Unsere Kolumnistin Sophie Andresky befasst sich diesmal mit dem Thema des ländlichen Sexes. Dabei outet sie sich letztlich als Stadtblümchen und zieht ein eher nüchternes Fazit in Bezug auf Sex zwischen Heuballen und dem ach so idyllischen ländlichen Liebesleben.
Potente Rammler, Landeier und die Erdanziehungskraft

Um die drängendste Frage zum Landleben gleich zu klären: Das Wort "Rammler" kommt vom mittelhochdeutschen "rammeln", was seit dem 11. Jahrhundert so viel wie "bespringen" bedeutet. Das verbindet den Hasen im Käfig mit der durchschnittlichen Landjugend, der außer nächtlichem Onanieren vor dem Plakat der Tätowiermesse auch nicht viel mehr erotischer Thrill geboten wird, sofern im Dorf nicht gerade Schützenfeiern stattfinden, auf denen man sich fühlt, als würde man einer Aufklärungskampagne gegen Inzucht beiwohnen.
An dieser Stelle muss ich ein Geheimnis lüften: Ich bin selbst ein Landei. Und wenn ich Sendungen wie "Bauer sucht Frau" sehe oder Zeitschriften durchblättere, die das ach so romantische Leben in der ländlichen Idylle anpreisen, dann frage ich mich, wie es nur angehen kann. Irgendwas Mysteriöses passiert, wenn Menschen sich den Vierzigern nähern. Alles sackt ein bisschen nach unten, die Brüste, die Eier, die Mundwinkel, die Hoffnung – und das zunehmend schlappe Herz zieht es aufs Land.
Das orgiastische Leben der Landbewohner?

Viele Städter glauben offenbar, dass sie sich, sobald die Namen auf den Ortsschildern immer länger und die Punkte auf der Landkarte immer kleiner werden, bloß noch eine Schubkarre und einen Golden Retriever kaufen müssen und schon erwartet sie eine Art erotischer Disneyfilm: Vor prasselnden Kaminfeuern geht die Post ab auf dem selbst erlegten Bärenfell und draußen treibt es die Rama-Maid mit einem kernigen Bauernburschen nach dem anderen im Gelände-GangBang. Im Heuschober wartet Lady Chatterleys Lover mit geöffnetem Schamlatz auf die nächste heißblütige Städterin und Wald und Wiese sind erfüllt vom orgiastischen Seufzen des tierischen Treibens.
Dabei kann ich aus Erfahrung sagen: Das Landleben ist ganz anders als im Werbeprospekt für Pärchenhotels.
Sicher hat ein Bett im Kornfeld seine Reize für einen Quickie, und auf einem Hochsitz von hinten gefickt zu werden, während unten die Rehe äsen, stelle ich mir durchaus malerisch vor, aber im Nirwana wohnen? Länger als ein Wochenende mit Halbpension? Wer will das? Und wer tut das freiwillig seinem Liebesleben an?
Die Wahrheit ist nämlich: Man hat nie seine Ruhe.
Liebesgrüße aus der Lederhose? Eine Illusion!

Zum Vögeln kommt man gar nicht und spätestens nach der dritten Woche besucht man neidisch die Ställe, um sich zu erinnern, wie das so war, als das eigene Leben noch hier und da hasige Momente hatte. Denn ständig schauen Leute vorbei. Entweder klingelt der Eierbauer, um in den Ausschnitt der Hausfrau zu sabbern, oder der Knecht mit dem schiefen Gesicht liefert das Heu und verständigt sich nur mit Grunzlauten und obszönen Gesten.
Der Schmied hämmert zwar mit freiem Oberkörper im Stall ein Hufeisen zurecht, aber statt ambossharter Muskelpakete schwabbelt die Schwarte und in seinem Schnauz brüten Kolonien von Parasiten, die bald auch seine Achselhaarbüsche bevölkern werden.
Die Messdiener, die sammeln kommen, sind bei aller libertärer Freizügigkeit nun wirklich zu jung, und der Tierarzt steckte bis vor wenigen Minuten noch bis zum Ellenbogen im Enddarm einer Kuh und erzählt das so begeistert, dass man den Eindruck nicht wegschieben kann, er habe das Muh-Fisting genauso genossen wie die buntgescheckte Dame Edna.

Und wenn die Leute nicht gleich vor der Tür stehen, tratschen sie. Leben im Dorf ist eine rund um die Uhr geöffnete kostenlose Peep-Show. Als ich das erste Mal mit einem Jungen knutschte, erzählten es noch am gleichen Tag drei Nachbarinnen meiner Mutter. Eine empfahl ein Gespräch mit dem Pastor. Und ich habe zwar tatsächlich meine Unschuld im Heu hinter den Kaninchenställen verloren, aber romantisch war das nicht. Die violette Fliegenfänger-Lampe flackerte und brutzelte.
Der Riesenrammler neben uns hatte wesentlich mehr Ahnung von seinem Job als mein damaliger Freund. Hinterher hatte ich Flohbisse am Hintern, und der Bereiter vom Gestüt nebenan, dem ein besonders inniges Verhältnis zu einem zotteligen Shetlandpony nachgesagt wurde, knallte von dem Moment an immer grinsend mit der Peitsche, wenn ich vorbeiging.
Landflucht, das Allheilmittel gegen landbedingten Sexentzug?

Deshalb war ich heilfroh, als ich endlich in die Großstadt umziehen konnte, um frei und unbeobachtet zu sein. Frauen küssen, ohne Höschen tanzen gehen, sich die Muschi fachkundig depilieren lassen, den One-Night-Stand in einer WG kommunardenartig auf die andern Mitbewohner ausdehnen, sich in der U-Bahn rückwärts an einem fremden Mann schubbern, im KitKat-Club Pärchen beim Ficken oder im Insomnia anderen Pärchen beim Peitschen zusehen - das geht auf dem Dorf alles nicht. Da ist höchstens die semiprofessionelle "Rubenshausfrau Rosi" im Nachbarkaff aktiv und praktiziert seit fünfzig Jahren Dienst am Nächsten in der bleich gekochten Biberbettwäsche.
Endlich also Berlin, die Stadt, in der junge Türken so viel Testosteron ausdünsten, dass ganze Elchherden brünstig werden würden, gäbe es in Berlin Elche (was ein Gewinn wäre, finde ich, vor allem in der Hasenheide: weniger Junkies und mehr Elche!), wo Bars so charmante Namen haben wie "Ficken 3000" und den Mittwochabend für das Hetero-Haschmich reservieren, wobei ich bezweifle, dass sich Frauen in diesen knösigen Keller verirren, es sei denn, sie sind auf der Suche nach einem Josef-Fritzl-Double für besonders perverse Sexphantasien.

Und während ich mich so erinnere, wie das damals war in der ländlichen Tristesse zwischen Mähdrescher und nachbarschaftlicher Dreckschleuder, da fällt mir dieser berühmte Pornofilmschnipsel ein, den mir geschätzte drei Dutzend Leute zugeschickt haben, in dem ein Typ mit einer Ledermaske in ein Haus kommt, wo ihm eine leicht bekleidete junge Frau öffnet und ihn durch eine Art Wirtschaftsraum mit einem Strohhaufen führt, hin zu einer Schalttafel. Dort leiert sie folgende improvisierte Zeilen herunter:
"Ja, das ist der Stromkasten, mit dem wir immer Probleme haben. Wenn Sie sich den mal angucken könnten."
"Ja gern, aber ... warum liegt hier überhaupt Stroh rum?"
"Und warum hast du ’ne Maske auf?"
"Dann blas’ mir doch einen."
Wo da der Sinn liegt? Ich habe nicht die geringste Ahnung, aber ich wette, genau diese Szene hat sich bei unserem Bauern nebenan abgespielt.
Wieso Erotik dringend gute Dialoge braucht und wie es eigentlich kam, dass ich mich eines Tages mit feuchtem Höschen auf dem Bett wiederfand und mir klar wurde, dass ich eine Verbalerotikerin bin, dazu mehr in der nächsten Folge.




