Sophie Andresky liebt Erotik. Auch und vor allem jene fürs Hirn. Dementsprechend machte sie sich einmal Gedanken über die Erotik in den verschiedensten medialen Erscheinungsformen. Was kickt das Kopfkino, was lässt den Vorhang fallen?
Geil oder Künstlerisch?

Man kann nicht immer nur ficken. Manchmal braucht man mehr fürs Herz oder fürs Hirn. Im ersten Fall hilft der Partner, die beste Freundin oder das Haustier und im zweiten der Kulturbetrieb. Bildende Kunst finde ich wunderbar, auch Kino, Oper, Bücher oder Fernsehen, und Berlin ist ja göttinseidank eine Stadt, in der man sich fast rund um die Uhr amüsieren kann – was gut ist, wenn man einen Job mit relativ freier Zeiteinteilung hat und einem die Provinzkultur vorkommt wie der Bällepool im Ikea-Kinderparadies.
Problematisch wird das Angebot dann, wenn mich ab und zu das Verlangen packt, meine Leidenschaften zu vermischen und ich mich auf die Suche nach erotischer Kultur oder Unterhaltung begebe. Denn es sieht doch so aus: Entweder ist ein Roman, ein Film, ein Gemälde oder ein Foto geil – oder es ist künstlerisch gut. Beides geht irgendwie nicht zusammen.
Sobald es zu ambitioniert wird, schaltet sich das Oberlehrer-Hirnareal an und reflektiert vor sich hin, und dann ist nicht genug Blut übrig für die Muschi einige Etagen tiefer. Das Hirn ist eben nur dann das größte Lustorgan des Menschen, wenn es ans Vögeln denkt. Ein Gehirn, das über Zwölftonmusik nachdenkt, läuft vielleicht heiß, den dazugehörigen Körper lässt das aber kalt.
Erotische Malerei – stimulierend oder nicht?
Selbst bei einem von mir so geschätzten Künstler wie z.B. Jan Saudek, der sich explizit für sexuelle Themen interessiert und die auch sehr drastisch verarbeitet, gehen Kunstgenuss und Lust nicht zusammen. Künstlerisch finde ich ihn großartig, bewegend und sogar erregend. Bloß masturbieren könnte ich vor seinen Werken nicht.

Das Erotikmuseum in Hamburg hängt voller toller Bilder, nackte Maiden auf Kanapees, Paare in Lack und Leder, Fotos vom letzten Sodomie-Selbstversuch, manches ist richtig gut. Aber feucht wurde ich erst, als mein Date, eine befreundete Kunsthistorikerin, die mir eine Privatführung versprochen hatte, sich eng hinter mich stellte und mir vorschlug, gemeinsam auf der Besuchertoilette zu verschwinden, um ein bisschen zu fingern.
Ganz schlimm finde ich erotisches Kunsthandwerk. Wie viele Vagina-Abdrücke in Gips, Fimo oder Schokolade muss ich noch sehen? Muss wirklich jeder, der einen Pinsel oder ein Airbrushgerät besitzt, Bodypainting betreiben und Blütenkelche auf Brüste sprühen? Bilder, die auf Motorhauben von Trucks knackig aussehen, wirken auf Gertruds Hüftgold eher teigig. Nichts gegen die VHS, aber die Kunstkurse sind doch was für Menschen, die zu Hause niemanden zum Schnorcheln haben.
Von der Erotik bewegter Bilder
Dann lieber ins Kino. Ein Film wie "Shortbus" (den verschenke ich dauernd an Freundinnen und tolerante Paare) ist eine echte Entdeckung, macht mich aber trotz der Hardcore-Fickszenen und der wirklich originellen Einfälle nicht wirklich an. Und die sexy TV-Produktionen gehen einfach nicht weit genug.

Meine absolute Number One ist zur Zeit die rattenscharfe und extrem lustige Serie "Californication", in der David Duchovny, den wir früher schon bei seiner "Akte-X"-Ufojagd angesabbert haben, die Rolle seines Lebens spielt und den versoffenen sexsüchtigen Autor gibt. Von weiblicher Ejakulation bis zum Analbleaching wird hier alles angesprochen, was Sex and the City nicht zu sagen wagte. Und Mr. Duchovny ist dermaßen heiß, dass man ständig "nimm mich" rufen und sich am Bildschirm schubbern möchte.
Auch sehr schön: "Queer as folk". Leider schwul. Also leider für mich, denn die Sexszenen sind mit das Beste, was ich im FSK-16-Bereich je gesehen habe. Warum kriegen Heterofilme so was nicht hin?
Seiten voll knisternder Erotik
Bücher dagegen können das. Da gibt es Romane, die sind nicht nur genial geschrieben, sondern auch wirklich masturbationstauglich. An dieser Stelle danke ich Philip Roth für jedes Buch, das er je geschrieben hat, und drücke ihm beide Daumen, dass er endlich den längst überfälligen Nobelpreis bekommt.
Wahrscheinlich ist das aber nicht, denn wenn die Kommission seine Romane aufklappt und liest, wie ein Held abwechselnd mit einem Stück roher Leber und den BHs seiner Schwester masturbiert, gefolgt von der göttlichen Szene, in der ein anderer Held mit der Hämorrhoidencreme auf dem Toilettensitz eines Teenagers onaniert, gefolgt von der Szene, in der ein weiterer Held ausnahmsweise gar nicht onaniert, sondern sich stattdessen in eine riesige weiche Frauenbrust verwandelt, dann fehlt der schwedischen Akademie dafür wohl nicht nur der Humor, sondern auch das Verständnis.
Musik ist Sex!

Und Musik ist ein ganz heißes Pflaster. Lesen kann man immerhin allein, Musik muss sich der Partner mit anhören, zumindest wenn man sie beim Sex laufen lässt, denn währenddessen Kopfhörer zu tragen, wäre nicht nur unbequem, sondern echt strange. Musik direkt beim Vögeln stört sowieso mehr, als sie nützt. Da möchte ich nur Gestöhne hören und das Geschmatze der Geschlechtsorgane.
Aber vorher, beim Knutschen oder Fummeln, liebe ich hauchende, suizidal lüsterne Frauenstimmen mit lethargischer minimalistischer Musik, Sophie Hunger singt so was, Cat Power, Angela McCluskey oder Melody Gardot. Und während ich zerfließe vor Hingabe, windet sich mein Liebster, bis er es dann nicht mehr aushält und sagt "Mach endlich die Whiskasdose auf, damit sie aufhört zu miauen." Und die magische Stimmung ist futsch.
Was noch erotisch sein kann …
Was den Körper anmacht, ist eben weniger das Geistvolle, sondern meistens ein anderer Körper, also sollte man kunstvolle Massagen vielleicht mit in diese Sammlung von erotischer Unterhaltung aufnehmen.
Auch eine sehr gelungene erotische Kunstform ist für mich ein guter Strip, ein Lapdance, auch eine Kautschuknummer, wenn sie nicht so freakig ist, dass mir solidarisch die Bandscheiben rausspringen beim Zusehen, und vor allem natürlich Burlesque, denn da wird es außer nackt und heiß auch noch witzig. Immer sehenswert sind z.B. die Revuen in der "Kleinen Nachtrevue" in Berlin, die eine Mischung aus buntem Theater, nackten Tatsachen und Hinterhofcharme bieten.

Amüsant finde ich das Hobby, das ich mir vor einiger Zeit zugelegt habe, wobei ich bisher noch niemanden getroffen habe, der diese Leidenschaft teilt. Ich sammle nämlich Dinge, die wie erotische oder obszöne Kunst aussehen, es aber nicht sind.
Angefangen hat alles mit einem geerbten Buch, bei dessen poetischem Titel "Die Stute Deflorata" ich an einen Porno dachte, bis sich dann herausstellte, dass es wirklich bloß um ein Pferd geht. Meine neueste Errungenschaft ist eine kleine Metallplatte, aus der zwei Brüste herausgestanzt sind. Sieht aus wie ein Busenobjekt zur Verlustierung, ist aber eine Votivgabe, also ein Objekt, dass man z.B. im katholischen Wunder-Mekka Lourdes an die Mauer nageln kann, zum Dank dafür, dass ein Gebrechen genau dieses Körperteils durch ein Wunder geheilt wurde. Eine Votivgabe in Mösenform suchte ich bisher vergeblich.
Ich jedenfalls werde weiterhin pilgern, durch die Museen, über Flohmärkte und in Stripclubs, an die stiefmütterlich aufgestellten Erotikregale im Buchhandel und zu Poledanceworkshops, denn Anregung kann man nie genug haben. Auch mehr Hirn ist immer besser. Und mehr Sex sowieso.
Man kann sich ja vieles vornehmen, aber meistens bleibt doch alles beim Alten. Das kennt jeder, der schon mal versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören oder mit Sport anzufangen. Gute Vorsätze funktionieren nicht. Was ist, wenn man sie im Bett fasst? Dazu mehr in der nächsten Kolumne.




