06.08.2009

Das Keuschheitsexperiment

Unsere Kolumnistin begab sich in den sexuellen Ausnahmezustand ...

Nach ihren Ausführungen zum Thema One Night Stands und den damit verbundenen Feldstudien der letzten Wochen verordnete sich unsere Kolumnistin Sophie Andresky selbst eine sexuelle Ruhepause - mit eher weltlichen denn bewusstseinserweiternden Nebenwirkungen.

No Sex please. Das Keuschheitsexperiment.

Unsere Kolumnistin entsagte erst den Männern ...
Unsere Kolumnistin entsagte erst den Männern ...

In dieser Kolumne wird nicht gefickt. Kein einziges Mal. Es gibt kein Gejauchze und Gestöhne, keine stahlharten Schwänze und heißen Muschis, nicht einen rosa Nippel, denn hier geht es um das große E: die Enthaltsamkeit.

Ich war ein bisschen rattig neulich, nicht schlimm, nicht dieses Gefühl, als würde die Klitoris zu einem Pavianhintern anschwellen, sondern nur so leicht erhitzt, ein bisschen kribbelig eben. Ich kniete vor meiner offenen Dessous-Schublade und überlegte, was man dagegen machen könnte: baden mit dem Vibrator-Quietscheentchen, mir auf youporn die neuesten Filme von Lesbengruppensex ansehen oder doch gleich das Adressbuch nach einem potentiellen und potenten Kandidaten absuchen.

Aber dann hatte ich plötzlich eine Idee: "Geh an deine Grenzen", wisperte es in meinem Kopf, "sammle eine völlig neue Erfahrung" oder auch "nimm die Herausforderung an, finde und reinige dich". Jetzt wurde mir die Stimme entschieden zu esoterisch. Schon vor den Esoterikregalen in Buchläden bekomme ich immer Beklemmungen, und Selbstgespräche vor offenen Dessous-Schubladen zu führen, ist ganz sicher nicht gesund. Vielleicht waren es schon die ersten Anzeichen des sexuellen Überdrucks im Hirn. Doch die Idee an sich klang interessant.

Was wäre denn, wenn ich einfach mal eine abstinente Phase einlegen würde? So eine Art sexuelles Heilfasten? Man liest das doch überall: ausmisten, einsparen, simplify your sex. Vielleicht packt mich ja die spirituelle Erleuchtung, wenn die Hormone mich bis zur Schädeldecke geflutet haben? Vielleicht kommt hinter der Suche nach Spaß, Befriedigung und Abenteuer ja das große weiße Licht? Vielleicht erscheint mir der Urmutter-Schoß? Die heilige kosmische Riesenmöse? Vielleicht gibt es dann auf die Vagina-Monologe endlich mal eine Antwort?

... dann dem Sex allgemein ...
... dann dem Sex allgemein ...

Bei mir dauerte der Zustand der freiwilligen Keuschheit seit meinem Dessous-Schubladen-Gelöbnis gerade mal zwei Wochen, als es so langsam qualvoll wurde. Spirituelle Einsichten hatte ich jedenfalls keine, und auch die große Muttergöttin hatte sich nicht in meinem Müsli manifestiert.

Das ist wie bei einer Diät. Nach zwei Tagen Kohlsuppe schmeckt selbst ein Pumpernickel himmlisch, und die Gedanken an Champagnertrüffel verfolgen einen bis in die Träume.
Plötzlich hatte ich Visionen von zwei Männern, die mir synchron die Kniekehlen leckten. Egal ob ich an der Gemüsetheke stand oder eine Zeitung aussuchte, ständig fühlte ich die beiden Jungs an meinen Beinen herumschlabbern.

Und ich erinnerte mich überdeutlich, geradezu plastisch, an die festen kleinen Brüste meiner Schulfreundin Sabine, die ich einmal im Freibad eincremen durfte, weil Sabine ihre Nägel frisch lackiert hatte. Und dann träumte ich mitten in der Teppichabteilung bei Ikea davon, meinen nackten Hintern auf diesem weichen wolligen Schafsfell zu schubbern.

Die demütigenden Anzeichen meiner Zwangsaskese wurden immer mehr: Bei der Merci-Reklame und dem dazugehörigen Schmacht-Song "Du bist der hellste Stern an meinem Firmanent" bekam ich feuchte Augen und fand diesen Spot plötzlich ganz ehrlich und unironisch romantisch. Dann entdeckte ich in der zu engen und immer fleckigen Jeans meines streng müffelnden Nachbarn plötzlich einen ganz niedlichen Po. In der Kaufhaustoilette fühlte ich mich irgendwie erregt, als ich auf dem Türstopper den Aufdruck "Bumsinchen" entdeckte (das steht da wirklich), und im Auto fing ich an, bei dem Wort "Verkehrskollaps" aus dem Radio grenzdebil zu kichern.

Schließlich hatte ich sogar peinliche Träume von Männern, die ich nur aus dem Fernsehen kenne und die ich überhaupt gar nicht kein bisschen attraktiv finde. Ich erwachte schweißnass aus einer wilden Tiefschlaf-Orgie mit Kurt Felix und Ross Antony – jaaa ich weiß, dass der schwul ist und gern mal im Dschungel Känguruh-Anusse verspeist, aber mein Traumhirn wusste das offenbar nicht.

Wo blieb sie denn, die Euphorie, die Endorphinflutung, auf die ich immer schon vergeblich warte, wenn ich fast auf dem Crosstrainer im Fitnessstudio kollabiere? Ich hatte doch so viel vor: Ich wollte mindestens viermal zum Cycling gehen, den Bettwäscheschrank sortierten, endlich mal vegan kochen, den Papierstapel auf dem Schreibtisch abheften und den Keller aufräumen.

... und am Ende lebte sie fast wie eine Nonne ... mit verheerenden Folgen!
... und am Ende lebte sie fast wie eine Nonne ... mit verheerenden Folgen!
 

Stattdessen fühle ich, egal, ob ich sitze, gehe oder stehe, die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen wie ein sumpfiges Biotop voller geiler Kleinstlebewesen. Mein Denken hat sich völlig auf meinen Unterleib reduziert.

Sex ist normalerweise ein fester Bestandteil meines Lebens, er ist da wie mein morgendlicher Milchkaffee und der Arztserien-Marathon am Mittwochabend. Ich schätze ihn als Entspannung und Kraftreserve, als eine Art Red Bull für Hirn und Gemütshaushalt, denn nach Orgasmen kann ich mich bestens konzentrieren, und meine Mitmenschen schätzen meinen anschließenden Liebreiz, denn gut gefickt bin ich immer besonders nett.

Aber jetzt ist es keine Kribbeligkeit und keine Hitze. Das ist kein Verlangen. Das ist Gier. Ich hasse Psychoexperimente. Was nicht kaputt ist, soll man auch nicht reparieren. Vor fünfzehn Tagen war ich noch eine sexuell aktive, zufriedene Frau. Jetzt bin ich eine hormongeflutete Furie. Dieser Sexentzug simplyfied mein Leben überhaupt nicht. Wenn ich die geborene Asketin wäre, wäre ich als Dalai Lama geboren worden. Dann hätte ich allerdings auch seine Frisur und seine Lache, und das kann wirklich niemand wollen.

Also werde ich jetzt das tun, was ich am besten kann: mich dem Genuss hingeben. Knutschen, fummeln, rubbeln, lutschen. Ficken! Schluss mit simplify. Ich will es nicht einfach! Ich will es heiß, rattig, scharf und von mir aus kompliziert. Hauptsache, ich denke beim ersten Notstands-Masturbieren jetzt nicht mittendrin an Kurt Felix.

  • Twitter
  • Facebook
  • studiVZ
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit

Weitere Themen

Brainfuck
Unsere Kolumnistin fragt sich, was Männer an den Wichsvorlagen dieser Welt so faszinierend finden.

Den Mops im Angesicht
Unsere Kolumnistin hat das Warte- zimmer ihres Tierarztes als ideales Männerjagdrevier entdeckt.

Der Morgen danach
Alles über die größte Hürde nach voll- zogenem One Night Stand oder die Frage: Wieso bist du immer noch da?

Kommentare


Dachte früher wirklich nur die Männer sind so

Das denken auch heute noch ziemlich viele Frauen so...

Naja ich habe schon mal ganze 2 Jahre ausgehalten ohne sex !!!
Allerdings kannte ich zu der Zeit auch nicht wirklich die Selbstbefriedung und vom Orgasmus ganz zu schweigen .


Nun heute ist es so das ich jetzt ein halbes Jahr kein sex habe,
und lege schon des öfteren Hand an .
Aber das ist okay denk ich .
Aber auch bei mir ist es so ,wenn ich dann geil bin habe ich eben nur den Gedanken ,eben es mir halt zu machen .
Kann den ganzen Tag auch nix an was anderen denken .
Dachte früher wirklich nur die Männer sind so
zu ostern

ist eben nur eiersuchen angesagt..
Zu Ostern

vor einem Jahr hatte ich tatsächlich auch den verrückten Einfall, das Fasten mal nicht mit Schokolade oder Fleisch sondern Sex auszuprobieren. Frauen hatte auch gar nicht viel dagegen, was zeigte, daß sie wohl von vornherein von der Sinnlosigkeit des Unterfangens ausgegangen war.
Nun gut, es ging auch nur ungefähr elf Tage gut. Und in den letzten 8 davon konnte ich tatsächlich auch die omnipresente Rattigkeit nachvollziehen, die einem durch den Tag folgt, wie ein tollwütiger Fuchs. Es geht soweit, daß man beginnt im Kopf alles und jedes bespringen zu wollen, nur um irgendwann Erlösung zu finden. Spannend, interessant, aber nicht zur allzuhäufen Nachahmung empfohlen.
jawoll !!!!

boah, total nachvollziehbar..
lol
hab das mal unfeiwillig getestet und hatte 2 monate keinen sex, nicht mal annähernd... und habs dann auch mal getestet, mal nichts selber zu machen...
und hey.... ich hab auch immer und überall zu jeder noch so seltsamen lage an sex denken müssen und es überall gesehen gehört oder sonst was....
the real live *ggg*

grüße
gut zu lesen!

*lol*, wie im wahren Leben!
Habe mich köstlich amüsiert!

LG Leo
Prima,

und sehr bildlich geschrieben. Finde es nicht übertrieben sondern lediglich mal klar formuliert das auch Frauen Sex brauchen und diesen im Kopf haben *ggg*
Vielen Dank für diesen Bericht!!!

LG Luna
:))

Ein großes DANKE SCHÖN an die Autorin!
Bis zu diesem Jahr wusste ich gar nicht wasfür Auswirkungen es auf mein Leben hat wenn ich nicht so oft Sex haben kann wie ich will...
Seit Anfang des Jahres war ich aus gesundheitlichen Gründen nicht immer voll ausgelastet...mein Umfeld und insbesondere mein Freund meinten ich waere in diesen Phasen nur schwierig zu ertragen *engel*

Zwei Wochen ganz ohne können ganz schön lange sein, und dann mutiert Frau leicht zu Zicke. Darunter leiden die anderen genauso wie man selber, aber die Triebe und die Unzufriedenheit sind dann staerker.
Zum Glück hat jede Enthaltsamkeit (zwangsmaesig. oder freiwillig) mal ein Ende... *gg*

LG Lizzi
@yaelle

wow....über 3 Wochen ohne Essen.....Respekt!

War das Heilfasten?

So ein Entzug kann ganz gut das ganze System reset'ten, welcher Sache auch immer entsagt wird.

Ich konnte ganz gut lachen. Ich mag starke Übertreibungen in der Darstellung, das ist so schön Comic-mäßig, macht es leicht, Bilder entstehen zu lassen.

Eine Entsagung in dieser Hinsicht - sprich, völlige Ausklammerung jeder albernen Darstellung....etc... - hat bei mir nicht zu besserem Humor geführt. Es wird wohl auch Übungssache sein.

Es gibt sogar schon Lachseminare, die die Maxime fahren: "fake it, until you make it"

Wäre auch mal ein tolles Selbstexperiment: Ich tu so lange geil, bis ich es endlich bin - oder umgekehrt? ich bin so lange geil, bis ich es endlich tu (?)*rofl*

Irgendwie hab ich nicht wirklich gelacht. Mir ist es zu überspitzt, das Ganze...klingt zu sehr nach "witzig sein wollen"....von wegen Kurt Felix und so.
Zwei Wochen kein Sex? Meine Güte...wie kann frau SOWAS nur aushalten? *schock*...ja,ne...ist doch völlig klar, dass frau da nur noch schrubbelig, unzurechnungsfähig und dauerfeucht durch die Gegend wankt...nach ganzen ZWEI Wochen....*lol*
Oder...vielmehr...WIE könnte man nur sagen, dass das doch pillepalle ist, wenn man sein Gesicht (oder was auch immer man zeigen mag) auf der Sexplattform wahren will???*zwinker*
Na, egal. Ich finds pillepalle und ich finde die Darstellung der "Reaktion" der Verfasserin darauf klingt etwas zuuuu sehr nach Männerphantasie (schongut...nicht alle Männer*g*).....>>jaaaaa,endlich! Frauen sind ja auch sooooo geil wie wir...nein...noch besser:sie sind noch viel geiler, die kleinen Luder...<<*umpf*

Dasselbe über einen längeren Zeitraum dargestellt, etwas subtilerer Witz, weniger "ichbinsooogeiluuuhaaaah" wär netter und interessanter zu lesen....für meinen Geschmack zumindest.

hei, ich hatte schon über 3 Wochen ohne Essen. Irgendwann denkt man nimmer dran, das Gefühl, das zu brauchen geht verloren.
Vielleicht hätte der Zustand ja dann nach 15 Tagen auch beim Sexentzug eingesetzt.....*zwinker*

  • Neu hier? Kein Problem!