Unsere Kolumnistin Sophie Andresky befasst sich erneut mit ihrem Lieblingsthema: Sex. Warum sie der Meinung ist, dass es durchaus angebracht ist, im Bett zu kritisieren, erfahrt ihr fortfolgend. Inklusive kleinen Tipps, was man an Kritik vorbringen darf und wo man sich lieber auf die Zunge beißen sollte …
Küssen bis zum Brechreiz

Ein schleimiger, unkontrolliert zuckender Octopus hatte sich an meinem Mund festgesaugt, und während einer der schlingernden saugnapfbewehrten Arme nach meinem Gaumenzäpfchen angelte und tief im Rachen Brechreiz verursachte, dabei hart vorstieß oder aber sich bis in die hintersten Winkel meiner Backentaschen in mir herumaalte, schien der Rest des wulstigen Weichkörpers meine Schneidezähne einzudrücken und noch mehr glibberig wabernde Gallertmasse zwischen meine Lippen zu pressen.
Es gab keine Zweifel: H. war der mieseste Küsser, den ich je hatte. Aber ich war zwölf und nicht restlos sicher, ob das, was er da anstellte, nicht vielleicht doch so sein musste. Später wusste ich, dass es auch anders geht! ... Und heute würde ich das wohl auch äußern. Eigentlich.
Die Äußerung von Wünschen beim Sex ist immer angebracht!

Theoretisch finde ich, dass man sich und seine Wünsche mitteilen sollte, aber in der Praxis ist es dann ganz schön schwierig, Kritik zu äußern und wegzustecken. Vor allem beim Vögeln, denn da ist man ja nicht nur körperlich nackig.
Zunächst einmal bringt Kritik ja durchaus positive Dinge mit sich: Erstens zeigt sie, dass der andere Mensch und diese Sache zwischen uns mir wichtig ist. Wäre es mir wurscht, würde ich einfach "bäh, eklig" schreien, mich auf den Hacken umdrehen und wegrennen, und genau das habe ich bei dem Krakenküsser auch getan. Wenn einem der andere aber etwas bedeutet, muss im Bett verhandelt werden.
Neuer Tag, andere Vorlieben im Bett …
Konkrete Anweisungen wie "höher/tiefer/schneller", die direkt beim Sex kommen, sind überhaupt keine Kritik. Da sind Diskussionen nicht angesagt. "Schneller" ist eine Botschaft ohne Subtext und jede Art von Antwort lähmt den sexuellen Flow. Nichts ist schlimmer als ein Mann, der mitten im Cunnilingus pikiert zwischen meinen Schenkeln auftaucht und eine Grundsatzdiskussion beginnt.
Ich weiß ja nicht, wie das bei Männern ist, aber bei mir ändert sich das sexuelle Empfinden durchaus. Es gibt Tage, da muss man meine Klitoris nur anatmen und sie ist schon bis aufs Äußerte gereizt, und an anderen Tagen will sie gerubbelt, gesaugt oder massiert werden. Früher fand ich es toll, in tiefen langen Stößen gefickt zu werden, in letzter Zeit mag ich es lieber in kurzen schnellen am Möseneingang. Wer eine Partnerin braucht, die immer dasselbe fühlt, sollte sich eine zum Aufblasen besorgen.

Männer, die beleidigt sind, wenn ihre Partnerin einen Wunsch äußert, sind meistens auch nicht lernfähig. Und damit eigentlich unfickbar. Ich hatte mal ein Date, dem ich bei unserem ersten und einzigen Sex bestimmt fünfmal gesagt habe, dass ich es hasse, am Hals heftig geküsst oder saugglockenartig bearbeitet zu werden. Es hat ihn einfach nicht interessiert. Entweder weil sein Riesenego ihm flüsterte, dass ein wirklich kunstvoller Liebhaber auf jeden Fall vampirisch tätig zu sein habe, oder weil er es nicht wichtig fand, ob es sich für mich gut anfühlte. Es gipfelte schließlich darin, dass ich irgendwann zickte "nicht am Hals, verdammt" und er lamentierte, ich hätte gerade die ganze Romantik zerstört, und jetzt könne er nicht mehr. Ein weiteres Treffen hatte sich damit erledigt.
Sex ist höchst individuell
Sex, glauben viele, ist eine Sache, die man gemeinsam macht und bei der man sich so nah ist wie bei nichts sonst. Schön wär’s, aber je intimer es wird, desto individueller wird es auch und desto mehr unterschiedet man sich von dem struppigen Typen auf dem anderen Kopfkissen. Die Franzosen nennen den Orgasmus den "kleinen Tod" und sterben muss nun mal jeder allein. Gerade beim Orgasmus ist man ganz bei sich und meilenweit von allen anderen entfernt. Man kann miteinander vögeln, aber es ist nie derselbe Sex, es spielen immer zwei Pornofilme gleichzeitig. Sobald zwei Menschen an der Vögelei beteiligt sind, wird Sex zur Verhandlungssache.
Wer zu g’schamig ist, um über Sex zu reden, der ist eigentlich auch zu unreif, um welchen zu haben. Der soll in Frieden masturbieren, da muss er niemandem etwas erklären.

Für ein Schandmaul wie mich, das gern über Sex spricht, ist das lustvoll. Wenn mein Kitzler dreckige Worte hört, gibt er meist das Kommando zum Fluten des Höschens. Für alle, bei denen das nicht der Fall ist, arten Sex-Gespräche schnell in Stress aus. Paare, die eine eigene Sprache für die Dingens und das Zeugs untenrum haben, können auch entspannter darüber sprechen, was mit den Du-weißt-schon im Uuups zu tun ist. Und je präziser die Wortwahl, desto präziser die Aussage. Es nutzt ja nichts, wenn der Liebste sich Mühe gibt, aber einfach am falschen Ende arbeitet.
Dass man nett, vorsichtig und höflich bleibt, wenn man eine sexuelle Kritik überbringen möchte, und dass man auch versucht, sie möglichst positiv klingen zu lassen, versteht sich von selbst.
Der Fick-Verhandlungs-Knigge
Einige Punkte, die einen womöglich stören, eignen sich generell gar nicht für eine Manöverkritik. Ein kurzer Fick-Knigge:
Wenn etwas nicht umsetzbar ist, braucht es auch nicht erwähnt zu werden. "Früher waren meine Orgasmen bei dir heftiger" oder "Wenn dein Schwanz dicker wäre, würde ich am G-Punkt mehr spüren" - mag ja wahr sein, hilft aber niemandem.
Auch körperliche Makel, die nicht schmerzlos und schnell behoben werden können, sind tabu. "Schade, dass du zu schwach bist, um mich in die australische Beuteltierwiege zu heben" oder "leider bist du nicht gelenkig genug, den feuchten Seemansknoten zu machen" sind nur grausam, nicht effektiv.
Äußern darf man dagegen Rasurwünsche, Hygieneanmerkungen und Stylingvorschläge, und ich finde, dass der Partner da ein Mitsprachrecht hat. Wenn mein Liebhaber keinen Lippenstift mag, dann benutze ich keinen. Und wenn er Dessous sehen will, die ich unbequem finde, dann ziehe ich sie trotzdem an. Als Geschenk für ihn. Ich wiederum möchte, dass er sich die Fingernägel feilt und die Achselhaare rasiert.

Über Alterserscheinungen zu moppern, ist generell unsinnig, denn da lässt sich nun tatsächlich nichts machen. (und auch wenn die Fans von chirurgischen Maßnahmen mich jetzt steinigen: Operierte Gesichter sehen scheiße aus. Bockwurst-Lippen, Botox-Gummimasken und hinterm Ohr festgetackerte Schläfen sind nur gruselig. Und man sieht es auch immer, wenn dort geschraubt wurde.)
Wer es nicht erträgt, dass sein Partner altert, muss wohl auf langfristige Beziehungen verzichten und ausschließlich Zwanzigjährige jagen, solange sein eigener Rollator eben noch hinterherkommt, und die Gespielin natürlich alle zehn Jahre erneuern. Und nein, Männer werden im Alter optisch nicht interessanter. Ein Bierwanst ist nicht stattlich, sondern genauso fettig wie der entsprechende weibliche Schwabbelring. Eine rachitische Trichterbrust sieht nicht intellektuell vergeistigt aus, sondern hat dieselbe Dörrfleisch-Ästhetik wie bei dürren Frauen. Männer altern nicht schöner als Frauen. Und Geld macht auch nur dann attraktiver, wenn man es sich direkt vors Gesicht klebt.
Auch der Hinweis auf schönere oder potentere Ex-Beziehungen vermiest die eigene Partnerschaft. Jungs, kleiner Tipp am Rande: Wenn ihr eure neue Partnerin glücklich machen wollt, lasst einfach mal ganz nebenbei fallen, dass eure Ex weniger attraktiv war als sie. Bei Männern wiederum hilft der Kommentar, wie toll es ist, dass sie im Bett so auf eure Lust eingehen, gleich doppelt. Erstens freut sich ihr Ego, und zweitens steigt die Bereitschaft, den Kitzler-Curler zu perfektionieren.
Ich liebe deinen Geruch …
Aber nicht nur das männliche Ego macht Gespräche über Sex oft so unerfreulich, wir Frauen haben an dem ungemütlichen Gefühl auch einen Anteil.

Dass Männer aussehen, als hätten sie ein Stacheldrahtzäpfchen im Popo, sobald frau ein Gespräch über Sex ankündigt, mag daran liegen, dass wir Mädels meistens nur dann über Sex reden wollen, wenn irgendwas nicht stimmt. Dabei ist es das reinste Kokain für die erotische Beziehung, auch mal etwas Nettes zu äußern. Z.B. dem Liebsten zu beschreiben, wieso es eigentlich so sagenhaft geil ist, von ihm auf diese oder jene Art gefickt zu werden. Dass man ihn so gern keuchen hört beim Orgasmus. Wann hab ich denn das letzte Mal gesagt, wie schön ich seine Augen finde, wie sehr ich seinen Geruch liebe, dass ich mich danach sehne, seinen Finger im Arsch zu haben, dass ich mich bei ihm wohl fühle wie bei keinem anderen vorher, oder auch, dass der Sex mit ihm eine glatte 9,5 ist.
Nach so einer Hymne würde sich über die restlichen 0,5, die zum orgiastischen Jahrhundertfeuerwerk fehlen, doch bestimmt auch noch verhandeln lassen. Es sei denn, der Mann der Stunde entpuppt sich als Paul, das Krakenorakel. Dann hilft nur eine Harpune – oder die Friteuse.
Da nutzt weder Lob noch aufbauende Kritik: Wie soll frau denn in erotische Stimmung kommen, wenn das Gegenüber eine Mickey-Mouse-Krawatte oder gelbe Pullunder trägt? Der Beginn einer Beziehung ist auch immer ein Abschied von Teilen seiner Garderobe. Und dann, wenn wir endlich bestimmen dürfen, was er anzieht, fällt uns auf: Männer sexy zu kleiden ist gar nicht so einfach. Dazu mehr in der nächsten Kolumne.




