In diesem Artikel widmet sich unsere Kolumnistin Sophie Andresky der Erotik der Worte. Egal ob gesprochen, geschrieben, gestöhnt oder gekeucht, Verbalerotikerinnen wie sie lieben Worte und was man damit anrichten kann. Dass es aber auch mehr gibt, was erotisch ist, klammert Sophie natürlich - wie gewohnt - nicht aus.
Von der Erotik geschriebener Worte
Am Anfang war ein Satz: "Sie spreizte nun leicht ihre Schenkel, mein Finger glitt sofort in ihr heißes, nasses Fötzchen."
Ich war fünfzehn und fischte das Buch vom Wühltisch eines Supermarkts. Ich glaube kaum, dass ich es gezielt ausgesucht habe. Wahrscheinlich fand ich die Beschreibungen auf dem Umschlag vielversprechend: "erregend", "Detailgenauigkeit" und "Rotlicht-Szene". Ich war übrigens nicht nur Jungfrau, sondern dank einer katholischen Erziehung auch noch Orgasmus-unerfahren.
Der Roman, Puppentanz von Berndt Lang, entpuppte sich als schmierige Lebensbeichte eines Zuhälters, schlecht geschrieben, größenwahnsinnig, vulgär. Abends lag ich in meiner geblümten Bettwäsche und konnte es gar nicht fassen. Da kamen Worte vor wie "ficken" oder "Schwanz", und Menschen machten sich einfach so übereinander her, trieben es in fahrenden Autos auf der Landstraße oder zogen sich zum Sex Nylonstrumpfhosen an, bei denen sie den Zwickel herausgeschnitten hatten.
Eine Verbalerotikerin entdeckt sich selbst
Ich fand es unglaublich. Abstoßend. Erregend. Ich schwitzte. Meine Haut kribbelte. Und zwischen meinen Beinen wurde es so feucht, dass ich es fühlen konnte und die Knie aneinander rieb, um das Gefühl zu verstärken. Ich hatte zwar schon mal gehört, dass Freundinnen sich selbst anfassten, aber ich war eine Spätentwicklerin und außerdem eine große Theoretikerin. Noch heute weiß ich immer gern vorher, wie genau etwas funktioniert – sei es ein Kaffeeautomat oder eine neue Stellung im Bett. In punkto Solosex hatte ich nicht die geringste Ahnung.

Also ignorierte ich mein brennendes Gesicht, die zitternden Hände und das Ziehen im Unterleib. Ich duschte sogar kalt, aber selbst der Schmerz des eisigen Wassers auf meiner brennenden Haut verstärkte das Jucken und Klopfen zwischen meinen Beinen. Ich widerstand der Versuchung, zögerte es hinaus, der Druck in meinem Bauch stieg. Ich hörte mich atmen und fühlte mich bis zum Platzen geschwollen und wund an. Und dann traf mich auf Seite 66 dieser sicher nicht pulitzerpreisverdächtige Satz mit dem Fötzchen wie ein Keulenschlag (der Held befummelt übrigens gerade eine Dorfschöne in einer Diskothek): Da war es vorbei mit der Beherrschung und zu spät für Theorie.
Als ich mir den Slip auszog, mich mit dem Buch in der Hand nackt auf dem Bett ausstreckte, mir endlich zwischen die Beine griff und meine Finger zwischen die heißen seimigen Schamlippen glitten, wusste ich sofort, dass ich nie wieder darauf verzichten und auch nie wieder kalt duschen würde. Ich kam zum allerersten Mal in meinem Leben, und ich erinnere mich gut an das unglaublich befreiende, entfesselte Gefühl. Und an das Glück. Ich versuchte es ein paar Minuten später noch einmal, um zu sehen, ob es wirklich passiert war. Und dann noch einmal, um festzustellen, ob es auch mit den anderen Stellen des Buches klappte.
Zwischen den Orgasmen wurde mir eine Menge über mich selbst klar: Ich bin ein überaus sexueller Mensch. Ich muss nicht warten, wenn ich etwas genießen will, denn ich kann es mir selbst verschaffen. Und ich bin Verbalerotikerin, ich möchte Sex nicht nur erleben, ich möchte auch darüber sprechen, gerne beides gleichzeitig. Und ich will etwas schreiben, das bei anderen Menschen ähnlich intensive Erlebnisse verursacht.
Schreit eure Lust heraus!
Daran hat sich bis heute nichts geändert. Kaum etwas macht mich so sehr an wie Worte. Hören ist einfach eine extrem geile Sache. Jemand, der stumm wie ein Karpfen vor sich hin fickt und bei dem ich nur am erschlafften Penis merke, dass er gekommen ist, finde ich nicht wirklich spannend.

Und auch aus biologischer Sicht ergibt es Sinn, sich mal beim Mörsern zu mucken, wie die schottische University of St. Andrews und das Max-Planck-Institut in Leipzig herausgefunden haben. Die Forscher stellten fest, dass Schimpansenweibchen laute Paarungsrufe ausstoßen, um andere Männchen anzulocken, aber still bleiben, wenn Weibchen in der Nähe sind. Damit verbreiten sie effektiv ihr Erbgut und vermeiden Konkurrenzkämpfe – ein Zeichen für hohe soziale Intelligenz und ausgeprägte geistige Fähigkeiten. Und nicht nur Menschen und Affen, auch Löwen und See-Elefanten brüllen ihre Lust heraus. Und wer jemals rollige Katzen vor dem Fenster hatte, der weiß, wie markerschütternd sich das anhört.
Vom Tierreich mal abgesehen, macht es einfach Spaß, sich einmal nicht zu kontrollieren und einfach gehen zu lassen, egal ob man dabei wie eine rachitischer Dudelsack oder ein verendender Hamster klingt. Mund auf und immer raus damit. Ein "Jajaja mach’s mir" ist allemal ein besserer Soundtrack als die hundertste Kuschelrock-CD.
Was ist erotisch?
Natürlich gibt es noch viele erotische Dinge außer Dirty Talk, die ganz wunderbar sind. Gestrickte oder mindestens blickdichte Overkneestrümpfe, die von sehr schlanken Frauen ohne Strapse und ohne Höschen zu ganz zarten, vielleicht sogar durchsichtigen Hemdchen getragen werden zum Beispiel. Aufgekrempelte Ärmel bei nicht zu haarigen Männerunterarmen. Entrückt tanzende, flachbrüstige Frauen, die ihre Nippel mit Tape, Pfauenfeder oder Tassels bedeckt haben. Kleine Schweißtropfen, die an einem unglaublich heißen Tag mit brennender Sonne über meine Haut mehr rollen als fließen. Highheels oder eng geschnürte Korsetts tragen. Schwüle, suizidal gehauchte Musik von Morcheeba oder Cat Power.

Ein toller Duft wie Pure for Men von Jil Sander. Sexspielzeug wie den "Cone" oder biegsame, eher dünne Vibratoren. Fummeln im Freibad. Öl-Massagen. Das Keuchen eines Mannes an meinem Ohr, kurz bevor er kommt. Anthony Thet aus der X-Factor-Sendung, wenn er nicht singt und einfach nur schön und sexy ist. Der Moment, wenn ein Penis in meine Muschi eindringt. Geleckt werden natürlich. Gefickt werden keine Frage. Mehrere nackte Menschen, die um und übereinander knäueln. Und auch: ein ganz tiefer, unendlich privater und völlig uninszenierter Blick mit einem so simplen Satz wie "ich will mit dir schlafen."
Verbalerotischer Dirty Talk
Da sind sie wieder, die magischen Sätze. Auch das ist Verbalerotik. Einfach mal sagen, was Sache ist. "Deine Möse schmeckt gut", "ich seh gern zu, wie deine Nippel hart werden", "ich hab den ganzen Tag daran gedacht, dich zu ficken" oder auch nur "ich brauch das jetzt". Das ist pure Hexerei. Und dazu braucht es keine Krötenaugen, keine Spinnenbeine, Fledermaushoden oder Werwolfrotz. Nicht mal einen Zauberstab. Es darf auch vom Wühltisch kommen. Übrigens eigentlich ein geiles Wort.
Wieso man sich als Frau manchmal ein Abrakadrabra oder eine Kristallkugel wünscht, um zu verstehen, was eigentlich in ihm, dem Mann, vorgeht, dazu mehr in der nächsten Folge.





