In dieser Kolumne erklärt uns Sophie Andresky, warum Pornos Märchen für Erwachsene sind, wieso viele Frauenpornos nicht wirklich prickeln und sie fragt sich ernsthaft, warum der Feminismus den Pornofilm an sich so verteufelt. Vorhang auf für:

Zwei Nüsse für Aschenbrödel
Eigentlich ist das ja allen klar: Die kleinen Menschen, die sich im Fernseher bewegen, die sich in schleimige Monster verwandeln oder in zwei Stunden vom Pummelchen zur Primaballerina werden, die andere Menschen mit Strahlenkanone abmurxen oder mit tadellos sitzender Fönwelle ohnmächtige Kinder aus brennenden Häusern retten: Diese kleinen Helden und Schurken sind gar nicht echt. Das sind nur Flimmerpunkte. Bei Spiderman und Miss Marple ist das auch Feministinnen völlig klar.
Wieso aber bei Pornos nicht? Wieso führen sich die Sittenwächterinnen hier auf, als sähen sie das real life? Oder zumindest eine Doku? Da wird das Frauenbild angeprangert und die hedonistische Beziehungskultur verteufelt und in nicht enden wollenden Argumentfluten darauf hingewiesen, dass Sex ja in Wirklichkeit etwas ganz anderes sei.
Pornos, Märchen für Erwachsene

Liebe Feministinnen: Pornos sind keine Produkte investigativer Journalisten. Günter Wallraff hat da Sendepause. Und das ist auch nicht die Wim-Wenders-Retrospektive, zu viel Kunst wäre abträglich, immerhin soll man sich beim Betrachten auf seine "niederen" Triebe konzentrieren können.
Pornos sind Märchen für Erwachsene. Nicht mehr und nicht weniger. Hänsel und Gretel, die sich im Wald anknuspern oder von der Hexe einen Maiskolben hineingeschoben bekommen. Nicht immer ist das schön anzusehen, die allermeisten Pornos sind unterirdisch schlecht gemacht und ästhetisch indiskutabel. Und, ja: Das Frauenbild ist furchtbar und die Drehbücher und "Storys" zum Weglaufen. Jede Lungenkrebswarnung auf einer Zigarettenschachtel finde ich amüsanter und erregender als den Anblick, wenn Manni sich geifernd in den Tigertanga greift.
Aber: Auch der Hulk wird im echten Leben gar nicht wirklich grün, sobald er sich ärgert. Und die Frau, die im Porno so rumwimmert und schreit, die wimmert und schreit nächste Woche bestenfalls, wenn sie Glück hat und Karriere macht, als Unfallopfer in einer Krankenhaus-Soap. Und ihr Arbeitskollege, der dürftig bekleidete Fernfahrer, der ist gar nicht so ruppig, wenn er abends zu seiner Frau heimkommt. Wahrscheinlich sagt er viel mehr zu ihr als nur "auf die Knie du Schlampe!" Vielleicht sagt er so etwas wie "Schatz, ich hab wieder tausend Euro beim Rudelbums in Tschechien verdient, jetzt können wir die kleine Maren-Thekla zum Klavierunterricht anmelden."

Ein Märchen lebt eben davon, dass manche Sache überzeichnet und unrealistisch sind, dass man Wunschvorstellungen sieht oder auch nur Bilder, die den Schwanz hart und den Kitzler juckelig machen, auch wenn man sie selbst billig und geschmacklos findet. In meinem Kopf passieren viele geschmacklose und politisch unkorrekte Sachen, aber solange es mich geil macht, denke ich es weiterhin.
Und natürlich hat Porno mit Sex ganz oft gar nicht mehr viel zu tun – jeder, der mal Sex hatte, weiß das. Man sieht, dass die Mösen nicht feucht und die Schwänze nicht hart sind. Wenn eine Frau bereits zehn Minuten lang Geräusche macht wie ein Dudelsack, würde ich als Mann erwarten, dass die Dame so langsam mal kommt, aber nein, das geht immer weiter. Diese Pornoszenen sind so dermaßen ermüdend lang, dass ich kaum eine jemals zu Ende gesehen habe. Ich besorge mir meinen Orgasmus und schalte um auf die tausendste Wiederholung von "Die Nanny", was immer noch besser und unterhaltsamer ist als "Miezen lassen sich die Muschis mörsern Teil IV".
Pornoland ist in Männerhand

Jetzt sollte man doch meinen, der Grundsatz "mach’s dir selbst, dann machst du es auch richtig" gelte auch für die Pornofilmindustrie. Im Bett haben wir Frauen es längst kapiert. Während er hingebungsvoll und hart fickt, fassen wir uns zärtlich oder wie immer wir es auch wollen an den Kitzler, und dann klappt das alles.
Aber bei Pornos engagieren sich kaum moderne, feministische, selbstbestimmte Frauen. Pornos überlassen wir den Männern, die es ja offenbar nicht können. (Und bevor hier ein Aufschrei durch die Reihen geht, fordere ich Beweise! Nennt mir einen, nur einen einzigen richtig guten, saugeilen, toll gemachten Pornofilm! Mailt mir, schickt mir Briefe, Links und Tapes und ist ein annehmbarer dabei, werde ich Werbung dafür machen, wo immer ich kann!).
Frauenpornos und sexy Unterhaltung ... ein Widerspruch?
Was könnten feministische Pornos schön sein: Attraktive Frauen mit einem IQ über Taillenumfang ficken gut gelaunt mit netten Männern, lassen sich lecken, bis sie kommen, befingern, wo es schön ist, und behaupten nicht, dass es supermegageil sei, einen Dildo abzulutschen, den sie kurz vorher noch im Enddarm hatten. Das Ganze in schöner Kulisse mit vernünftiger Musik. Leider wird so etwas nicht gemacht.
Nicht dass es keine Pornos von Frauen gäbe. Letztes Jahr wurde sogar in Berlin der erste "feministische Pornofilmpreis" verliehen: "Die Auster". Und der Ansatz dieser feministischen Pornos ist ja auch wirklich gut gemeint: Alle am Set sollen einverstanden sein, safe soll es sein, niemand darf ausgebeutet werden, verschiedenste Frauenbilder sollen vorkommen, kein Leistungsdruck, keine Schwanzparade. Prima. Allerdings wären wir da wieder beim Märchen. Denn es wäre schon schön, wenn das, was man auf der Leinwand sieht, auch schön wäre. Um hässliche Menschen zu sehen, wie sie keinen geilen Sex haben, schalte ich doch keinen Film an.

Was gab es da alles zu bestaunen in diesen feministischen Pornos: jede Menge schlaffe Schwänze (hat man doch genug zu Hause), ebenso viel Cellulite bei den Darstellerinnen (hab ich auch selbst, brauch ich nicht im Kino), Sex mit schwulen Männern in einer öffentlichen Toilette (was Regisseurin Petra Joy daran geil findet, werde ich nie verstehen, und warum sie abblendet, wenn es endlich mal heiß wird, auch nicht. Und dieses ständige Gestreichel mit Federn und das Sich-Räkeln auf Laken, das nervt!). Außerdem gab es zwischen den abturnenden Sexszenen viele Diskussionen über Emanzipation und Unterdrückung. (Diskussionen im Bett? Never ever! Nichts ist lusttötender. In meinem Schlafzimmer ist jeder Wortbeitrag außer Dirty Talk und atemlosem Gegurre unerwünscht).
Die Sexfeindlichkeit im Feminismus verhindert gute Pornos
Aber auch diese Veranstaltung wurde nicht von allen Frauenbewegten abgesegnet, denn weite Teile verteufeln schon das Ding an sich. Wo "Porno" draufsteht und nackte Brüste schaukeln, ist für diese Fraktion prinzipiell Böses drin.
Diese Sexfeindlichkeit im Feminismus werde ich nie verstehen. Was ist denn geworden aus "Wir holen uns die Nacht zurück?" Die Alternative zu doofen Männerpornos sind doch nicht gar keine Pornos, sondern bessere Pornos. Schließlich haben wir Frauen auch Augen. Und die Verbindung zwischen Pupille und Pussy ist auch bei uns gewachsen. Für richtig gute Frauenpornos braucht es aber keine verschämten Mädchen, die sich verwegen vorkommen, wenn sie in Sexshops auf die rosa Marketingmasche reinfallen und "Sex and the City"-CDs, glitzerndes Duschgel, possierliche Raupendildos oder Vibratoren in Blümchenform kaufen. Was wir brauchen für die Revolution der Mattscheibe, sind gestandene Frauen, die wissen, was sie tun.
Und ich habe die Hoffnung, dass sich da etwas ändern wird in den nächsten Jahren – der Technik sei Dank. Einen Porno zu drehen, kostet heute nicht mehr die Welt. Das macht Frauen, die sich dafür interessieren, unabhängig von männlichen Geldgebern. Ich freue mich schon mal auf die Verfilmung von "Zwei Nüsse für Aschenbrödel".
Warum Vampire ganz ohne Sex tolle Liebhaber sind und wieso Frauen wieder zu kleinen Mädchen werden und feuchte Höschen kriegen, wenn wir die blutleeren Saugerlinge auf der Leinwand sehen, dazu mehr in der nächsten Kolumne.



