Nach ihren Ausführungen zum Thema One Night Stands und den damit verbundenen Feldstudien der letzten Wochen verordnete sich unsere Kolumnistin Sophie Andresky selbst eine sexuelle Ruhepause - mit eher weltlichen denn bewusstseinserweiternden Nebenwirkungen.
No Sex please. Das Keuschheitsexperiment.

In dieser Kolumne wird nicht gefickt. Kein einziges Mal. Es gibt kein Gejauchze und Gestöhne, keine stahlharten Schwänze und heißen Muschis, nicht einen rosa Nippel, denn hier geht es um das große E: die Enthaltsamkeit.
Ich war ein bisschen rattig neulich, nicht schlimm, nicht dieses Gefühl, als würde die Klitoris zu einem Pavianhintern anschwellen, sondern nur so leicht erhitzt, ein bisschen kribbelig eben. Ich kniete vor meiner offenen Dessous-Schublade und überlegte, was man dagegen machen könnte: baden mit dem Vibrator-Quietscheentchen, mir auf youporn die neuesten Filme von Lesbengruppensex ansehen oder doch gleich das Adressbuch nach einem potentiellen und potenten Kandidaten absuchen.
Aber dann hatte ich plötzlich eine Idee: "Geh an deine Grenzen", wisperte es in meinem Kopf, "sammle eine völlig neue Erfahrung" oder auch "nimm die Herausforderung an, finde und reinige dich". Jetzt wurde mir die Stimme entschieden zu esoterisch. Schon vor den Esoterikregalen in Buchläden bekomme ich immer Beklemmungen, und Selbstgespräche vor offenen Dessous-Schubladen zu führen, ist ganz sicher nicht gesund. Vielleicht waren es schon die ersten Anzeichen des sexuellen Überdrucks im Hirn. Doch die Idee an sich klang interessant.
Was wäre denn, wenn ich einfach mal eine abstinente Phase einlegen würde? So eine Art sexuelles Heilfasten? Man liest das doch überall: ausmisten, einsparen, simplify your sex. Vielleicht packt mich ja die spirituelle Erleuchtung, wenn die Hormone mich bis zur Schädeldecke geflutet haben? Vielleicht kommt hinter der Suche nach Spaß, Befriedigung und Abenteuer ja das große weiße Licht? Vielleicht erscheint mir der Urmutter-Schoß? Die heilige kosmische Riesenmöse? Vielleicht gibt es dann auf die Vagina-Monologe endlich mal eine Antwort?

Bei mir dauerte der Zustand der freiwilligen Keuschheit seit meinem Dessous-Schubladen-Gelöbnis gerade mal zwei Wochen, als es so langsam qualvoll wurde. Spirituelle Einsichten hatte ich jedenfalls keine, und auch die große Muttergöttin hatte sich nicht in meinem Müsli manifestiert.
Das ist wie bei einer Diät. Nach zwei Tagen Kohlsuppe schmeckt selbst ein Pumpernickel himmlisch, und die Gedanken an Champagnertrüffel verfolgen einen bis in die Träume.
Plötzlich hatte ich Visionen von zwei Männern, die mir synchron die Kniekehlen leckten. Egal ob ich an der Gemüsetheke stand oder eine Zeitung aussuchte, ständig fühlte ich die beiden Jungs an meinen Beinen herumschlabbern.
Und ich erinnerte mich überdeutlich, geradezu plastisch, an die festen kleinen Brüste meiner Schulfreundin Sabine, die ich einmal im Freibad eincremen durfte, weil Sabine ihre Nägel frisch lackiert hatte. Und dann träumte ich mitten in der Teppichabteilung bei Ikea davon, meinen nackten Hintern auf diesem weichen wolligen Schafsfell zu schubbern.
Die demütigenden Anzeichen meiner Zwangsaskese wurden immer mehr: Bei der Merci-Reklame und dem dazugehörigen Schmacht-Song "Du bist der hellste Stern an meinem Firmanent" bekam ich feuchte Augen und fand diesen Spot plötzlich ganz ehrlich und unironisch romantisch. Dann entdeckte ich in der zu engen und immer fleckigen Jeans meines streng müffelnden Nachbarn plötzlich einen ganz niedlichen Po. In der Kaufhaustoilette fühlte ich mich irgendwie erregt, als ich auf dem Türstopper den Aufdruck "Bumsinchen" entdeckte (das steht da wirklich), und im Auto fing ich an, bei dem Wort "Verkehrskollaps" aus dem Radio grenzdebil zu kichern.
Schließlich hatte ich sogar peinliche Träume von Männern, die ich nur aus dem Fernsehen kenne und die ich überhaupt gar nicht kein bisschen attraktiv finde. Ich erwachte schweißnass aus einer wilden Tiefschlaf-Orgie mit Kurt Felix und Ross Antony – jaaa ich weiß, dass der schwul ist und gern mal im Dschungel Känguruh-Anusse verspeist, aber mein Traumhirn wusste das offenbar nicht.
Wo blieb sie denn, die Euphorie, die Endorphinflutung, auf die ich immer schon vergeblich warte, wenn ich fast auf dem Crosstrainer im Fitnessstudio kollabiere? Ich hatte doch so viel vor: Ich wollte mindestens viermal zum Cycling gehen, den Bettwäscheschrank sortierten, endlich mal vegan kochen, den Papierstapel auf dem Schreibtisch abheften und den Keller aufräumen.

Stattdessen fühle ich, egal, ob ich sitze, gehe oder stehe, die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen wie ein sumpfiges Biotop voller geiler Kleinstlebewesen. Mein Denken hat sich völlig auf meinen Unterleib reduziert.
Sex ist normalerweise ein fester Bestandteil meines Lebens, er ist da wie mein morgendlicher Milchkaffee und der Arztserien-Marathon am Mittwochabend. Ich schätze ihn als Entspannung und Kraftreserve, als eine Art Red Bull für Hirn und Gemütshaushalt, denn nach Orgasmen kann ich mich bestens konzentrieren, und meine Mitmenschen schätzen meinen anschließenden Liebreiz, denn gut gefickt bin ich immer besonders nett.
Aber jetzt ist es keine Kribbeligkeit und keine Hitze. Das ist kein Verlangen. Das ist Gier. Ich hasse Psychoexperimente. Was nicht kaputt ist, soll man auch nicht reparieren. Vor fünfzehn Tagen war ich noch eine sexuell aktive, zufriedene Frau. Jetzt bin ich eine hormongeflutete Furie. Dieser Sexentzug simplyfied mein Leben überhaupt nicht. Wenn ich die geborene Asketin wäre, wäre ich als Dalai Lama geboren worden. Dann hätte ich allerdings auch seine Frisur und seine Lache, und das kann wirklich niemand wollen.
Also werde ich jetzt das tun, was ich am besten kann: mich dem Genuss hingeben. Knutschen, fummeln, rubbeln, lutschen. Ficken! Schluss mit simplify. Ich will es nicht einfach! Ich will es heiß, rattig, scharf und von mir aus kompliziert. Hauptsache, ich denke beim ersten Notstands-Masturbieren jetzt nicht mittendrin an Kurt Felix.




