen.
Aber für einen für mich guten Porno, wie ich ihn weiter oben beschrieben habe, werden DarstellerInnen gebraucht, die beides in Einem sind, Schauspieler und Pornodarsteller. Also die Schnittmenge. Und genau das wird auch das Hauptproblem sein. Ich vermute, dass diese Schnittmenge verschwindend klein ist.
Ich kann es mir momentan auch noch nicht vorstellen, dass ein und dieselbe Person z.B. Sonntagabend um 20:15 Uhr in der ARD als Tatort-Kommissar(in) zu sehen ist, und auf einer Porno-DVD genüsslich vögeln sehen kann. Aber genau so was würde mich anspitzen.

Damit ich richtig verstanden werde, möchte ich hier den für mich bestehenden Unterschied zwischen den Begriffen Erotikfilm und und Pornofilm erläutern: Jeder für mich guter Pornofilm ist auch ein Erotikfilm, aber nicht jeder Erotikfilm ist ein Pornofilm. Das heißt, gute Pornofilme sind eine Untermenge der Erotikfilme.
Gute Erotikfilme sind nicht zwingend FSK18, im Sommer zeigt z.B. das ZDF traditionell, montags am späten Abend, teils sehr gute FSK16 Erotikfilme, die mich mehr erregen, als die stumpfsinnigen Rammelfilme.
Ein Pornofilm, so wie ich ihn gerne hätte, müsste so ähnlich sein wie die erwähnten FSK16- Erotikfilme, mit dem Unterschied, dass sie FSK18 sein sollen, das heißt, mit allen Details und die entsprechenden Sex-Szenen sollen nicht gestellt sein, sondern echt, sodass die DarstellerInnen echten Spaß daran haben.

bildung und sozialer status haben eben nichts mit der sexuellen ausrichtung zu tun. die ist doch irgendwie anders entstanden sowie uns bekannt ist.

@ fesselnd: Sorry, aber das klingt geradezu so wie "Es gibt eben das blöde "Bauer sucht Frau" Publikum, welches anspruchslos genug ist, um diese blöden Rammelpornos zu schauen, und das "Gourmet-Öffentlich-Rechtliche-Publikum", das anspruchsvoller ist...".

Das ist doch Quatsch! Nur weil jemand auf harte Pornos steht, muss er deshalb nicht niveauloser oder weniger anspruchsvoll sein.

Genauso wie es Manager, Proffessoren und Wissenschaftler gibt, die auf SM stehen und Bauarbeiter, Straßenkehrer und Müllmänner, die nur auf Kuschelsex abfahren.

Hat doch damit nix zu tun...

(Hierbei sei auch wieder erwähnt: Müllmänner sind nicht als weniger niveauvoll als Manager anzusehen).

Schöne Kolumne, wie immer.
Die Frage wäre doch mal: wie soll denn nun der perfekte Frauenporn aussehen? Wäre mal nen Thread wert...
empfehlenswerter Pornofilm

Der einzig schöne Pornofilm ist "Illumination". Er besticht durch seinen Schnitt, der der Musik und dem Herzschlag des Betrachters folgt. Auch die Darsteller sind sehr ästhetisch. Äußerst sehenswert; ein Evergreen.
BG
P&PII

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